Die moralische Fäule der modernen Linken

Evelyn Gordon, 21. September 2015

Die israelische Journalistin Amira Hass hat mir endlich ein Mysterium erklärt, das mich lange verwirrte: Wie schafft es die Europäische Union ihre Politik im Nahen Osten mit dem Selbstverständnis als Held der Moral, Menschenrechte und des Mitgefühls zu in Einklang zu bringen? In einem kurzen Satz fasst sie geschickt die moralische Fäule im Herzen der modernen, multikulturellen Linken zusammen: „Wir werten Leid nicht.“

Das große europäische Mysterium ist die Tatsache, dass der syrische Konflikt auf Europas außenpolitischer Tagesordnung weit hinter dem palästinensisch-israelischen bleibt, obwohl die Krise in Syrien sowohl auf moralischem wie praktischen Gründen Vorrang verdient. In ihm wurden nicht nur in vier Jahren mehr als zehnmal so viele Menschen getötet als im palästinensisch-israelischen Konflikt in sieben Jahrzehnten, er flutet aktuell Europa mit Flüchtlingen und schafft, wie die deutsche Kanzlerin Angela Merkel vermerkte, eine noch größere Bedrohung der europäischen Einheit als die Euro-Krise. Diese Reihenfolge der Prioritäten kann auch nicht damit entschuldigt werden, dass man in Syrien westliche Hilflosigkeit ausruft: Experten, die ideologisch so unterschiedlich sind wie Max Boot von Commentary und Nicholas Kristof von der New York Times stimmen darin überein, dass Flugverbotszonen es den meisten Syrern ermöglichen könnte sicher in ihrem Heimatland zu bleiben. Auftritt Hass, eine Ha’aretz-Kolumnistin, Baby mit roten Windeln und Jüngern der linksextremen Theorie, die am besten für ihre radikal pro-palästinensischen/anti-israelischen Ansichten bekannt ist. Vor zwei Wochen veröffentlichte sie eine Kolumne, die den Holocaust und die palästinensische Nakba – ein Begriff, den sie nutzt, um damit zu sagen, dass alles, was Palästinenser wegen ihres Konflikts mit Israel in den letzten 70 Jahren erlitten haben, vergleicht und einander gegenüberstellt. Sie gibt gütig zu, dass sie nicht gleichwertig sind, unter anderem weil die Nazis Völkermord begingen, während Israel nichts dergleichen getan hat. Aber dann erklärt sie, warum diese Nichtgleichsetzung keine wirkliche Rolle spielt:

Niemand hat das Recht das Leiden von Völkern und menschlichen Wesen irgendwie zu vergleichen oder es zu quantifizieren, zu berechnen … Wir wollen nicht messen. Wir wollen Leiden nicht werten.

Das ist, in aller Kürze, die moralische Abdankung im Herzen der multikulturellen Linken von heute: In ihrem angeblich edlen Wunsch sicherzustellen, dass kein Leiden unbemerkt oder vernachlässigt wird, hat sie jeden Kern von Moral aufgegeben – die Fähigkeit Unterschiede zu machen, die dafür entscheidend ist moralische Entscheidungen zu treffen.

In einer idealen Welt würde alles Leiden gelindert. Aber in der realen Welt mit ihren begrenzten Ressourcen an Zeit, Energie und Geld, müssen Entscheidungen getroffen werden. Und es gibt keine moralische Möglichkeiten zu entscheiden, welche Gründe Priorität verdienen ohne genau das zu tun, was Hass für moralisch nicht vertretbar hält – Leiden zu bewerten. Im Wesentlichen verlangt das eine moralische Version von Selektierung: Leiden, das wir lindern können, verdient größere Aufmerksamkeit als Leiden, das mit dem wir das nicht tun können; Leiden, das stärker oder weiter verbreitet ist, verdient größerer Aufmerksamkeit als Leiden, das weniger stark oder verbreitet ist; das Leiden Unschuldiger verdient mehr Aufmerksamkeit als das Leiden der Schuldigen; und wenn diese drei Indikatoren nicht alle in dieselbe Richtung deuten, müssen sie auch gegeneinander abgewogen werden.

Auf dem elementarsten Niveau tun wir das instinktiv: Wenn zum Beispiel ein Polizist gleichzeitig einen versuchten Mord und einen versuchten Raub stattfinden sieht, würden wir von ihm erwarten sich auf die Verhinderung des Mordes statt die des Raub zu konzentrieren. Aber auf jeder Ebene, die komplexer als diese ist, kommt der Intellekt ins Spiel. Und die intellektuellen Prinzipien der modernen, multikulturellen Linken diktieren, dass „wir Leiden nicht werten“.

Aber wenn dem so ist, dann haben wir keine moralische Verpflichtung das größere Leid statt des weniger großen zu lindern, denn wir können nicht feststellen welches welches ist. Und so kann die Linke rechtfertigen, dass sie stattdessen auf ein Kriterium zurückgreift, dessen Unmoral offenkundig sein müsste, das aber den Vorzug hat leichter bestimmt werden zu können: nicht wie viel Leid verursacht wird, sondern wer es verursachte. Kein moralischer Mensch würde einen einzelnen Mord einzig aufgrund dessen, wer der Täter ist (sagen wir: ein Franzose oder ein Brite), für mehr oder weniger wichtig erachten. Aber es ist in Europa moralisch absolut vertretbar geworden Kriegstote abhängig davon als mehr oder weniger wichtig zu erachten, ob sie Israel (oder Amerika) zur Last gelegt werden können oder nicht.

Da wir Leiden nicht werten können, ist es absolut vernünftig, wenn Millionen Europäer gegen einen Krieg demonstrieren, in dem im letzten Sommer 2.000 Menschen im Gazastreifen getötet wurden, aber nicht gegen einen Krieg in Syrien, bei dem 250.000 getötet wurden. Da wir Leiden nicht werten können, ist es absolut vernünftig, dass die Stadtverwaltung von Reykjavik sich letzte Woche entschied Israel zu boykottieren, aber nicht Syrien oder seine russischen und iranischen Helfer. Da wir Leiden nicht werten können, ist es absolut vernünftig, dass die oberste außenpolitische Chefin der EU letzte Woche vor dem EU-Parlament sprach und die Internetseite ihres Büros den israelisch-palästinensischen Friedensprozess als ihren Top-Tagesordnungspunkt ankündigte, während der syrische Konflikt es nicht einmal auf die Liste schaffte. Und so geht es immer weiter.

In einem faszinierenden Artikel im Spectator beschrieb am letzten Wochenende der Linken-Veteran Nick Cohen „Warum ich die Linke endgültig aufgegeben habe“, angewidert von der moralischen Fäule, die Jeremy Corbin, dem neuen Parteichef der Labour Party verkörpert wird. Aber Linke wie Cohen können die Fäule in ihrem eigenen Lager nicht bekämpfen, ohne zu begreifen, warum sie eingesetzt hat – den fundamentalen Verzicht auf moralisches Kalkül, wie er von Hass so treffend zusammengefasst wurde. Als sehr anderer israelischer Linker hat Amos Oz im Juni vorherwissend gewarnt: „Jeder, der unterschiedliche Grade des Bösen nicht einstufen kann, dürfte als Diener des Bösen enden.“

Original zuerst veröffentlicht am 21.September 2015 in Commentary.

Gute Lehrer sind…

solche, bei denen die Schüler gar nicht merken, dass ihnen etwas beigebracht wird.

Sechs von zehn ist nicht schlecht, oder?

Eine Klasse apathischer Schülerinnen begreift den Irrtum des moralischen Relativismus

Rabbi Yonason Goldon, Jewish World Review, 6. November 2008

Lehrer können mit ihrer ersten Stelle nicht wählerisch sein. Und so landeten meine Frau und ich im ungarischen Budapest.

Natürlich kamen wir mit zahllosen Geschichten und Anekdoten zurück, von denen viele amüsant, erstaunlich oder buchstäblich unglaublich sind, wenn man sie anderen erzählt. Trotzdem sticht aus einem Jahr, das angefüllt war mit Kulturschock, Frust, Hochstimmung, inspirierenden Erfolgen und die Seele zerreißenden Fehlschlägen eine 40-minütige Unterrichtsstunde stark aus dem Rest hervor.

Es handelte sich noch nicht einmal um meine Klasse. Ich vertrat eine Frau und übernahm eine Klasse, über die sie sich seit dem ersten Schultag beschwerte: ein Dutzend Zehntklässlerinnen, von denen jede einzelne dem Judentum, Bildung und dem Leben überhaupt nicht nur gleichgültig, sondern offen feindselig gegenüber stand. Darüber hinaus sprachen sie fast kein Englisch und hatten wenig Interesse am Lernen.

Ich betrat das Klassenzimmer zu einem allgemeinen Gesichtsverziehen. Ganz links saß Dora, die einzige der Truppe, die passables Englisch sprach. Ihr Freund, sagte sie, machte eine Ausbildung zum Rabbi. Dora wusste alles.

Mitten in der Klasse saß Andrea: frech, arrogant, kokett, die ihre Einstellung zum Triefen ausstrahlte. Ihr Blick warnte mich, ich solle sie nur ja nichts lehren wollen.

Ich warf einen Blick in den Halbkreis verlorener Seelen und fragte mich, welche Chancen ich wohl hätte ihnen irgendetwas zu vermitteln. Aber ich hatte meinen Angriff bereits geplant. Ich drehte mich ohne ein Wort gesagt zu haben um und schrieb auf die Tafel: „Stehlen ist in Ordnung, so lange niemand dabei verletzt wird.“

Es dauerte etwa fünf Minuten, bis jede im Raum verstand, was ich geschrieben hatte. Nachdem die Sprachbarriere schließlich gebrochen war, fragte ich die Klasse: „Stimmt ihr dieser Äußerung zu oder nicht?“

Ich war nicht sicher, was ich erwarten sollte. Überraschenderweise war es Andrea, die die Führung übernahm. „Nein“, sagte sie voller Überzeugung. „Es ist falsch.“
„Warum?“, fragte ich.
Ihre Antwort überraschte und erfreute mich: „Es steht in den Zehn Geboten.“
“Oh“, sagte ich mit großen Augen. „Du glaubst an die Zehn Gebote?“
“Natürlich“, sagte sich ohne zu zögern.
An alle?“, fragte ich.
Diesmal zögerte sie. „Nein“, sagte sie schließlich. „Nicht an alle.“
“An welche glaubt ihr?“

Es stellte sich heraus, dass die Klasse nur zwei der zehn nennen konnte, also schrieb ich die Liste auf die Tafel. „Okay“, sagte ich den Mädchen, die trotz ihrer Haltung jetzt engagiert dabei waren. „Welchen stimmt ihr zu?“

Nach einigem Hin und Her kam die Klasse zu einem Konsens von sechsen der zehn: die Verbote der Götzenanbetung, des Mordes, Diebstahls, Ehebruchs, falsches Zeugnis zu reden und dem Gebot seine Eltern zu ehren. Ich machte große Haken links von jedem, das sie auswählten.

„Mit diesen sechsen seid ihr einverstanden?“, fragte ich und alle nickten. „Die seid ihr bereit einzuhalten?“ Sie nickten wieder. „Und die anderen?“, fragte ich. Jede schüttelte mit gleicher Gewissheit den Kopf.

„Nun denn“, sagte ich und drehte mich zur Tafel um. „Wenn ihr diese sechs aussucht, dann werde ich mir diese sechs aussuchen.“ Ohne jeden Sinn hakte ich rechts neben den Geboten eine andere Auswahl von sechsen ab. „Das sind die Gebote, die ich einzuhalten bereit bin.“

Genauso gut hätte ich eine Bombe zünden können. Fast jedes Mädchen im Raum begann zu schreien, als hätte ich die schlimmste Form der Ketzerei begangen.

„Was regt ihr euch so auf?“, fragte ich so unschuldig wie möglich. „Ihr habt sechs ausgesucht, die ihr einhalten wollt. Warum kann ich nicht sechs aussuchen, die ich befolgen will?“

Wieder war es Andrea, die protestierte. „Aber Sie sind ein Rabbi!“

„Das verstehe ich nicht“, antwortete ich. „Müssen nur Rabbiner die Zehn Gebote einhalten?“

Sie wirkte einen Augenblick lang verwirrt, dann gewann sie wieder die Fassung. „Ja“, sagte sie überzeugt.

„Warum?“

Diesmal blieb der verwirrte Ausdruck länger, bevor sie die Taktik wechselte. „Aber sehen Sie, welche in Ihrer Liste fehlen. Was ist mit dem Sabbath? Was ist mit Mord?“ Sie wurde recht emotional und mit ihr der Rest der Klasse.

„Ihr habt eure sechs ausgesucht“, sagte ich ruhig. „Ich suche mir meine sechs aus.“

So ging es ein paar Mal hin und her; die Mädchen bestanden darauf, dass sie mit ihre sechs Gebote völlig zu recht ausgewählt hätten, während meine Wahl von sechs Geboten irgendwie ein Verrat an allem war, das heilig ist. Sie schienen es persönlich zu nehmen, dass ich es ablehnte alle zehn Gebote anzuerkennen und sie regten sich immer mehr auf, als ich freundlich lächelte und immer wiederholte, dass, wenn sie das Recht auf hätten auszusuchen, welche Gebote sie einhielten, ich ebenfalls das Recht hätte mir meine auszusuchen.

„Wie ist denn jetzt die Antwort?“, forderte Dora schließlich.

„Was war denn die Frage?“, fragte ich höflich. Sie sah mich an, als würde sie gleich explodieren. Als das Mädchen neben ihr buchstäblich die Fingernägeln in den Tisch bohrte, gab ich schließlich ein wenig nach. „Ihr seid frei euch eure eigenen Regeln zu machen“, erklärte ich. „Aber wenn ihr das macht, dann habt ihr nicht das Recht mit einem anderen zu streiten, dessen Regeln zu euren in Widerspruch stehen.“

Es klingelte. „Danke, meine Damen“, sagte ich. „Es war ein Vergnügen euch etwas beizubringen.“

„Moment mal!“, schrie Dora. „Sie haben uns gar nichts beigebracht.“

Ich lächelte beim Rausgehen. Natürlich hatte ich ihnen etwas beigebracht. Ich hatte ihnen ihre erste Lektion über den Irrtum des moralischen Relativismus gegeben, wenn auch der Begriff noch nicht populär geworden war. Wäre es zu viel verlangt zu hoffen, dass eine von ihnen vielleicht eines Tages schätzen würde, was ich sie gelehrt hatte?