Der nicht erklärte Krieg der deutschen Linken gegen Israel

Kommunisten im Osten und Linke im Westen waren aktive Feinde des jüdischen Staates

Benjamin Weinhal, The Standard, 19. Oktober 2016

Heinz Hoffmann (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1982-1217-023 / unbekannt / CC-BY-SA 3.0)

Das fundierte neue Buch des Historikers Jeffery Herf zeigt, dass gegen Israel gerichteter, von Deutschen angeregter linker Terrorismus keine Taktik, sondern eher Teil einer auf einen langen Krieg angelegten Strategie zur Vernichtung des jüdischen Staates war. Akademische Studien und Journalismus zum heute nicht mehr bestehenden ostdeutschen kommunistischen Staat und radikalen westdeutschen Gruppen haben es bislang versäumt den fortgesetzten Krieg gegen Israel (und, kann man argumentieren, gegen die Vereinigten Staaten) zu erforschen.

Undeclared Wars with Israel: East Germany and the West German Far Left 1967-1989[1] ist der Titel von Herfs gewaltiger Studie. Um die Deutsche Demokratische Republik zu verstehen, muss man ihre Gegnerschaft zur Gründungsphilosophie des jüdischen Staates, nämlich dem Zionismus, verstehen. „Die ostdeutsche Diktatur war eine andere Art von Diktatur als die ihres Nazi-Vorgängers, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen wurde es die weite Diktatur, die den Zionismus als Feind betrachtete“, schreibt Herf.

Herf analysiert wiederholt die große Ironie in der leeren antifaschistischen Rhetorik der DDR und der radikalen Westdeutschen. Die Führer des Regimes, von denen viele gegen die Hitlerregierung kämpften, internalisierten den tödlichen Antisemitismus der Nazis, was unerbittlich zu ihrem Wunsch führte Israel zu demontieren. Die DDR bringt Theaterautor Bertholt Brechts berühmten Satz in Erinnerung: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

Herf bietet ausführliche Beweise dafür, dass die DDR heimlich Militärmaterial an Israels Feinde im Nahen Osten lieferte – einschließlich dem kriegslustigen Regime von Hafez al-Assad in Syrien, das ein strategischer Partner Ostdeutschlands war.

Nehmen wir zum Beispiel den Zeitraum von 1970 bis 1974, in dem „Ostdeutschland etwa 580.000 Kalaschnikow-Sturmgewehre und Maschinengewehre an die Streitkräfte Ägyptens und Syriens lieferte, rund 125 ihrer MiG-Kampfflugzeuge reparierte und wartete und Millionen Kugeln lieferte, dazu viele tausend Panzerfäuste und Landminen und Millionen Patronen.“

Herf grub tief in den deutschen Archiven, um Informationen über den von der DDR gesponserten Terrorismus zu erlangen. Seine Betrachtung des mächtigen DDR-Verteidigungsministers General Heinz Hoffmann fängt die Allianz des Stalinismus nach DDR-Art mit den Diktatoren des Nahen Ostens in den frühen 1970-er Jahren säuberlich ein. Hoffmann sprach gegenüber seinen irakischen Gesprächspartnern von „den Gemeinsamkeiten in unserem Kampf gegen Imperialismus und Zionismus“.

Einer der vielen neuen Beiträge Herfs zu Ergründung des von der DDR gesponserten Staatsterrorismus ist sein Rahmenkonzept: Er nennt es „Ostdeutschlands eurozentrische Definition der Terrorbekämpfung“. Ein Element dieser Definition war eine Quid-pro-quo-Politik bezüglich der palästinensischen Terrororganisationen. Die DDR lieferte den Palästinensern Waffen und aufwändige Ausbildung in Tausch dafür, dass sie auf Terroranschläge in Westeuropa verzichteten. Mit anderen Worten: Die DDR beauftragte die Araber des Nahen Ostens weitgehend mit ihrem Krieg gegen die Juden.

Gleichwohl erlaubten die Ostdeutschen, wissentlich oder nicht, den Libyern 1986 in der Westberliner Diskothek La Belle eine Bombe zu zünden, die 3 Menschen, darunter zwei US-Soldaten, tötete und 229 weitere verletzte, einschließlich 79 US-Militärpersonal. Eine konkrete Verbindung zwischen der palästinensischen Gruppe Schwarzer September und der Ermordung von 11 israelischen Sportlern und einem deutschen Polizisten bei den Olympischen Spielen von München 1972 kann nicht aufgrund von Archivmaterial belegen. Vertreter von Stasi und weiteres DDR-Personal zerstörten enorme Mengen an Dokumenten, als 1989 die Berliner Mauer fiel.

Die westdeutsche Linksextreme Ulrike Meinhof von der Baader-Meinhof-Gruppe – vielleicht die berühmteste deutsche Terroristin der damaligen Zeit – war wegen des Massakers an den Israelis euphorisch. Herf beschrieb ihren Aufsatz, mit dem sie die Morde an israelischen Athleten feierte, als „eines der wichtigsten Dokumente in der Geschichte des Antisemitismus in Europa nach dem Holocaust“. Meinhof nannte den Anschlag des Schwarzen September als „antiimperialistisch, antifaschistisch und internationalistisch“. Der Anschlag von München richtete sich gegen „Israels Nazi-Faschismus“. Meinhof und Andreas Baader haben bei vielen Teilen der heutigen deutschen Linken immer noch eine Art Bonnie und Clyde-Promistatus.

Während die DDR-Waffenlieferungen an palästinensische Terroristen und arabische Staaten ein Schlaglicht auf die existenzielle Bedrohung Israels werfen, lässt Herf die westdeutsche Regierung nicht vom Haken. Ein selten behandeltes Thema in der modernen deutschen Geschichte ist Kanzler Willy Brandts Preisgabe Israels während des Yom Kippur-Krieges von 1973. Nach einem Überraschungsangriff mehrerer arabischer Armeen steckte Israel in der Klemme, benötigte dringend Waffen und Munition. Präsident Richard Nixon und Außenminister Henry Kissinger waren enorm frustrier, dass Brandt klammerte sich eisern an seine „neutrale Haltung hinsichtlich des Konflikts im Nahen Osten“. Die Nixon-Administration versuchte den Hafen von Bremerhaven zur Lieferung von Waffen an die Israelis zu nutzen. Nixon sagte damals: „Es darf nicht erlaubt werden, dass die Israelis verlieren.“

Herf zeigt die überaus offenkundige Kluft zwischen Rhetorik und Handeln Westdeutschlands; dazu schreibt er: „Westdeutschlands Neutralitätshaltung … lief auf eine einseitige Haltung zugunsten der arabischen Staaten hinaus, obwohl es die Araber waren, die die Verantwortung für den Krieg trugen.“

Brandts Scheinheiligkeit wurde von Herf so zusammengefasst: „Der Kanzler, der so berühmt in einem Akt der Sühne am Mahnmal für die im Warschauer Ghetto getöteten Juden niederkniete, erklärte sein Land in den schrecklichsten Tagen der Geschichte Israels seit 1948 für neutral.“

Die merkwürdige Besessenheit großer Teile der deutschen Eliten den Massenmord an Juden während der Schoah zu betrauern, während die Völkermorddrohungen des Iran, Israel auszulöschen, ignoriert oder heruntergespielt werden, ist eine Fortsetzung der Politik Brandts. Der aktuelle sozialdemokratische Außenminister Frank-Walter Steinmeier zum Beispiel, ein diensteifriger Unterstützer des Atomdeals mit dem Iran aus dem letzten Jahr, nannte die Kritik des israelischen Premierministers Netanyahu an der Vereinbarung „grobschlächtig“.

Während die extreme Linke in Westdeutschland nicht Teil des DDR-Staats war, profitierte sie von Ostdeutschlands Förderung palästinensischer Terroristen. Dieses Jahr bringt den vierzigsten Jahrestag der Entführung eines Air France-Flugzeugs durch ein Team aus deutschen und palästinensischen Terroristen. Israelische Kommandotruppen befreiten 1976 erfolgreich fast alle der mehr als 100 Geiseln auf dem Flughafen Entebbe. Die Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) und Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann von den westdeutschen Revolutionären Zellen führten die Entführung durch.

Herf schreibt, dass die Trennung der nichtjüdischen Passagiere von den jüdischen Passagieren der erste Selektionsprozess von Deutschen seit dem Holocaust war. Darüber hinaus „war es das erste und einzige Mal nach 1945, dass Deutsche – egal, ob West oder Ost – Maschinengewehre auf unbewaffnete Juden richteten und drohten sie zu töten“. Die Israelis eliminierten die deutschen Terroristen während der Rettung in Entebbe. Das Buch dokumentiert akribisch die linke Gewalt, die sich gegen israelische und jüdische Einrichtungen in Westdeutschland und im Ausland richtet.

Die Ursprünge der Bewegung Boykott, De-Investition und Sanktionen (BDS), die sich gegen Israel richtet und 2005 begann, kann annähernd bis 1967 zurückverfolgt werden. Die bis zur Vergasung wiederholten Angriffe der DDR, der Sowjetunion und westdeutscher Linker, die behaupten Israel sei eine neue Erscheinungsform der Hitlerbewegung, beginnt in diesem Zeitraum.

Das Buch rappelvoll mit neuen Erkenntnissen zur tödlich antisemitischen Außenpolitik der DDF und der tödlichen Sozialpsychologie der westdeutschen Radikalen. Leider sind die Lektionen aus Herfs Buch bei der deutschen Linken nicht durchgedrungen. Die Linkspartei, der Nachfolger der in der DDR herrschenden Sozialistischen Einheitspartei, ist heute die größte Oppositionspartei im Bundestag. Die Linkspartei setzt die Tradition der Angriffe auf Israel fort.

Kanzlerin Angela Merkels Koalitionspartner SPD hat eine „strategische Partnerschaft“ mit der palästinensischen Fatah-Organisation gebildet, die die Ermordung von Israelis begrüßt.

Dieses bahnbrechende Buch muss gelesen werden, weil es ein tieferes Verstehen der Zeit des Kalten Krieges und des linken Krieges gegen Israel fördert. Wenn es Deutschland ernst damit ist sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen, dann wird ein deutscher Verleger Herfs umfassende Studie zügig übersetzen.

[1] Nicht erklärte Kriege gegen Israel: Ostdeutschland und die westdeutsche extreme Linke 1967 – 1989

Die Entwicklung des Antizionismus in der Nachkriegs-Sowjetunion

Manfred Gerstenfeld interviewt André Gerrits (direkt vom Autor)

Der Antizionismus wurde in der Außenpolitik der Sowjetunion gegen Ende der 1940-er Jahre zu einem bedeutenden Element. Die sowjetische Führung hatte Israels Gründung in der UNO-Vollversammlung im November 1947 unterstützt. Sie glaubte, Israel würde ein Verbündeter im Nahen Osten werden. Es stellte sich sehr schnell heraus, dass das nicht der Fall sein sollte.

Der ursprüngliche Antizionismus der Sowjetunion fußte auch auf anderen Überlegungen. Die unerwünschte Popularität Israels bei vielen Juden dort wurde in ihrem enthusiastischen Willkommen der ersten israelischen Botschafterin in Russland, Golda Meir, im Jahr 1948 deutlich. Darüber hinaus war aus der ideologischen Auffassung heraus der Kommunismus gegen jede Form des Nationalismus, einschließlich der jüdischen Versionen, zionistisch oder nicht.

Andre Gerrits
André Gerrits

Der Historiker André W. M. Gerrits ist Professor für Russland und internationale Studien an der Universität Leiden in den Niederlanden. Eines seiner Bücher trägt den Titel „The Myth of Jewish Communism: A Historical Interpretation“ (Der Mythos des jüdischen Kommunismus: Eine historische Interpretation).

Die Kommunisten haben den Zionismus immer als kleinbürgerliche Abweichung betrachtet, ebenso als Ausdruck des jüdischen Nationalismus. Die Gewichtung, die der Antizionismus in der Sowjetunion und anderen kommunistischen Ländern während verschiedener Perioden erhielt, hing in der Hauptsache von internationalen Entwicklungen ab. Antizionismus spielte bei den kommunistischen Führungskämpfen Ende der 1940-er und Anfang der 1950-er Jahre in der Tschechoslowakei eine Rolle, ebenso am Ende der 1960-er Jahre in Polen.

Die kommunistischen Führer in der Sowjetunion und der Tschechoslowakei nutzten keine offen antijüdischen oder antisemitischen Argumente. Der Antizionismus jedoch passte gut in Stalins Außenpolitik. Es schien auch so, dass Stalin und seine tschechoslowakischen Anhänger glaubten, Menschen nur des Trotzkismus und Titoismus zu beschuldigen würde weniger Resonanz in der Partei haben als Antizionismus. Das war nur ein weiteres Beispiel für die kommunistische Manipulation des Antizionismus als Instrument politischer Ziele – in diesem Fall die Bestätigung voller politischer Kontrolle über die tschechoslowakische kommunistische Partei.

Der Antizionismus war zudem ein Faktor in den Beziehungen der Sowjetunion zu den Vereinigten Staaten und ihren Bemühungen die Beziehungen zu den arabischen Staaten und dem Iran zu stärken. Erst Ende der 1980-er Jahre, als Gorbatschow die Gesamtausrichtung der Außenpolitik änderte, hörte der Antizionismus auf ein politisches Propagandamittel der Sowjets zu sein.

Man könnte sagen, dass der Antizionismus ein traditionell ideologisches Leitmotiv ist, der hauptsächlich als internationales politisches Instrument genutzt und manipuliert wurde. Antizionismus hat tiefe Wurzeln in der sozialistischen Bewegung und sollte nicht mit Antisemitismus verwechselt werden. Frühe jüdische Sozialisten stellten sich ebenfalls gegen den Zionismus.

Es ist unter Historikern viel zu Stalins Plänen gegen Ende seines Lebens spekuliert worden, die sowjetischen Juden zu deportieren. Es gibt unter ihnen dazu keinen Konsens. Ich habe niemals Belege gesehen, dass Stalin konkrete Pläne hatte alle Juden nach Sibirien zu schicken. Er war höchstwahrscheinlich nicht an der Initiierung von Pogromen interessiert, wenn auch nur hinsichtlich seines obsessiven Hangs zu totaler Kontrolle der sowjetischen Gesellschaft.

Kurz vor Stalins Tod 1953 beschuldigte er neun Ärzte – sechs davon Juden – eines Komplotts zur Vergiftung der sowjetischen Führung. Diese berüchtigte Verschwörung der Ärzte war eine extreme Manifestation des Misstrauens Stalins gegenüber allen ethnischen Gruppen, die eine „Verbindung“ zu anderen Ländern hatten, insbesondere seines Argwohns gegenüber den Juden. Oft wird gefragt, ob Stalin Antisemit war. Wir wissen das wirklich nicht. Stalin ließ sehr wenige Juden in sein direktes Umfeld, aber sein politischer Argwohn war weit davon entfernt sich nur auf Juden zu beschränken.

Stalins Nachfolger ließen alles fallen, was es an antijüdischen Plänen im Kreml gab. Sie erkannten die Absurdität der Anschuldigungen in der Ärzte-Verschwörung und wollten keinen Pogromen und Deportationen ins Auge sehen.

Soweit ich weiß führten die Beziehungen zu Israel und der arabischen Welt bei späteren sowjetischen Führern niemals zu ernsthaften Unstimmigkeiten. Das geopolitische Umfeld im Nahen Osten und im Ost-West-Konflikt ließ der Sowjetunion ab den 1960-er Jahren kaum eine andere Wahl, da Israel fest im westlichen Lager stand.

Antizionistische Publikationen waren der Zensur durch die Staatsorganisation Glalvit unterworfen, so wie alles andere auch, das gedruckt wurde. Verschiedene antizionistische und antisemitische Bücher wurden bis in die frühen 1980-er Jahre in der Sowjetunion veröffentlicht. Trofim Kitchkos Judaism Unembellished (Dem Judentum den Schmuck genommen), gesponsert von der Akademie der Wissenschaften, war nur ein berüchtigtes Beispiel. Man kann annehmen, dass der Autor angesichts der Bedeutung dieses Themas aus hohen Etagen innerhalb der kommunistischen Partei die Erlaubnis zur Veröffentlichung erhalten hatte.

Was die von der Sowjetunion forcierte Resolution „Zionismus ist Rassismus“ angeht, die von der Vollversammlung der Vereinten Nationen 1975 verabschiedet wurde, merkt Gerrits an: Ich habe keine Zweifel, dass der Hauptgrund gewesen sein muss die globale Stellung der Sowjetunion zu stärken, besonders bei nicht westlichen Mächten. „Zionismus ist Rassismus“ war eine populäre Parole bei vielen Staaten der „Dritten Welt“, besonders natürlich in der arabischen Welt.

Er schließt: Unter den Bedingungen der Welt nach dem Kalten Krieg und nach dem Kommunismus hat Russland mehr Manövrierraum. Zählt man die zunehmende Zahl in Israel lebender Russen hinzu, dann hat man die Hauptgründe dafür, dass die Beziehungen zwischen Russland und Israel sich beträchtlich intensiviert und verbessert haben. Und das ist für Russland enorm wichtig. Das Land hat nicht viele verlässliche und vertrauenswürdige Verbündeten oder gar Beziehungen – weder in Europa, wo die ukrainische Krise Russland weiter isoliert hat, noch im Nahen Osten.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.