Keine Terroristen mehr: Wie AFP dem Palästinensischen Islamischen Jihad eine extreme Runderneuerung verpasste

Rachel O’Donoghue, HonestReporting, 27. April 2022

Der ein Video begleitende Artikel liest sich wie ein Vorspann für einen Hollywood-Film:

In einer „Tunnelstadt“ unter dem sandigen Boden des südlichen Gazastreifens bereiten sich palästinensische Militante auf den nächsten Konflikt mit Israel vor, während Spannungen in Jerusalem zu eskalieren drohen.

An der Oberfläche gibt es keine Spur der unterirdischen Gänge.

Nur dass dies kein Blockbuster mit großem Budget ist – es handelt sich um eine Beschreibung der Terrortunnel, die von den Al-Quds-Brigaden, dem bewaffneten Arm der Terrororganisation Palästinensischer Islamischer Jihad (PIJ), durch die globale Nachrichtenagentur Agence France Presse (AFP).

Leute, die AFPs anschaulichen Bericht über maskierte Militante lesen, die durch ausgeklügelte unterirdische Gänge – als mit „elektrischem Licht, einem Lüftungssystem und Telefonkabeln ausgerüstet“ beschrieben – streifen, würden nie vermuten, dass sie in Wirklichkeit von einer Gruppe lesen, die für einige der schlimmsten Terror-Gräuel in Israels Geschichte verantwortlich ist.

Tatsächlich hat die im gesamten Westen geächtete Gruppe zahlreiche furchtbare Anschläge gegen unschuldige israelische Bürger verübt, darunter den Selbstmord-Bombenanschlag im Restaurant Maxim, bei dem 22 Menschen getötet wurden; den Selbstmord-Anschlag an der Megiddo-Kreuzung im Jahr 2002, bei dem 17 Menschen getötet wurden; und den Bombenanschlag auf das Schwarma-Restaurant in Tel Aviv, bei dem 11 Tote zurückblieben.

Trotz all dem tauchen die Worte „Terror“ oder „Terrorist“ im gesamten Artikel nicht ein einziges Mal auf.

Der Text liest sich, als ob der Journalist auf einen aufregenden Ausflug in den Untergrund mitgenommen worden wäre, durch die Schächte, die vom PIJ genutzt werden, um Anschläge auf den jüdischen Staat begonnen werden. Der Autor beschreibt die Szene sogar als „Medientour“:

Ein Vertreter des Islamischen Jihad sagte AFP während einer Medientour, dass die Bewegung sowohl defensive als auch offensive Tunnelsysteme hat.

Das Letztere „wird genutzt um israelische Soldaten gefangen zu nehmen, israelische Bodenoffensiven zurückzuschlagen und verschiede Tätigkeiten auszuüben“, sagte der Kommandeur.

Man kann nur spekulieren, ob der Journalist eine Tour durch das ehemalige ISIS-Bollwerk Raqqa in Syrien auch auf so bizarre Weise beschreiben würde.

Das den Artikel begleitende Video, das als eigene Story gepostet wurde, präsentiert eine genauso glamouröse Beschreibung der PIJ-Aktivitäten.

Es gibt jedoch etwas Kritik in dem geschriebenen Text – die für Israel reserviert ist. Der Artikel legt nahe, dass der jüdische Staat irgendwie zum Handeln des PIJ eingeladen hat, indem er eine Blockade des Gazastreifens aufrecht erhält, die Terroranschläge verhindern soll:

Die Einwohner des Gazastreifens, eines eingeengten, belagerten Küstengebiets, Heimat für 2,3 Millionen Menschen, haben die lange Erfahrung die Tunnel seit 2007 zu nutzen, als Israel eine lähmende Blockade als Reaktion auf die Machtübernahme der Hamas im Streifen verhängte.

Zurück zum Umstyling des PIJ. Der Autor versucht an einem Punkt die die Tunnel nutzenden Militanten menschlicher zu machen; dazu verweist er darauf, dass das Netzwerk auch zum Einschmuggeln einer Leckerei von „Kentucky Fried Chicken“ genutzt wird.

Derweil wird Israels stichhaltige Sorge wegen des gewaltigen Ausmaßes der Tunnel subtil als bloße „Ängste“ darüber abgetan, wie sie genutzt werden könnten.

Israelische Kommandeure fürchten, dass Militante solche Tunnel verwenden könnten, um israelisches Personal oder Zivilisten zu ergreifen, die sie dann als Druckmittel für Gefangenenaustausche nutzen.

Tatsächlich unterlässt es AFP die Tatsache zu erwähnen, dass Tunnel wie diese für die Entführung von Israelis genutzt wurden, darunter die Verschleppung des IDF-Soldaten Gilad Shalit durch die Hamas.

Hinsichtlich der jüngsten Unruhen, die Israels Hauptstadt in Aufruhr versetzen, zitiert AFP ausführlich zahlreiche Terroristen, was der weltweit agierenden Nachrichtenagentur erlaubt die nachweislich falsche Beschuldigung zu verkünden, die Al-Aqsa-Moschee sei durch Israel bedroht.

Der Artikel baut auf dieser falschen Darstellung auf, um dann die Möglichkeit eines weiteren Konflikts mit Israel als ausgemachte Sache darzustellen, die wegen der bereits erwähnten angeblichen Gefahr, der sich das muslimische Heiligtum ausgesetzt sieht, irgendwie gerechtfertigt sei:

In kurzem Abstand von einem der Tunneleingänge sitzt eine Gruppe Kämpfer plaudernd unter den Bäumen.

„Wir haben Anweisungen erhalten zu mobilisieren und in hoher Alarmbereitschaft zu sein, um die Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem zu verteidigen“, sagte einer.

„Die Raketen sind in hoher Alarmbereitschaft und wir warten auf die Entscheidung der Führung.“

AFP spielte zudem die Terroranschläge herunter, die bisher im letzten Monat das Leben von 14 Israelis [bis zum Zeitpunkt der Übersetzung stieg die Zahl auf 19] gefordert haben, wozu auf nur „zwei tödliche Angriffe in der israelischen Küstenstadt Tel Aviv“ verwiesen wird. Tatsächlich hat es auch Anschläge in den Städten Beer Sheva, Hadera und Hebron gegeben, wie HonestReporting ausführlich geschrieben hat [und seitdem weitere in Bnei Brak, Ariel und Elad].

Das ist nicht das Einzige, was bagatellisiert wird.

Die Mob-Gewalt an der Moschee, die auf dem Tempelberg gebaut ist, bei der mit Felsbrocken, Molotowcocktails und anderen Waffen bewaffnete Palästinenser zu Krawallen aufriefen, wird schlicht als Serie „wütender Demonstrationen“ bezeichnet, die „Durchgreifen der Polizei“ veranlasste.

Der Text von AFP erfüllt nicht das, was man von einer führenden Nachrichtenagentur der Welt erwarten kann. Ihr blauäugiger Bericht zum PIJ verklärt das erklärte Ziel der Gruppe: die Auslöschung des jüdischen Staates.

Wir ermutigen unsere Leser die AFP – höflich, aber bestimmt – zu kontaktieren, um darum zu bitten diesen Text vom Netz zu nehmen.

Sollten Nachrichten mit Ausgewogenheit berichtet werden? Die Antwort könnte Sie überraschen

David Pomerantz, HonestReporting, 24. Oktober 2021

Am Wochenende kennzeichnete Israel offiziell sechs verschiedene Nichtregierungs-Organisationen als Terrorgruppen. Die Schlagzeile der Associated Press lautet: „Israel ächtet Rechtegruppen, unterstellt Terrorismus“ (Hervorhebung hinzugefügt).

Die AP machte mit dem Zitat von Kritikern weiter, die sagten, der Schritt solle „Menschenrechts-Beobachtung mundtot machen“ und Kritiker Israels „bestrafen“. Der weit verbreitete Nachrichtendienst schloss sogar eine Erklärung von B’Tselemen ein, die es einen Akt nannte, „der totalitäre Regime charakterisiert, mit dem eindeutigen Ziel diese Organisationen zu schließen“.

Dieses Framing bereitet die Bühne für eine Vielzahl anderer Gruppen weltweit Erklärungen abzugeben wie die der International Human Rights Clinic an der Harvard Law School, in der es heißt, sie „steht solidarisch mit der palästinensischen Zivilgesellschaft und ruft die israelische Regierung auf ihre Entscheidung der Kriminalisierung prominenter Menschenrechtsorganisationen zurückzunehmen“.

Ken Roth von Human Rights Watch protestierte gegen die Entscheidung und nannte die Gruppen „stolze Partner“; er griff Israel verbal mit Anschuldigungen von „Verbrechen gegen die Menschheit“ und „Apartheid“ an.

Das Menschenrechtsbüro der UNO in Ramallah behauptete, Israel versuche „völlig friedliche und legitime Aktivitäten“ von „Menschenrechtsgruppen“ einzuschränken und sogar das US-Außenministerium gab eine Stellungnahme ab, die Klärung forderte.

AP muss eine Art „Ausgewogenheit“ angerechnet werden, weil sie beide „Seiten“ zitiert, aber es gab einen entscheidenden Aspekt, den AP in ihrer Berichterstattung komplett auslässt: die faktische Wahrheit.

Macht „Ausgewogenheit“ guten Journalismus?

Um diese Frage zu beantworten, stellen Sie sich vor, in der Geschichte ginge es nicht um Politik, sondern darum, wer das Baseballspiel von gestern Abend gewann: Ein Kommentator sagt, es waren die Atlanta Braves, ein anderer sagt die LA Dodgers. Können Sie sich vorstellen, dass ein Sportreporter einfach „beide Seiten“ zitiert und das Publikum staunen lässt? Was ist mit einem Börsenstand oder einem Wetterbericht?

Natürlich ist das Beispiel absurd – nicht weil es falsch ist Ausgewogenheit zu haben, sondern weil in diesem Fall der Journalist Zugang zu etwas Besserem hat: Verlässliche, unabhängige Daten, die jeder überprüfen kann. Wenn also ein Journalist irgendwelche Zweifel hat, könnte er oder sie vorliegendes Videomaterial des Spiels ansehen und unabhängig bestätigen, dass Atlanta mit 4:2 gewonnen hat.

Natürlich wird ein Journalist in einigen Fällen nicht die vollständigen Informationen haben und muss sich daher auf konkurrierende Berichte verschiedener Quellen verlassen.

Dieser Fall gehört nicht in diese Kategorie.

Von den Daten zur Wahrheit

Israel hat erklärt, dass es aufgrund als geheim eingestufter Informationen handelt und es ablehnt weitere Details zu veröffentlichen, was einem Journalisten nicht viel gibt, mit dem er arbeiten kann. Es hätte allerdings, ganz ähnlich wie das Nachsehen des Gewinners des Baseballspiels von gestern Abend, nur bescheidener Recherche bedurft, um zu bestätigen, dass sie einschlägigen NGOs tatsächlich eng mit Terrorismus verbunden sind – auf Grundlage öffentlich zugänglicher Daten.

Zum Beispiel:

Zusätzlich zu dem oben beschriebenen sind viele Persönlichkeiten dieser Organisationen wegen Terrorakten verhaftet worden, in manchen Fällen viele Male und zahlreiche Fälle wurden von Israels unabhängiger Justiz entschieden.

Die PFLP bestritt ihre Beziehungen zu den verschiedenen NGOs nicht. Im Gegenteil: Ein Sprecher der Terrororganisation, Kayed al-Ghoul, erklärte:Ddie Palästinenser „sind stolz auf die Beziehungen aller ihrer Söhne zu jeder nationalen Gruppe, die Widerstand gegen die Besatzung leistet, einschließlich der Volksfront zur Befreiung Palästinas.“

Jenseits der Ausgewogenheit: Journalismus und Ethik

Es gibt Orte auf der Welt, an denen Diktaturen und Tyrannen wirklich Polizeibefugnisse nutzen, um legitime Menschenrechtsorganisationen zu schließen. Solche Organisationen mit Typen wie der PFLP und ihre Partner in einen Topf zu werfen schädigt der Sache der Menschenrechte in aller Welt.

In einer Welt der Rund-um-die-Uhr-Nachrichten und kurzen Abgabefristen arbeiten Journalisten unter erheblichen Beschränkungen an Zeit und Ressourcen. Dennoch brauchte HonestReporting weniger als zwei Stunden, um diese Recherche durchzuführen und wir komplettierten sie weit vor unserer eigenen Veröffentlichungsfrist. (Und mit dem Risiko das Offensichtliche zu sagen: Unser Budget ist weit niedriger als das einer typischen Mainstream-Nachrichtenagentur!)

Die Ethik fordert mehr als reine „Ausgewogenheit“, sie fordert, dass ein Journalist der Wahrheit so nah wie möglich kommt.