Abbas-Berater preist Nazi-Kollaborateur als „Vorbildcharakter” – ehemaliger Mufti von Palästina Haddsch Amin Al-Husseini

Nan Jacques Zilberdik/Itamar Marcus, Palestinian Media Watch, 12. Juli 2019

Der bekannte Nazi-Kollaborateur, der ehemalige Mufti von Palästina Haddsch Amin al-Husseini, wurde von Abbas‘ Berater für religiöse Angelegenheiten und islamische Beziehungen, Mahmud al-Habbasch, offen geehrt.

Im Zweiten Weltkrieg zog Al-Husseini nach Berlin, wo er mit Hitler zusammenarbeitete und die Kriegsanstrengungen der Nazis aktiv unterstützte. Al-Husseini stand auf Jugoslawiens Liste der gesuchten Kriegsverbrecher und war verantwortlich für eine muslimische SS-Division, die tausende Serben und Kroaten ermordete. Als die Nazis anboten einige jüdische Kinder freizulassen, bekämpfte al-Husseini ihre Freilassung und als Resultat davon wurden 5.000 Kinder in die Gaskammern geschickt.

Amin al-Husseini bei einem Treffen mit Hitler (Dezember 1941)

Diese Woche, zum Jahrestag seines Todes, postete Abbas‘ Berater ein Foto Al-Husseinis und pries ihn als „Vorbildcharakter“:

Text des Eintrags: „An diesem Tag, dem 4. Juli 1974, starb der große palästinensische nationale Führer, der [ehemalige] Mufti Palästinas und Leiter des Arabischen Hohen Komitees, Haddsch Amin Al-Husseini – der viele Jahren lang den palästinensischen Kmapf gegen die britische und israelische Besatzung führte. Unsere Führer sind unsere Vorbilder.“
[Facebookseite von Mahmud Al-Habbasch, 4. Juli 2019; Hervorhebung hinzugefügt]

Al-HAbbaschgs Lob ist allerdings kein Einzelfall. Die PA hat mindestens eine Schule nach dem Nazi-Kollaborateur benannt – die Amin Al-Husseini-Grundschule in El-Bireh; der aktuelle PA-Mufti hat seinen Vorgänger mit dem Niederlegen eines Kranzes an seinem Grab geehrte und die Nationalen Sicherheitskräfte der PA haben auf Facebook auf Al-Husseini aufmerksam gemacht.

Sie lieben Gleichförmigkeit

Vielleicht ist es ja schonmal jemandem aufgefallen: Wenn ich solche Bilder sehe…

Parade-Allahbeter

Parade-Allahbeter2

Parade-Allahbeter3

… dann denke ich immer daran, dass es andere Truppen gab, die auch alles streng in Reih‘ und Glied mochten. Die hier…

Parade-Nazis1

und auch die hier:

People in formation carry the national flag and national emblem during a parade in central Beijing

Parade-Kommunisten.NKorea1

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Könnte es sein, dass Ideologien im Kern doch alle gleichen Geistes sind?

Warum schreibt Deutschland Juden vor, wo sie leben dürfen?

Michael Freund, The Jewish Press, 17. Januar 2014

Mit tadellosem Gespür für Timing kam der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier diese Woche in Israel an, nahm an der Beerdigung von Ariel Sharon teil und setzte dann damit fort Israel öffentlich zu tyrannisieren.

Im Gespräch mit Reportern beschuldigte Steinmeier den jüdischen Staat den Friedensprozess zu „schädigen“, indem es Häuser für Juden in Judäa und Samaria baut.

Und in einer Diskussion mit dem israelischen Premierminister Benjamin Netanyahu am Rande des Sharon-Begräbnisses setzte er den Premierminister unter Druck, er solle von weiterer Bautätigkeit absehen, da dies „den Prozess weiterhin stören könnte“.

Ich bin nicht vertraut Trauerritualen in Deutschland, aber nehme ich an, dort gehört das Beleidigen des Gastgebers direkt am Ende der Beerdigung nicht dazu.

Und doch fand Steinmeier, als er in Israel war, nichts falsch daran, genau das zu tun: Die Gelegenheit auszunutzen eine politische Sache herauszuheben, egal wie geschmacklos und ungehörig das war.

Das ist nicht die Art Benehmen, das man von einem „Freund“ erwartet, oder?

Was aber an Steinmeiers Heldentaten noch beleidigender ist, ist die historische Amnesie der deutschen Regierung, die offizielle Vertreter ohne jeden Sinn für Ironie bezüglich ihrer Position zum Recht Juden in Judäa und Samaria zu leben zurückließ. Immerhin ist es nicht einmal acht Jahrzehnte her, dass Deutschland Juden in den Nürnberger Gesetzen von 1935 aussonderten, um sie als der Zivilgesellschaft zu verstoßen, als Schritt deutschen Bodens von ihrer Anwesenheit zu „säubern“. In der Folge war unter deutscher Herrschaft das Recht der Juden zu leben, wo sie wollten, stark eingeschränkt.

Man sollte denken, dass angesichts dieses dunklen Kapitels ihrer Geschichte die Deutschen besonders darauf achten würden nicht in seine solche Sache zu waten und kundzutun, wo Juden leben, bauen oder ihre Familien aufziehen dürfen.

Doch das ist nicht der Fall gewesen.

Fakt ist: Letzten Sommer wurde weithin berichtet, dass Berlin sich entschieden hat eine Initiative der Europäischen Union zu stützen, die Unternehmen in jüdischem Besitz in Judäa und Samaria aussondert. Der Zug zielt darauf ab sie einer Sonderbehandlung zu unterziehen, zu der die Anwendung einzigartiger Herkunftsetiketten auf von Juden in diesen Gegenden hergestellten Waren gehört. Unnötig zu erwähnen, dass von Palästinensern betriebene Fabriken in den Gebieten nicht auf diese Weise gekennzeichnet würden.

In einem Interview mit Reuters warnte der EU-Nahostbotschafter Andreas Reinicke letzten Monat, wenn die letzte Runde der Friedensgespräche zwischen Israel und den Palästinensern fehlschlage, würde die EU ihre Pläne zum Anbringen der Etiketten auf von Israelis hergestellten Gütern aus Judäa und Samaria beschleunigen.

Die Scheinheiligkeit hinter dem Etikettierungskreuzzug ist umso offensichtlicher, wenn man bedenkt, dass keine solchen Kampagnen für andere „umstrittene Gebiete“ erwogen werden. Daher gibt es keine europäische Forderung chinesische Produkte Made in Tibet, in Tschetschenien hergestelltes Russisches oder spanische Waren aus Katalonien zu kennzeichnen. Es scheint so, dass europäische Liberale nur dann, wenn der jüdische Staat beteiligt ist, auf solchen Maßnahmen besteht.

Das ist nicht nur Doppelzüngigkeit, das ist schlicht und einfach Diskriminierung.

Und im Fall Deutschlands ist eine solche Haltung besonders empörend und die Regierung von Angela Merkel sollte sich schämen, dass sie da mitmacht. Was immer man vom Friedensprozess und der Zweistaatenlösung halten mag, es sollte offensichtlich sein, dass mit Waren und Bauen nur deswegen unterschiedlich umgegangen wird, weil die Person, der die Fabrik gehört oder das Haus baut ein Anhänger von Moses und nicht Mohammeds ist, fanatisiertes Tun ist.

Und angesichts der eigenen unehrenhaften Bilanz während des 20. Jahrhunderts haben Deutschland und seine Führungspolitiker eine besondere Verantwortung in solchen Dingen außergewöhnlich sensibel zu sein, insbesondere wenn sie mit Juden im Zusammenhang stehen. Niemand behauptet, dass Deutschland einen zweiten Holocaust plant, aber das Land muss mehr Bewusstsein bezüglich der schmerzlichen Ironie zeigen, die hier am Werk ist.

1936 wurde im gesamten Reich ein Brettspiel namens „Juden raus“ beliebt.* Die Spieler bewegten Juden darstellende Figuren zu „Sammelpunkten“, von denen aus sie ins Land Israel deportiert werden sollten. „Gelingt es dir 6 Juden rauszujagen“, instruierte das Spiel, „bist du Sieger ohne zu fragen!“

Traurigerweise spielt Deutschland einmal mehr ein ähnliches Spiel, wenn auch mit einem Unterschied. Während das Ziel früher war Juden nach Israel wegzuschicken, ist das Ziel heute uns zu zwingen Teile davon zu verlassen.

Doch ich habe eine Neuigkeit für Frau Merkel und ihrer Kollegen: Niemand, besonders nicht Deutschland, hat das Recht Juden zu sagen, wo sie leben dürfen oder nicht.

1945 kroch das jüdische Volk aus den Öfen Europas und gewann unsere angestammte Heimat wieder zurück.

Egal, was Berlin glauben oder sagen mag: Wir sind nicht im Begriff davon einen Teil wieder herzugeben.

 

* Anmerkung heplev: Nach Angaben von „Board Game Studies“ wurde das Spiel seitens der Nationalsozialisten kritisiert und wurde zum Ladenhüter. Eine PowerPoint-Präsentation zu Schule im Dritten Reich gibt hingegen an, dass das Spiel bis 1938 über eine Million Mal verkauft wurde und damit alles andere als ein Ladenhüter war. Ein Forschungsbericht von adacemia.edu beschreibt, dass der Verkauf vieler Spiele eher unwahrscheinlich war, weil sogar die Nazis es kritisierten und der Hersteller bedroht wurde. (Was vielleicht damit zusammenhängen könnte, dass sich in dieser Zeit das Ziel der Nazis veränderte – weg von der Vertreibung der Juden hin zu ihrer Vernichtung?)

Der anhaltende Einfluss der Nazis auf arabische Einstellungen

Manfred Gerstenfeld interviewt Matthias Küntzel (direkt vom Autor)

Bedeutende Elemente des Einflusses Nazideutschlands auf den Nahen Osten haben bis heute Bestand. Dies beeinflusst auch die derzeitigen Konflikte in der Region.

Im Sommer 1937 machte Großbritannien den Vorschlag, Palästina in einen kleinen jüdischen und einen erheblich größeren arabisch-muslimischen Staat aufzuteilen. Dieser sogenannte „Peel“-Plan alarmierte die Naziführung in Berlin: Von nun an begann man in großem Maßstab Geld zu investieren und Propaganda zu verbreiten, um die Araber gegen die Juden aufzuhetzen. So steckten die Nazis in Ägypten mehr Geld in die Muslimbruderschaft, als in jede andere antibritische Gruppe. In Palästina wurde gleichzeitig der Mufti Hadj Amin el-Husseini mit Geld und Waffen versorgt.

Matthias Küntzel
Matthias Küntzel

Dr. Matthias Küntzel ist ein deutscher Politikwissenschaftler und Autor zahlreicher Bücher.1 Eines davon behandelt Jihad und Antisemitismus. Er lebt in Hamburg.

Mitte der Dreißigerjahre waren die moderaten arabischen Kräfte, die mit dem Zionismus auszukommen suchten, noch keineswegs marginalisiert. Dies änderte sich, nachdem die Nazis ihr Gewicht in die Waagschale der Islamisten geworfen hatten. Der Mufti konnte im „arabischen Aufstand“ von 1936-39 die moderaten Palästinenser durch Terror aufreiben oder vertreiben. Die ägyptischen Muslimbrüder wiederum nutzten die Zusammenstöße in Palästina für antisemitische Kampagnen und wurden hierdurch erst zu einer Massenorganisation. Ihre Mitgliederzahl stieg von 800 im Jahr 1936 auf 200.000 im Jahr 1938 steil an.

Im April 1939 begann Deutschland antisemitische Propaganda auf Arabisch, Persisch, Türkisch und Hindi zu verbreiten. Der Kurzwellensender Radio Zeesen war in der arabischen Welt besser als jeder andere Sender zu empfangen. Die Programme, die der Sender von 1939 bis 1945 täglich ausstrahlte, waren professionell gemacht. Antisemitische Hetzbeiträge wurden geschickt mit Zitaten aus dem Koran und arabischen Musikbeiträgen vermischt. Die Alliierten des Zweiten Weltkriegs wurden als von „Juden“ abhängige Mächte gezeichnet und „Juden“ zugleich als die schlimmsten Feindes des Islam attackiert: „Der Jude ist ein Feind und ihn zu töten erfreut Allah.“ Die Nazipropaganda knüpfte also an den im Islam vorhandenen Judenhass an, um ihn zu radikalisieren.

Verschiedene Aussagen aus dieser Zeit deuten darauf hin, dass diese Sendungen weithin angehört wurden. Ein arabischer Informant erzählte der Jewish Agency, dass er am 7. Oktober 1939 in Jaffa „an einem Café vorbeikam und eine deutsche Sendung hörte. Um das Café herum standen Araber – auch auf den umliegenden Balkons – und hörten der Übertragung zu.“

Der iranische Schriftsteller Amir Cheheltan schrieb, es sei üblich gewesen, dass Passanten auf den Bürgersteigen vor den Teehäusern in Teheran standen, um den Berichten in Radio Zeesen über die Geländegewinne der deutschen Armee zu lauschen. Er schrieb: „Die Berichte inspirierten die Phantasie der Menge auf der Straße, denn jeder Sieg entsprach einer Niederlage der Kolonialmächte Sowjetunion und Großbritannien, den sie bejubelte und beklatschte.“

Radio Zeesen trug auf diese Weise dazu bei, dass ein immer größerer Teil der arabischen Welt den Nahostkonflikt durch die antisemitische Brille der Nazis zu betrachten begann. Als Nazideutschland 1945 besiegt war, befanden sich dessen wichtigste Agenten im Nahen Osten auf dem Höhepunkt ihrer Macht. So verfügten die Muslimbrüder nach 1945 in Ägypten über 500.000 Mitglieder. 1946 bereiteten sie dem Mufti von Jerusalem, Amin el Husseini einen begeisterten Empfang. Sie bezeichneten ihn als „Helden, der mit der Hilfe Hitlers … gegen den Zionismus kämpfte“ und erklärten: „Deutschland und Hitler sind nicht mehr, aber Amin al-Husseini wird den Kampf fortsetzen.“

Die Haltung der ägyptischen Muslimbrüder und des Mufti spielten eine maßgebliche Rolle bei der arabischen Ablehnung des UNO-Teilungsplans für Palästina. Dasselbe galt für den Ausbruch des Kriegs 1948, dessen Hauptziel die Vernichtung Israels war. Ihr Ursprung ist im Antisemitismus zu finden, den Deutschland zwischen 1938 und 1945 systematisch verbreitet und den Amin el-Husseini und der Muslimbruderschaft zwischen 1946 und 1948 weiter geschürt hatten.

Die Kontinuität eines vom Nationalsozialismus inspirierten Denkens lässt sich auch anhand zahlreicher anderer Indizien belegen. Viele antisemitische arabische Karikaturen ähneln denen der Nazizeit. Es gibt zahlreiche Ausgaben von Hitlers „Mein Kampf“ mit der begleitenden Verehrung Hitlers. Man trifft regelmäßig auf die Leugnung des Holocaust oder die Befürwortung eines neuen im Nahen Osten.

Dennoch wird bis heute der Nazi-Einfluss auf jene Region von der internationalen Nahost- und Islamforschung in der Regel ignoriert – auch in Deutschland. Radio Zeesen ist ein Thema, das von staatlich finanzierten deutschen Instituten wie z.B. dem „Zentrum für Antisemitismusforschung“ oder dem „Zentrum Moderner Orient“ ignoriert werden.

Küntzel schließt: Offenbar gilt das Axiom, dass die israelische Politik den Antisemitismus in der Region verursacht haben muss und niemand sonst. Was diesem Postulat der „political correctness“  – „Israel ist schuld!“ – widerspricht, wird gar nicht erst ins Blickfeld genommen. Dies ist nicht einfach Ignoranz. Es geht um eine aktive, bewusste, zielgerichtete Ignoranz – um die Korruption von Wissenschaft.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

1 http://www.matthiaskuentzel.de/contents/about-the-author und http://www.matthiaskuentzel.de/contents/ueber-den-autor

Der Zug der Erinnerung

Ohne die Bahn und ihre Züge hätten die Nazis ihr Programm der „Endlösung“ nicht durchführen können. Dabei ist ihr Tun und Wirken für den Holocaust bisher wenig „aufgearbeitet“ worden (ich mag diese Vokabel eigentlich nicht). Eine Initiative hat sich zum Ziel gesetzt an die mit der Bahn verschleppten und ermordeten (aber auch der überlebenden) Kinder und Jugendlichen zu erinnern: Der Zug der Erinnerung.

Dieser Zug machte am Monatswechsel Februar/März zwei Tage Station im Bahnhof Opladen. Von diesem Aufenthalt stammen die eingearbeiteten und verlinkten Bilder, wie auch ein haarsträubender Gästebucheintrag im Zug.

Die erste Überraschung beim Betreten des Bahnhofs: Der Zug ist auch etwas für Eisenbahn-Nostalgiker, denn er wird von einer Dampflokomotive gezogen und die Waggons sind auch „nicht gerade neu“. Die moderneren tragen die Aufschrift mit der Information:
Aufschrift

Diese neueren Waggons sind so eingeteilt, dass im Gang auf der in Fahrtrichtung linken Seite Fotos vernichteter Kinder montiert sind. In den ehemaligen (vergrößerten) Abteilen finden sich die Ausstellungswände. Es beginnt mit einer Übersicht, wie der Streckenverlauf der Hauptrouten in die Vernichtung aus ganz Europa aussah,

Karte Bahnrouten in die Vernichtung

flankiert von einer kurzen Geschichte der Züge in die Vernichtung und Angaben zu den aus den einzelnen Ländern abtransportierten jüdischen Kindern sowie der Sinti und Roma.

In den nächsten Abteilen folgen Einzelschicksale, die repräsentativ für alle stehen. Dem Schicksal der Familie Katzmann aus dem Erzgebirge mit Tochter Inge (Jahrgang 1933), die über Leipzig und das KZ Theresienstadt nach Auschwitz geschickt wurde. Der Fall von Rudi Löwenstein steht als Beispiel für Jugendliche, die versuchten ihre Liebe bis zum Ende nicht aufzugeben, was mit Originaldokumenten festgehalten werden kann.

Das Schicksal von Sinti und Roma wird am Beispiel von Kindern aufgezeigt, deren Familien in Dreihausen bei Marburg überwinterten. Von 18 Personen, davon 11 Kinder und Jugendliche, überlebten nur vier.

Eine weitere „Kategorie“ für in die Vernichtung verfrachtete Kinder ist Ursula W. (geb. 1926) samt weiteren, die als „lebensunwert“ eingestuft wurden – wegen körperlicher Gebrechen, „problematischen“ Sozialverhaltens etc. Sie kamen nicht in KZs, sondern in „Vergasungsanstalten und „Kinderfachabteilungen“, was auf dasselbe hinauslief: Tötung. Dazu wird eine Karte gezeigt, auf der die Orte dieser Anstalten eingetragen sind (sie hätte größer ausfallen können):

Karte

Nach einer Abteilung über Verhältnisse in den Lagern und während des Transports mit dem Zug wird auf Kinder und Jugendliche aus anderen Ländern Europas übergegangen. Aus Norwegen wurden Juden zuerst mit dem Schiff transportiert, bevor sie in Zügen nach Auschwitz fahren mussten. Graciella steht für 58.000 vernichtete Juden aus Griechenland. In Litauen werden von August und November 1941 30.000 (jüdische und „halbjüdische“) Kinder erschossen, darunter auch Marie Holzmann (19), der bis zuletzt nicht gesagt wird, warum. Der Mutter wird in der Todesnachricht mitgeteilt, Marie sei eine gefährliche Kommunistin gewesen und ihr Vater Jude.

Wie grausam mit Familien – auch von Seiten des Auslands – umgegangen wurde, zeigt das Beispiel der Familie Hauben aus Krakau. Die Eltern vertrauen Tochter Ruti deren Tante an, die mit ihr und dem eigenen Sohn erst auf’s Land flieht, dann ins Ghetto von Rzeszow ziehen muss. 1942 erhalten Tante und Cousin Auswanderungspapiere – Ruti muss zurückbleiben und wird 1944 bei ihrer Ankunft im Lager Auschwitz ermordet.

Ein immens wichtiger Teil der Ausstellung folgt in den älteren Waggons, die keine Abteile mehr haben. Hier sind einige der entscheidenden Organisatoren der Bahntransporte in die Vernichtung aufgeführt. Die meisten von ihnen hatten nach dem Krieg Karrieren – bei der Bahn, aber auch in der Industrie – und wurden in lange Ehren gehalten. Nur einer von ihnen wurde vor Gericht gestellt, Albert Ganzenmüller; sein Verfahren wurde 1977 wegen Verhandlungsunfähigkeit eingestellt. Seine Rolle wird nicht nur beschrieben, sondern kann auch durch einen Briefwechsel mit Heinrich Himmlers Adjutant Karl Wolff dokumentiert werden.

Noch etwas ausführlicher ist die Beschreibung von Julius Dorpmüller, der ab 1937 als Reichsverkehrsminister entscheidend an der Organisation der Todestransporte teil hatte. Er starb im Juli 1945 und wurde 1949 vom Entnazifizierungsausschuss als „entlastet“ eingestuft. Er bleibt in der Bundesrepublik hoch angesehen; nach ihm werden Säle und Räume der Bahn und Straßen verschiedenster Städte benannt (bis 1985); die Bahndirektion Hamburg bezahlt bis 1991 die Pflege seines Grabes. Bis 1995 bleibt er Ehrensenator der TH Aachen.

Eine Videoinstallation lässt die Befragung eines Bahners hören, der erklärt, dass die Bahnhöfe, zu denen die Transporte in die Vernichtung gingen, für ihn lediglich „Ziele“ waren. Wie üblich, hat der Mann nichts gewusst. Er gehört zu den vielen, die die Augen und Ohren massiv und aktiv schlossen. Aber selbst weit oben angesiedelte, aktive Täter wie Walter Stier, der an der Wannsee-Konferenz teilnahm, brauchen im Nachkriegsdeutschland nichts befürchten!

Wer noch Kraft dazu hat, kann einen „Brief an Hannelore“ schreiben. Es wird ausdrücklich dazu ermuntert, die vorhandenen Briefe zu lesen und neue zu schreiben, die den eigenen Gefühlen zum Thema Ausdruck geben.

Briefe an Hannelore

Gegenüber etwas eher Symbolisches: Trauergebräuche – Christen bringen Blumen mit ans Grab, um zu zeigen, dass sie dort waren, Juden legen einen Stein hin. Hier sind die Steine – anders als normalerweise – mit Namen und Daten (ermordeter Kinder und Jugendlicher) beschriftet.

Steine und Blumen

Im Anschluss erhält die Ausstellung so etwas wie „Lokalkolorit“. Neben der Geschichte einer Jugendlichen, die auf dem Kölner Hauptbahnhof festgenommen wurde, ist hier (vorläufig) Platz für das Schicksal zweier jüdischer Familien aus den (heutigen) Leverkusener Stadtteilen Wiesdorf und Opladen, die bei der hiesigen Ausstellungseröffnung vom Oberbürgermeister übergeben wurden.

Ebenfalls Teil der Ausstellung sind Informationen über befreite Kinder mit Aussagen, wie glücklich sie auf einmal waren und sein konnten und wie belastend das Überleben andererseits doch auch war.

Am Ende des Zuges gibt es Informationen zum Verein „Zug der Erinnerung“ und seinen Aktivitäten sowie ein Gästebuch. Und hier kann man nach dem Schrecken der Nazis noch zweimal erschrecken.

Die Bahn ist ein Betrieb, der offensichtlich bisher weder an einer Aufarbeitung ihrer Geschichte interessiert war noch etwas dazu beizutragen bereit ist, wenn andere daran arbeiten. Wir kennen das Hickhack um die (meiner Meinung nach unsinnigen) Dauerausstellungsversuche in Bahnhöfen. Es erstreckt sich auch auf die Ausstellung „Zug der Erinnerung“. Und so sind Herr Mehdorn und seine Vorstandskollegen trotz vielfältiger Proteste hochrangigster Persönlichkeiten aus Politik und öffentlichem Leben nicht bereit, den Zug umsonst oder gegen geringeres Entgeld über ihr Streckennetz fahren oder in Bahnhöfen stehen zu lassen. Damit muss der Verein im Monat Tausende Euro aufbringen um €3,50 pro gefahrenen Kilometer und zwischen €250 und €425 pro Tag an den Standorten zu zahlen – was sich schnell mal auf fast €8.000,- (November 2007) oder mehr belaufen kann. Alleine die Standgebühren für Dezember 2007 belaufen sich auf €5.872,50 – NETTO! Dass die Deutsche Bahn AG nicht bereit ist, hier auf Kostenerstattung zu verzichten oder nur symbolische Zahlungen zu fordern, ist ein Zeichen, dass man dort offensichtlich in keinster Weise bereit ist sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Während Industriebetriebe eigens Leute damit beschäftigen die Vergangenheit im Nazireich aufzuarbeiten, verlangt die Bahn noch haufenweise Geld dafür, dass das für sie erledigt wird. Ich empfinde das als unglaubliche Sauerei und habe mir erst einmal vorgenommen, dieses Verkehrsmittel nicht mehr zu nutzen.

Manchmal nicht viel besser, wenn auch auf ganz anderer Ebene, sind Einträge in Gedenkbüchern. So auch hier. Da hatte einer hineingeschrieben (Unterschrift unkenntlich gemacht): „NIE WIEDER KRIEG. NIE WIEDER AUSCHWITZ. NIE WIEDER AUSCHWITZ ALS BEGRÜNDUNG FÜR KRIEG.“
Das ist genau die Form des „Nie wieder“, die wir nun gar nicht brauchen können. Dieser Schreiber würde sogar für Auschwitz nicht bereit sein einen Kampf zu führen. Auf solche Leute – die leider wohl eine Mehrheit in Deutschland stellen – trifft genau der Ausspruch von Dennis Prager zu, den ich in die Sidebar gestellt habe: Aus dem Nationalsozialismus habt ihr nichts gelernt. Statt zu lernen, dass das Böse bekämpft werden muss, habt ihr gelernt, dass es böse ist zu kämpfen. Prager hatte dem noch ein „es scheint so“ voran gestellt. Das kann man ohne weiteres streichen. Solche Leute sind die, die dem neuen Völkermordversuch an den Juden nichts entgegenzusetzen bereit sind, sondern die sich wehrenden Juden noch als Aggressoren diffamieren. Ich habe mir verkneifen müssen, selbst etwas in dieses Buch zu schreiben, es wäre unanständig geworden. Hier kann ich jetzt, nachdem ich mich abgeregt habe, einen Eintrag machen, der dort hätte stehen sollen:

NIE WIEDER
“Nie wieder“ muss heißen:
Keine Morde an Unschuldigen mehr.
Keine Morde an Juden mehr, weil sie Juden sind, egal, wo sie sind.
Man darf nicht nur die Toten der Vergangenheit betrauern,
sondern man muss auch die Judenvernichtung und
den Antisemitismus der Gegenwart bekämpfen.
Und dazu gehört aufzustehen,
wenn jüdische Kinder mit Raketen beschossen werden,
wenn sie mit Gewehren oder Artillerie beschossen werden.
Auch, wenn Terroristen die eigene Bevölkerung als Geisel nehmen,
ihre Kinder als menschliche Schutzschilde benutzen,
um Juden töten zu können.
Es gehört dazu,
dass man terroristische Propaganda zurückweist,
Terroristen Terroristen nennt statt Freiheitskämpfer
und sie aktiv daran hindert ihrem Tun nachzugehen.
Es gehört dazu,
dass man diejenigen,
die sich gegen den Terror wehren,
unterstützt statt sie zu verurteilen.
Kurz gesagt:
“Nie wieder“ heißt,
die Leute, die das Werk der Nazis fortsetzen wollen,
zu bekämpfen und notfalls zu vernichten,
wie die Herrschaft der Nazis beseitigt wurde.