Die Auswirkungen des Holocaust in den Gesellschaften der Nachkriegszeit

ManfredGerstenfeldManfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Der Holocaust hat in vielen Bereichen der westlichen Nachkriegsgesellschaften wichtige Auswirkungen. Der Internationale Holocaust-Gedenktag am vergangenen Freitag ist eine angemessene Gelegenheit dieses Thema zu bewerten.

Ein wichtiger Grund dafür, dass das Ausmaß dieser Post-Holocaust-Auswirkungen weitgehend verborgen ist, besteht darin, dass sie vom Holocaust selbst überschattet sind. Dessen Geschichte ist blutgetränkt, industrieller Massenmord, völkermörderische Killer mit vielen Nationalitäten und Millionen Opfer. Vor diesem extrem gewalttätigen und tragischen Hintergrund erregt der fächerübergreifende Post-Holocaust-Einfluss mit seinen schwer zu resümierenden, zahlreichen Facetten weit weniger Aufmerksamkeit. Die vielen Themen und Bereiche der Post-Holocaust-Auswirkungen rechtfertigen allerdings Betrachtung und Fokus.

Obwohl vom Holocaust dominiert, wird an vielen isolierten Themen der Post-Holocaust-Studien geforscht. Eine riesige Zahl einzelner Bücher und Studien sind zu Aspekten des Einflusses des Holocaust auf Nachkriegsgesellschaften veröffentlicht worden. Es gibt auch weitere beträchtliche Auswirkungen im Post-Holocaust-Bereich. Die Universale Erklärung der Menschenrechte ist ein direktes Ergebnis des Holocaust,[1] ebenso die Völkermord-Konvention der Vereinten Nationen.[2]

Eine wichtige Auswirkung des Holocaust ist die Veränderung in den Einstellungen der religiösen Welt. Seit dem Zweiten Weltkrieg veränderte die römisch-katholische Kirche radikal ihre Haltung den Juden gegenüber. 1965 stellte eine Erklärung von Papst Paul VI., Nostra Aetate, die Veränderung in der theologischen Haltung der Kirche gegenüber den Juden;[3] sie lässt sich als „in unserer Zeit“ übersetzen. Verschiedene Päpste haben sich in den letzten 50 Jahren ganz anders zu Juden geäußert als ihre Vorgänger vor dem Krieg es taten. Gleichermaßen haben sich eine Reihe protestantischer Kirchen für ihre Haltung gegenüber den Juden vor und während des Krieges entschuldigt.[4]

Der Holocaust hat viele ethische Fragen aufgeworfen. Zum Beispiel die Ethik des Gehorsams. Viele Nazi-Verbrecher behaupteten, dass sie nur Befehle befolgten.[5] Das hat fundamentale Fragen aufgeworfen, was Menschen bereit macht verbrecherische Befehle ihrer Vorgesetzten auszuführen und in welchem Maß dies in der Zukunft verhindert werden kann.

Die vielen traumatischen Erfahrungen von Holocaust-Überlebenden haben zu Fortschritten in psycho-sozialer Behandlung geführt, auch bei Traumata, die nicht dem Holocaust entstammen. Epigenetiker studieren heute, ob die Holocaust-Traumata manchmal genetisch an die nächste Generation weitergegeben wurden.[6]

Es gibt eine Vielzahl weitere die Überlebenden betreffenden Themen. Dazu gehört ihr Beitrag zur jüdischen Welt sowie zu Gesellschaften im Allgemeinen.

Entschädigung und wie sie gehandhabt wurde kann als Prisma der mannigfaltigen Einstellungen von Ländern betrachtet werden, die von Deutschland besetzt waren. Eine Studie von Sidney Zabludoff zeigt, dass nur 20% der den Juden vor und während des Zweiten Weltkriegs gestohlenen Vermögenswerte zurückgegeben wurden.[7] Darüber hinaus kann es kaum eine wichtige Entschädigungsdebatte ohne Bezugnahme auf Schuld geben. Man mag sich fragen, warum manche von den Deutschen besetzte Staaten erst während der letzten Jahrzehnte breit waren sich für ihr Verhalten gegenüber den Juden während des Krieges zu entschuldigen. Andere, wie Frankreich, haben sich in ihren Bemühungen darauf beschränkt ihre Vergangenheit der Kriegszeit wahrheitsgemäß zu beschreiben. Unter den westeuropäischen Staaten stechen einzig die Niederlande als das eine Land heraus, das sich beständig geweigert hat jegliche Schuld zuzugeben.[8]

Dem zu gedenken, was während des Zweiten Weltkriegs geschah, ist auch ein wichtiger Aspekt des Post-Holocaust. Viele der ursprünglichen Denkmäler und Mahnmale für jüdische Opfer befanden sich ursprünglich in Synagogen, jüdischen Zentren oder auf Friedhöfen. Erst Jahrzehnte später fanden sie zunehmend ihren Platz im öffentlichen Bereich. Viele Holocaust-Museen sind erst in den letzten Jahrzehnten eröffnet worden. Zudem hat es Bücher zum Entwurf und der Architektur von Holocaust-Mahnmalen und –Museen gegeben. Ein bemerkenswerter Punkt ist, dass in der kommunistischen Welt keine Differenzierung von jüdischen und nichtjüdischen Opfern erlaubt war. Ebenfalls in Verbindung mit der Erinnerung stehen die verbleibenden Gebäude der Lager selbst. Im Vernichtungslager Sobibor grabende Archäologen haben die Gaskammern zutage gefördert.[9]

Die Philosophie ist eine weitere vom Post-Holocaust beeinflusste Disziplin. Ist „Nie wieder“ zu einer leeren Parole geworden? Der führende Holocaust-Philosoph Emil Fackenheim hat gesagt, neben den klassischen 613 Geboten des jüdischen Gesetzes gibt es ein 614. – die Pflicht der Juden zu überleben.[10] Dennoch macht der Philosoph Shmuel Trigano geltend, dass die Art, wie in Frankreich an den Holocaust erinnert wird, zu einer strukturellen Verfälschung der Identität der Juden führt.[11] Und wie kommt es, dass die Erwähnung des Holocaust, statt abzuklingen, in den letzten Jahren in der öffentlichen Debatte zugenommen hat?

Die Verzerrung des Holocaust ist in der Nachkriegsgesellschaft ein wichtiges Thema geworden. Oft liegt der Fokus der Diskussionen auf Holocaustleugnung. Weit wichtiger ist die Umkehrung des Holocaust – Israel mit dem Nazistaat gleichzusetzen. Mindestens 150 Millionen Bürger der Europäischen Union stimmen der absurden Behauptung zu, dass Israel einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führt.[12]

Viele Romane haben sich auf Geschichten in Verbindung mit dem Holocaust konzentriert. Das bekannteste Gedicht zum Holocaust ist vermutlich Paul Celans „Die Todesfuge“ mit ihrem eindringlichen Satz „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“.[13] Es gibt zudem literarische Analysen von Holocaust-Romanen.

All dies ist nur ein kleiner Ausschnitt eines Feldes, für das es keine Übersicht gibt. Erst wenn eine Reihe von Universitäten anfängt Post-Holocaust-Studien in ihrer Gesamtheit systematisch zu betrachten, werden wir wichtige zusätzliche Werkzeuge bekommen, mit denen wir einige zeitgenössische Entwicklungen in einer zunehmend chaotischen Welt verstehen werden.

[1] http://www.un.org/en/universal-declaration-human-rights/

[2] http://www.ushmm.org/confront-genocide/justice-and-accountability/introduction-to-the-definition-of-genocide

[3] http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_decl_19651028_nostra-aetate_en.html

[4] Hans Jansen: Christelijke theologie na Auschwitz. Den Haag, Boekencentrum, 1985).

[5] http://www.pbs.org/newshour/rundown/how-the-nazis-defense-of-just-following-orders-plays-out-in-the-mind/

[6] http://www.theguardian.com/science/2015/aug/21/study-of-holocaust-survivors-finds-trauma-passed-on-to-childrens-genes

[7] http://jcpa.org/article/restitution-of-holocaust-era-assets-promises-and-reality/

[8] http://www.wsj.com/articles/its-time-for-the-netherlands-to-apologize-1438196083

[9] http://www.spiegel.de/international/zeitgeist/the-archeological-excavations-that-led-to-the-gas-chambers-of-sobibor-a-993733.html

[10] http://www.theguardian.com/news/2003/oct/10/guardianobituaries

[11] Shmuel Trigano: Les Frontières d’Auschwitz. Paris (Librairie General Française) 2005

[12] library.fes.de/pdf-files/do/07908-20110311.pdf.

[13] http://www.celan-projekt.de/todesfuge-englisch.html

Die Niederlande: Ein Land lehnt es ab seine Schuld gegenüber den Juden zuzugeben

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Der 4. Mai ist in den Niederlanden der nationale Gedenktag. Ursprünglich war es ein Erinnerungstag an die während der deutschen Besatzung Ermordeten und Gefallenen. In den letzten Jahren ist dieses Thema des Gedenkens der Toten zum Teil verwässert und seiner Bedeutung beraubt worden. Bei mehreren lokalen Gedenktreffen wurden Juden nicht gesondert erwähnt, selbst wenn sie die Mehrheit der örtlichen Opfer stellten.

Zum nationalen Gedenken in Amsterdam 2012 wurde von den Organisatoren ein 15-jähriger Junge eingeladen, um ein Gedicht zur Erinnerung an seinen Verwandten vorzutragen, nach dem er genannt wurde und der der Waffen-SS beigetreten war. Diese Einladung wurde schließlich mit viel Mühe gestrichen.2 Mehrere niederländische Städte gedachten am 4. Mai auch gefallen deutschen Soldaten. Nachdem das Dorf Geffen die Namen seiner ermordeten Juden zusammen mit denen gefallener Deutscher auf seinem Kriegsdenkmal einmeißeln wollte, protestierten die Verwandten der Juden. Es wurde dann entschieden, gar keine Namen auf das Denkmal zu setzen.3

Man muss das oben Erwähnte auch in Bezug zur beständigen niederländischen Ablehnung sehen, das Desinteresse der niederländischen Kriegsregierung und von Königin Wilhelmina im Exil in London am Schicksal der niederländischen Juden zuzugeben. Dasselbe gilt für die massive Kollaboration der niederländischen Bürokratie mit den Deutschen in den besetzten Niederlanden.

So sehr die Niederländer es aber zu vermeiden versuchen, ist dieses Verhalten nicht vergessen. Im Februar diesen Jahres schrieb Rabbi Abraham Cooper, Associated Dean des Simon Wiesenthal Center in Los Angeles, einen Brief an den stellvertretenden Premierminister der Niederlande, Lodewijk Asscher. Der Text konzentrierte sich auf dessen Anfrage, die niederländische Regierung möge untersuchen, was fast 39% der derzeitigen Erwachsenenbevölkerung der Niederlande dazu bringt die riesige Lüge zu akzeptieren, dass Israel einen Ausrottungskrieg gegen die Palästinenser führt.

Rabbi Cooper schrieb außerdem, dass ihm zur Kenntnis gebracht wurde, „dass die Niederlande weder die Fahrlässigkeit ihrer Regierung im Zweiten Weltkrieg und die Kollaboration der Bürokratie mit den deutschen Besatzern zugegeben hat, noch sich irgendwie entschuldigte. Ich glaube, die Niederlande sind das einzige während des Krieges besetzte Land, wo dies der Fall ist“.4 In seiner Antwort an den Rabbiner ignorierte Minister Asscher das Thema völlig.5

Zum bisher letzten Mal bekam dieses Thema große Aufmerksamkeit in der niederländischen öffentlichen Meinung, als 2012 die Zeitung De Pers ihm einen Artikel auf der Titelseite widmete.6 Dieser fußte auf zwei Interviews aus dem Anhang meines Buchs Judging the Netherlands: The Renewed Holocaust Restitution Process 1997-2000.7 Zwei ehemalige stellvertretende Premierminister der Niederlande, Els Borst (der Anfang diesen Jahres ermordet wurde) und Gerrit Zalm, erklärten, dass sie es öffentlich unterstützen würden, wenn die Regierung sich bei der jüdischen Gemeinschaft entschuldigte.

Am selben Tag stellten die Parlamentarier Geert Wilders und Raymond de Roon dem niederländischen Premierminister Mark Rütte Fragen. Sie fragen ihn, warum die Niederlande sich bei der jüdischen Gemeinschaft nicht für das Fehlverhalten gegenüber den Juden während des Holocaust entschuldigen. Danach veröffentlichte die Associated Press zwei Artikel zum Thema, die von hunderten Medien überall in der Welt aufgegriffen wurden.8

Rutte kam mit einer völlig irrelevanten Antwort davon. Er verwies auf eine Erklärung der niederländischen Regierung aus dem Jahr 2000.9 Die der jüdischen Gemeinschaft damals angebotene Entschuldigung hatte keinen Bezug zur Kriegszeit, sondern bezog sich auf den formalistischen, bürokratischen und herzlosen Rückerstattungsprozess nach dem Krieg. Selbst diese Entschuldigung bestand nur aus Halbwahrheiten, da darin behauptet wurde diese inakzeptable Haltung sei nicht vorsätzlich gewesen. Es gab allerdings viele dokumentierte Fälle, in denen niederländische Politik gegenüber den Juden durchaus gewollt war. Damals war bereits bekannt, dass der Nachkriegs-Finanzminister den Interessen der Börsenmakler, die stark mit den deutschen Besatzern kollaboriert hatten, den Vorzug vor den ursprünglichen jüdischen Eigentümern gestohlener Wertpapiere gab.

Seit damals ist eine Vielzahl weiterer gewollter Beispiele von Nachkriegs-Verfehlungen gegenüber den Juden bekannt geworden. Der neueste ist, dass die Stadtverwaltung von Amsterdam Juden wegen Nichtbezahlung ihrer während des Zweiten Weltkriegs aufgelaufenen Langzeitpacht-Zahlungsverpflichtungen mahnte und bestrafte. Ihre Häuser waren zur Nutzung durch Deutsche und durch niederländische Nazi-Kollaborateure zwangsenteignet worden. Vor ein paar Jahren war bereits bekannt geworden, dass jüdische Überlebende in Amsterdam gezwungen worden waren, die für ihre enteigneten Häuser entstandenen Gas- und Stromrechnungen zu bezahlen, nachdem sie aus deutschen Lagern oder ihren Verstecken zurückkehrten.10

Vor kurzem machte der Kunsthistoriker Professor Rudi Ekkart ein weiteres Beispiel bewusster Diskriminierung durch niederländische Behörden nach dem Krieg öffentlich. Zu Beginn dieses Jahrhunderts leitete er eine Regierungskommission, die die Rückgabe gestohlener Kunstwerke untersuchte, die von den amerikanischen Besatzungsbehörden in Deutschland zurückgegeben worden waren. Er sagte, dass das Finanzministerium so viel von der Kunst wie möglich zugunsten der niederländischen Staatskasse verkaufen wollte. Ihnen stellten sich Museumsdirektoren und das Ministerium für Bildung, Kunst und Wissenschaft entgegen, die dies als „guten Grund eine bessere nationale Kunstsammlung aufzubauen“ ansahen. Ekkard fügte hinzu: „Die Stimmen derer, die Anspruch darauf hatten – ehemalige Eigentümer und ihre Erben – wurden nicht gehört.“11

Können all diese Missstände mit dem niederländischen Nationalcharakter erklärt werden? Das wäre ein zu weit gehender Schluss. 2005 entschuldigte sich der damalige Präsident der Niederländischen Eisenbahn, Aad Veenman, bei der niederländischen jüdischen Gemeinde wegen der Kollaboration seiner Firma mit den Deutschen beim Transport von Juden auf der ersten Etappe in ihren Tod.12 Die Eisenbahn organisierte eine große Öffentlichkeitskampagne, die ausführlich beschrieb, was während des Krieges geschah.13 Es war ein – auch nach internationalen Standards – sehr gutes Beispiel dafür, wie man mit einer problematischen Vergangenheit umgehen kann.

Die niederländische Regierung kann weiter das Fehlverhalten ihrer Vorgänger während des Zweiten Weltkriegs ignorieren. Sie würde aber einem Irrtum unterliegen, wenn sie glaubte, dass Schuld nicht einzugestehen und sich nicht zu entschuldigen bald vergessen werden würde.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

 

1 Manfred Gerstenfeld: Het Verval, Joden in een Stuur loos Nederland. Amsterdam (Van Praag) 2010, S. 56-57 [Niederländisch].
2 Comité 4 en 5 mei trekt omstreden gedicht terug. Het Parool, 26. April 2012 [Niederländisch].
3 Arne Hankel: Toch geen Duitse namen op oorlogsmonument Maasdonk. Elsevier, 18. Oktober 2012 [Niederländisch].
4 Brief von Rabbi Abraham Cooper an den stellvertretenden Premierminister Lodewijk Asscher, 6. Februar 2014.
5 Brief von Minister Lodewijk Asscher an das Simon Wiesenthal Center, 19. Februar 2014.
6 Dirk Jacob Nieuwboer: Excuses voor wegkijken. De Pers, 3. Januar 2012 [Niederländisch].
7 Manfred Gerstenfeld: Judging the Netherlands: The Renewed Holocaust Restitution Process, 1997-2000. Jerusalem (Jersusalem Center for Public Affairs) 2011.
8 Associated Press: Lawmaker urges Dutch to apologize for WWII Jewish-deporations. FoxNews, 4. Januar 2012.
9 Beantwoording kamervragen over de houding van de Nederlandse regering ten tijde van de Holocaust, rijksoverheid.nl.
10 Gemeente eiste erfpacht op van teruggekkeerde Joden. Parool, 30. März 2013 [Niederländisch].
11 Manfred Gerstenfeld, Interview mit Rudi Ekkart: Naoorlogs Rechtsherstel van Kunstvoorwerpen: onduidelijk, verkeerd en hardvochtig. Aleh, April 2014 [Niederländisch].
12 Toespraak Aad Veenman, Präsident-Direkteur NS, Bahnhof Muiderpoort, 29. September 2005 [Niederländisch].
13 Manfred Gerstenfeld: Apologies for Holocaust Behavior and Refusal to do so: The Dutch case in an international context. In: Jewish Political Studies Review, Band 18, Nr. 3 und 4, Herbst 2006. Jerusalem (Jerusalem Center for Public Affairs) 2006, S. 31-49.

S. ergänzend auch: Niederlande: Entschuldigung nicht erwünscht!

Achtzig Prozent der gestohlenen Holocaust-Vermögenswerte wurde nie zurückgegeben

Manfred Gerstenfeld interviewt Sidney Zabludoff (direkt vom Autor)

Fortschritte bei der Rückerstattung gestohlenen jüdischen Vermögenswerte nach dem Krieg erfolgten extrem langsam und dauerten bis in die frühen 1970-er Jahre. In dieser Zeit verschob sich der Schwerpunkt von der Rückgabe von Eigentum in besetzten Ländern zu Druck auf ein wirtschaftlich relativ gesundes Deutschland, damit es mehr für die von den Nazis durchgeführten Plünderungen zahlte. Höchstens 15 Prozent der von 1934 bis 1945 beschlagnahmten jüdischen Vermögenswerte wurden in der ersten Runde der Rückerstattungen an frühere Eigentümer, ihre Erben und jüdische Organisationen, die erbenlose Anspruchsteller repräsentierten, zurückgegeben.

Ein weithin veröffentlichter Rückgabeversuch wurde nach Mitte der 1990-er Jahre unternommen. Mehrere internationale Konferenzen versuchten sich um die unbezahlten Verpflichtungen zu kümmern, es wurde aber wenig erreicht. Den letzten Versuch gab es 2009 in Prag. Obwohl Delegierte herzzerreißende Reden hielten und Rückgabe forderten, wurde kein effektives Mittel eingeführt, um die gestohlenen Vermögenswerte zurückzugeben oder zu vergüten.

Sidney Zabludoff ist ein Ökonom, der dreißig Jahre für das Weiße Haus, die CIA und das Finanzministerium gearbeitet hat. Nach seiner Pensionierung 1995 konzentrierte er sich hauptsächlich auf Fragen, die mit der Rückgabe während der Zeit des Holocaust gestohlenen jüdischen Vermögens zu tun haben.

Die umfangreichsten Vereinbarungen der zweiten Runde waren Zahlungen für inaktive Schweizer Bankkonten und an die 2.100 Juden, die vor dem Holocaust in Norwegen lebten. Beide Fällen repräsentierten einen kleinen Teil des gesamten gestohlenen jüdischen Vermögens. Gleichzeitig hatten die weithin öffentlich gemachten Bemühungen Lebensversicherungsansprüche der Internationalen Kommission für Ansprüche aus der Zeit des Holocaust (ICHEIC) zurückzuzahlen lediglich rund 3 Prozent Rückzahlungen zur Folge.

Am Ende wurden bis Mitte der 1990-er Jahre weniger als 5 Prozent der jüdischen Holocaust-Vermögenswerte zurückgegeben. Damit bleiben mehr als 80 Prozent des Wertes jüdischer Aktiva, die von den Nazis und ihren Kollaborateuren gestohlen wurden, ungezahlt. Das beläuft sich auf mindestens $180 Milliarden nach Wert von 2013.

Am meisten wissen wir über die Entwicklungen in Deutschland. Bis 1954 war die Rückgabe unter den Gesetzen der Alliierten im Wesentlichen abgeschlossen. Ein beträchtlicher Teil der Zahlungen danach bis 1997 erfolgte unter dem BRÜG-Gesetz von 1957, das die Entschädigung für von den Nazis gestohlenes bewegliches Eigentum regelte, das der Anspruchsberechtigte identifizieren, aber nicht länger lokalisieren konnte. Dazu gehörten hauptsächlich Haushaltsgegenstände, Bankkonten, Schmuck und Wertpapiere. Sie wurden fast 750.000 Anspruchsberechtigten ausgezahlt, denen Vermögenswerte in ganz Europa gehörten.

Etwa ein Viertel der Entschädigungszahlungen infolge dieses Gesetzes wurde an Juden gezahlt, die in den späten 1930-er Jahren in Deutschland lebten. Ein unbekannter, aber beträchtlicher Anteil der Zahlungen – vielleicht ein Viertel – ging an Juden, die außerhalb von Deutschland lebten und während der 1930-er Jahre aus Deutschland entkamen. Eine weitere Hälfte wurde an Juden in besetzten Ländern Europas gezahlt.

Alle in allem wurden nicht mehr als rund 12 Prozent der in Deutschland beschlagnahmten jüdischen Vermögenswerte von vor dem Krieg zurückgegeben. Die Zahl ist infolge der Entwertung der deutschen Währung nach dem Krieg so niedrig. Für Österreich wurde etwa ein Drittel des geplünderten Gesamtwerts zurückgegeben, während es für den Rest der westeuropäischen Länder zwischen 40% und 60% waren. In Osteuropa scheint es unwahrscheinlich, dass mehr als 5 Prozent des jüdischen Eigentums zurückgegeben wurde.

Der niedrige Gesamtanteil erstatteter jüdische Holocaust-Vermögenswerte kann zwei wichtigen Aspekten zugeschrieben werden. In Deutschland – auf das rund 25% der gestohlenen jüdischen Werte entfiel – gab es wegen Währungsreformen niedrige Wertfestsetzungen. In Osteuropa – das rund 60% der beschlagnahmten jüdischen Eigentums hatte – gab es eine lange Zeit kommunistischer Herrschaft.

Im Rückblick auf den gesamten Rückerstattungsprozess merkt Zabludoff an: Die Haager Konvention zu internationaler Kriegsführung von 1907 war ein Meilenstein, der festlegte, dass Privateigentum nicht beschlagnahmt werden kann, Plünderung verboten ist und dass religiöse, Wohlfahrts- und Bildungsinstitutionen, die Künste und Wissenschaften als Privateigentum behandelt werden müssen.

Bald nach dem Wiedergewinn ihrer Unabhängigkeit setzten alle besetzten Länder Rückerstattungsverordnungen in Kraft. Die Alliierten kamen bei der Pariser Konferenz von 1945 überein, dass der Nazikrieg gegen die Juden diese zu einer für Entschädigung berechtigte besondere Gruppe machte. Als solche hatten individuelle Juden das Recht von Deutschland Zahlungen für verlorenes Eigentum und andere Schäden fordern.

Holocaust-Rückerstattung blieb nach dem Zweiten Weltkrieg wegen nationaler Interessen von geringer Priorität. Zusätzlich wurde sie höchst kompliziert, da so viele Juden und ihre Erben tot waren. Man könnte das schlechte Ergebnis während beider Zeiten der Rückerstattung damit zusammenfassen, dass man sagt, es war ein Versäumnis eine einzigartige, umfassende und angemessene Anstrengung zu unternehmen, mit einem in den Annalen der modernen Geschichte beispiellosen Ereignis umzugehen – der Auslöschung von mehr als zwei Drittel der Juden des europäischen Kontinents und der Beschlagnahme fast all ihrer Vermögenswerte.

Die Notwendigkeit einzigartiger Lösungen wurde von Nahum Goldmann, dem Vorsitzenden des World Jewish Congress, bei seinem ersten Treffen mit Kanzler Konrad Adenauer betont; eine breite Regelung zu Rückerstattung sollte vorgeschlagen werden. Er erklärte: „Ich weiß, dass ich etwas Ungewöhnliches verlangte. Aber das war ein einzigartiger Fall… Ich kann von Ihnen erwarten, dass sie herkömmliche Regularien außer Kraft setzen.“

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

Die Wiederaufnahme der Frage der gestohlenen Holocaust-Vermögen am Ende des Jahrhunderts

Manfred Gerstenfeld interviewt Avi Beker (direkt vom Autor)

Im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts kam die Frage der Rückerstattung der während des Holocaust gestohlenen jüdischen Vermögen wieder auf. Diese späte Wiederbelebung des Interesses ist vermutlich das Ergebnis des Zusammenbruchs des Kommunismus und der Beseitigung der sowjetischen Bedrohung sowie des Aufkommens einer neuen und nicht beteiligten Generation in Europa, die begann Fragen zum nationalen Verhalten in der Vergangenheit zu stellen. Das Ende des Kalten Krieges führte zu einem Ausbruch von Emotionen und Bloßstellung der europäischen Holocaust-Erinnerung sowie unterdrückter Schuldgefühle. Dies ermöglichte einen öffentlichen Diskurs, der vorher oft durch Selbstzensur nicht stattfand.

Darüber hinaus halfen das gemeinschaftliche Selbstbewusstsein des organisierten Judentums sich für historische Gerechtigkeit einzusetzen und die wachsende Bereitschaft von Holocaust-Überlebenden ihre Rechte einzufordern, in die europäischen Erinnerung einzudringen und lange bestehende nationale Mythen kritisch zu hinterfragen.
Dr. Avi Beker ist ehemaliger Generalsekretär des World Jewish Congress. Er nahm an Verhandlungen mit mehreren europäischen Regierungen zur Rückerstattung von Holocaust-Eigentum teil. Er gab The Plunder of Jewish Property during the Holocaust (die Plünderung jüdischen Eigentums während des Holocaust) heraus. Derzeit lehrt er internationale Diplomatie an der Universität Tel Aviv.

Die ersten diplomatischen Bemühungen konzentrierten sich auf osteuropäische Länder, die erpicht darauf waren sich der westlichen Welt anzuschließen. Der wirkliche Durchbruch bei Verhandlungen und endgültigen Regelungen erfolgte aber in Westeuropa. In Österreich, Frankreich, den Niederlanden und der Schweiz begann man langsam nationalen Kriegserinnerungen die Stirn zu bieten, wobei die Diskussionen sich auch auf Holocaust-Vermögen verschoben. 1996 ernannte die norwegische Regierung den ersten Ermittlungsausschuss zu Holocaust-Rückerstattung; im selben Jahr veröffentlichte sie als erste Empfehlungen zu einem Kompensationspaket.

Der World Jewish Congress (WJC) initiierte die jüdische diplomatische Offensive zu Holocaust-Vermögen nach dem Fall des Kommunismus. 1992 führte er die Bemühungen zur Gründung der World Jewish Restistution Organization (WJRO). Zu deren Mitgliedern gehörten große amerikanisch-jüdische Organisationen, europäische jüdische Gemeinden und die World Zionist Organization. Der WJC war verantwortlich für die Koordinierung der Kampagne zu Holocaust-Vermögen mit europäischen jüdischen Gemeinden in Europa und der Durchführung von Verhandlungen mit Regierungen. 1992 unterzeichneten der WJC, die WJRO und die israelische Regierung außerdem ein Memorandum, das die Rolle Israels als „natürlichen Erben des jüdischen gemeinschaftlichen und erbelosen Eigentums zusammen mit der jüdischen Welt“ anerkannte.

Der erneuerte Rückerstattungsprozess wurde in Europa, den Vereinigten Staaten und andernorts stark publiziert. Der US-Kongress und die Administration setzten ausländische Regierungen und Finanzinstitutionen wie Banken und Versicherungsgesellschaften unter Druck. Der Rückerstattungsprozess führte zwischen 1996 und 2000 auch zur Gründung von etwa fünfzig nationalen Untersuchungsausschüssen. In einigen Ländern gab es mehrere Ausschüsse, die sich mit unterschiedlichen Aspekten der Rückerstattung beschäftigten. Sie untersuchten, wie Länder sich während des Krieges verhielten und wie nach der Befreiung mit gestohlenem Eigentum umgegangen wurde. Die Erkenntnisse der Ausschüsse wurden in den betreffenden Ländern wie auch den internationalen Medien stark publiziert.

Experten wie Sidney Zabludoff schätzten das jüdische Vorkriegseigentum in Europa auf 10 bis 15 Milliarden US-Dollar zum Nennwert von 1938. Weniger als 20 Prozent davon wurde zurückerstattet. Ab Mitte der 1990-er Jahre beliefen sich Vergleiche mit Ländern und Finanzinstitutionen auf rund $4 Milliarden an Zusagen für eine Vielzahl von Zielen – humanitäre Mittel für bedürftige Überlebende, jüdische Gemeinden und kulturelle Erinnerungsprojekte sowie die tatsächliche Rückgabe von geplündertem Eigentum und Vermögenswerten wie Kunstobjekten. Nur die Hälfte dieser Zusagen wurde bisher eingehalten, manchmal wegen bürokratischer Verzögerungen und manchmal wegen Unstimmigkeiten bezüglich der Zuweisungsziele.

Die Schweiz und ihre Banken boten mit fast $1 Milliarde den größten finanziellen Vergleich, gefolgt von Deutschland, Österreich, Frankreich und den Niederlanden. Norwegen bot das umfassendste Pro-Kopf-Paket im Verhältnis zu den 2.100 Juden, die dort vor dem Holocaust gelebt hatten.

Der erneuerte Rückerstattungsprozess hatte viele weitere Folgen. Ermittlungen zu Immobilienbesitz und finanziellen Ansprüchen zwangen Staaten sich ihrer Verantwortung für die Ausbeutung und Erpressung der Juden zu stellen, die in den Tod geführt wurden. Dieser Prozess generierte zudem in allen Ländern einen starken Anstieg akademischer Forschung zum Holocaust. Viele Offizielle, insbesondere Staatsoberhäupter, entschuldigten sich für das Verhalten ihrer jeweiligen Länder während des Krieges. Es waren mehr als 50 Jahre für die Holocaust-Erinnerung nötig, mit der sich hauptsächlich Juden beschäftigten, damit sie allgemein akzeptiert wurde.

Enthüllungen in den Medien und die Untersuchungen führten in vielen Ländern zu einer wichtigen Neubewertung der nationalen Geschichte und Erinnerung. Die Einbeziehung von Regierungsvertretern, Intellektuellen, Journalisten und Historikern schuf gemeinsam mit jüdischen Holocaust-Überlebenden Schockwellen in der internationalen öffentlichen Meinung. Staaten beteiligten sich an der Neubewertung ihrer kollektiven Erinnerung, was zu einem Prozess der Neuschreibung der Geschichts-Schulbücher führte.

Beker schließt: Erst am 27. Januar 2005, dem sechzigsten Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, kamen viele Führungspolitiker der Welt, einschließlich des Präsidenten der Vereinigten Staaten und europäischet Staatsoberhäupter in das Konzentrationslager, um ihre Zusage für „Nie wieder“ zu verkünden. Im selben Monat verabschiedeten die Vereinten Nationen ihre erste Resolution zum Gedenken an den Holocaust und eröffneten eine Aufstellung zum Thema in ihren Hauptsitz in New York.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war

Rückgabe von Kunst nach dem Krieg in den Niederlanden: unklar, falsch und herzlos

Manfred Gerstenfeld interviewt Rudi Ekkart (direkt vom Autor)

1997 wurde ich von der niederländischen Regierung zum Leiter einer Kommission ernannt, die die Rückgabe von Kunstwerken nach dem Zweiten Weltkrieg untersuchen sollte. Wir führten eine vorbereitende Studie durch, um zu sehen, ob weitere Daten zur Rückgabe von in den Niederlanden von den Deutschen gestohlenen oder unter Zwang verkauften Kunstwerken nach dem Krieg zu finden waren.
Dieses so genannte Nationale Kunst-Eigentum (NK Collection) bestand anfangs aus 10.000 Werken. Ein Teil davon wurde nach dem Krieg allmählich zurückgegeben und ein weiterer Teil wurde versteigert. Fast die Hälfte wurde mehr als 50 Jahre nach dem Krieg immer noch von den niederländischen Behörden verwaltet. Unsere Kommission sollte ermitteln, wie viele Werke den ursprünglichen Besitzern gestohlen wurden.

Rudi Ekkart
Prof. Rudi Ekkart
(Foto: Vincent Mentzel)

Prof. Rudi Ekkart ist emeritierter Professor für Kunstgeschichte an der Universität Utrecht. Bis 2012 war er Direktor des Nationalen Büros für Kunstdokumentation (RKD). Er spielt bereits 17 Jahre lang eine Schlüsselrolle bei den niederländischen Ermittlungen zu gestohlener Kunst, sowohl der von der Regierung kontrollierten Sammlungen als auch Sammlungen in Museen.

Eine auf 100 Werken gründende Pilotstudie überraschte und schockierte mich. Wir kamen in unserem Bericht vom April 1998 zu dem Schluss, dass für viele der Kunstwerke in der NK-Sammlung zusätzliche Information verfügbar war. Wir empfahlen die gesamte Sammlung zu untersuchen. In unserer Schlussfolgerung sagten wir, dass die Nachkriegspolitik der Regierung zur Rückgabe von Kunst unklar, falsch und herzlos gewesen war.

1999 schuf der Staatsekretär für Bildung, Kultur und Wissenschaft eine zweite Kommission namens Suche nach dem Original. Sie wurde in der Öffentlichkeit als „Ekkart-Kommission“ bekannt.

Dieses neue Gremium hatte eine weit umfangreichere Aufgabe. Wir waren verantwortlich dafür, dass die Recherche zu jedem aus Deutschland nach dem Krieg zurückgegebenen Werk, das sich noch im Besitz der niederländischen Regierung befand, in Auftrag gegeben wurde. Ein zweiter Auftrag bestand darin zu ermitteln, wie die Stiftung SNK – die von 1945 bis 1952 die NK-Sammlung verwaltete – gearbeitet hatte. Wir wurden außerdem beauftragt der Regierung zu empfehlen, wie ihre Politik bezüglich der möglichen Rückgabe einiger Kunstwerke aussehen sollte.In den Nachkriegs-Niederlanden hatte es einen Kampf zwischen zwei Interessengruppen gegeben. Das Finanzministerium wollte so viel Kunst aus der Sammlung wie möglich verkaufen, um der niederländischen Staatskasse zu helfen. Andererseits gab es die Direktoren der niederländischen Museen und den Leiter der SNK. Sie glaubten, dies sei eine großartige Gelegenheit eine nationale Kunstsammlung aufzubauen. Am Ende erhielten sie Unterstützung vom Minister für Bildung, Kunst und Wissenschaft.

Die dritte Interessengruppe – diejenigen, denen die Kunstwerke gehörten oder ihre Erben – nahmen an der Diskussion nicht teil. Einige riefen um Hilfe, so die Witwe des jüdischen Kunsthändlers Jacques Goudstikker. Diese Geschichte wurde international berichtet.

Die SNK musste die Kunstwerke ausfindig machen und ordnen. Von ihr wurde nicht erwartet, dass sie sich mit den Ansprüchen derer beschäftigte, die ein Recht auf sie hatten. Sie sagte diesen Menschen jedoch oft, dass sie keine Chance hätten ihre Kunstwerke zurückzuerlangen. Einige Erben legten beim Restitutionsrat Widerspruch ein, aber viele waren entmutigt worden. Die SNK hatte um Weisung in Sachen Rückgabe gebeten, doch die Regierung gab solchen nie. Sie war offenbar nicht willens gefühllosen oder gar illegalen Rat zu geben. Die betreffenden Kunstwerke waren den Niederlanden zurückgegeben worden, damit sie an diejenigen übergeben würden, die den Anspruch darauf hatten.

Ein großer Teil der NK-Sammlung war normalen Ursprungs. Wir öffneten allerdings eine Anzahl Akten auf Ansprüche, die von der SNK ohne Entscheidung oder Zustimmung einer höheren Behörde geschlossen worden waren. Unsere Kommission stellte fest, dass eine beträchtliche Anzahl Werke, die in der NK-Sammlung verblieben waren, mit größter Wahrscheinlichkeit jüdischen Besitzern gestohlen oder von ihnen unter Zwang verkauft worden waren. Einige Erben waren nicht zu finden. Wir empfahlen, dass diese Werke in der Sammlung der Regierung verbleiben sollten. Würden sie in Museen ausgestellt, sollte ihre Herkunft angegeben werden.

Darüber hinaus baten wir die niederländische Regierung, jüdischen Institutionen einen finanziellen Zuschuss in Höhe des Wertes der gestohlenen Werke geben, der noch in ihrem Besitz waren. Die niederländische Regierung tat das per Überweisung an die berühmte Bücherei der portugiesischen Synagoge und das jüdische historische Museum. Sie akzeptierte auch unsere weiteren Empfehlungen.

In Amsterdam wurde eine Ausstellung der Werke gezeigt, deren Herkunft unklar blieb. Zwei unserer Mitarbeiter veröffentlichten ein Buch über die niederländische Politik zur Rückgabe von Kunst nach dem Krieg.

Zwei Fälle zurückgegebener Kunstwerke waren sehr bedeutend. Die Erben der Familie Gutman erhielten viele gestohlene Werke zurück, darunter Silbergegenstände aus dem 16. Jahrhundert. Viele Werke wurden auch an die Erben der Goudstikker-Sammlung zurückgegeben, unter denen sich wichtige antike Gemälde befanden.

In unserem 2004 veröffentlichten Abschlussbericht hieß es, dass der niederländische Umgang mit der Rückgabe von Kunstwerken in den Jahren von 1945 bis 1952 allgemein formalistisch, bürokratisch, kalt und oft herzlos gewesen war. Die Kordes- und Scholten-Kommissionen, die andere Nachkriegs-Rückgabefragen untersucht hatten, kamen in ihren Bereichen zu ähnlichen Schlussfolgerungen.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

Während des Holocaust verfolgten norwegische Nazi-Kollaborateure Juden

Manfred Gerstenfeld interviewt Eirik Veum (direkt vom Autor)

Meine drei Bücher über norwegische Kollaboration mit den deutschen Besatzern während des Zweiten Weltkriegs ergaben neue Informationen dazu, wie Norweger an der Verfolgung von Juden beteiligt waren. Norweger und Norwegerinnen gehörten verschiedenen deutschen SS- und Armeeeinheiten an. Von rund 5.500 norwegischen Freiwilligen wurden 852 getötet.

Im 2009 veröffentlichten The Fallen enthülle ich Namen, ihr Alter und wo diese Getöteten fielen. Einige Norweger in deutschen Einheiten der Waffen-SS und später in Sonderkommandos in Osteuropa sahen auch zu, wie Ukrainer und Deutsche Juden töteten. Norweger waren außerdem an der Suche nach Juden beteiligt. Ich entdeckte einen Fall, bei dem Norweger einen Juden in einem Haus fanden und ihn auf die Straße brachten. Danach wurde er erschossen, wir wissen aber nicht von wem. Infolge meines Buches wird Dr. Efraim Zuroff, der Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Israel, versuchen zu ermitteln, ob Norweger auch direkt an Morden beteiligt waren.

Eirik Veum ist norwegischer Journalist, der für die Norwegische Rundfunkanstalt NRK arbeitet.

Dieses Buch und die beiden nächsten verkauften sich gut. Die Reaktionen waren allerdings gemischt. Mehrere Historiker behaupteten, mit meinen Themen sollten sich Historiker beschäftigen und nicht ein Journalist. Man fragt sich dann, warum kein Historiker in fast siebzig Jahren dieses Thema je erforschte. Einige Familienmitglieder der norwegischen Freiwilligen hatten kein Problem mit der Tatsache, dass ich die Namen ihrer Verwandten offenlegte. Sie glaubten, dass die Wahrheit öffentlich werden sollte, selbst wenn es brutal war. Sie hatten das Gefühl, dass Menschen für ihr Tun allein verantwortlich sind. Andere sagten, wir hätten ihre Familien entehrt, indem wir Verwandte namentlich identifizierten. Wieder andere erklärten, norwegische Kollaborateure mit den Nazis hätten den Namen ihrer Familie entehrt. Diese Debatte war intensiv und ihr Muster kehrte wieder, als meine beiden folgende Büchern veröffentlicht wurden. Es ist interessant festzustellen, dass mehr Energie der Diskussion des Themas der Identifizierung dieser Leute gewidmet wurde als ihren Taten.

Im Oktober 2013 gab ein 91-jähriger norwegischer Freiwilliger der SS-Division Viking – die aus Freiwilligen aus von den Deutschen besetzten Ländern bestand – dem NRK ein Interview. Er sagte, er habe zusammen mit anderen Soldaten Hunderte Einheimische in der Ukraine in einer Kirche gesammelt und sie dort verbrannt, während sie zusahen. Das war das erste Mal, dass ein norwegischer Freiwilliger öffentlich zugab an einem Kriegsverbrechen teilgenommen zu haben.

Mein zweites Buch, Gnadenlose Norweger – die Staatspolizei, wurde im Oktober 2012 veröffentlicht. Wie der Titel sagt, wurde darin die norwegische Staatspolizei erforscht, die mit der Gestapo kooperierte. Das norwegische Justizministerium hatte alle Juden Norwegens registriert. In ihre Ausweise wurden Kennzeichen gestempelt. Die Staatspolizei – gekleidet in norwegische Uniformen – verhaftete im Oktober 1942 männliche Juden und sammelte sie in einem Gefangenenlager. Die norwegischen Wachen dort waren oft sehr grausam.

Die Wertsachen der verhaftete Juden wurden von der Staatspolizei gesammelt und manchmal gestohlen. Einen Monat später wurden auch Frauen und Kinder von der Staatspolizei verhaftet. Diese brachte alle 771 verhafteten Juden in den Hafen von Oslo. In der Nähe des Schiffes Donau übergaben sie die meisten der Juden den Deutschen, die sie nach Stettin in Deutschland brachten. Fast alle wurden ermordet und nur 34 kehrten zurück.

Einige norwegische Nationalsozialisten kamen ins Gefängnis, weil die Deutschen sie als viel zu grausam betrachteten. Mitglieder der Staatspolizei exekutierten mehrere Widerstandskämpfer ohne Gerichtsverfahren. Manchmal mussten die Deutschen nach diesen Erschießungen das Blut beseitigen. Nachdem dieses Buch veröffentlicht wurde, wollten einige Historiker wie auch Familienmitglieder dieser Kriminellen mich vor Gericht bringen, weil ich als geheim eigestufte Informationen veröffentlicht und damit den Datenschutz verletzt hätte. Meine Anwälte schafften es, das zu stoppen.

Mein im Oktober 2013 veröffentlichtes drittes Buch trägt den Titel Gnadenlose Norweger – Hird. Darin wird die paramilitärische Jugendorganisation Hird untersucht, die von der norwegischen Nazipartei Nasjonal Samlung 1933 gegründet wurde. Sie hatte zwischen 20.000 und 28.000 Mitglieder, von denen einige sehr jung waren. Eine Reihe von ihnen war daran beteiligt mit der norwegischen SS Juden überall im Land festzunehmen. Mehrere stahlen auch jüdische Wertsachen.

Die Deutschen brachten jugoslawische Widerstandskämpfer und Zivilisten in sechs Gefangenenlager in Norwegen. Hird-Mitglieder wurden als Wachen eingesetzt. Einige von ihnen waren unbeschreiblich grausam. Sie erschossen aus Spaß Gefangene. Einige banden Ratten und Gefangene aneinander. Als die Ratten Hunger bekamen, fraßen sie die Gefangenen, die starben. Nach zehn Monaten nahmen die Deutschen die Norweger infolge ihrer Grausamkeit aus den Lagern. Danach verbesserte sich die Lage der Häftlinge.

Nach dem Krieg konnten Norweger, die kriminelle Taten verübt hatten, von überlebenden Widerstandskämpfern identifiziert werden; sie bekamen lange Haftstrafen. Da nur wenige Juden überlebt hatten, konnten Norweger, die Verbrechen an Juden verübt hatten, in der Regel nicht identifiziert werden. Einiges des gestohlenen jüdischen Eigentums wurde nie zurückgegeben und ist immer noch im Besitz norwegischer Familien.

Veum schließt: Es gibt vermutlich mehr norwegische Kollaborateure als Widerstandskämpfer. Es bleibt noch viel zu erforschen. Ich glaube, dass es norwegische Verbrecher aus dieser Zeit geben könnte, die noch am Leben sind und nie für die Kriegsverbrechen belangt wurden, an denen sie beteiligt waren.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.