Eine politisch inkorrekte Diagnose

Yoram Ettinger, Israel HaYom, 1. August 2017

Die politische Korrektheit suggeriert, die Lösung der Palästinenserfrage läge in einem dramatischen israelischen Zugeständnis an Land und der Gründung eines Palästinenserstaats: der Zweistaatenlösung.

Darüber hat die politische Korrektheit die Wirklichkeit des Nahen Ostens und der langfristigen nationalen Sicherheit dem Erreichen des heiligen Grals der friedlichen Koexistenz von Juden und Arabern westlich des Jordan untergeordnet. In diesem Prozess haben die „Gralsjünger“ den höchst komplexen, unvorhersagbaren, gewalttätigen, intoleranten, fragmentierten Nahen Osten übersimplifizeirt. Das ist dieselbe Denkschule, die den arabischen Tsunami von 2011 falsch als Arabischen Frühling und Übergang zu Demokratie wahrnahm,

Die politische Korrektheit hat Reden und auf Einschätzung gegründete „Hoffnung“ dem Jahrhunderte alte, durchaus gut dokumentierte Realismus vorgezogen.

Während die politische Korrektheit darin versagt hat die friedliche Koexistenz voranzubringen, hat sie die Araber gezwungen westlichen Druck auf Israel von der maximalistischen Seite her zu überflügeln, ihre Forderungen zu radikalisieren und die Friedenshindernisse weiter zu verschärfen.

Die politische Korrektheit erinnert an einen Chirurgen, der sich auf die Stelle konzentriert, an der operiert werden soll, während er die medizinische Geschichte des gesamten Körpers und deren Bedeutung für die Operation ignoriert.

Zum Beispiel hat der anhaltende arabische Krieg gegen den jüdischen Staat im Nahen Osten stattgefunden, der einen systematischen, regionalen Kriegszustand, Terrorismus, Subversion, provisorische Regime, die mit Waffengewalt agieren, dürftige Vereinbarungen, eingeschränkte Waffenstillstände und das Fehlen bürgerlicher Freiheiten zur Schau stellt – und das, seitdem der Islam im siebten Jahrhundert auftauchte. Dabei hat es sich fast ausschließlich um innerislamische, innerarabische Kriege gehandelt, die (bislang) unüberbrückbare ethnische, Stammes-, kulturelle, religiöse, historischer, ideologische Schlachten spiegeln, die die Region beherrscht haben – und das völlig ohne Bezug zu Israel.

Der arabisch-israelische Konflikt und die Palästinenserfrage sind weder „der Nahost-Konflikt“ noch haben sie für arabische politische Entscheidungsträger höchste Priorität.

Im Gegensatz zur politischen Korrektheit ist die Palästinenserfrage nie der Kern des arabisch-israelischen Konflikts oder ein Kronjuwel arabischer politischer Entscheidungsträger gewesen, ebenso wenig eine Kernfrage regionaler Turbulenzen.

Die politische Korrektheit hat angenommen, dass jedermann sich Frieden, Wohlstand und bürgerliche Freiheiten wünscht, dabei aber die Tatsache ignoriert, dass die diktatorischen arabischen Regime ihren Völkern solche Aussichten systematisch verweigert haben. Während die meisten Araber auf regionalen Frieden hoffen mögen und nicht mit Israel beschäftigt sind, hat sich das Konzept der Mehrheitsregierung im Nahen Osten nie als politische Realität durchgesetzt.

Die politische Korrektheit hat den Islam als nur eine weitere Religion unter vielen betrachtet und dabei seine fundamentalen Lehren übersehen, z.B. den ständigen Kampf zwischen dem „Wohnsitz des Islam“ und der schlussendlichen Untertänigkeit des „Wohnsitzes der Ungläubigen“; die Entschlossenheit den Islam zu verbreiten, am liebsten friedlich, aber wenn nötig auch mit Krieg; die Pflicht sein Leben dem Jihad für den Islam zu widmen; und die Option zwischenzeitliche Vereinbarungen mit den Ungläubigen zu beenden – und bei Verhandlungen Doppelzüngigkeit (taqiyya) einzusetzen.

Arabische Einstellungen gegenüber Israel entstammen der 14 Jahrhunderte alten Intoleranz gegenüber Christen, Juden, Buddhisten und anderen „Ungläubigen“, die Souveränität über „den Wohnsitz des Islam“ beanspruchen. Die Schlüsselfrage war nie die Größe, sondern die Existenz des „ungläubigen“ jüdischen Staates auf Land, das angeblich gottgewollt von Gläubigen des Islam beherrscht werden soll.

Die politische Korrektheit hat das Haupthindernis für Frieden ignoriert oder heruntergespielt: die palästinensische Erfolgsgeschichte der Welle des Terrorismus in den 1920-er Jahren, ihre Allianz mit Nazideutschland, dem Sowjetblock, den Ayatollahs des Iran, Saddam Hussein, Nordkorea und Venezuela, ihre Ausbildung internationaler Terroristen im Libanon, dem Sudan und dem Jemen und ihre aktuelle Hass-Erziehung, Aufstachelung und Terrorismus. Eine solche Bilanz bezeugt den antiamerikanischen Einschlag des vorgeschlagenen Palästinenserstaat.

Wäre die Annahme realistisch, dass Israels Abzug von den Bergketten von Judäa und Samaria (was seine Abschreckungsstellung drastisch reduzieren würde, anders als Israels beträchtliches Land-Zugeständnis an Ägypten – die Sinai-Halbinsel) die Araber veranlassen würde „dem ungläubigen jüdischen Staat“ friedliche Koexistenz zu gewähren, die sie „Glaubensbrüdern“ seit dem siebten Jahrhundert verweigern?

Wäre es realistisch anzunehmen, dass der arabische Nahe Osten, der gegenüber schwachen, verletzlichen Mitarabern gnadenlos gewesen ist, Mitgefühl gegenüber einem höchst angreifbaren „ungläubigen“ jüdischen Staat zeigen würde, wenn dieser auf einen 14 bis 24 km breiten Streifen entlang des Mittelmeers reduziert wird, den ein bergiger Palästinenserstaat überragt?

Die unergründliche Lücke zwischen der Wirklichkeit des Nahen Ostens und der Zweistaatenlösung wurde 1993 demonstriert, als der israelische Außenminister Shimon Peres für die Zweistaatenlösung und seine Vision von Frieden im „Neuen Nahen Osten“ warb. Im Versuch Israels dramatischstes Zugeständnis seiner strategisch wertvollsten Bergkette an die PLO vernünftig zu begründen behauptete Peres: „[Der PLO-Vorsitzende Yassir] Arafat ist ein nationales Symbol, eine Legende seiner Zeit [S. 17] … Das internationale politische Umfeld ist Krieg nicht mehr dienlich [S. 80] … Wir müssen uns auf diese neue Realität des Nahen Ostens konzentrieren… Kriege, die nie wieder ausgetragen werden. [S. 85] … Wir müssen nach weniger Waffen und mehr Vertrauen streben. … Man kann fast die schweren Schritte von Stiefeln hören, die nach hundert Jahren Feindschaft die Bühne verlassen. Man könnte dem sanften Schleichen neuer Schritte zuhören, die in der Erwartung des Weltfriedens ihr Debut geben. [S. 196]“

1994 wurde der Friedensnobelpreis gemeinsam an Arafat, Peres und Premierminister Yitzhak Rabin verliehen, „für ihre Bemühungen im Nahen Osten Frieden zu schaffen“. Die Nobel-Stiftung und die politischen, akademischen und Medien-Establishments entschieden sich Arafats Bilanz zu ignorieren, die mit der Gründung der Terrororganisationen Fatah 1959 und PLO 1964 ihre Highlights hatte und die acht Jahre vor bzw. drei Jahre von dem Krieg von 1967 zur „Befreiung Palästinas“ aufriefen.

Mit anderen Worten: Der palästinensische Fokus hat auf der Delegitimierung und Vernichtung des Israel von vor 1967 gelegen, wie es im Lehrplan für Schulen der palästinensischen Autonomiebehörde, in Freitagspredigten in palästinensischen Moscheen und in den palästinensischen Medien betont wird.

Das Evangelium der „Zweistaatenlösung“ ist eine Miniatur-Nachbildung der deutsch-britischen „Frieden für unsere Zeit“-Initiative des britischen Premierministers Neville Chamberlain von 1938; dieser opferte die Klarheit der nationalen Sicherheit auf dem Alter eines trügerischen Friedens. Er betrieb einem Schurkenregime gegenüber Appeasement, lieferte Deutschland den strategisch wichtigsten Landstrich der Tschechoslowakei aus, spiegelte Schwäche und regte Hitlers Appetit an; damit erzeugte er einen kräftigen Rückenwind für den Zweiten Weltkrieg.

Werden die politischen Entscheidungsträger solch schwere Patzer vermeiden – oder wiederholen?

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Erkenntniszuwachs

Am 31. Januar habe ich hier geschrieben, dass unsere Gutmenschen und Terrorhelfer islamkritischen Menschen und pro-Israel-Aktivisten immer wieder Verhalten vorwerfen, das von ihnen selbst an den Tag gelegt wird.

Bisher ist es bei der Feststellung geblieben. Aber ein Eintrag bei ElderofZiyon hat ein wenig über den Hintergrund dieses Verhaltens geliefert. Elder schreibt bei einem Vergleich der künstlichen Aufregung über die dänischen Karikaturen und die Grabungen in der Nähe des Tempelbergs:

Es gibt eine Reihe von Parallelen zwischen den Krawallen wegen der dänischen Karikaturen und den wegen des Mugrabi-Tors. Die vielleicht wichtigste und die mit der größten Bedeutung, ist die, dass die muslimische Welt völlig unfähig zu sein scheint zwischen Lüge und Wahrheit und zwischen Tatsachen und Meniung zu unterscheiden.
In beiden Fällen wird in der auf den Kopf gestellten Welt des Islam aus einer nicht unterstützbaren Meinung, die keinerlei Basis hat, die treibende Kraft hinter irrationalem Handeln. In beiden Fällen ist eine paranoide Weltsicht, in der der Westen Himmel und Hölle in Bewegung setzt um den Islam zu vernichten die einzig akzeptierte „Tatsache“ und jedes Bruchstückchen an „Beweis“, das diese absurde Weltsicht unterstützt, wird über allen rationalen Glauben hinaus gefördert.
Im Gegensatz dazu wird den 99 % der Dinge, die der Westen ausdrücklich tut, um sowohl den Islam als Religion als auch seine Anhänger als Respekt und gleichen Rechten wert zu unterstützen, keinerlei noch so geringes Gewicht gegeben.
Das ist eine Welt, wo, einfach gesagt, Paranoia die Grundlage für alles Handeln und Reagieren ist und Fakten entschieden ignoriert werden.
In diesem Licht betrachtet ist alles, was der Westen tut, um dieses Paranoia zu zerstreuen, zum Scheitern verurteilt. Israel kann die Grabungen am Mugrabi-Tor in Hochauflösung aus 20 verschiedenen Perspektiven ausstrahlen und nicht ein einziger arabischer oder muslimischer Anführer wird davon dazu gebracht werden zuzugeben, dass seine Behauptungen lange bestehender jüdischer Pläne die Al Aksa-Moschee zu zerstören seien nicht akkurat.
Was verursacht diese extreme Paranoia bei Mainstream-Muslimen?
Die Antwort kann man (als Elders Erste Regel Muslimischer Projektion) so zusammenfassen: Muslime werden ihre eigenen Verbrechen und ihre Weltsich auf jedermann projizieren.

Mit anderen Worten: Muslime sehen den Westen – und besonders die Juden – so, wie sie glauben, dass Muslime denken, dass Muslime ihn sehen. So wie Jordanien jede Synagoge der Jerusalemer Altstadt 1948 innerhalb von Tagen nach dem Gewinn der Kontrolle zerstörte – und das wurde als normal angesehen – gehen die Muslime davon aus, dass die Juden seit 1967 die Zerstörung aller Moscheen Jerusalems planen (die oft wiederholte Vorstellung der „Judaisierung“).

Noch einmal in eigenen Worten: Die gehen davon aus, dass man sich im Westen so verhält, wie sie sich selbst verhalten. Also unterstellt man ihnen die zugehörigen Motive und Absichten. Und völlig unabhängig davon, ob das Handeln der Westler mit dieser Vorstellung überein stimmt oder nicht, wird alles, was man im Westen tut, in dieser Richtung gedeutet und dargestellt.

Und genau das findet sich bei den Leuten wieder, die ich bei den im oben verlinkten Text meinte: Den Terroristen-Verstehern, Israel-Bashern, Evangelikalen-Beschimpfern, Amerika-„Kritikern“. Jedes Argument, jede Tatsache, die diesen verhassten Gruppen zugerechnete Personen von sich geben, wird unabhängig vom Inhalt ausschließlich als Hass und Verleumdung definiert. Und die Wortwahl sowie das Verhalten der sich selbst zu den Guten erklärt habenden zeigen auf, wie gehässig und die Vernichtung der anders Denkenden suchenden sie sind – und damit wie dialog- und diskussionsunfähig. Meinungsfreiheit gilt nur noch, so weit sie politisch korrekt ist. Andernfalls wird nieder gemacht, ohne Rücksicht auf Verluste. Und das nur, weil sie ihre eigenen Aggressivitäten und ihre eigene Intoleranz auf andere projizieren.

Schade, dass unsere Kultur derart den Bach runter gegangen ist.

„Die friedliche Mehrheit ist irrelevant“

Warum? Weil sie nichts unternimmt und weil sie auf die Macht verzichtet.

Brigitte Gabriel antwortet auf die Frage einer jungen Muslima (Jura-Studentin an der American University), die beklagt, dass die friedliche Mehrheit der Muslime in der Welt bzw. auch in den USA so wenig Aufmerksamkeit erhält und alle Muslime über einen Kamm geschoren werden („als schlecht bezeichnet werden“), weil sie doch eher für die Muslime steht als die Extremisten und Terroristen. Wie kann eine Ideologie mit Waffen besiegt werden (die Frage ist als rhetorische Frage gestellt, sie impliziert, dass das nicht geht)? Die Ideologie müsse ideologisch angegangen werden.

Brigitte Gabriel findet diese Frage sehr gut. Und sie antwortet erst einmal mit Geschichte:

Heute gibt es 1,2 Milliarden Muslime in der Welt. Natürlich sind nicht alle davon radikal. Die Mehrheit sind friedfertige Menschen. Die Radikalen werden auf 15 bis 25 Prozent dieser Muslime geschätzt (so alle Geheimdienste der Welt). Damit sind 75% der Muslime friedfertige Menschen. Sieht man sich aber die 15 bis 25 Prozent der muslimischen Weltbevölkerung an, dann haben wir 80 Millionen bis 300 Millionen Menschen, die sich der Vernichtung der westlichen Zivilisation verschrieben haben. Das sind so viele, wie die Bevölkerung der USA. Warum also sollten wir uns wegen 15 bis 25 Prozent Sorgen machen? Weil es die Radikalen sind, die töten. Weil es die Radikalen sind, die köpfen und massakrieren.

Wenn man sich die Geschichte ansieht, … dann waren die meisten Deutschen friedfertig. Aber die Nazis bestimmten die Agenda und als Ergebnis starben 60 Millionen Menschen. … Die friedliche Mehrheit war irrelevant.

Sieht man sich Russland an, dann waren auch die meisten Russen friedfertig. Dennoch waren die Russen in der Lage 20 Millionen Menschen zu töten. Die friedliche Mehrheit war irrelevant.

Sieht man sich China an, dann waren auch die meisten Chinesen friedfertig. Dennoch waren die Chinesen in der Lage 70 Millionen Menschen zu töten. Die friedliche Mehrheit war irrelevant.

Sieht man sich Japan vor dem Zweiten Weltkrieg an, dann waren auch die meisten Japaner friedfertig. Dennoch war Japan in der Lage sich seinen Weg durch Südostasien zu schlachten und dabei 12 Millionen Menschen zu töten, die meisten mit Bajonetten und Schaufeln. Die friedliche Mehrheit war irrelevant.

Am 11. September in den USA lebten es 2,3 Millionen arabische Muslime in den USA. Es waren 19 Hijacker nötig, 19 Radikale, um Amerika auf die Knie zu bringen, das World Trade Center zu zerstören, das Pentagon anzugreifen und fast 3.000 Menschen zu töten. Die friedliche Mehrheit war irrelevant.

Bei all unserem Reden von der Macht der Vernunft und moderaten und friedlichen Muslimen freut es mich, dass Sie hier sind. Aber wo sind die anderen, die sich äußern? …

Es ist an der Zeit die politische Korrektheit zu nehmen und auf den Müll zu werfen, wo sie hingehört.

——
Schmankerl am Rande: Es handelte sich um eine Podiumsdiskussion zu Ermordung von 4 amerikanischen Botschaftsmitarbeitern im libyschen Benghazi, darunter der Botschafter selbst. Niemand hatte von Muslimen gesprochen, niemand hatte von Hass auf Muslime gesprochen, es ging darum, was die US-Regierung hier gemacht bzw. falsch gemacht hat. Die Studentin war die, die das Thema Muslime aufbrachte.