Polen, Holocaust-Verdrehung und das neue Gesetz

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Das unlängst verabschiedete Gesetz zur Rolle Polens im Holocaust und den damit zusammenhängenden Themen sind komplex. Polen sind Jahrzehnte lang zurecht wegen der Bezeichnung „polnische Todeslager“ vor den Kopf gestoßen gewesen. Dieser Begriff wurde von ehemaligen Nazis im deutschen Geheimdienst etwa 10 Jahre nach dem Krieg geprägt.[1] Fakt ist, dass Todeslager wie Belzec, Treblinka, Sobibor und Auschwitz-Birkenau von den deutschen Besatzern auf polnischem Boden errichtet und betrieben wurden.

Bis zum Beginn dieses Jahrhunderts lautete die geläufige historische Darstellung zu Polen während des Zweiten Weltkriegs, dass etwa drei Millionen nichtjüdische Polen und drei Millionen polnische Juden von den Deutschen ermordet wurden. Mehrere Polen halfen Juden zu verstecken. Der polnische Widerstand lieferte den jüdischen Kämpfern im Warschauer Ghetto Waffen.

Der vielleicht berühmteste Pole, der Juden half, war der außergewöhnlich mutige Jan Karski. Ende 1942 wurde er ins Warschauer Ghetto und wieder hinaus geschmuggelt, ebenso in ein Transitlager und wieder hinaus, wo er die Schrecken sah, die die Juden erlitten. Karski schaffte es hinterher nach London zu reisen, wo er der polnischen Exilregierung und ranghohen britischen Behördenvertretern, darunter Außenminister Anthony Eden, einen Bericht ablieferte. Im Juli 1943 traf Karski den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, um ihm dieselben Daten und einen Appel zu handeln übergeben.[2] Seine Mission brachte keine Ergebnisse.

Der Historiker David Bankier wies darauf hin, dass „die meisten polnischen Untergrundorganisationen glaubten, das Polen nach Hitler werde ein Land ohne Juden sein… Die Übriggebliebenen würden Polen nach dem Krieg verlassen müssen. Diese Ansicht wurde sogar in der Oragnisation Zegota vertreten, dem vom polnischen Widerstand gegründeten Rat für die Hilfe für Juden. Dazu gehörten Menschen, die ihr eigenes Leben riskierten, am auffälligsten die tiefgläubige Katholikin, berühmte Schriftstellerin und Mitgründerin der Zegota Zofia Kossak-Szczucka. Sie glaubte, dass Polen kein Land war, in dem Juden leben sollten; das lässt sehr stark erkennen, wie die wahren polnischen Gefühle damals aussahen.“[3]

Bankier fuhr fort: „In einem im August 1943 geschriebenen Artikel mit dem Titel ‚Wem helfen wir?‘ fasste Kossask-Szczucka ihre Gedanken zu polnischen Nachkriegshaltungen gegenüber den Juden zusammen: ‚Heute sehen sich die Juden der Auslöschung gegenüber. Sie sind die Opfer ungerechter mörderischer Verfolgung. Ich muss sie retten. ‚Tu andren, was du möchtest, dass sie dir tun.‘ Dieses Gebot verlangt, dass ich alle mit zur Verfügung stehenden Mittel einsetze um andere zu retten, genau die Mittel, die ich für meine eigene Rettung nutzen würde.

Sicher wird die Lage nach dem Krieg anders sein. Für die Juden und mich werden dieselben Gesetze gelten. An diesem Punkt werde ich den Juden sagen: ‚Ich habe euch gerettet, euch Unterschlupf gewährt, als ihr verfolgt wurdet. Um euch am Leben zu erhalten, riskierte ich mein Leben und das derer, die mir nahe standen. Jetzt droht euch nichts mehr. Ihr habt eure eigenen Freunde und auf manche Weise geht es euch besser als mir. Jetzt fordere ich, dass ihr geht und euch woanders niederlasst. Ich wünsche euch Glück und werde euch liebend gerne helfen. Ich werde euch nichts zuleide tun, aber in meinem Heim will ich alleine leben. Ich habe das Recht dazu.‘“[4]

Am Anfang dieses Jahrhunderts wurden weitere Fakten entdeckt, die zu radikal neuen Sichtweisen über die polnische Holocaust-Geschichte führten. Jan Gross, amerikanischer Historiker polnischer Abstammung, schrieb das Buch Neighbors (Nachbarn). Darin wird die Geschichte der polnischen Einwohner von Jedwabne erzählt, die fast alle örtlichen Juden ohne jegliche deutsche Einmischung ermordeten.[5] Zwei Dokumentationen zum Massenmord von Jedwabne wurden von Agnieszka Arnold erstellt.[6]

Die Offenbarungen zu den Morden in Jedwabne sorgten in Polen für große Erschütterung. Das Selbstbild des Landes wurde massiv in Mitleidenschaft gezogen. Es gab auch solche, die die mörderischen Fakten weiterhin leugnen und reinwaschen wollten.[7]

Die Lage veränderte sich drastisch, als der kanadische Historiker polnischer Herkunft Jan Grabowski 2013 sein Buch Hunt for the Jews: Betrayal and Murder in German-Occupied Poland (Die Jagd nach den Juden: Verrat und Mord im deutsch besetzten Polen) veröffentlichte.[8] Grabowski und seine Rechercheure dokumentierten die Richtigkeit früherer Schätzungen. Ihre Forschungsarbeiten zeigten, dass etwa 200.000 Juden von Polen ermordet wurden.[9] Das machte aus Polen eines der größten Holocaust-Täterländer.

Das neue Gesetz, vom polnischen Parlament verabschiedet und von Präsident Andrzej Duda unterschrieben, hat zwei Teile. Der erste verbietet die Formulierung „polnische Todeslager“. Der zweite macht es zu Verbrechen zu behaupten die polnische Nation sei im Holocaust oder einer anderen von Nazideutschland begangenen Gräueltat mitschuldig. Jetzt wurde verkündet, dass das Gesetz nicht umgesetzt wird, bevor Polens Verfassungstribunal es überprüft hat.[10]

Polens Bildungsministerin Anna Zalewska suggerierte 2016, dass die Morde von Jedwabne durch Polen eher Meinung als Tatsache waren. Das ist ein typischer Fall von bedeutender Holocaust-Leugnung[11]

Die Dinge wurden noch verschlimmert, als das Gesetz verabschiedet war. Auf der unlängst beendeten Münchener Sicherheitskonferenz konfrontierte der israelische Journalist Ronen Bergman, Sohn zweier Holocaust-Überlebender, den polnischen Premierminister Mateusz Morawiecki; er sagte: „Es gab Polen, die Juden verrieten, indem sie die Nazis mit Einzelheiten zu ihnen versorgten.“ Er verwies auf persönliche Erfahrungen seiner Mutter.

Der polnische Minister antwortete: „Ihr werdet nicht als Kriminelle betrachtet, wenn ihr sagt, dass es polnische Täter gab, so wie es jüdische Täter gab, wie es russische Täter gab und wie es ukrainische Täter gab – nicht nur deutsche Täter.“ Der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu antwortete: „Die Äußerungen des polnischen Premierministers hier in München waren ungeheuerlich. Es gibt hier ein Problem der Unfähigkeit Geschichte zu begreifen sowie fehlende Sensibilität für die Tragödie unseres Volks.“[12]

Die verfälschenden Manipulationen des Holocaust durch Polen haben zu Spannungen zwischen der polnischen und israelischen Regierung geführt. Der Versuch einer polnischen Delegation zu Besuch in Israel, um diese Spannungen zu entschärfen, schlug fehl. Sie haben zudem eine Menge Schmerz bei polnischen Juden verursacht. Dreiundzwanzig jüdische Gruppen unterschrieben einen Brief, in dem es hieß, dass sie sich in Polen nicht sicher fühlen.[13] Israelische und polnische Interaktionen haben viele Aspekte. Israels Botschafter in Warschau zurückzurufen, ganz zu schweigen vom Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Polen wären keine guten Schachzüge.

Das Simon Wiesenthal Center hat vor kurzem bekannt gegeben, dass ein von US-Außenministerium freigegebener Bericht aus dem Jahr 1946 die verabscheuungswürdige Behandlung der polnischen Juden vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg dokumentierte. Der Bericht stellte den Umgang der Polen und der Nazis mit der jüdischen Bevölkerung auf eine Stufe und sagte, viele Juden hätten es nach dem Krieg vorgezogen zu fliehen, sogar nach Deutschland.[14]

Eine Studie der Universität Bielefeld stellte 2011 fest, dass 63% der Polen der Aussage zustimmen, „was der Staat Israel heute mit den Palästinensern tut, unterscheidet sich im Prinzip nicht von dem, was die Nazis den Juden im Dritten Reich antaten.“[15] Dieser Anteil war erheblich höher als in den anderen europäischen Ländern, in denen diese Umfrage durchgeführt wurde.

Mit der Leugnung der massiven Rolle polnischer Bürger im Holocaust hat die polnische Regierung sich für starke Kritik anfällig, die auf historischen Fakten gründet. Eine effektive Art damit umzugehen, besteht für jüdische Organisationen darin Internetseiten mit Zeugenaussagen zu den von Polen an Juden begangenen Morden und Fällen, bei denen Polen Juden an Nazis verrieten einzurichten. Zweihunderttausend von Polen ermordete Juden ist eine große Zahl, deshalb kann eine Menge Information eingeholt werden, um die Verfälschungen der polnischen Regierung zu entlarven.

Informationen zum weit verbreiteten extremen Vorkriegs-Antisemitismus in Polen hinzuzufügen, ist ein zusätzlicher Ansatz. Der Historiker Laurence Weinbaum schrieb: „1937 beschrieben zwei protestantische Pfarrer aus Nordamerika, selbst kaum philosemitisch, ihre Erschütterung, dass sie in polnischen (katholischen) Kirchen neben Rosenkränzen, Bibeln und anderen religiösen Artikeln auch antisemitische Literatur zum Verkauf sahen, die nicht weniger ekelhaft war als die von Julius Streicher gelieferte; Streicher ist der berüchtigte Verleger des Nazi-Hetzblattes Der Stürmer.“[16]

Das ist nur ein Beispiel für das, was fast unbegrenzte Zahl an Zitaten zu polnischem Antisemitismus auf einer Vielzahl an Internetseiten. Es gibt jetzt zwei Alternativen: Entweder gibt die polnische Regierung ihre Verfälschungen der Geschichte des Landes zur Kriegszeit zu oder sie wird regelmäßig als extremer Holocaust-Verzerrer bloßgestellt.

[1] www.timesofisrael.com/do-the-words-polish-death-camps-defame-poland-and-if-so-whos-to-blame/

[2] http://www.ushmm.org/wlc/en/article.php?ModuleId=10008152

[3] http://www.manfredgerstenfeld.com/polish-war-time-views-on-jews-this-is-not-your-home/

[4] ebenda

[5] https://press.princeton.edu/titles/7018.html

[6] http://www.revolvy.com/main/index.php?s=Agnieszka%20Arnold

[7] http://www.pri.org/stories/2017-03-24/massacre-villages-jews-their-neighbors-wwii-poland-remembered-and-misremembered

[8] www.amazon.com/Hunt-Jews-Betrayal-Murder-German-Occupied-ebook/dp/B00EZNA8XM/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1519034328&sr=1-1&keywords=Jan+Grabowski (Das Buch wurde unter dem Titel „Judenjagd“ ins Polnische übersetzt.)

[9] http://www.timesofisrael.com/complicity-of-poles-in-the-deaths-of-jews-is-highly-underestimated-scholars-say/

[10] http://www.jpost.com/printarticle.aspx?id=543527

[11] http://www.thestar.com/news/world/2016/07/14/polish-education-minister-blasted-for-jewish-massacre-remarks.html

[12] www.reuters.com/article/us-israel-poland/israels-netanyahu-condemns-polish-pm-for-jewish-perpetrators-comment-idUSKCN1G10TE; http://www.jta.org/2018/02/17/news-opinion/world/polish-prime-minister-slammed-for-mentioning-jewish-perpetrators-of-the-holocaust

[13] http://www.jta.org/2018/02/19/news-opinion/world/polish-jewish-groups-say-they-dont-feel-safe-due-to-rise-in-anti-semitism

[14] http://www.jpost.com/Diaspora/1946-US-document-reveals-Poles-treated-Jews-as-badly-as-Germans-did-543940

[15] library.fes.de/pdf-files/do/07908-20110311.pdf.

[16] http://jcpa.org/article/penitence-and-prejudice-the-roman-catholic-church-and-jedwabne/

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Polens Holocaust-Gesetz ist Israelis nur allzu vertraut

Schülerbesuche in Konzentrationslagern bekommen eine Auffrischung de Erinnerung daran, wie antijüidsche Gesinnungen aussehen

Daniel Gordis, Bloomberg View, 28. Februar 2018

Ein für Besuche abschreckender Ort (Foto: Christopher Furlong/Getty Images)

Eine Klassenfahrt nach Polen ist für viele Israelis ein Highlight der Oberststufe. Sie wird zwar von der Regierung nicht vorgeschrieben, ist aber ein weit verbreitetes Übergangsritual geworden. Eine Reise nach Warschau und Krakau gibt den Schülern eine Gelegenheit etwas über die Würde jüdischen Lebens in Polen vor seiner Ausrottung zu lernen. Die Todeslager von Auschwitz-Birkenau, Sobibor und Treblinka zu sehen dient als erschreckende Erinnerung an den Holocaust und als Gelegenheit die drastische Veränderung des existenziellen Zustands schätzen zu lernen, die geschaffen hat.

Nicht alle Israelis sind Fans dieser Reisen. Manche Eltern sind dagegen Geld in die polnische Wirtschaft fließen zu lassen. Andere machen geltend, wenn das israelische Bildungssystem Reisen in die Todeslager braucht, um seinen Schülern eine Verpflichtung zum Zionismus einzuschärfen, dann läuft das etwas furchtbar schief. Im Großen und Ganzen erkennen Israelis die Macht dieser Reisen an, und tausende Teenager nehmen jedes Jahr daran teil.

Genauso israelische Soldaten. Die ID schickt regelmäßig Delegationen aus Offizieren nach Polen. Das Highlight ist oft in israelischen Uniformen nach Auschwitz hineinzumarschieren, in genau den Ort, wo fast eine Million hilfloser Juden ermordet wurde.

Diplomatisch haben Israel und Polen lange bestehende herzliche Beziehungen. Da Israel zunehmend wegen der Erosion der langfristigen amerikanischen Unterstützung in Sorge ist (eine aktuelle Umfrage des Pew Center zeigte, dass die meisten Demokraten den Palästinensern mehr Sympathie entgegenbringen als den Israelis) und angesichts seiner Isolation in Europa ist Israel stark bemüht diese Beziehungen zu halten, selbst angesichts des Schritts Polens in die nationalistische Rechte.

Ein neues polnisches Gesetzt hat jedoch plötzlich die Beziehung zerschlagen: Es kriminalisiert Hinweise darauf, dass Polen mitschuldig am Holocaust ist. Obwohl die Polen recht haben, das sie während des Krieges keine völlig frei Agierenden waren (das Land wurde zuerst von Deutschland überfallen, dann von Russland), ist die Behauptung, sie seien nicht eng eingebunden, sogar begeistert am Abschlachten der Juden beteiligt gewesen, eine fürchterliche Verzerrung der Geschichte.

Die israelische Reaktion ist lärmend kritisch gewesen. Als das Gesetz diskutiert wurde, kündigte der israelische Bildungsminister Naftali Bennett an, er werde Polen besuche und sich mit Studenten und offiziellen Vertretern Polens treffen, um Israels Widerstand zum Gesetzesentwurf zum Ausdruck zu bringen. „Ich bin entschlossen klar zu sagen, dass die Geschichte bereits bestätigt hat, dass das polnische Volk sich erwiesenermaßen während des Holocaust an der Ermordung von Juden beteiligt hatte“, sagte er. „Ich werde die Wahrheit sagen, wo die Wahrheit stattfand und das ist von keinem Gesetz abhängig.“

Dir polnische Regierung hielt davon nichts und sagte Bennetts Reise ab. Bennett eskalierte den Krieg der Worte, als er ein Foto von sich bei Auschwitz twitterte und darauf bestand, dass er die Absage als „Ehrenabzeichen“ betrachte. „Das Blut polnischer Juden schreit aus dem Boden und kein Gesetz wird es zum Schweigen bringen“, sagte er später. „Die Regierung von Polen sagte meinen Besuch ab, weil ich die Verbrechen ihres Volks erwähnte. Ich bin geehrt.“

Wie immer der Affront Polens der Geschichte gegenüber oder jüdische Empfindlichkeiten aussehen – Israel würde seinen Stolz herunterschlucken und versuchen den Schaden für seine diplomatische Lage zu minimieren. Bennett bestand darauf, dass die Besuche israelischer Schüler fortgesetzt werden; die Regierung kündigte an, dass sie einen Gipfel veranstalten würde, zu dem der polnische Premierminister eingeladen würde.

Aber Polen war noch nicht fertig. Der Tumult wegen des Holocaust-Gesetzes war noch längst nicht vorbei, das begannen Abgeordnete Gesetzesvorhaben zu erkunden, die das koschere Schlachten von Fleisch kriminalisieren würde. Das Land fror zudem Fortschritte eines Gesetzentwurfs zur Rückgabe von Besitz an Holocaustüberlebende ein. Israels hebräische Presse berichtete, dass Premierminister Mateusz Morawiecki ein Denkmal für die Heiligkreuz-Brigade besuchte, die dafür bekannt ist mit den Nazis kollaboriert zu haben. Er kommentierte zudem diesen Monat in Reaktion auf eine Frage eines israelischen Journalisten zum „KZ-Gesetz“: „Wir bestreiten die Tatsache nicht, dass es polnische Täter gab, so wie es jüdische Täter oder ukrainische Täter gab.“ Für viele jüdische Beobachter war der Kommentar jenseits von abstoßend. Es war klar, dass Polen von einer neuen Welle von der Regierung sanktionierten Antisemitismus überrollt wurde.

Noa Landau, eine ranghohe Journalistin für Israels linke Zeitung Ha’aretz, twittete, dass es eine „empörende Szene“ bei der Sicherheitskonferenz in Deutschland war, wo Morawiecki seine Bemerkungen machte. Nachdem der Premierminister „polnische Täter“ beim Holocaust mit „jüdischen Tätern“ gleichsetzte, blieb das Publikum, Europas Elite, höflich leise“, schrieb sie.

Landaus Punkt war, dass es nicht nur Polen ist, das sich seit dem Zweiten Weltkrieg nicht verändert hat; Europas Reaktion bleibt erschreckend wiedererkennbar. Israelis, die fürcheten, dass Juden Europas hasserfülltes Vermächtnis vergessen könnten, dürfen sich beruhigen. Auf absehbare zeit stellt Polen höchst selbst sicher, dass das nicht geschieht.

Polnische Einstellungen zur Zukunft der Juden während des Zweiten Weltkriegs

Manfred Gerstenfeld interviewt David Bankier (direkt vom Autor)

„Bereits 1941 und 1942 erstellten die Alliierten vorbereitende Pläne zur Organisation Europas nach Hitler. Doch die jüdische Frage spielte bei diesen frühen amerikanischen, britischen und russischen Projekten für die Zukunft keine Rolle. Auch sind keinerlei signifikante Hinweise zur Zukunft der Juden in den Diskussionen der Exilregierungen zu finden, weder in London noch sonst irgendwo. Es gab keine konkreten Pläne, sondern höchstens ein paar vage Äußerungen.“

David Bankier
David Bankier

David Bankier (1947 – 2010) war Professor für Geschichte an der Hebräischen Universität. Bis zu seinem Tod war er außerdem der Direktor des Internationalen Instituts für Holocaust-Forschung in Yad Vashem. Seine Forschungsarbeiten konzentrierten sich auf die öffentliche Meinung in Deutschland, Nazi-Politik und die Exilanten.

Bankier sagte: „Die Haltung der polnischen Führer ist besonders entlarvend, denn vor dem Krieg lebten dort dreieinhalb Millionen Juden, stellten also rund zehn Prozent der Bevölkerung. Die meisten polnischen Untergrundorganisationen glaubten, dass ein Polen nach Hitler ein Land ohne Juden sein würde. Sie wussten, dass die Mehrheit des polnischen Judentums ausgelöscht wurde.1

Diejenigen, die blieben, würden Polen nach dem Krieg verlassen müssen. Diese Ansicht kam selbst in der Organisation Zegota zum Ausdruck, dem vom polnischen Widerstand gegründeten Rat für Hilfe für die Juden. Diesem gehörten Personen an, die ihr Leben in Gefahr brachten; besonders bemerkenswert war Zofia Kossak-Szczucka, strenggläubige Katholikin, berühmte Schriftstellerin und eine der Gründerinnen der Zegota. Ihr Glaube, dass Polen kein Land war, in dem Juden leben sollten, ist höchst indikativ dafür, wie die wahren polnischen Gefühle damals aussahen.

In einem Artikel mit dem Titel ‚Wem helfen wir?‘, geschrieben im August 1943, skizzierte Kossak-Szczucka, wie die polnische Haltung gegenüber den Juden nach dem Krieg aussehen sollte: ‚Heute sehen sich die Juden der Ausrottung gegenüber. Sie sind die Opfer ungerechter, mörderischer Verfolgung. Ich muss sie retten. Handle an anderen so, wie du möchtest, dass sie an dir handeln. Dieses Gebot verlangt, dass ich alle mir zur Verfügung stehenden Mittel einsetze um andere zu retten, dieselben Mittel, die ich für meine eigene Rettung einsetzen würde. Selbstverständlich wird die Situation nach dem Krieg eine andere sein. Für den Juden werden dieselben Gesetze gelten wie für mich. Und an diesem Punkt werde ich dem Juden sagen: Ich habe dich gerettet, dir Schutz gegeben, als du verfolgt wurdest. Um dich am Leben zu erhalten, habe ich mein eigenes Leben und das Leben derer riskiert, die mir lieb waren. Jetzt bist du durch nichts mehr bedroht. Du hast deine eigenen Freunde und es geht dir in mancher Hinsicht besser als mir. Jetzt fordere ich, dass du gehst und sich irgendwo anders niederlässt. Ich wünsche dir Glück und werde dir gerne helfen. Ich werde dich nicht verletzen, aber in meinem Haus will ich alleine leben. Das ist mein Recht.

Die Juden galten nicht als Teil der Gefüges der polnischen Gesellschaft. Ihre Vorfahren mochten seit 900 oder gar 1.000 Jahren dort gelebt haben, doch weil sie nicht der nationalen Mehrheit angehörten, blieben sie Fremde. Die meisten Menschen betrachteten die Katastrophe, die über die polnischen Juden hereinbrach, nicht als Tragödie der polnischen Nation. Bestenfalls betrachteten sie zwei nebeneinander ablaufende Desaster, die von den Deutschen verursacht wurden. Eines traf die polnische Nation, das andere die Juden.

Mit Ausnahme einiger sozialistischer und kommunistischer Untergrundbewegungen verbanden sie diese beiden Tragödien nicht, indem sie sagten, das Leiden der Juden war Teil des Leidens der Polen. Wer zur politischen Mitte oder Rechten gehörte, betrachtete die Juden nicht als Mitbürger. Ihre Not konnte damit kein polnisches Leid sein. Dass die Vorfahren der Juden derart lange in Polen lebten, die polnische Staatsbürgerschaft und polnische Reisepässe hatten, war eine Formalität ohne weitere Folgen oder Rechte.

Wenn sie Äußerungen zur jüdischen Frage abgab, dann unterlag die polnische Regierung im Londoner Exil Zwängen. Ihre Erklärungen wurden von den Briten, den Amerikanern und jüdischen Organisationen gehört und daher musste sie vorsichtig sein. Deshalb erklärte sie nach dem Krieg gewöhnlich, dass alle überlebenden Juden zurückkehren und ihre Rechte erneuert würden.

Sie mussten das sagen, trotz der Tatsache, dass viele polnische Führungspersönlichkeiten im Exil langjährige Antisemiten waren. Die Mehrheit im Nationalrat der polnischen Republik in London waren polnische Nationalisten, die die Juden nicht als integralen Teil der polnischen Nation betrachteten, trotz der jüdischen Repräsentanten im Nationalrat: Ignacy Schwarzbart für die Zionisten und Artur Zygelbojm für die Bundisten. In der polnischen Armee im Westen gab es ebenfalls beträchtlichen Antisemitismus, was dazu führte, dass einige Juden aus ihren Einheiten in Schottland desertierten. Mehrere jüdische Organisationen protestierten bei der Exilregierung gegen diesen Antisemitismus.

Bei diesen, vom polnischen Untergrund ausgehenden antijüdischen Botschaften spielten wirtschaftliche Fragen eine wichtige Rolle. Das wurde noch klarer, als die Juden nach dem Krieg zurückkamen und in ihre Häuser und auf ihre Bauernhöfe zurückkehren wollten. Viele Juden waren dann seitens der Polen gewalttätigen Angriffen ausgesetzt oder wurden ermordet.“

Dies ist eine gekürzte Version eines Interviews mit Prof. Bankier, das Manfred Gerstenfeld in seinem Buch „Europe‘s Crumblings Myths; The Post-Holocaust Origins of Today’s Anti-Semitism“ (Europas veröffentlichte. Das Buch kann kostenfrei beim Institute for Global Jewish Affairs heruntergeladen werden.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Vorsitzender des Aufsichtsrats des Jerusalem Center of Public Affairs.

1 Die Einstellungen der Polen gegenüber den Juden währen des Krieges sind zum Beispiel in einer Doktorarbeit von Joanna Michlic und in Artikeln von Andrej Friszke und Szymon Rudnicki ausführlich erforscht worden.

Weiterführend lohnenswert zu lesen:
Joanna Beata Michlic: „Remembering to Remember,“ „Remembering to Benefit,“ „Remembering to Forget“: The Variety of Memories of Jews and the Holocaust in Postcommunist Poland. Institute for Global Jewish Affairs, Jerusalem, Post-Holocaust and Anti-Semitism Studies, No. 113, 1. Dezember 2011 (veröffentlicht im Januar 2012)
– Jewish Virtual Library: The Attitudes of Poles towards Jews
– Jewish Virtual Library: Jedwabne

Polnische MdEPs boykottieren UNO-Konferenz

Polen hat im Moment in „Europa“ und ganz besonders in Deutschland nicht gerade gute Karten. Die Brüder-Staatsführung gilt als ungehörig rechts, weitere Politiker machen sich mit unfreundlichen Bemerkungen Feinde, ein Priester äußert mehr als bedenklich, Bürger meckern darüber, dass israelische Besucher der Gedenkstätte Auschwitz israelische Flaggen dabei haben. Aber ausgerechnet polnische Europa-Abgeordnete sind anscheinend die einzigen, die sich gegen eine Veranstaltung auflehnen, die droht zu einer erneuten internationalen Hetze gegen Israel zu werden droht und auch noch im Europaparlament statt finden wird. Eigentlich eine Schande für „Europa“, aber mal wieder Bände sprechend. ynetnews.com berichtet:
Eine Konferenz von UNO-NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen) zum israelisch-palästinensischen Konflikt, die diesen Monat im Europaparlament stattfinden soll, wird von polnischen Mitgliedern des Europa-Parlaments (MdEPs) aus dem gesamten politischen Spektrum boykottiert werden, die sagen, dass die Konferenz einseitig gegen Israel ist.

Das Treffen, das vom 30. bis 31. August im Europaparlament statt finden soll, ist vom UNO-Komitee für die Ausübung der unveräußerlichen Rechte des palästinensischen Volkes organisiert worden.

Knesset-Präsidentin Dalia Itzik hat Hans-Gert Pöttering geschrieben, den Präsidenten der Europaparlaments, und ihn gebeten die Entscheidung des Europaparlaments zu streichen, Gastgeber für die Konferenz zu sein; NGO-Monitor aus Jerusalem sagte, die anstehende Konferenz sei ein Neuaufguss der UNO-Konferenz gegen Rassismus von Durban von 2001, auf der nie da gewesene Levels an antizionistischem Reden und Forderungen nach der Vernichtung Israels zu erleben waren.

„Ich werde an dieser Konferenz nicht teilnehmen. Ich sah die von den Organisatoren vorbereiteten Materialien gesehen“, wurde Bronislaw Geremek, ein polnisches MdEP, von der polnischen Internetseite Europa21 zitiert.

„Obwohl es darin keine offizielle Äußerung gibt, dass Israel ins Meer gedrängt werden muss, zeigt die Wahl der Themen und die Haltung zu den Problemen, dass es eine einseitige, Konflikt generierende Konferenz sein wird. Wir können sie wirklich antiisraelisch nennen“, sagte er.

„Israel kann auf die Polen zählen“

„Das ist nicht die erste solche Initiative. Die pro-palästinensische Lobby ist hier sehr aktiv. Wenn die Konferenz tatsächlich propagandistisch wird, kann Israel auf die Polen zählen“, sagte Boguslaw Sonik, ein weiterer polnisches MdEP.

Konrad Szymanski, ein weiteres MdEP, sagte: „Israels Einwände sind völlig gerechtfertigt. Das UNO-Komitee für die Ausübung der unveräußerlichen Rechte des palästinensischen Volkes ist eine Plattform für Aktivitäten einer Reihe von Extremisten. Nach Ansicht der meisten von ihnen sollte Israel verschwinden.“

„Ich bin erstaunt, dass das Europaparlament erlaubt, dass solche Aktivitäten in seinem Gebäude statt finden. Wenn es irgendwelche Aktivitäten gegen die Konferenz gibt – wie eine von MdEPs unterschriebene Petition – dann werde ich mich freuen sie zu unterstützen“, fügte Szymanski hinzu.

Es passt: „Europa“ gibt sich fortschrittlich und lässt die antiisraelischen NGOs in seinen Hallen wirken. Ein zweites Durban steht an. Wie auch anders, wenn eine UNO-Einrichtung zur „Ausübung der unveräußerlichen Rechte des palästinensischen Volkes“ agiert, aber es kein Gegengewicht gibt? Wie etwa ein „Komitee zur Sicherung der unveräußerlichen Rechte des israelischen Volkes“. Das ist natürlich überflüssig, die Israelis haben keine Juden in Ghettos gehalten, um sie gegen Araber zu benutzen. Sie haben keine Terror-Organisationen gebildet, deren Ziel es ist die Araber auszurotten – oder auch nur gewisse Landstriche von ihnen „ethnisch zu säubern“. Israel hat auch keine Organisationen und Lobbyisten, die in der Welt herumsitzen und Spendengelder einsacken, die zwar für das Volk vorgesehen sind, aber in die Taschen der Drahtzieher der Unterjochung und Versklavung des eigenen Volkes für Terror und Propaganda wandern. Das alles wird die Jünger der arabischen Lügenpropaganda nicht hindern Israel erneut massiv zu verteufeln und für alle Unbill verantwortlich zu machen, die den PalArabern von ihren „arabischen Brüdern“ zugefügt wurde oder die sie sich selbst verschafft haben. Polnische Abgeordnete setzen ein Zeichen. Wo sind aufrechte andere „Europäer“, die sich nicht weiter arabischen Dominanz-Ansprüchen unterwerfen und wieder eine eigene Meinung finden, die sich gegen Terror, Hetze und ewigen Krieg wenden?