Tanz unter Beschuss – Der Lebensrhythmus auf der israelischen Seite der Gaza-Grenze

David E. Kaplan, Lay of the Land, 23. Oktober 2019

Eine geplante Tanzaufführung an der Grenze zum Gazastreifen erinnert mich an den Golfkrieg von 1991, als der Irak Scud-Raketen auf Israel regnen ließ und Maestro Zubin Mehta aus New York zurückeilte, um Konzerte zu dirigieren. „Ich hatte viele Verpflichtungen in New York, die mich davon hätten abhalten sollen zu kommen, aber ich konnte mir nicht vorstellen nicht hier zu sein“, sagte er damals, als er Dirigent der New Yorker Philharmoniker war. Er dirigierte ausverkaufte Konzerte, wobei er seine Gasmaske genauso eng bei sich hielt wie seinen Taktstock, „vorsichtshalber!“

„Können Sie sich vorstellen“, sagte er mir in einem Exklusiv-Interview anlässlich seines 80. Geburtstags 2016 in Tel Aviv, „dass Scuds aus dem Himmel fielen, möglicherweise mit Chemikalien, dies aber die Israels nicht davon abhielt klassische Musik zu hören?“

Das sandte eine machtvolle und rührende Botschaft nicht an Typen wie Saddam Hussein – Zeitverschwendung – sondern an die Menschen in Israel, die trotz der schrecklichen Lage ihren Mut und Liebe zur Kultur behaupteten.

In „Liebe ist so stark wie der Tod“ nutzt die Tanzgruppe auch Marschmusik, die ans Militär erinnert, um Nationalstolz, die Bedeutung des Dienstes in der Armee und wie sie menschliche Sehnsucht nach persönliche Distanz auszudrücken. (Foto: Gal Dor)

Vorspulen in die Gegenwart: Dieses Charakteristikum wird von Liat Drors Tanzgruppe aus Sderot erneut zum Ausdruck gebracht, die an der Gaza-Grenze eine Aufführung gibt, um „unserer Menschlichkeit“ angesichts des Lebens unter ständigem Beschuss darzubieten. „Es ist meine Verantwortung eine Vorstellung aufzuführen, selbst unter Raketenfeuer“, sagt eine stolze und kecke Liat, künstlerische Leiterin der Sderot Adama Dance Company.

Wie also sieht das Alltagsleben „unter Beschuss“ aus?

Die leitenden Sozialarbeitsbetreuerin an der Ben Guion-Universität im Negev (BGU) Yehudit Spanglet ist eine Spezialistin für Traumaverarbeitung, die das Connections and Links Trauma Center gründete, eine mobile Einheit, die sie regelmäßig nach Sderot bringt – eine Stadt unter Beschuss.

„Ohne Frage gibt es in Sderot und Südisrael hunderte Menschen, die in einem Zustand ständigen Traumas leben. Nicht nur infolge der dort fallenden Raketen, sondern auch wegen des Knallen des Verteidigungssystems Eiserne Kuppel, das glücklicherweise die meisten einfliegenden Raketen abfängt. Die Explosionen, die im Himmel ertönen, können in den Ohren eines Menschen lange nach dem Angriff nachhallen. Viele Traumaopfer leben in Angst, selbst während ausgedehnten Waffenstillstandsperioden. Jedes Mal, wenn die Sirenen heulen und die Menschen in Deckung rennen müssen, wird der Trauma-Schaden früherer Angriffe verstärkt.“

Leben auf Messers Schneide. Eine aus dem Gazastreifen geschossene Rakete trifft eine Fabrik im Gewerbegebiet der südisraelischen Stadt Sderot und löst ihren Brand aus. Das Feuer führte zu weiteren Explosionen innerhalb der Fabrik. (Foto: Edit Israel/Flashgo)

Sie führt einen Besuch in Sderot an, als die Stadt beschossen wurde und draußen auf einer Straße „stand eine Frau, paralysiert, starrte in den Himmel. Ihr Hals war vor Angst starr, wenn die Alarmsirenen erklangen. Bevor sie einen Bunker erreichen konnte, explodierten die Raketen der Eisernen Kuppel, wie über ihrem Kopf. Ihr Ehemann wollte sie nicht ins Krankenhaus in Aschkelon bringen, daher brachten wir sie langsam nach Hause, ihr Kopf starrte immer noch hoch in den Himmel. Als sie wieder Zuhause war, nachdem wir eine halbe Stunde mit ihr geredet hatten, lockerten sich ihre Halsmuskeln und ihr Körper entspannte sich schließlich.“

Von Sderot nach Paris. Liat Dror und Nir Ben Gal sind die Gründer und Leiter des ADAMA Dance Center aus Sderot und die kreativen Choreographen und Manager  der ADAMA Dance Company. Sie begannen zusammen im Kibbuz-Workshop Zeitgenössisches Tanzensemble zu tanzen. Ihr erstes eigenes Stück „Zweiraumwohnung“ gewann den ersten Platz bei des internationalen Choreographie-Wettbewerbs „Biennale“ in Paris. Sie beschreiben ihren Choreographiestil als einzigartige israelische Kombination aus Bewegung, Theater und zeitgenössischem Tanz.

Im Kreuzfeuer gefangen

Dieser Lage unerbittlicher Gefahr für nahe der Gaza-Grenze lebenden Israelis trotzend wird eine Tanztruppe der Adama Dance Company aus Sderot einen Auftritt bieten, um zu betonen, wie es ist im Kreuzfeuer gefangen zu sein – nicht nur wegen der Raketen aus der Luft, sondern aus „Pflicht, Menschlichkeit und der Bedeutung des Selbst“.

Liat und ihr Partner Nir Ben Gal sagen, ihre neue Aufführung mit dem Titel „Liebe ist so stark wie der Tod“ wird vermitteln, was es bedeutet unter Raketenfeuer zu tanzen und unter den donnernden Klängen der Luftschutzsirenen und dem hämmernden Klängen der Raketen Kunst zu schaffen.

„Leben nahe des Gazastreifens“, sagt Liat, „präsentiert uns schwierige Fragen zum Wert der Kunst, wenn sie nicht in einem Museum ausgestellt ist oder in einem klimatisierten Theater in Sicherheit gewürdigt wird.“

Scharfes Sderot. Die Adama Dance Company startet unter der Leitung von Liat Dror und Nir Ben Gal „All‘arrabbiata – ein stilles Herz in einer lärmenden Welt“. All’arrabbiata bedeutet auf Italienisch „wütende Salsa“. Liat sagt: „Heiß und scharfe Tomaten mit würziger Zwiebelsoße… Die Schärfe dominiert nicht den Gesamtgeschmack, sondern sorgt nur dafür, dass sie zu fühlen ist.“

Die neueste Arbeit der Tanzgruppe balanciert auf der Lage aus Nationalstolz und der Notwendigkeit persönlich sein Volk zu verteidigen – daher die Einbindung von Marschmusik in die Partitur – aber auch dem menschlichen Bedürfnis nach persönlicher Distanz.

„Dieses Treffen zwischen den beiden ist in meinem Alltagsleben im Studio sehr real“, offenbart Liat.  Es begann mit ihren Erfahrungen im Dienst in der IDF (Israelische Verteidigungskräfte) „und setzte sich mit der sehr schwierigen Erfahrung Eltern von Soldaten zu sein fort“.

Sie sagt, die Show geht die Fragen des echten Lebens an, „Liebe dem Krieg vorzuziehen, mit einer komplexen Realität umzugehen und andere zu akzeptieren – sei es ein Ehepartner, ein Nachbar oder jemand mit anderen politischen Meinungen“.

Sie behauptet, das Leben in Sderot hebe diese Fragen immer heraus und „hält mich in ständiger Wachsamkeit“.

Während Tanzlehrer irgendwo sonst in der Welt sich wegen Fragen sorgen könnten, dass Schüler persönliche Probleme haben oder krank sind, hat Dror Angst:

„Werden wir in der Lage sein zu proben? Werden wir diese Probe bis zu Ende machen können oder werden die Raketensirenen ertönen? Immerhin liegt es in meiner Verantwortung selbst unter Raketenbeschuss eine Show zusammenzustellen.“

Sie sagt, die Tanztruppe verwendet Aufnahmen von „Livemusik aus Auftritten der Vergangenheit“, darunter „Lachen des Publikums, das Knacken von Stühlen und die Klänge des Atmens von Anwesenden“. Für Liat „ist das eine Form der Korrespondenz, sowohl mit unserer Vergangenheit als auch mit seiner Bedeutung für das, was sich gerade jetzt in Israel, Sderot oder jedem Ort abspielt, wo die Lücken größer sind als die Chancen auf Frieden“.

Good Vibes. Zubin Mehta dirigiert 1977 ein Konzert der Eröffnungsfeier des „Guten Zauns“ an der israelisch-libanesischen Grenze. (Foto: David Rubinger)

Musik für unsere Ohren

Als Israel 1982 im Südlibanon im Krieg war, brachte Zubin Mehta Israels Philharmonie-Orchester  ein paar Kilometer über die Grenze in ein libanesisches Tabakfeld. „Wir bauten eine Bühne unter einem Zelt auf und spielten für eine Gruppe örtlicher Libanesen.“ Nach dem Konzert, sagte Mehta, „eilten die Konzertbesucher auf die Bühne, um die Musiker zu umarmen“.

Jahre später sagte der Maestro nachdenklich: „Ich würde es so sehr lieben diesen Anblick heute noch einmal zu sehen: Araber und Juden, die einander umarmen. Ich bin jemand, der positiv denkt. Ich weiß, dieser Tag wird kommen.“

So sind wir Israelis. Denkt, was ihr wollt, aber so sind wir.

Sheri Oz, Israel Diaries, 6. Juni 2018

Ich kann die Male nicht mehr zählen, wie oft mir erzählt wurde, Israel lehre seine Kinder Araber zu hassen. Und dann geht die Region, die mehr Flugkörper erlebt – ob nun von Treibstoff angetrieben oder von Wind – als jeder andere Ort in Israel hin und macht DAS (hebräischer Originalartikel):

Die Kinder von Sderot ragieren auf Terror mit einer großen, farbenprächtigen Drachen-Veranstaltung

Dutzende Drachen werden Montag den Himmel über der Stadt Sderot füllen und ihn mit optimistischen Farben füllen. Sderots Bürgermeister Alon Davidi: „Unsere Kinder sind sehr mit positiven Aktivitäten beschäftigt; für uns werden dies Drachen des Lebens sein, nicht Drachen des Todes. Wir rufen auch die Kinder des Gazastreifens auf zu spielen und sich nicht in Terroraktionen ziehen zu lassen.“

Am Montag, den 11. Juni wird die Stadt Sderot zusammen mit dem Einkaufszentrum Mall 7 in Sderot ab 11 Uhr ein Drachen-Workshop „Afifoniada – das Wort afifon ist das hebräische für Drachen) für die Kinder von Sderot und nahe gelegene Gemeinden. Während der Veranstaltung werden Kinder Geschichten, Legenden und interessante Fakten zur Entwicklung des Drachens hören. Danach wird jedes Kind seinen eigenen Drachen bauen, auf den es eine persönliche Botschaft schreiben wird (zum Beispiel: Hoffnung, Erneuerung, Bauen und Sicherheit). Am Ende des Workshops werden die Kinder die von ihnen hergestellten Drachensteigen lassen und eine spektakuläre „afifoniada“ positiver Botschaften schaffen.

Wir sind aufgeregt, dass wir den Kindern unserer Region eine Art ausgleichender Erfahrung bieten können“, sagte der Direktor von Mall 7 in Sderot, Assi Bergel-Uzan. „Ich bin sicher, dass die Veranstaltung den Kindern helfen wird die aktuelle Assoziation mit Drachen von etwas Negativem zu etwas positivem zu verändern, wie es von Anfang an hätte sein sollen.“ „Ich möchte der Stadtverwaltung von Sderot für ihre rasche Teilnahme beim Arrangieren der Veranstaltung danken und dafür, dass sie den Kindern von Sderot zeigen, dass sie oberste Priorität haben“, fügte Marketingdirektor Nofit Cohen hinzu. „Ich bin sicher, dass die Zusammenarbeit zwischen uns für das Wohl der Kinder in der Stadt fortgesetzt wird.“

Sderots Bürgermeister Alon Davidi: „Im Gegensatz zu unseren Nachbarn im Gazastreifen, die aus dem schönen Hobby des Drachenfliegens in einen Terrorakt machen, der enorme landwirtschaftliche Schäden verursacht, bringen die Kinder von Sderot und der Region die Drachen in ihren ursprüngliche Form zurück – von ihrem Bau zum Aufsteigen in den Himmel mit der Hoffnung, dass sie nicht abstürzen. Wir arbeiten an positiven Handlungen und Optimismus und dem Wunsch, dass unsere Kinder immer glücklich sein werden. Ich fordere die Kinder von Gaza auf mit den Drachen zu spielen, die sie bauen und sich nicht von den Agenten des Terrors lieb Kind machen zu lassen – für uns sind das Drachen des Lebens und nicht des Todes.“

Das ist meine Übersetzung eines heute veröffentlichten Artikels auf der hebräischen Internetseite rotter.net.

Wir sehen also, dass Drachen im Gazastreifen früher das hier waren:

zu dem hier wurden:

und zu dem hier:

Und jetzt holt sich Sderot den Drachen zurück.

Zehn Jahre unter Raketenbeschuss

Maayana Miskin, Arutz-7, 15. April 2011

Am 16. April 2001 schossen Terroristen im Gazastreifen die erste Rakete auf das südliche Israel ab; sie zielten auf die Stadt Sderot. Am Sabbath werden seit diesem Tag zehn Jahre vergangen sein. Raketenfeuer bleibt eine ernste Sorge in den Städten im Süden, die erst letzte Woche mit einem Sperrfeuer aus Raketen und Mörsergranaten getroffen wurden.

„Damals waren sich alle sicher, dass es ein einmaliges Ereignis wäre, eine rote Linie, die niemand auch nur denken würde noch einmal zu überschreiten“, sagte Eli Moyal, der ehemalige Bürgermeister von Serot, diese Woche in einem Interview mit Ma’ariv/Nrg. „Niemand stellte sich zehn Jahre Raketenterror vor.“

Terroristen begannen mit Kurzstreckenraketen, die im Gazastreifen hergestellt wurden; man kennt sie als „Qassams“. In den ersten Jahren schlugen die Raketen ohne Warnung ein. Selbst nach dem Aufbau des Raketenwarnsystems „Farbe rot“ hatten die Einwohner höchstens 15 Sekunden, um in Schutzräume zu laufen – und oft bedeutend weniger Zeit.

Von den Raketen wurden alleine in Sderot mehrere Menschen getötet, darunter vier Kinder. Andere wurden schwer verletzt, darunter ein achtjähriger Junge, der ein Bein verlor.

Vor dem israelischen Abzug aus dem Gazastreifen 2005 und der Vertreibung der Juden aus dem Bereich waren jüdische Gemeinden in Gush Katif das Ziel vieler Raketenangriffe. Der Gaza-Gürtel wurde 2004 mehr als 280-mal getroffen, 2005 170-mal, sahen sich aber keinen täglichen Angriffen ausgesetzt.

Nach der Vertreibung begannen die Terroristen allerdings weit häufiger anzugreifen; sie beschossen die Region 2006 mit 946 Raketen; 2008 waren es 2.048. Nach der Machtübernahme der Hamas 2007, als UN-Beobachter von der Grenze flohen, schaffte es die Hamas mehr fortschrittliche Mittelstrecken-Raketen einzuschmuggeln und dehnten ihre Anschläge über Sderot und den Gaza-Gürtel hinaus aus. Städte wie Ashkelon, Be’er Sheva, Ashdod und Ofakim wurden ebenfalls zu ihren Opfern.

Die Antiterror-Operation „Gegossenes Blei“, bei dem Israel einen großen Teil der Infrastruktur und Waffenlieferungen der Hamas zerstörte und geschätzte 700 Hamas-Terroristen tötete, führte zu einer vorläufigen Schonung. Doch vor kurzem ging die Hamas wieder in die Offensive, schoss Raketen auf Netivot, Ofakim, Be’er Sheva und Ashkelon.

„Im Nachhinein war diese [erste] Qassam ein klares Zeichen, dass die Hamas eine Kampf mit Israel haben wollte“ sagte der ehemalige Verteidigungsminister Amir Peretz, der in Sderot wohnt, gegenüber Ma’ariv. „Anfangs behandelten wir die Qassam nicht als etwas, das eine Bedrohung oder Gefahr sein könnte. Wir gingen damit als einem Versuch der Palästinenser um uns zu drohen, nicht mehr.“


Der Alarm „Farbe rot“ ertönt; Kinder suchen Schutz.


Spielplätze wurden wegen Raketengefahr in Gebäude verlegt.


Eine Sammlung gebrauchter Raketen in Sderot.


Folgen eines Raketenangriffs auf den Raum einer Kindergartengruppe.


Gaza-Terroristen trafen einen Schulbus, ein Kind wurde schwer verletzt.

Ein bösartiger Geisteszustand offenbart

Ein gängiges Klischee ist immer wieder, dass „so ein paar Qassam“ (in der Regel mit dem Adjektiv „selbstgebaut“ verharmlost) von den Betroffenen gefälligst nicht so hochstilisiert werden sollen. Sie sind kein Grund für die „völlig übertriebene Reaktion“, wie Israel sie über den Jahreswechsel gezeigt hat. Dazu wird dann gerne Leichenfledderei mit dem Vergleich der Zahl der Toten auf beiden Seiten bemüht. Die sonstigen Auswirkungen des Raketenterrors bezieht bei den „israelkritischen“ „Nahost-Experten“ niemand mit ein. Psychologische Schäden werden allenfalls den „Opfern der israelischen Aggression“ zugestanden. Dieser Haltung widmete Yaakov Lozowick am 25. Januar 2009 einen Eintrag in seinem Blog:

Eines Abends während der Kämpfe kam ein junger Mann aus Sderot hinauf nach Jerusalem und hielt einen Vortrag in einem öffentlichen Forum. Er erzählte von den Kräfte zehrenden Wirkungen des achtjährigen Lebens unter Feuer. Davon, wie Lieferanten seines Lebensmittel-Ladens nicht mehr liefern wollten, so dass die Leute zu den großen Supermarkt außerhalb der Stadt fahren mussten, weil dieser besser ausgestattet ist. Wie er sein Möglichstes tat niemanden zu entlassen, nachdem ein Angestellter, der sein Vater hätte sein können, in Tränen ausbrach, als ihm mitgeteilt wurde, dass es nicht genügend Einkünfte gab, um ihn noch länger zu bezahlen. Wie Familien unter der nie endenden Belastung auseinanderbrachen. Wie seine fünfjährigen Zwillinge, die nie ein Leben ohne die Sirenen gekannt haben, in Panik ausbrachen, als sie auf einer Fahrt in den ruhigen Norden in der Ferne einen Krankenwagen hörten und ihre sichere, geschützte Ecke nicht hatten, in die sie entkommen konnten.

Davon waren seine Zuhörer peinlich berührt, weil sie ihr Leben in Gleichgültigkeit dem allen gegenüber gelebt hatten.

Gideon Levy veröffentlichte am Freitag eine weitere Tirade. Man muss sie nicht gelesen haben, es ist das übliche Wirrwar an Ungenauigkeiten, entgegen der Chronologie der Wirklichkeit aneinandergereihte Fakten, ein Haufen Ideologie und Hass… das Übliche eben. Aber er hatte einen entlarvenden Ausrutscher, den seine Herausgeber in der hebräischen Druckversion als Werbung aus dem Text nahmen und unter das Bild setzten. Er sagt als Beschreibung der Halbwegsruhe der Hudna-Periode seit dem Sommer:

Die Tatsache, dass die Einwohner des Südens eine Zeit der Ruhe erlebten, fast ohne Qassam-Raketen, wurde getrübt…
Ja, es gab Qassams und Mörser – wenige, unnötig, unproduktiv – die in Weisheit hätten vergeben werden sollen.

Die vielleicht wichtigste Einzelfrage der gerade von uns durchgeführten Operation ist, dass wir uns endlich aus unserer grausamen Lethargie erhoben und klar gemacht haben, dass es so etwas wie ein akzeptables Level an Gewalt gegen uns gibt, den der Rest übersehen oder vorgeben kann nicht zu sehen. Wir sind verantwortlich für uns alle.

Wenn man richtig fiese Nachbarn hat

Wir haben hier einen schönen November-Freitag – sonnig, warm, blauer Himmel, milde Brisen. Und der vierte Tag in Folge mit terroristischem Raketenfeuer aus dem von der Hamas kontrollierten Gazastreifen auf zivile israelische Ziele.

Fünf Raketen schlugen seit dem heutigen Morgengrauen in Israel ein [der Beitrag wurde gegen 14.30 Uhr eingestellt]. Zwei gingen in Sderot nieder, drei in der Negev-Wüste. Die Al Quds-Brigaden, teil der Terrorgruppe Islamischer Jihad, gab die übliche die Muskeln spielen lassende, vor Hormonen triefende Presseerklärung aus, mit der sie die Verantwortung für sich beanspruchten. In der Zwischenzeit sind die Eltern israelischer Schulkinder von den Behörden aufgefordert worden wachsam zu bleiben – was immer das heißt.

Gestern, am Donnerstag, wurden vier weitere Qassam-Raketen nach Israel geschossen. Und seit dem letzten Dienstag haben palästinensisch-arabische Terroristen nicht weniger als 50 Raketen nach Israel geschossen. Eine davon landete nahe der Neot-Grundschule in Aschkelon, wo 700 Kinder sich auf eine Luftangriffs-Übung vorbereiteten, die einen realeren Charakter annahm und das nicht zum ersten Mal. Kinder, die von der Sirene in Angst versetzt wurden, wurden kurz darauf von ihren Eltern eingesammelt.

Sagen wir „in Angst versetzt“? Unsere Gesellschaft ist keine, die ohne Grund zittert. Sehen Sie sich die folgenden Grafiken an, die zusammenfassen, wie es ist in einer Nachbarschaft zu leben, wo die Barbaren ohne jegliche Zurückhaltung agieren und das weit gehend ohne jegliche Aufmerksamkeit von Medien oder Regierung außer seitens der Israelis. (Daten mit freundlicher Genehmigung von hier.)

Raketen, die während der vergangenen 12 Monate von Gaza-Terroristen nach Israel geschossen wurden.

Mörser, die seit Oktober 2007 nach Israel geschossen wurden.

Israelische Opfer – Opfer der Raketen und Mörser der Hamas nur in den letzten zwölf Monaten und nur in den Orten und Städten, die in der Nähe des von der Hamas kontrollierten Region Gaza liegen [lila=Verletzte, grün=Tote].

Die Diagramme oben wurden vor dem wilden Feuern dieser Woche erstellt. Welches Land mit Selbstachtung – außer Israel – würde jemals diese Art unbarmherziger Attacken auf seine Zivilbevölkerung ohne Flächenbombardement auf die terroristischen Täter in ihrem Schlangennest-Festungen hinnehmen?

Eine Waffenstillstandsvereinbarung mit der Hamas folgt „Einem Fehlschlag, schlimmer als der Zweite Libanonkrieg“

Dr. Joel Fishman, Makor Rishon, 20. Juni 2008

Am Dienstagabend, 17. Juni 2008, verkündete die ägyptische Regierung, dass eine Waffenstillstandsvereinbarung zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen am Donnerstag, 19. Juni, 6 Uhr morgens in Kraft treten würde. Diese Abmachung bedeutet im Grunde, dass Israel indirekt eine Terrororganisation anerkennt und mit ihr verhandelt, die sich seiner Vernichtung verschrieben hat. Davor gab es in der Woche erbitterte Diskussionen und den Austausch gegenseitiger Beschuldigungen bezüglich der Frage, ob Israel massiv mit bewaffneten Kräften im Gazastreifen einmarschieren sollte, um den Terrorakten ein Ende zu setzen, zu denen auch der Beschuss der Zivilbevölkerung des westlichen Negev und Aschkelons mit Raketen und Mörsern gehört. Am 16. Juni gab das Außenministerium eine Erklärung aus, mit der es die Öffentlichkeit informierte, dass „die Tatsache, dass die Hamas einen gewalttätigen Staatsstreich gegen die pragmatischere, von Abu Mazen geführte palästinensische Autonomiebehörde durchführte, beweist, dass sie nicht Willens sind an dem Prozess teilzunehmen, durch Kompromiss Frieden zwischen Israel und der palästinensischen Autonomiebehörde zu erzielen, der 1993 mit den Vereinbarungen von Oslo begonnen wurde.“

Es ist wahrscheinlich, dass jegliches Arrangement mit der Hamas nur vorläufig sein wird und nur so lange dauert, wie es denen gefällt. Im Austausch für eine unbestimmt lange Pause in den Feindseligkeiten plant Israel die Vorteile relativer militärischer Stärke aufzugeben, während sein Feind sich auf die nächste Runde vorbereitet, seine Kräfte ausbildet, Befestigungen baut und neue Waffen einschmuggelt. Der Prototyp dieser Transaktion war der Waffenstillstand von Hudaibiya aus dem Jahr 628 unserer Zeitrechnung, den Mohammed mit dem mekkanischen Stamm der Quraisch zu einer Zeit schloss, als seine Streitkräfte relativ schwach waren. Später, als er mehr Anhänger gewonnen hatte, brach er den Vertrag und besiegte diesen Stamm. Die Internetseite Israel Forum schreibt dazu: Dieser Waffenstillstand wurde zum Modell und zum Präzedenzfall im islamischen Recht für alle Vereinbarungen mit Ungläubigen; er darf nie länger als zehn Jahre dauern (mit der Möglichkeit einer Verlängerung um weitere zehn Jahre, keinesfalls mehr).“ Innerhalb eines breiteren Blicks ist, wie Mao einst schrieb, das wichtige Ziel einer jeden Guerillabewegung einfach weiter zu existieren. So gesehen ist der Staat Israel der Hamas unnötig behilflich gewesen.

Die Auswirkungen alternativ wählbarer Politik, einer Waffenruhe oder möglicher Militäraktionen im Gazastreifen, sind keiner ernsthaften öffentlichen Diskussion unterzogen worden und einige der Hauptfragen wurden vernebelt. Zudem ist die Tendenz der Medien irreführend, die jüngsten Entwicklungen hauptsächlich aus der Perspektive der Gegenwart so darzustellen, als seien sie völlig neu.

Heute vor einem Jahr, am 20. Juni 2007, verlor Israel Ze’ev Schiff, einen seiner besten Militäranalysten. Zwölf Tage vor seinem Heimgang erschien einer seiner letzten Artikel in Ha’aretz: „An Israeli Defeat in Sderot“ (Eine israelische Niederlage in Sderot). Obwohl seitdem ein Jahr vergangen ist, hat der Artikel seinen Wert behalten. Wäre Schiff heute noch am Leben, hätte er denselben Artikel mit nur unwichtigen Änderungen schreiben können. Einige seiner Schlussfolgerungen sind diese:

  1. Israel ist in Sderot besiegt worden;
  2. Der Feind hat die gesamte Stadt still gelegt und das normal Leben zum Stehen gebracht;
  3. Die Menschen in Sderot haben nicht das Gefühl, dass das Land hinter ihnen steht;
  4. Die Regierung hat es nicht geschafft, aus dem bombardierten Sderot in ein nationales Verteidigungsprojekt zu machen, das die Einschätzung stärkt, dass diese Regierung in der Lage ist die Nation in einer militärischen Konfrontation zu führen;
  5. Der Feind, der Sderot besiegt hat, ist eine Terrororganisation, die militärisch schwach ist, es aber trotz dieser Schwäche geschafft hat gegenüber Israel eine Abschreckung zu erzielen, so wie es die Hisbollah [im Norden] machte.
  6. Israel befindet sich mit der Hamas in einem militärischen Patt. Das ist ein ernster nationaler Fehlschlag, der schlimmer ist, als der Fehlschlag des Zweiten Libanonkrieges.
  7. Entgegen der von David Ben Gurion eingeführten Tradition, hat der Feind die Kämpfe auf israelisches Territorium bringen können.

Seit Ze’ev Schiff das schrieb, sind weitere Raketen auf Sderot gefallen; Mörser sind auf die umliegende Region nieder gegangen. Einige Grad-Flugkörper haben Aschkelon getroffen. Menschen verlassen einige Gebiete in der Nähe der Grenze zum Gazastreifen. Es ist bemerkenswert, dass Schiffs Beschreibung der Niederlage seiner Ansicht nach eng damit verbunden war, dass die Regierung die traditionellen „Kernwerte“ der israelischen Gesellschaft verlassen hat. Er nannte die Situation eine „nationale Schande“.

Die Regierung Israels hat sich Zeit gelassen, um effektiv auf den Hamas-Terror zu reagieren, insbesondere auf den Verschuss von Raketen und Mörsern auf jüdischen Städte und landwirtschaftliche Siedlungen. Einer der Gründe dafür ist, dass sowohl die Regierung als auch die Armee nicht in der Lage gewesen sind, der politischen Kriegsführung entgegenzutreten. Die Armee hat sich zwar recht gut geschlagen, was die Logistik und kreative Problemlösungen bezüglich Kämpfen in dicht besiedelten Gebieten angeht, wie es in Jenin 2002 der Fall war, aber sie hat den Fehler gemacht, das ausschließlich „von einem rein militärischen Standpunkt aus zu tun“. Die Armee und die politische Führung haben darin versagt Israels Legitimität und die Ausübung des souveränen Rechts auf Schutz der eigenen Zivilbevölkerung zu verteidigen. Dieses Versagen ist schmerzlich offenbar geworden, weil Israel sich in dem Zustand eines sich in die Länge ziehenden Konflikts befindet.

In der Vergangenheit bestand der Staat Israel auf dem Prinzip, dass im Umgang mit Regimen, die erlaubten, dass ihr Territorium aus Ausgangspunkt für Terror benutzt wird, diese zur Rechenschaft gezogen werden. Derzeit ist klar, dass der Staat seine traditionelle Politik aufgegeben hat, dass die anderen den Preis für den Terror gegen die israelische Zivilbevölkerung zu zahlen haben. Die Tatsache, dass Israel im Krieg der Worte und Ideen nicht auf seinen legitimen Ansprüchen bestanden hat, stellt ein schwerwiegendes Versäumnis seitens der Regierung dar.

Unter den gegenwärtigen Umständen könnte eine massive Militäraktion im Gazastreifen ein ernsthafter Fehler sein. Die Bevölkerung dort ist schwer bewaffnet und das Gebiet dicht besiedelt. Darüber hinaus gibt es auch keinen überzeugenden Grund dafür, dass Israel Verluste erleidet, um für das schwache und diskreditierte Regime des Abu Mazen den Weg freizumachen. Wenn im Gazastreifen langfristige Ergebnisse erzielt werden sollen, dann ist es notwendig einen fundamentalen Regimewechsel im Geist der amerikanischen Besetzung Deutschlands und Japans nach dem Zweiten Weltkrieg herbeizuführen.

Es wäre nötig die Hamas-Institutionen der zivilen und politischen Gesellschaft neu zu formen und eine völlig neue Organisation zu schaffen, die weder mit der palästinensischen Autonomiebehörde noch mit der Muslimbruderschaft verbunden ist. Ein neues Grundgesetz müsste die Hamas-Charta ersetzen. Das würde entschiedene Polizeiarbeit verlangen, rechtliche Reform, den Neuaufbau der Justiz und des Bildungssystems, politische Säuberungen, Zensur der Presse und der Predigten in den Moscheen und die Neuschreibung der Schulbücher. Ein solches Programm würde Israel die Verantwortung für die Gesundheit, soziale Wohlfahrt und Ernährung der Zivilbevölkerung des Gazastreifens aufgeben – eine schwere Last, die jenseits seiner Möglichkeiten und Ressourcen liegt.

Es ist wahrscheinlich, dass die neue Waffenstillstands-Vereinbarung nicht in einer Beendigung der Feindseligkeiten münden wird. Da diese Abmachung es dem Feind ermöglichen wird sich auf die nächste Runde vorzubereiten, muss auch Israel sich auf das Worst-Case-Szenario vorbereiten. Was im Endeffekt übrig bleibt, ist die Option der Abschreckung. Israel sollte eine permanente und effektive Informations-Kampagne beginnen, um sein Recht auf Selbstverteidigung zu schützen und den Feind zu diskreditieren. Es sollte ständig daran arbeiten die Unterstützung der Bevölkerung des Gazastreifens für das Regime der Hamas zu untergraben und auf das Mögliche ausdehnen: etwas Verständnis in der arabischen Welt zu gewinnen. Es ist unvorstellbar, dass eine Terror-Organisation, die sich mit dem Mord von israelischen Zivilisten beschäftigt, von Rechten profitiert, die das internationale Recht verleiht. Daher mus Israel bereit sein sich gegen großen internationalen Druck zu stellen. In Verbindung mit einer energischen Informations-Kampagne muss Israel bereit sein Maßnahmen kraftvoller Abschreckung und Vergeltung anzuwenden. Gewisse militärische Optionen, wie Artillerie- und Raketenbeschuss, Luftangriffe, wie auch gezielte Tötungen, sollten angewendet werden, um die andere Seite zu überzeugen, dass jeder Angriff auf israelische Zivilisten teure und schmerzhafte Folgen haben wird.

Dr. Joel Fishman arbeitet an einem Forschungszentrum in Jerusalem.