Leonard Cohens Lieder des Yom Kippur-Kriegs

Mit einem Auftritt, der nie wirklich erklärt wurde, kam der legendäre Sänger in die Wüste, um in den blutigsten Wochen des Krieges für die Truppen zu singen.

Matti Friedman, Tablet Magazine, 4. Mai 2022

Leonard Cohen 1973 in der Wüste Sinai (Foto: Isaac Schokal)

Es gab immer etwas Kryptisches an „Lover Lover Lover“, dem Klassiker der kanadischen Musik-Ikone Leonard Cohen von 1974; er war der „poet of rock“ (Poet des Rocks). Der Song mag nicht so berühmt sein wie Cohens „Hallelujah“, aber er wurde von den Fans geliebt und war dem Sänger wichtig, der vier Jahrzehnte später noch immer Konzerte gab. Aber was bedeutete er? Warum schrie er in der ersten Zeile „Father, change my name“ (Vater, ändere meinen Namen)? Das klang nicht wie ein Liebeslied. Genauso wenig die Feststellung, dass ein Körper als „Waffe“ dienen könne oder die Hoffnung, dass der Song selbst als „Schild gegen den Feind“ dienen würde. Wer war dieser Feind? Und wer war das Publikum?

2009 beendete Cohen eine Welttournee mit einem Auftritt in Israel, wo ich lebe. Im Alter von 75 legte er einen der größten letzten Auftritte der Musikgeschichte hin. Das kam, nachdem er aus einem buddhistischen Kloster in Kalifornien auftauchte, um festzustellen, dass sein ehemaliger Manager sein Bankkonto leergeräumt hatte; er ging wieder auf Reisen und entdeckte, dass er in den Pantheon der Popmusik aufgestiegen war. Vielleicht waren Sie unter den Glücklichen, die eines dieser Konzerte erlebten. Ich wuchs in Kanada auf, wo Cohen immer als nationaler Schatz betrachtet worden ist, aber bis dahin hatte ich kaum wertgeschätzt, dass er in Israel denselben Status hatte. Als hier Karten in den Verkauf gingen, brachen die Telefonleitungen innerhalb von Minuten zusammen. Fünfzigtausend Menschen erschienen in Tel Aviv.

Den Grund für die intensive Verbindung kannte ich nicht, bis ein Artikel in einer Lokalzeitung eine Erklärung vorstellte. Es hatte mit einer Erfahrung zu tun, die Cohen lange Zeit zuvor mit Israelis geteilt hatte, im Herbst 1973. Mein Versuch herauszufinden, was passiert war, wurden zu Jahren der Recherche und Interviews und irgendwann zu einem Buch mit dem Titel Who By Fire, in dem es darum geht, wie ein Krieg und ein Sänger aufeinanderstoßen, um einen außergewöhnlichen Moment der Musik zu schaffen. Es stellte ich heraus, dass ein Strang der Geschichte mit „Lover Lover Lover“ und dem Kampf eines großen Künstlers oder eines jeden von uns damit im Zusammenhang steht, dass das Ziehen des Universums mit dem Magnetismus unseres eigenen Volksstamms und der Vergangenheit in Einklang gebracht wird.

Die zweite Woche des Oktober 1973 war eine der schlimmsten in der Geschichte Israels. Um 14 Uhr am 6. Oktober, das war der jüdische Fastentag Yom Kippur, starteten Ägypten und Syrien Überraschungsangriffe. Überall in Israel ertönten Sirenen, ein ägyptischer Bomber schoss eine gelenkte Rakete auf Tel Aviv, die Grenzverteidigungen zerbröckelten, die Luftwaffe begann an Flugzeugen und Piloten auszubluten, Verluste der Armee kletterten von Hunderten in die Tausende und die Israelis waren von Verzweiflung gepackt. In diesem Moment stiefelte ein verschrobener  Barde aus Montreal aus dem Rauch der Schlacht in der Wüste Sinai auf eine selbst verfügte Suche.

Lenoard Cohens Auftauchen schien damals so seltsam wie heute und ist nie richtig erklärt worden, obwohl dies in Israel eine der Geschichten zum Yom Kippur-Krieg geworden ist, die jeder kennt, genauso wie die berühmten Schlachten. Cohen war bereits ein internationaler Star. Drei Jahre zuvor hatte er vor einer halben Million Menschen beim Isle of Wight Festival gespielt, das größer war als Woodstock und wo wilde Fans Joan Baez mit Zwischenrufen störten, mit Flaschen nach Kris Kristofferson warfen und die Bühne samt Jimmi Hendrix darauf abbrannten, sich aber beruhigten, als Cohen nach Mitternacht auf die Bühne kam und sie hypnotisierte. Er war einer der größten Namen der Sechziger. Und hier war er jetzt im Nahen Osten, am Rande einer mit rauchgeschwärzten Panzern und Leichen in verkohlten Tarnanzügen übersäten Wüste, spielte ohne Verstärker für eine kleine Gruppe Soldaten mit einer Munitionskiste als Bühne. Einige Soldaten wussten nicht einmal, wer er war. Andere schon und konnten nicht begreifen, was um alles in der Welt er hier machte.

Wie er in den Krieg geriet und was ihn nach Israel zog oder trieb, ist eine andere Geschichte, eine, die ich mit Hilfe eines bemerkenswerten Manuskripts enträtselte, das er über die Erfahrung schieb und dann beiseite legte. Als er die Front im Sinai erreichte, war er in Begleitung einer Spontan-Band aus vier israelischen Musikern unterwegs. In einer Beschreibung  einer lange eingegangenen Zeitschrift, die das israelische Äquivalent des Rolling Stone war, saßen Soldaten nachts nach einem Tag der Kämpfe im Sand. Einige rauchten. Cohen kam an, trug Khaki. Er sprach in ernstem Englisch zu ihnen, was nicht alle verstanden. „Dieses Lied ist eines, das Zuhause gehört werden sollte, in einem warmen Raum mit einem Drink und einer Frau, die du liebst“, sagte er. „Ich hoffe, ihr werdet euch alle bald in dieser Situation wiederfinden.“ Er spielte „Suzanne“. Das Publikum für diese seltsame Tour war ein Querschnitt junger Israelis im schlimmsten Moment ihres Lebens – aufgewühlte Infanteristen, halb taube Artilleristen, Teenagermädchen aus einer zerstörten Radarstation, die gerade erlebt hatten, dass fünf Freunde getötet wurden. Ich verbrachte eine Menge Zeit damit sie ausfindig zu machen, um zu hören wie sie sich fühlten.

Eines der Konzerte fand auf einem Fliegerhorst namens Hatzor statt, wo Piloten in amerikanischen Phantom-Jets und französischen Mystères von sowjetischen Flugabwehrraketen in einer Menge abgeschossen wurden, wie die israelische Luftwaffe es nie erlebt hatte. Piloten schlossen die Reißverschlüsse ihrer Fliegeranzüge, verließen ihre Unterkünfte und verschwanden für immer. Diese Tour bezog ihre einzigartige Wirksamkeit aus der Tatsache, dass ein Sänger, dessen Themen die menschliche Unvollkommenheit und Vergänglichkeit und die kurzen Freuden waren, die deine Nacht versüßen können, sich mitten unter Leuten spielend wiederfand, für die diese flüchtigen Kräfte nichts Abstraktes waren, was in die Luft eines Wohnheims schwebt. Sie wussten, dass der Tod auf sie wartete, wenn das Konzert endete. Jeder war ernst. Kein Geld wechselte die Hände. Die Leute waren aufmerksam.

Auf dem Fliegerhorst spielte Cohen die Hits, die jeder kannte: „Suzanne“, „So Long Marianne“, „Bird on the Wire“. Der Auftritt verlief derart gut, dass einer der Offiziere die Musiker anflehte noch einmal zu spielen und in der Pause zwischen den beiden Auftritten schrieb Cohen ein Lied.

Eine der angenehmen Seiten für dieses Buch zu recherchieren, bestand darin Zeit mit den kleinen Notizbüchern zu verbringen, die Cohen während und nach dem Krieg schrieb und die im Nachlass des Sängers erhalten sind. Hier fand ich Gekritzeltes, halbe Gedankengänge, hingeworfene Zeilen und die ersten Schimmer von Liedern, die irgendwann Millionen kannten. Auf einer Seite eines kleinen orangen Notizbuchs, das er in Israel dabei hatte, schrieb er (und wenn sie Cohens Arbeit kennen, dann atmen Sie durch, denn Sie sehen die Geburt von etwas Berühmten):

Ich fragte meinen Vater, ich bat
ihn um einen anderen Namen

Das ist die embryonische Version von „Lover Lover Lover“. Es ist eine interessante Idee, damit anzufangen, besonders weil die Israelis sagen, dass Cohen darum bat ihn nicht mit Leonard anzusprechen, sondern mit Eliezer, seinem hebräischen Namen.

Cohen stellte den Song beim zweiten Auftritt auf dem Fliegerhorst vor, berichten zwei seiner Bandkollegen – der Liedermacher Oschik Levy, der neben der Bühne stand und  zuhörte und Matti Capsi, ein 23-jähriger, der bei der allerersten Vorstellung des Liedes Gitarre spielte; heute ist er selbst eine israelische Musiklegende. Cohen verfeinerte ihn, während die Band weiter durch den Krieg zog. In seinem unveröffentlichten Manuskript erwähnt Cohen die Vorstellung, dass er die Soldaten tatsächlich beschützen könne: „Ich sagte mir: Vielleicht kann ich einige der Leute mit diesem Song beschützen.“ Das könnte den Textteil über den „Schild gegen den Feind“ in dem Lied erklären.

„Lover Lover Lover“ ist ein Kriegslied. Es ist nicht klar, auf welchen „Lover“ er sich im Refrain bezieht, der dieses Wort einfach siebenmal anstimmt und fleht „komm zu mir zurück“. Aber wenn wir das Lied als eine Art Gebet verstehen, könnte das Wort vielleicht im Sinne des biblischen Hoheliedes erscheinen, wo Gottes Anwesenheit in Worten erotischer Liebe beschrieben wird. Wenige verlangen so eindringlich nach dieser Gegenwart wie Soldaten. Cohen wuchs in einer jüdischen Gemeinschaft auf, als Enkel eines gelehrten Rabbiners und er kannte die Bibel (und kannte, das Gefühl hat man, die erotischen Teile, besser als die anderen).

Oder vielleicht ist das nur ein klassischer Kriegsrefrain, ein Ausdruck der Sehnsucht nach jemandem, der weit weg ist, wie Konstantin Simonows „Warte auf mich“, das Lieblingsgedicht der Frontowiki der Roten Armee des Zweiten Weltkriegs. In diesem Lied beginnt jeder Vers mit: „Warte auf mich und ich werde zurückkommen.“ Cohens Mutter Mascha war muttersprachlich Russin und vielleicht sang sie ihm als Kind in den Jahren des Weltkriegs Simonow vor. Jeder, der Soldat gewesen ist, weißt, dass dieses Gefühl das mächtigste ist, weit stärker als Patriotismus oder Wut. Forscher, die die Musik der GIs in Vietnam studierten, fanden heraus, dass zwar Filme nach dem Krieg es so schienen ließen, als sei die Filmmusik mit „For What It’s Worth“ und „Fortunate Son“ politisch, die Lieder der Truppen aber tatsächlich die über Einsamkeit und Sehnsucht waren, so wie „Leaving on a Jet Plane“.

Leonard Cohen spielt in der Wüste Sinai. Zu seiner Linken findet sich Ariel Sharon (Foto: Yaakovi Doron)

Ein mysteriöses Detail in der Geschichte von „Lover Lover Lover“ tauchte erstmals auf, als ich Schlomi Gruner interviewte, der 1973 junger Offizier in einer improvisierten Infanterieeinheit war, die einige der härtesten Kämpfe im Sinai erlebte. Er und seine Freunde waren eines Abends auf der anderen Seite des Suezkanals, lagerten in einem aus dem Fallschirm eines von ihnen abgeschossenen ägyptischen Piloten gefertigten Zelt. Er war in der Wüste unterwegs und suchte nach Sprit für den Jeep der Einheit, als er mit leeren Händen zurückkam und einen Typen mit einer Gitarre sah, der auf einem falsch herum in den Sand gelegten Helm saß. Er kannte die Stimme; Leonard Cohen war da. Das machte keinen Sinn, aber es war wahr. Er sang „Lover Lover Lover“.

Als wir uns unterhielten, erinnerte sich Schlomi besonders an einen Vers, der sich mit den israelischen Soldaten identifizierte, in dem er sie „Brüder“ nannte. Damals waren die arabischen Staaten gegen Israel aufmarschiert und die meisten Länder Europas lehnten es ab Versorgungsflügen auch nur zu erlauben auf ihrem Weg nach hier aufzutanken. Die Israelis hatten das Gefühl intensiver Ausgrenzung. Es berührte ihn zu wissen, dass jemand wie Cohen den langen Weg nach Israel gekommen war und in den Sinai reiste, um sie zu treffen. Der Sänger war keine Flugzeugladung Waffen oder Verstärkung, aber seine Anwesenheit bedeutete etwas und genauso seine Worte: „Brüder“ ließ keinen Raum für Spekulationen darüber, wo Cohen stand. Das Problem: Es gibt in dem Lied keinen solchen Vers.

Zuerst dachte ich, Schlomi irrt sich. Die Erinnerung ist eine unzuverlässige Quelle, besonders in Augenblicken von extremem Stress, wie ich aus eigener Erfahrung in Uniform weiß. Aber dann fand ich einen Zeitungsartikel, veröffentlicht in einer israelischen Zeitung während des Krieges, in dem der Reporter festhielt, dass Cohen gerade einen neuen Song namens „Lover Lover Lover“ geschrieben hatte und einen Vers zitierte, der wie der klang, von dem Schlomi sprach.

Es war Cohens kleines oranges Notizbuch, das das Rätsel löste. Nach dem ersten Entwurf von „Lover Lover Lover“ unter der Überschrift „Fliegerhorst“ erscheinen acht Zeilen in der Handschrift des Sängers:

Ich ging hinab in die Wüste
um meinen Brüdern kämpfen zu helfen
Ich wusste, dass sie nicht falsch lagen
Ich wusste, dass sie nicht Recht hatten
aber Knochen müssen aufstehen und gehen
und Blut muss sich bewegen
und Männer gehen, um hässliche Linien zu ziehen
über den heiligen Boden

Um meinen Brüdern kämpfen zu helfen. Kein Wunder, dass diese Zeile für die Israelis herausstach. Und kein Wunder, dass Cohen sich schnell fing und anfing auf Abstand zu gehen. Das Zurückrudern hatte natürlich mit seinem Verständnis von dem zu tun, wo immer in diesen Wochen seine persönlichen Loyalitäten lagen, dass er als Poet größer sein musste als die Israelis und größer als dieser Krieg. Wenn man ihn fragte, wer in diesen Wochen sein Feind war, dann denke ich, es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass er einfach gesagt hätte – Unmenschlichkeit.

Die Änderung dürfte durchaus mit einem bestimmten Moment in dem Krieg zu tun haben, der ein Bruchpunkt war. In seinem Manuskript beschrieb er es so:

Hubschrauber landet. In dem großen Wind beeilen sich Soldaten ihn zu entladen. Er ist voller Verletzter. Ich sehe ihre Bandagen und ich halte mich vom Weinen ab. Das sind junge Juden, sterbend. Dann sagt mir jemand, dass das ägyptische Verwundete sind. Meine Erleichterung verblüfft mich. Ich hasse das. Ich hasse meine Erleichterung. Das ist unverzeihlich. Das ist Blut an deinen Händen.

Seine Stammesidentifikation war zu weit gegangen. In dem  Notizbuch sieht man, dass er kurz nach dem Aufschreiben von „Lover Lover Lover“ bereits seine Meinung zu ändern begann. Die Worte „um meinen Brüdern kämpfen zu helfen!“ sind durchgestrichen und ersetzt durch „um die Kinder kämpfen zu sehen“. Jetzt ist er ein Beobachter, der von außen zusieht, vielleicht sogar nach unten blickt. Aber das kann auch nicht richtig geklungen haben und als der Song ein paar Monate später veröffentlicht wurde, war der ganze Vers weg. Wenn Cohen später „Lover Lover Lover“ aufführte, bestätigte er, wo er ihn schrieb, sagte aber, er sei für Soldaten „auf beiden Seiten“. Als drei Jahre vergangen waren, behauptete er bei einem Konzert in Frankreich 1976, er habe den Song „für die Ägypter und die Israelis“ geschrieben – in dieser Reihenfolge.

In diesen Jahren, als die amerikanische Armee noch in Vietnam war, spielten die meisten populären Künstler nicht für Truppen, weil es so aussehen könnte, als stimmten sie dem Krieg zu. Man muss schon so hoch entwickelt sein, durch die Politik auf die Menschlichkeit der Soldaten zu sehen. Johnny Cash und seine Frau June Carter reisten 1969 nach Vietnam, verbrachten ein paar Wochen auf einem  Militärflugplatz namens Long Binh, sangen für die Männer, die in den Busch zogen und für die, die in den Sanitätshubschraubern zurückkamen. „Ich konnte es kaum aushalten“, schrieb Cash, aber er ging hin. Und James Brown ging mit ein paar Bandmitgliedern 1968 hin, trotz der Unbeliebtheit des Krieges und trotz des Rassenhasses, der Brown und Amerika selbst bedrohte; die Tour begann direkt nach der Ermordung von Martin Luther King Jr. Er erzählte die Geschichte in Interviews mit der Washington Post und mit Jet und hätte auch für Cohen sprechen können.

Brown spielte zuerst auf dem Militärflugplatz Tan Son Nhut bei Saigon, tourte dann 16 Tage lang, zwei Shows an jedem Stopp, ließ sich zwischen den Gigs intravenös rehydrieren. Er behauptete, dass selbst die Vietcong sich anschlichen, um die Musik zu hören. „Wir machten es nicht wie Bob Hope“, sagte Brown. „Wir gingen da hin, wo die Eidechsen Schusswaffen trugen! Wir gingen da hin, wo sich das Zeug aus Apocalypse Now abspielte.“ Jede Menge Leute mochten den Krieg nicht. „Nun, auch ich mag den Krieg nicht“, sagte er, „aber wir haben Soul Brothers [Afroamerikaner] da drüben.“

(Friedmans Buch „Who By Fire: War, Atonement, and the Resurrection of Leonard Cohen“ wurde am 5. April 2022 veröffentlicht)

Überall im Land erinnern pittoreske Denkmäler an gefallene Helden des Yom Kippur-Kriegs

Wälder, Parks, Promenaden und Aussichtspunkte haben oft Denkmäler für Soldaten oder Einheiten, die das größte Opfer für ihre Heimat gebracht haben. Hier sind ein paar dieser Ehrungen.

Aviva und Schmuel Bar-Am, The Times of Israel, 17. September 2021

Jacob Rayman, ein amerikanischer Immigrant aus Seattle (Washington), der im Yom Kippur-Krieg fiel. (mit freundlicher Genehmigung der Familie Rayman)

In einem koordinierten Überraschungsangriff griffen von Ägypten und Syrien geführte Koalitionsstreitkräfte am 6. Oktober 1973 den Staat Israel an. Sie hatten einen Tag ausgesucht, an dem praktisch jeder Jude im Land entweder Zuhause oder in der Synagoge war: den Versöhnungstag oder Yom Kippur – den heiligsten Tag des jüdischen Jahres.

Wegen der Heiligkeit des Tages hatten Fernseh- und Radiosender ihre Sendungen eingestellt. Das Internet war natürlich noch nicht erfunden. Das machte es umso furchterregender, als Israels Luftschutzsirenen plötzlich heulten. Während arabische Streitkräfte im Norden auf die Golanhöhen und im Süden in die Halbinsel Sinai vorrückten, fürchteten die Israelis um sich und um die sie verteidigenden Soldaten.

Es dauerte mehrere Wochen das Blatt zu wenden, aber Israel gewann schließlich die Oberhand. Am 25. Oktober, als Ägypten und Syrien erkannten, dass sie den Yom Kippur-Krieg verloren hatten, wurde ein Waffenstillstand in Kraft gesetzt. Trotzdem gab es im Verlauf der nächsten sechs Monate weiterhin sporadische Kämpfe. Als die Granaten schließlich nicht mehr flogen, waren mehr als 2.600 Soldaten im Kampf getötet worden.

48 Jahre sind vergangen, seit der Yom Kippur-Krieg zu Ende ging. Die Familien, Freunde und Waffenbrüder derer, die im Krieg verloren gingen, werden sich für immer an ihre Lieben erinnern. Der Rest von uns, der diese erschütternde Begebenheit erlebt hat, können feststellen, dass die Erinnerung an diese dunkle Zeit, auch wenn sie immer noch traumatisiert sind, begonnen hat zu verblassen.

Fast jeder Wald, Park, Promenade und Naturschutzgebiet in Israel hat mindestens ein Denkmal oder auf Hebräisch andarta, für einen gefallenen Soldaten oder eine gesamte Armee-Einheit. Diese Gedenkstätten für gefallene Soldaten aus Metall und/oder Stein erstellten sind allgemein in Stadtvierteln, auf Straßen, an Aussichtspunkten, entlang von Wanderwegen und an Kreisverkehren zu finden. Oft ergreifend und manchmal einzigartig sind sie berührende Ehrungen  an die heldenhaften Männer und Frauen, die im Kampf für dieses Land starben. Und sie helfen uns, uns zu erinnern.

Unten sehen sie nur ein paar der Gedenkstätten für im Yom Kippur-Krieg getötete Soldaten, zusammen mit den Geschichten der Helden, denen sie gewidmet sind.

Die Simha Zeira-Turbine

Ein Schild erklärt den Energiebeitrag der Windturbine auf den Gollanhöhen, die Sinha Zeira gewidmet ist; die Turbine befindet sich im Hintegrund (Foto: Schmuel Bar-Am)

Als der Yom Kippur-Krieg ausbrach, machten viele der israelischen Reservesoldaten gerade Urlaub oder lebten im Ausland. Simha Zeira, ein Offizier der Fallschirmjäger, studierte in Deutschland für seine Promotion über Mondkristalle und war auf dem Weg in eine brillante wissenschaftliche Karriere. Sobald Zeira von dem Krieg hörte, nahm er sich von der Universität frei. In Jeans und Windjacke und nur mit einer kleinen Tasche mit persönlichen Gegenständen als Gepäck schaffte er es unter Schwierigkeiten das letzte Flugzeug aus der Schweiz nach Israel zu besteigen, bevor Israels Flughäfen für Reisen aus dem Ausland geschlossen wurden.

In dem sich einstellenden Chaos war Zeira nicht in der Lage seine Einheit zu erreichen. Stattdessen schloss er sich einer Gruppe Reservisten an, die aus dem Ausland eingeflogen waren und zusammen machten sie sich auf den Weg auf die Golanhöhen. Am 12. Oktober 1973, als sie nach Syrien hinein vorgingen, wurde Zeiras Schützenpanzer getroffen. Acht der neun Soldaten darin, darunter Zeira, wurden getötet.

Ein Zeira gewidmeter Denkmal-Aussichtspunkt befindet sich direkt nördlich des Zugangs zum Moschaw Alonei HaBaschan. Er besteht aus einem einzelnen Turbinen-Windrad, das aus einem 965 Meter hohen Berg herausragt und genug sauberen Strom für 100 Familien produziert.

Die Ritter des Panzerbataillons 184

Das Denkmal für das Panzerbataillon 184 im Präsidentenwald (Foto: Shmuel Bar-Am)

Während des Yom Kippur-Kriegs war das Panzerbataillon 184 entscheidend dafür das Vordringen der Ägypter aufzuhalten. Am 15. Oktober nahm es an der Operation Abirei HaLev – wörtlich: Die Ritter des Herzens – teil, die die Überquerung des Suezkanals zum Auftrag hatte und eine stark verteidigte ägyptische Stellung namens Chinesenfarm einnahm. Die Schlacht war so heftig, dass die israelischen Kräfte wiederholt außer Gefecht gesetzt waren. Dennoch kämpften sie mit unglaublichem Mut. Achtzig Mann des Bataillons wurden im Krieg getötet; 22 wurden für ihre Heldentaten ausgezeichnet.

Ein ungewöhnliches Monument für das Bataillon findet sich innerhalb des Präsidentenparks des Jüdischen Nationalfonds an der Schnellstraße 44.

Die Andarta Feige und Zeder

Feiertage sind Ursache vieler Feiern im Kibbuz Beit HaSchita im Jesreel-Tal und der Feiertag Rosch HaSchanah zum jüdischen Neujahr im September 1973 war keine Ausnahme. Die Siedler, hauptsächlich junge Leute in ihren Zwanzigern, tanzten, sangen und tranken nach Herzenslust.

Die Andarta der Feige und der Zeder auf den Golanhöhen (Foto zur Verfügung gestellt von Shimon Porat)

Als wir die Kibbuz-Bewohnerin Yehudith Peled Anfang des Monats besuchten, konnte sie ihre Tränen nicht verbergen, als sie uns von den Bildern erzählte, die bei der Veranstaltung gemacht wurden. Eines davon, sagte sie, zeigt eine Gruppe von fünf sorgenlosen (und wahrscheinlich berauschten) jungen Männern. Innerhalb weniger Wochen, fuhr sie fort, sollten alle fünf ihr Leben im Yom Kippur-Krieg verlieren.

Dasselbe passierte mit sechs weiteren jungen Männern des Kibbuz. Tatsächlich trägt Beit HaSchita die zweifelhafte Auszeichnung mehr junge Männer pro Kopf im Yom Kippur-Krieg verloren zu haben als jeder andere Ort in Israel.

Peled erinnert sich daran, wie alles begann. Yom Kippur, auf Deutsch als Versöhnungstag bekannt, ist traditionell ein Tag der Selbstprüfung. Jedes Jahr an diesem Feiertag sollten die Bewohner des Kibbuz zu ernster Gewissensprüfung zusammenkommen.

An diesem Morgen im Jahr 1973 waren in Beit HaSchita keine Sirenen zu hören. Aber während ihrer Zusammenkunft hatten die Bewohner das mulmige Gefühl, dass etwas Schreckliches im Gang war. Gerüchte begannen hineinzusickern, dass es Pläne gab den Kibbuz Merom Golan, einen kleinen Kibbuz auf den Golanhöhen, zu evakuieren und die Frauen und Kinder in Bei HaSchita unterzubringen.

Peled erinnert sich nicht, wie de Kibbuz-Bewohner zuerst erfuhren, dass Israel angegriffen wurde – am wahrscheinlichsten, als plötzlich die Sendungen im Radio begannen. Als der Tag voranschritt, wurde jeder Mann in der Reserve zu seiner Einheit geschickt und ihre verschiedenen Verantwortlichkeiten im Kibbuz wurden von Teenagern aus den Klassen 11 und 12 übernommen. Evakuierte aus Merom Golan erschienen später am Abend, um bis zum endgültigen Waffenstillstand dazubleiben.

Eines der 11 Opfer des Kibbuz war Benjamin (Chupa) Chupakevitch, der Schwager von Peleds Ehemann, dem früheren MK Mosche Peled. Der in Polen geborene Chupakevitch war ein Holocaust-Überlebender, der mit seiner Mutter und Geschwistern im Alter von 13 Jahren 1951 nach Israel immigrierte.

Fünf Jahre später wurde er in die Armee eingezogen und diente bis 1959 im Panzerkorps, dann regelmäßig in der Reserve. Er und seine Frau trafen sich, als beide auf einem israelischen Schiff asrbeiteten und nach einem kurzen Aufenthalt in Europa ließen sie sich in Beit HaSchita nieder.

Als der Krieg begann, wurde Chupakevitchs Einheit in einem Transportpanzer auf die Golanhöhen geschickt Die Gruppe hatte den Auftrag Nachschub zu Panzern auf den Höhen zu bringen und verwundete Soldaten herauszuholen.

Das Denkmal für die gefallenen IDF-Soldaten des Yom Kippur-Kriegs von 1973 im Kibbuz Beit HaSchita (Foto: Shmuel Bar-Am)

Am 10. Oktober befanden sich Chupa und sieben weitere in dem Transportpanzer und machten Pause unter einem Feigenbaum, als das Fahrzeug von einer Sprenggranate getroffen wurde. Alle acht Männer wurden getötet.

Sechs Monate später pflanzte Mosche Peled eine Zeder in dem riesigen Krater, den die Rakete bei ihrem Treffer hinterlassen hatte. Das heute als Andarta Feige und Zeder bekannte unvergessliche Monument weist den größten Zedernbaum auf den Golanhöhen auf – ein allgemeines Symbol des Mutes und Durchhaltevermögens. Es gibt zudem ein ergreifendes Denkmal im Kibbuz Beit Haschita für die lokalen Soldaten, die im Krieg ihr Leben verloren.

Eitan Plonskis Mut unter Feuer

Das Denkmal am Berg Hermon für Eitan Plonski und die drei Soldaten, die mit ihm im Yom Kippur-Krieg 1973 fielen. (Foto: Shmuel Bar-Am)

Der Sanitäter Eitan Plonski wurde bei Ausbruch des Yom Kippur-Kriegs an die Nordfront gerufen.  Mehr als zwei Wochen lang behandelte er verletzte Soldaten mit unglaublicher Hingabe. Am 22. Oktober, während der zweiten erbitterten Schlacht um den strategischen Berg Hermon, erfuhr er, dass der Kompanie-Kommandeur und Funker schwer verletzt worden waren. Obwohl einer der Soldaten ihn zurückhalten wollte, weil er sicher war, dass er es angesichts des wütenden Kampfes nicht zu seinen verletzten Kameraden schaffen würde, kämpfte sich der 21-jährige Plonski voran. Gerade als er die Stelle erreichte, erhielt Plonski einen direkten, tödlichen Kopfschuss.

Eine Plonski und drei Soldaten, die mit ihm im Kampf fielen, gewidmete Andarta findet sich auf dem Berg Hermon. Das von ihren Familien dort errichtete Denkmal besteht aus einem gewaltigen Basaltfelsen auf einem steinernen Podest.

Jacob Rayman, ein amerikanischer Immigrant

Ein Denkmal der AACI und des KKL-JNF für im Yom Kippur-Krieg 1973 gefallene Soldaten im Yitzhak Rabin-Park (Foto: Shmuel Bar-Am)

Am Morgen des 6. Oktober 1973 wurden fünf Soldaten zur Bewachung eines unbemannten Beobachtungspostens auf einem Vulkanhügel namens Tel Saki auf den südlichen Golanhöhen geschickt. Mehrer Stunden später begann Syrien einen massiven Überraschungsangriff, zu dem eine Attacke auf genau diesen Posten gehörte.

Drei Schützenpanzer wurden geschickt, um die belagerten Verteidiger zu retten. In einem befand sich der Fallschirmjäger Jabob Rayman, ein Sanitäter, dessen Familie 1968 aus Seattle (Bundesstaat Washington) nach Israel immigrierte. Rayman, der davon geträumt hatte wie sein Vater Arzt zu werden, wurde bei dem Rettungsversuch tödlich verletzt.

Von Trauer überwältigt bedrängte Jacobs Vater die IDF, bis ihm schließlich erlaubt wurde den Rest des Krieges zu helfen verletzten Soldaten zu evakuieren.

Rayman wird in einem kollektiven Denkmal für die gefallenen Soldaten gedacht, das von Amerikanern und Kanadiern in Israel (AACI) und dem Keren Kayemeth LeIsrael – Jüdischer Nationalfonds (KKL-JNF) direkt neben einem Aussichtspunkt im Yitzhak Rabin-Part nördlich von Beit Schemesch errichtet wurde.

Nur durch Zufall stolperten wir beim Spaziergang entlang eines Pfades im Jeruslamer Ramot-Park über eine viel kleinere Andarta, die einzig der Erinnerung an Rayman gewidmet ist.

Das Denkmal für Jacob Rayman in Jerusalems Ramot Park. (Foto: Shmuel Bar-Am)

Während seiner Wehrpflichtzeit vor dem Krieg war Rayman in einem kleinen, landwirtschaftlichen Außenposten auf den Golanhöhen stationiert gewesen. Bei ihm war Simhona, die Liebe seines Lebens. Gemeinsam hüteten sie Schafe, beobachteten die über ihnen durchziehenden Störche und planten ihre Zukunft.

In seinem letzten Brief an Simhona schrieb Rayman: „Ich kann es nicht erwarten dich zu sehen… Ich vermisse dich so sehr… Ich denke Tag und Nacht an dich… und liebe dich mit einer Liebe,die nicht in Worte zu fassen ist… Warte nur ein Weilchen, dann werden wir für immer zusammen sein… Ich will so sehr leben… Ich bin so glücklich… Auf immer dein, Jacob.“

Mobiles Fest: Sukkot auf Rädern im Yom Kippur-Krieg

Seltene Fotos zeigen, wie IDF-Soldaten es schafften das Gebot „in der Laubhütte zu sitzen“ zu erfüllen, obwohl im Norden und Süden ein Krieg tobte.

Nati Gabbay, the Librarians, 1. September 2021

Eine Sukkah auf einem IDF-Fahrzeug, Oktober 1973. Nathan Fendrich-Sammlung, Nationale Fotosammlung der Familie Pritzker in der Nationalbibliothek Israels

Der Yom Kippur-.Krieg erhielt seinen Namen vom heiligen Fastentag, an dem der tödliche Konflikt ausbrach und den Staat Israel überraschte. Die Sirenen heulten am Samstag, 6. Oktober, um 13:55 Uhr. Es lohnt sich allerdings auch sich daran zu erinnern, dass der Krieg während des kurz darauf folgenden jüdischen Festes Sukkot [Laubhüttenfest] noch in vollem Gang war. So kam es, dass Wehrpflichtige und Reservesoldaten an den Fronten sowohl in der Wüste Sinai im Süden als auch auf den Golanhöhen im Norden das Erntedankfest „feierten“.

Eine improvisierte Sukka auf einem Schützenpanzer, 17. Oktober 1973. Foto: Eli Landau, Dan Hadani-Archiv, Nationale Fotosammlung der Familie Pritzker in der Nationalbibliothek Israels

„IDF-Soldaten sind vom Sukkah-Gebot ausgenommen“, erklärte Militär-Oberrabbiner Brigadegeneral Mordechai Piron in einer Sonderbekanntmachung zu Sukkot mitten im Yom Kippur-Krieg. „Ihre Pflicht zu dieser Zeit ist es den Feind vollständig zu besiegen und zu vernichten“, erklärte der Rabbiner, „und wer immer nicht in der Lage ist die Mitzwe in der Sukkah zu sitzen auszuüben, ist von ihr ausgenommen.“

Trotz dieser unmissverständlichen Erklärung gab es Soldaten, die dennoch versuchten die Mitzwe in der Sukkah zu sitzen einzuhalten, selbst an der Front. Was die abgekämpften Soldaten wahrscheinlich antrieb, war ihr Wunsch nach wenigstens ein wenig Feiertagsatmosphäre, einer kurzen Ruhepause.

Ein Reporter der Zeitung Al-HaMischmar, der die Soldaten in der schwierigen Schlacht am Suezkanal im Süden begleitete, berichtete auf Hebräisch: „Trotz der bitteren Kämpfe wird nicht vergessen, dass das zivile Leben weiter geht. An der Front entdeckten wir eine improvisierte Sukkah: ein mit Zweigen dekoriertes Halbkettenfahrzeug, völlig koscher.“

In der Sammlung der Nationalbibliothek Israels fanden wir mehrere seltene Fotos, die dokumentieren, wie Soldaten improvisierte Laubhütten auf Jeeps und anderen Militärfahrzeugen aufstellten. Es ist unklar, ob all diese kreativen Sukkah-Buden die Anforderungen gemäß dem jüdischen Recht erfüllen, aber es ist sehr gut möglich, dass sie für die Soldaten an der Front in schwierigen Zeiten einige Freunde und ein Gefühl der Heimat boten.

Eine Sukka auf einem Armeefahrzeug auf dem Golan, 1973. Sammlung Nathan Fendrich, Nationale Fotosammlung der Familie Pritzker in der Nationalbibliothek Israels

Zu den besonders herausstehenden Fotos gehören die, die der Fotograf Nathan Fendrich machte. Der 39-jährige jüdisch-amerikanische Tourist war nach Israel gekommen, um historische und archäologische Stätten zu dokumentieren. Weil er bei Ausbruch des Krieges festsaß, beschloss er mit seiner Kamera bewaffnet an die verschiedenen Fronten zu fahren. Unter hunderten faszinierender Fotografien fanden wir eine Handvoll, die einige improvisierte Laubhütten dokumentieren.

Eine Sukkah auf einem Armeefahrzeug auf den Golanhöhen. Sammlung Nathan Fendrich, Nationale Fotosammlung der Familie Pritzker in der Nationalbibliothek Israels
Eine Sukkah auf einem Armeefahrzeug. Sammlung Nathan Fendrich, Nationale Fotosammlung der Familie Pritzker in der Nationalbibliothek Israels

Das Laubhüttenfest 1973 begann im Schatten verzweifelter Schlachten an beiden Fronten, mit echter Sorge um das Überleben des jüdischen Staats, aber bis zum Ende von Sukkot war der Wendepunkt gekommen und IDF-Truppen gingen aus der Defensive in die Offensive über. Ein Journalist von Ma’ariv berichtete am 17. Oktober tief aus syrischem Territorium:

„Auf der Hauptstraße nach Huschniye – zwischen zwei beschädigten Panzern weht ein gelb werdendes Strohdach im Wind, das eine improvisierte Laubhütte bedeckte. Ein Soldat des Pionierkorps sagt uns: ‚Die Leute der Panzerdivision bauten die Sukkah. Ja, sie schafften es die Mitzwe zu erfüllen darin zu sitzen, bevor sie gerufen wurden, um den letzten Feindkessel an der Huschniye-Kreuzung zu vernichten.‘“

Wie eine aus einer Zeitung ausgeschnittene Landkarte half im Yom Kipur-Krieg eine entscheidende Schlacht zu gewinnen

Der Yom Kippur-Krieg 1973 war völliges Chaos. Panzersoldaten, die sich der Schlacht im Tal der Tränen auf den Golanhöhen anschlossen, kannten das Gelände nicht und konnten keine richtige Karte finden, die sie führen konnte, also  improvisierten sie…

Hadar Ben-Yehuda, the Librarians, 21. Oktober 2020

Amnon Kafkafi im Yom Kippur-Krieg

Sarah, 15:22 Uhr
Danke, dass Sie uns kontaktieren. Jemand aus der Bibliothek wird gleich mit Ihnen sprechen.

Sarah, 15:22 Uhr
Hallo, ich heiße Sarah. Willkommen beim Livechat der Nationalbibliothek. Wie kann ich Ihnen helfen?

Amnon, 15:23 Uhr
Hallo Sarah, mich würde interessieren, ob Sie vielleicht eine Kopie der Titelseite der Ha’aretz vom 7. Oktober 1973 haben?

(Ein Gespräch im Chat zwischen Amnon Kafkafi und Sara Yahalomi von der Auskunft der Nationalbibliothek.)

***

Als er nur noch vier Monate seines Wehrdienstes ableisten musste, befand sich Amnon Kafkafi auf Urlaub im Haus seiner Eltern in Ramat HaSharon in Zentralisrael. Das war im Jahr 1973. Gegen zwei Uhr mittags unterbrach ein Alarm die Stille des Yom Kippur.

Ein paar Monate zuvor hatte Kafkafi seinen Posten als Panzerkommandeur im 82. Bataillon der 7. Panzerbrigade verlassen und wurde daher nicht zurück in seine Einheit geholt. Trotzdem zog er schnell seine Uniform an, während er seiner Mutter versicherte: „Alles wird gut“. Sein Vater fuhr ihn hinunter zur nahe gelegenen Schnellstraße. Dann trampte er den Rest des Tages bis zur Kaserne des Bataillons, Camp Natan bei Beer Sheva im Negev im Süden Israels.

Die Kaserne war fast leer, als er dort ankam. Amnon war nicht bewusst, dass die Soldaten der Einheit bereits am Abend vor dem Yom Kippur vom örtlichen Flugplatz Mahanaim einen Flug in den Norden Israels genommen hatten. Er wusste nicht, dass ihnen Panzer und Ausrüstung des nahe gelegenen Notfalllagers zugewiesen worden und sie zur Bekämpfung der Syrer an der Nordfront auf den Golanhöhen geschickt worden waren. Der Adjutant des Bataillons, der Leutnant in der Kaserne, befahl ihm und den anderen Soldaten, die ankamen, in der Kaserne zu bleiben und bei verschiedenen Aufgaben zu helfen.

Sie waren weit von der entscheidenden Front entfernt, an der ihr Bataillon eingesetzt war. Kafkafi rief das Hauptquartier der Panzertruppe an. Der kommandierende Offizier fragte, ob es noch irgendwelche Panzer in der Kaserne gebe. Kafkafi antwortete, es gebe einen T-54-Panzer vor dem Büro des Bataillonskommandanten, Beute aus dem Sechstage-Krieg. Der Offizier antwortete: „Ich schicke einen Transporter für den Panzer“, womit er Kafkafi zwang einzugestehen, dass er nur gescherzt hatte und dass der Panzer nur ein Denkmal und komplett unbrauchbar war. Der Offizier sagte Kafkafi, sie bräuchten Panzersoldaten an der Front, aber dass er kein Fahrzeug entbehren könne, um Kafkafi und die anderen einzusammeln.

Kafkafi sagte dem Adjutanten der Basis, dass er und seine Freunde sich nach zwei Tagen harter Arbeit im Montana Eiskrem erfrischen wollten, das in fußläufig von der Kaserne entfernt lag. Der Leutnant sagte: „Kein Problem, vergesst nur nicht mir auf dem Rückweg auch ein Eis mitzubringen.“ Die Soldaten gingen tatsächlich zum Eis essen; Kafkafi rief seine Mutter aus einer Telefonzelle an und sagte ihr, er sei auf der Basis bei Beer Sheva und gebe für sie keinen Grund sich zu sorgen. Dann überquerten die 7 Panzersoldaten die Straße und begannen eine Tramper-Reise in den Norden, an die Front.

***

Beschädigte syrische Panzer nahe des Panzergrabens im Tal der Tränen (IDF-Archiv)

Amnon, 15:27 Uhr
An diesem Datum, dem Tag nach Ausbruch des Yom Kippur-Krieges, wurde eine Karte des Schlachtfelds auf dem Golan veröffentlicht. Das war die einzige Karte, die ich hatte, als ich im Tal der Tränen kämpfte. Kann ich eine Kopie dieser Karte oder der gesamten Titelseite bekommen?

Sarah, 15:29 Uhr
Wir können Ihnen das Bild schicken, aber wenn Sie herkommen, können sie eine Kopie für einen viel günstigeren Preis bekommen.

Amnmon, 15:29 Uhr
Ich bin nicht sicher, ob die Karte am 7. oder am 8. Oktober veröffentlicht wurde, wie kann ich das herausfinden, bevor ich die Seite bestelle?

Sarah, 15:30 Uhr
Ich kann das für Sie überprüfen.

Amnon, 15.30 Uhr
Ich wäre Ihnen enorm dankbar…

(Chat-Unterhaltung zwischen Amnon Kafkafi und Sara Yahalomi von der Auskunft der Bibliothek)

***

„Ich wurde von einem Historiker, der den Krieg erforschte, gebeten alles aufzuschreiben, was geschehen war“, sagt Kafkafi. „Was die Geschichte meines Panzers im Krieg besonders macht, ist, dass die Soldaten in meinem Panzer und ich wegen des Chaos der ersten Tage des Krieges auf extrem unkonventionelle Weise agieren mussten. Niemand in der Armee dachte je, dass Leute auf die Weise in den Krieg zogen, wie wir das machten. Typen, die gerade vom Urlaub zurückkamen und nicht länger Teil der Einheit waren, übernahmen einfach die Initiative. Typen, die ihren Dienst als Panzersoldaten vor ein paar Monaten abgeleistet hatten, Typen, die sich entschieden zur Front zu gehen und den ganzen Weg dorthin trampten. Wir nahmen einen nicht ausgerüsteten Panzer, der nicht schießen, sondern nur dazu benutzt werden konnte den Feind zu überfahren, und fanden den Rest der Ausrüstung später [als sie aufgegebene IDF-Panzer auf den Golanhöhen fanden]. Wir fanden alles, was wir brauchten, nur keine Karte, denn es ist verboten Landkarten zurückzulassen.“

***

„Wir fuhren den Berg hinauf und kamen am Montag, 8. Oktober, im Morgengrauen in Camp Philon [auf dem Golanhöhen] an. Der Stab kannte die genaue Position unserer Einheit nicht, aber sie sagten, die 7. Brigade sei der Nordfront zugeordnet und das 82. Bataillon gäbe es nicht mehr. Ich schätzte, dass diese „Neuigkeiten“ falsch sein mussten, denn immerhin hatten wir es mit einem langen Tag des Kampfes zu tun. Wir alle hatten das Versprechen des Kommandeurs im Hinterkopf, dass jeder, der einen feindlichen Panzer traf, eine Flasche Champagner gewinnen würde.“

Amnon Kafkafi während des Yom Kippur-Kriegs in einem Panzer.

„In Camp Philon kamen wir wieder mit den vier Typen zusammen, die mit uns vom Montana Eiskrem angereist waren und gemeinsam beschlossen wir, dass wir frühstücken gehen sollten. Wir fanden die Messehalle und baten den zuständigen Unteroffizier um Essen oder zumindest etwas Brot und Käse. Er lehnte ab und sagte, wir seinen seiner Basis nicht zugeteilt und hätten daher kein Recht auf Essen. Wir gingen mit leeren Händen. Ich fand eine Zeitung vom Vortag mit kleinen Landkarten „Die Schlachtfelder im Süden und Norden“. Ich schnitt die Karte der Golanhöhen aus, sie maß etwa 5 mal 9 Zentimeter und hatte den See Genezareth eingezeichnet, rechts eine bogenförmige Linie, die die Grenze markierte… Ich begrub sie in der Tasche meines Overalls; wir nutzten sie von diesem Zeitpunkt an.“

(Aus dem hebräischen Buch Aschnav 3 [„Fenster 3: Mein Yom Kippur-Krieg – die Geschichte einer Panzereinheit“] von Amnon Kafkafi)

***

Sarah, 15:30 Uhr
Sie sahen die Zeitung und nahmen sie mit in den Krieg?

Amnon, 15:31 Uhr
Ich sah die Zeitung und schnitt die kleine Landkarte aus und behielt sie in meiner Tasche. Als ich bei der Notfalllager-Einheit ankam, um einen Panzer zugewiesen zu bekommen, gab es keine Landkarten mehr, also navigierte ich nach dem Zeitungsausschnitt…

Sarah, 15:32 Uhr
Unglaublich…

Amnon, 15:32 Uhr
In der Tat.

Sarah, 15:32
Das war, bevor jeder Sechsjährige eine Navigationsapp auf seinem Telefon hatte.

Amnon, 15:32
Ich schreibe meine Memoiren und würde liebend gerne diese komplette schematische Karte darin haben.

Amnon, 15:33
1973 gab es keine Handys.

(Chat-Gespräch zwischen Amnon Kafkafi und Sara Yahalomi von der Auskunft der Bibliothek)

Amnon Kafkafi im Tal der Tränen, an der Stelle, an der sein Panzer getroffen wurde.

***

„Ich wusste, ich würde die Karte in unserer digitalen Sammlung historischer jüdischer Presse nicht finden und dass ich in der Mikrofilm-Sammlung würde suchen müssen“, sagt Yahalomi. „Ich wusste, er brauchte hier Hilfe. Er glaubte, die Karte sei in der Zeitung Ha’aretz veröffentlicht worden und ich suchte und fand eine Landkarte auf dem Mikrofilm vom 8. Oktober, zwei Tage nach Ausbruch des Krieges. Ich war sicher, dass es die Karte aus dem Krieg war und schickte sie ihm.“

***

  1. Januar 2017, 19:02 MEZ + 1:00, Sara Yahalomi:

Hallo Amnon,

Wir haben letzte Woche über die Landkarte der Golanhöhen gesprochen, nach der Sie in der Zeitung Ha’aretz suchten.

Ich freue mich Ihnen sagen zu können, dass sie auf der zweiten Seite der Druckausgabe der Zeitung vom 8. Oktober 1973 gefunden wurde (ich hoffe, das ist wirklich die richtige Karte).

Sie ist in zwei Formaten an diese E-Mail angehängt – pdf und jpg.

Ich muss zugeben, dass ich von Ihrer Geschichte tief berührt war und es war mir eine Ehre die Karte zu finden, die Ihnen in der Schlacht diente.

(Ich wollte nur klarstellen, um keine falschen Erwartungen für die Zukunft zu wecken, dass dies kein Standardservice unserer Bibliothek ist.)

Grüße
Sarah Yahalomi / Bibliothekarin
Auskunft, Abteilung Öffentlichkeisarbeit

***

Hallo Sarah,

Es ist sehr angenehm jemanden (wenn auch nur im Chat) zu treffen, der Wort hält, jemanden, der bereit ist keine Mühen zu scheuen, jemand der schlicht von einer einfachen Geschichte bewegt ist, die sich vor 43 Jahren abspielte.

Viele Dank für Ihre Hilfe.

[…]

Haben Sie nach der Zeitung Ha’aretz mit Datum vom 7. Oktober 1973 gesehen? Ich glaube, es war eine noch weniger detailliertere Karte, die dort veröffentlicht wurde, die die Positionen des syrischen Angriffs nicht angab. Ich bin nicht sicher, dass dies die Landkarte ist, die ich damals hatte. Vielleicht liege ich komplett falsch und die fragliche Karte wurde in Yedioth Ahronoth oder Ma’ariv veröffentlicht. Jedenfalls denke ich, sie wurde auf der Titelseite des 7. Oktober veröffentlicht.

[…]

Ich habe keinen Zweifel, Sarah, dass das, was Sie für mich getan haben, außergewöhnlich und nicht Standardservice der Bibliothek ist und dafür bin ich ehrlich dankbar.

Bitte grüßen Sie Ihren Panzersoldaten-Neffen und wünschen Sie ihm von mir alles Gute.

Grüße
Amnon Kafakfi

***

Yahalomi setzte die Suche nach der Karte im digitalisierten Archiv von Yedioth Ahronoth fort, mit dem das System der Nationalbibliothek verlinkt ist; sie fand eine Karte, auf die die Beschreibung passte und schickte sie an Amnon Kafkafi.

Die in Yedioth Ahronoth am 7. Oktober 1973 veröffentlichte Karte.

12.01.2017, 19:15 MEZ + 1:00 Sara Yahalomi:

Hallo Amnon,

Ich habe ein Foto der in Yedioth Ahronoth am 7. Oktober 1973 veröffentlichte Karte angehängt.

Grüße
Sara Yahalomi, Bibliothekarin
Auskunft, Öffentlichkeitsarbeit

***

Hallo Sara,

Sie sind die Beste!

Das ist die Karte, genau so, wie ich mich an sie erinnerte. Zugegeben, sie ist nicht aus Ha’aretz, auch nicht von der Titelseite – nach so vielen Jahren kann die Erinnerung trügen. Jedenfalls ist das ohne Zweifel die einzige Karte, die ich hatte und mit der wir unseren Panzer die ganze Zeit navigierten, die wir auf dem Golan waren, bis unser Panzer bei der letzen Halteaktion im Tal der Tränen zerstört wurde.

Ich danke Ihnen aus tiefstem Herzen für all Ihre Bemühungen.

Grüße
Amnon Kafkafi

***

Und Sara Yahalomi fügte hinzu: „Das war eine besonders bewegende Anfrage. Können Sie sich die Situation vorstellen? Vier Leute in einem Panzer, ohne Landkarte! Heute nutzen wir Waze für alle Kleinigkeiten. Sie kämpften mit einer Landkarte, die sie in einer Zeitung fanden! Das war so surreal und ungewöhnlich, dass ich beschloss helfen zu wollen. Die Karte zu finden war aufregend, genauso Amnons Bestätigung zu bekommen, dass es sich tatsächlich um die Karte handelte, nach der er suchte.

Ich habe einen Neffen, der Panzersoldat ist, also berührte mich die Geschichte auf einer persönlicheren Ebene“, sagt Yahalomi. „Die Arbeit der Auskunft ist oft technischer Art, aber aufregend ist, dass hinter den technischen Suchen Leute stecken, für die die Informationen, die wir finden, viel bedeuten. Amnon kontaktierte uns über den Chat, aber jeder von uns hier beantwortet jedes Jahr mehr als 800 Chats; dennoch hatte diese Anfrage etwas Besonderes.“

***

Kafkafi und die anderen Panzersoldaten kannten das Terrain auf den Golanhöhen so gut wie nicht. Sie waren in den Wüsten der Halbinsel Sinai ausgebildet worden. Bevor er zur Armee ging, verbrachte Kafkafi ein paar Jahre in Washington DC, wo seine Eltern in der israelischen Botschaft arbeiteten. Er kannte den Golan daher nicht, der von Israel erst eine kurze Zeit zuvor erobert worden war.

„Die Größe der Karte, die ich aus der Zeitung heraustrennte (die zu finden Sie mir so wundervoll halfen), maß ein paar Zentimeter; sie war komplett schematisch“, sagt Kafkafi. „Sie umriss und markierte den See Genezareth und die Grenze. Sie war fast wertlos, aber sie war immer noch die einzige zur Verfügung stehende Karte. Also schnitt ich sie aus und steckte sie mir in die Tasche.

Abgesehen von der Nostalgie – 43 Jahre lang erinnerte ich mich an die Karte, die wir dabei hatten – ist es ein Hinweis darauf, wie unvorbereitet und unorganisiert wir waren. Dass wir mit einem Panzer losfuhren, der nicht intakt war, mit ehemaligen Panzersoldaten, die sich die Freiheit nahmen in den Krieg zu ziehen, die Front erreichten und an der bedeutendsten und kritischsten Schlacht des Yom Kippur-Krieges auf den Golanhöhen teilnahmen. Die Kämpfe auf den Golanhöhen waren buchstäblich eine Schlacht um die Grenzen des Landes. Die Syrer kamen fast bis zum See Genezareth.“

***

„Die Schlachtfelder im Norden“ – Die aus der Zeitung gerissene Landkarte

Kafkafi in einem Interview mit Israel HaYom vom 12. September 2013 über die Wiederverbindung mit Schmulik Zemel, der mit zusammen ihm während dieser Schlacht im Tank war: „Wie hatten eine sehr kurze, aber intensive Erfahrung miteinander. Wir kannten einander vor dem Krieg nicht und verbrachten nur zwei Tage zusammen, aber wir waren in den schwierigsten Kämpfen des Krieges dabei. Am Ende der letzen Halteaktion im Tal der Tränen wurde unser Panzer getroffen. Einer unserer Kameraden wurde getötet und ein vierter kurz darauf getötet. Zemel und ich wurden verletzt. Irgendwann wusste ich, dass zwei meiner Kameraden getötet wurden und ich wusste nicht, was mit dem dritten war; war er tot oder am Leben? Und wenn er lebte – was war ihm seitdem passiert? Und so war es für mich wichtig ihn zu finden und dass wir uns unserer Erfahrungen erinnerten.“

***

Der verstorbene Schalom Burstein, der in Amnon Kafkafis Panzer diente. Burstein wurde in der Schlacht im Tal der Tränen getötet.

Eine E-Mail von Schmuel Zemel an Kafkafi:

„Wir waren ein kleines Rad in der Maschinerie, aber wie es an Hanukkah heißt: ‚Jeder einzelne von uns ist ein kleines Licht. Aber zusammen sind wir ein mächtiges Licht.“

In der Tat kann dieser Morgen im Tal der Tränen als Durchbruch betrachtet werden, in dem die Seite, die nicht zerbrach, gewann, weil sie am Ende immer noch etwas Kraft übrig hatte und wir waren (wie jeder der anderen Kämpfer) dieses ‚kleine bisschen mehr‘, das gebraucht wurde, um zu obsiegen!

Schicke meine herzlichen Grüße an Mickey und pass auf dich auf.

Ich wünsche dir gute Gesundheit und dass du große Freude an deinen Enkelkindern hast.

Beste Grüße
dein Freund
Schmulik

***

„Wir zogen in den Krieg mit Angst um das Schicksal des Staates“, schließt Kafkafi, „und ‚Raful‘ [der Divisionsbefehlshaber, Brigadegeneral Rafael Eitan, später Generalstabschef] sagte aufrichtig über die Kämpfer an der Nordfront: ‚Ihr seid diejenigen, die den Staat gerettet haben.‘ Heute bezeichnen sie es als „in den Kampf eingreifen‘ oder ‚Kontakt herstellen‘ – wir waren Leute, die die Bedeutung der Ereignisse verstanden und taten, was getan werden musste, um zu helfen. Und am Ende hatten wir Erfolg. Und wir machten das ohne eine richtige Landkarte.“

 

Dieser Artikel wurde ursprünglich 2017 auf Hebräisch publiziert.
Wir danken Amnon Kafkafi, dass er uns erlaubt die Korrespondenz zu veröffentlichen.

Die Kinder von 1973 schreiben über den Yom Kippur-Krieg

Briefe, die israelische Kinder während des Kriegs 1973 schrieben, offenbaren, wie sie eine der herausforderndsten Zeiten des Staates erlebten.

Nationalbibliothek Israels, 14. September 2020

Foto von Eli Landua, Sammlung Dan Hadani, Pritzker Family National Photography Collection in der Nationalbibliothek Israels

47 Jahre nach dem Yom Kippur-Krieg sind sie mitten in ihren 50-ern und 60-ern. Damals, im Herbst 1973, waren sie nur Schulkinder, Jungs und Mädchen. Um herauszufinden, an was von der damaligen Zeit sie sich erinnern, können wir sie einfach fragen, die meisten leben noch. Um zu wissen, was sie in der Zeit fühlten und dachten, als die Ereignisse tatsächlich stattfanden, müssen wir ihre Briefe lesen.

Der Krieg überraschte nicht nur die israelische Armee und Regierung, sondern auch die Presse des Landes. Dazu gehörte eine Reihe von Zeitungen und Magazinen, die für Kinder gedacht waren. Zwei Tage nach Ausbruch des Krieges, am 8. Oktober, veröffentlichte Davar Leyeladim (eine Wochenbeilage der Tageszeitung Davar) seine Feiertagsausgabe für Sukkot. Die einzige Erwähnung des Krieges war ein kurzer Text oben auf der ersten Seite. Er begann mit den Worten: „Mit Redaktionsschluss dieser Ausgabe, am Vorabend des Yom Kippur, brach ein vierter Krieg zwischen Israel und seinen Nachbarn aus: Die syrische Armee überschritt die Grenze auf den Golanhöhen und die ägyptische Armee überquerte den Suezkanal. Zu Land, zu See und in der Luft finden heftige Kämpfe statt.“

Es war ein klarer Versuch die jungen Leser zu beruhigen und Israel so darzustellen, dass es die Lage unter Kontrolle hat – noch bevor sich der Nebel des Krieges hob: „Die israelische Heimatfront ist aufgerufen worden und jeder ist losgezogen um seine Pflicht zu tun. Während dies geschrieben wird, blockiert die IDF mit größtem Heldenmut das Vorrücken des Feindes und die syrische wie die ägyptische Armee erleiden schwere Verluste. Die Nachrichten von der Front sind immer noch vage [und es scheint ein Zitat von Verteidigungsminister Mosche Dayan zu geben, der voraussagt: ‚Es gibt keinen Zweifel, dass der Krieg zu unseren Gunsten endet!‘]“

Der Einband der Ausgabe der Kinderbeilage Davar Leyeladim vom 8. Oktober, erwähnte den Krieg nicht…

Die Kinderausgabe der Ha’aretz vom 8. Oktober schaffte es ihre Leser weiter zu auf dem aktuellen Stand zu halten, aber selbst dort füllten die Neuigkeiten nur eine einzige Seite. Darin erfuhren die Leser von den „kleinen und unbedeutenden“ Erfolgen der arabischen Armeen „bedenkt man, dass der Feind den ersten Schlag führte“.

„Bedenkt man die Tatsache, dass der Feind den ersten Schlag führte, sind ihre Erfolge klein und unbedeutend“ – In der Ha’aretz-Kinderausgabe vom 8. Oktober war eine Seite war dem Krieg gewidmet.

Folgeausgaben stellten ein kompletteres Bild der Kriegsereignisse, mehr Details dar – mit Betonung auf den Soldaten und ihren Geschichten. Dennoch behielten die meisten Ausgaben ihr Format und die regulären Sektionen bei, einschließlich Serienromanen, Kinderliedern und sogar Witzen. Der für unsere Diskussion relevante Abschnitt ist „Ha’aretz Schelanu-Leser schreiben“, veröffentlicht in Ha’retz Schelanu („Unser Land“), eine Kinderwochenzeitung. Dort erfahren wir, dass trotz der  Absicht, selbst während der schwierigsten Momente des Landes eine Routine beizubehalten, der  Krieg eindeutig die Gedanken der Kinder der Nation verzehrte.

Das erste Mal hören wir diese Kinderstimmen in der dritten Woche des Krieges, in der Ausgabe von Ha’aretz Schelanu vom 22. Oktober. In den Briefen der Leser hören wir die von den Kämpfen verursachte lähmende Angst. Anat Gavrieli aus Tel Aviv schrieb: „Liebe Reaktion, ich weiß, dass Krieg ist. Die Ägypter überraschten uns und griffen uns an. Ich fühle mich unwohl. Es gibt echte Sirenenalarme [nicht nur Übungen]. Statt in den Bunker hinunterzugehen, bleibe ich Zuhause, von Angst ergriffen. Im Radio und im Fernsehen – ständig ist da Krieg … Ich kleben vor dem Radio fest wie eine Schnecke in ihrem Haus. Ich hoffe und bete, dass es Frieden geben wird und dass der Krieg in Frieden enden wird.“

Neben der Sehnsucht nach Frieden finden wir etwas Wut wegen des Überraschungsangriffs: „Liebe Redaktion, die Araber sind Feiglinge! Wir sind es nicht! Unsere Feinde glaubten uns während des Fasten- und Gebetstags besiegen zu können, aber sie erfuhren bald, dass wir trotz der Fast bereit waren für unser Recht in Frieden zu fasten und zu beten zu kämpfen. Unser Sieg ist sicher, weil unser Kampf einer um unser Leben ist“, schrieb die zehnjährige Liora Binyamin aus Haifa.

„… sofort ertönte eine Sirene. Ich legte meine Schwester Maya in den Wagen und ging die Treppen hinab. Ich spielte mit ihr im Bunker… Viele Gedanken gingen mir durch den Kopf. Als Entwarnung gegeben wurde, fragten sie mich: ‚Warum immer deine Tagträume?‘ Ich antwortete nicht… Hagit Kanev, Tchernichovsky Street 55, Haifa.“

Angst, Sehnsucht nach Frieden sowie Wut tauchen auch in späteren Ausgaben auf, neben den einfachen Fragen und Gedanken der Kinder. Wenn die Sirenen ertönten, gingen Hagit Nakav und ihrer Schwester in den Bunker ihres Apartmenthauses in Haifa hinab. Um sich die Zeit zu vertreiben spielten die beiden und „plötzlich dachte ich: Da im Norden kämpfen sie und hier sitze ich und spiele“. Mitten im Chaos des Krieges und in der quälenden Sorge um ihre Brüder und Väter, die um ihr Leben kämpften, schickte Meirav Bieber (10) aus Raanana eine Frage: „Was passiert im Krieg, wie jetzt, mit den Tieren im Zoo? Werden sie in Schutzräume gebracht oder in Käfigen gelassen? Und wenn sie dort gelassen werden, was passiert, wenn eine Bombe auf sie fällt? Das ist Misshandlung von Tieren!“

Vergleiche zwischen Israel und seinen Feinden im Krieg konzentrierten sich auf die Frage der Heiligkeit des Lebens. Die Kinder, die an die Zeitungen schrieben, schrieben entschlossen, wie Anat Kasavi aus Nahariya es formulierte: „Sie, die Araber, kümmern sich überhaupt nicht um ihr Volk! Wenn einer fällt, ersetzen ihn zehn. Das ist bei uns nicht der Fall! 658 Tote nach einer Woche der Kämpfe, von unseren besten! Ich will nicht, dass unsere Leute sterben und ich will nicht, dass unsere Feinde sterben!“

„Ich will nicht, dass unsere Leute sterben und ich will nicht, dass unsere Feinde sterben! … Anat Kasavi, Herzl-Straße 45, Nahariya

Viele der jungen Briefeschreiber schrieben von ihrem Leben an der Heimatfront im Schatten des Krieges. Ella Tamar aus Tel Aviv schrieb über die stille, übersehene Heldin des Krieges – die trauernde Mutter. Die zwölfjährige Ella beschloss die Figur der trauernden Mutter mit Geschichten aus der Bibel zu verbinden und setzte das Heldentum des Patriarchen Abraham mit dem der trauernden Mütter gleich; sie fügt hinzu: „Wenn der Bauer seine Felder aussät, weiß er, dass er bald die Ernte einfahren wird. Aber diese Mütter werden die ihre nicht einfahren; sie werden ihre Söhne nicht aufwachsen sehen und die Früchte ihrer Arbeit erleben. Der Krieg hat das verhindert.“

„Wenn der Bauer seine Felder aussät, weiß er, dass er bald die Ernte einfahren wird. Aber diese Mütter werden ihre nicht einfahren; sie werden ihr Söhne nicht aufwachsen sehen und die Früchte ihrer Arbeit erleben…“ Ella Tamar, 12 Jahre, Frishman Street 47, Tel Aviv

Mit der Verkündung des Waffenstillstands gaben die Kinder des Landes wieder stärker ihrer Friedenssehnsucht Ausdruck. Gadi Marcus aus Tel Haschomer schrieb: „In meinem Herzen denke ich, wie schrecklich Krieg ist. Abgesehen von den vielen Opfern fehlen Arbeitskräfte an der Heimatfront. Für Frieden muss alles getan werden.“

Nach dem Ende der Kämpfe waren die jungen Schreiber in der Lage darüber nachzudenken, was ihre Feinde bewog in den Krieg zu ziehen. Talia Nur (12) aus Bat Yam glaubte, der Überraschungsangriff der Ägypter und Syrer entstamme einem Gefühl des Verlustes der Zuversicht nach Israels entscheidendem Sieg im Sechstage-Krieg von 1967 und gab an, dass die „Arroganz und Geringschätzung“, die die israelische Haltung vor dem Yom Kippur-Krieg kennzeichnete, „nicht die richtige Art war die Araber einzuschätzen“. Die elfjährige Ronit Hagai aus Ramat Gan wunderte sich: „Vielleicht wollten die meisten Araber gar nicht kämpfen und es waren nur die Führer, die sie aufhetzten?“

„Arroganz und Geringschätzung ist nicht die richtige Art die Araber einzuschätzen“… Talia Nol, 12 Jahre alt, Rabbi-Kook-Straße 22, Bat Yam.

Einige der Schreiber antworteten auf die Briefe anderer Kinder, so auch der Siebtklässler Galil Ben-Dror aus Gvat: „Auch wenn die Araber zum Rückzug gezwungen waren, waren sie nicht gebrochen. Liora, glaube nicht, dass wir mutiger sind als die Araber.“

„Auch wenn die Araber zum Rückzug gezwungen waren, waren sie nicht gebrochen. Liora, glaube nicht, dass wir mutiger sind als die Araber.“

Die Beiträge der israelischen Jugend selbst zu den Kriegsanstrengungen wurden ebenfalls gelegentlich erwähnt, so wie in diesem Brief, der in der Ausgabe vom 26. November veröffentlicht wurde:

„Wir arbeiteten in den Gärten,wuschen Autos und mehr und sammelten 1210 israelische Lire. Wir hofften, solche Taten würden uns helfen diesen schwierigen Krieg zu gewinnen. .. Shari Herzberg und Yonah Davidovitch, 8. Klasse, Brandeis-Schule, Herzliya.

Mit dem Ende des Krieges und dem Aufkommen öffentlicher Diskussionen zu dem, was sofort „Das Fiasko“ genannt wurde, stellte die Jugend ein eindrucksvolles Engagement der aktuellen Angelegenheiten. War es Dayans Fehler? Sollte die gesamte Regierung Verantwortung übernehmen? Sollte die herrschende Partei die Verantwortung erhalten? Die Persönlichkeit Motti Aschkenazi kam bald in den Vordergrund. Aschkenazi war ein Reserveoffizier, dessen persönliche Kampagne gegen die Defekte der israelischen Führung rund um den Krieg zu einer öffentlichen Protestbewegung wurde. Wer hatte recht – Dayan oder Aschkenazi? Wie sahen die Grenzen der legitimen Kritik aus? Diese Fragen erregten die Aufmerksamkeit von Kindern, die erst zehn oder zwölf Jahre alt waren. Selbst wenn ihre Worte die ihrer Eltern und anderer Erwachsener um sie herum widerspiegeln, scheint ihre Beschäftigung damit und wie sie die Themen artikulierten heute sehr erwachsen. Hier einige Auszüge:

Motti Aschkenazi ist nichts als ein plappernder Papagei, der brüllt und schreibt, während er in der Knesset herummarschiert. Und es ist eine Schande für den Staat Israel, dass ein Mann, der so viel Unsinn redet, nicht aufgehalten wird! … Ilana Zohar, Beer Sheva

„Es ist möglich, dass Mosche Dayan für das Geschehene schuldig ist, aber tatsächlich sind wir alle aus Fleisch und Blut, jeder kann einen Fehler machen, aber er machte es gewiss nicht absichtlich. Daher müssen wir ihn verstehen und auf die korrekte Weise logisch über sein Handeln nachdenken…“ Melli Herbst, Uziel-Straße 30, Ramat Gan.

„Ruthi, du hast selbst geschrieben, dass Israel eine Demokratie ist und dazu gehört freie Meinungsäußerung. Warum also sollte Motti Aschkenazi sich nicht öffentlich äußern?…“ Varda Harif, Tirza-Straße 22,Ramat Gan.

„Die Leute wählten Mosche Dayan vor 6 Jahren und heute, wegen des Fiaskos des Krieges, hat die Unterstützung für Mosche Dayan nachgelassen. Motti Aschkenazi fordert Dayans Rücktritt und das zurecht. Mosche Dayan muss als für die Staatssicherheit verantwortlicher Minister die Konsequenzen tragen…“ Noam Ben-Ozer, 10 Jahre, Kibbutz Gan-Schmuel.

Grundlage dieses Artikels ist ein früherer Artikel von Joram Melcer.

Warum feiert Syrien den Krieg vom Oktober 1973?

Elder of Ziyon, 7. Oktober 2020

ich verstehe, warum Ägypten den Krieg vom Oktober 1973 / Yom Kippur-Krieg feiert. Am Ende war er der Funke, der dazu führte, dass Israel den Sinai an Ägypten zurückgab.

Aber auch Syrien feiert den Krieg. Es gab am 6. Oktober, dem Jahrestag des Beginn des Krieges, in der offiziellen syrischen Nachrichtenagentur SANA zahlreiche Artikel und Videos.

Dieser Artikel versicherte den Lesern, dass die Araber auf den Golanhöhen ganz begierig darauf waren, dass Syrien die Gegend wieder erobert. (Das ist ausdrücklich nicht der Fall.)

Dieser Artikel spricht mit syrischen Soldaten, die sich nahe der Grenze zu Israel befanden.

Dieser Artikel versucht zu erklären, warum der Krieg als Sieg betrachtet wurde – weil er keine Niederlange war:

Der vom Gründungsführer Hafez al-Assad angeführte Oktober-Befreiungskrieg bildete den Kompass des Kampfes zur Befreiung des usurpierten Landes und der Wiederherstellung arabischer Rechte. Er war eine eindeutige Ankündigung des Beginns des Zeitalters der Seige und des Endes der Ära der Niederlagen. Der Oktober-Befreiungskrieg war der erste Krieg im arabisch-israelischen Konflikt, der die Mauer der Verzweiflung nach dem Rückschlag des Juni 1967 durchbrach und die Tatsache weihte, dass Syrien die Burg der standhaften arabischen Nation ist, die ihre Existenz und Zukunft verteidig.

Sie erwähnen nicht, dass Israel am Ende des Krieges über die Lila Linie von 1967 überschritten hatte und die Außenbezirke von Damaskus beschoss.

Was für ein Sieg!

Als Leonard Cohen in der Wüste Sinai Ariel Sharon traf

Lesen Sie die Geschichte, wie ein internationaler jüdischer Superstar dazu kam im Yom Kippur-Krieg kämpfende israelische Truppen zu unterhalten

Shai Ben-Ari, the Librarians, 4. Oktober 2018

Lenoard Cohen singt während des Yom Kippur-Kriegs für israelische Soldaten. (Foto: Uri Dan, Farkash Gallery Collection, Rechte vorbehalten)

„Ich bin in meiner mythischen Heimat, aber ich habe keinen Beleg dafür und kann nicht diskutieren und ich bin nicht in der Gefahr mir selbst zu glauben … Ohne Hebräisch zu sprechen genieße ich meine legitime Stille.“

So beschrieb Leonard Cohen, jüdisch-kanadischer Liedermacher und Dichter, seine Ankunft in Israel im Herbst 1973 kurz vor Ausbruch des Yom Kippur-Krieges. Damals lebte Cohen mit seiner Freundin Suzanne Elrod und dem gemeinsamen Sohn Adam auf der griechischen Insel Hydra. Ihre Beziehung befand sich in Turbulenzen und es war für ihn eine unglückliche Zeit.

Cohens abrupter Entschluss einen Flug nach Israel zu buchen könnte zum Teil von zunehmenden Spannungen zwischen dem jüdischen Staat und seinen Nachbarn angespornt gewesen sein, aber es scheint so, dass es auch weiter Gründe gab. In seinem unveröffentlichten Manuskript „The Final Revision of My Life in Art“ schrieb Cohen: „… weil es so furchtbar zwischen uns ist, werde ich hingehen und Ägyptens Kugel aufhalten. Trompeten und ein Schleier von Rasierklingen.“

Cohen kannte in Israel niemanden. Ein Ehepaar im Flugzeug bot ihm an bei seinen Verwandten in Herzliya zu wohnen, einem Vorort von Tel Aviv. Nach Angaben seiner Biografin Ira Nadel hatte Cohen in diesem Zeitraum eine Reihe kurzer Affären mit mehreren Frauen, wobei der Sänger seine Abende oft damit verbrachte in recht einsamem Zustand durch die Straßen von Tel Aviv zu wandern.

Eines Tages, nachdem der Krieg ausgebrochen war, saß eine Gruppe israelischer Musiker, darunter die Sänger Oshik Levi, Matti Caspi und Ilana Rovina, im beliebten Tel Aviver Pinati Café als Levi einen alleine in einer Ecke sitzenden Mann entdeckte, der genauso wie Leonard Cohen aussah. Als Levi auf Cohen zuging und bestätigte, dass er es tatsächlich war, fragte der einheimische Sänger den internationalen Promi, was er in Israel mache. Cohen antwortete, dass er als Freiwilliger in einem Kibbuz gehen wollte, um bei der Ernte zu helfen, während die Einheimischen in den Krieg zogen.

Der israelische Musiker erklärte Cohen, dass es nicht Erntezeit war; er fügte hinzu, dass sie dabei waren in den Sinai zu fahren, um die Truppen zu unterhalten, die dort verzweifelt versuchten den ägyptische Überraschungsangriff abzuwehren. Sie boten Cohen an sich ihnen anzuschließen. Der Besucher zögerte, gab eine Reihe von Ausreden an: Er sei Pazifist, er habe keine Gitarre, seine Lieder seien traurig und kaum dazu geeignet die Moral zu stärken. Aber das alles wurde beiseite gewischt und Cohen stimmte schließlich zu sich der Band anzuschließen.

Von links nach rechts: Ilana Rovina, Matti Caspi und Leonard Cohen. (Foto: Uri Dan, the Farkasch Gallery Collection, Rechte vorbehalten)

Der Sänger war in Israel beliebt, obwohl er sich nur ein Jahr zuvor politisch pro-arabisch geäußert hatte. Er sagte der Zeitung „Davar“: „Ich schließe mich meinen in der Wüsten kämpfenden Brüdern an. Mir ist egal, ob ihr Krieg gerecht ist oder nicht. Ich weiß nur, dass Krieg grausam ist, dass er Knochen, Blut und üble Flecken auf dem heiligen Boden zurücklässt.“ In Erklärung seiner offensichtlichen Änderung seiner politischen Haltung sagte Cohen: „Ein Jude bleibt ein Jude. Jetzt ist Krieg und es muss nichts erklärt werden. Ich heiße Cohen, nicht wahr?“

Von seinen Erfahrungen mit den israelischen Musikern im Sinai sprach Cohen in einem Interview, das er ein Jahr später Robin Pike vom Magazin Zigzag gab: „Wir hielten einfach an kleinen Stellen an, einer Raketenstelle und sie richteten ihre Lampen auf uns und wir sangen ein paar Lieder. Oder sie gaben uns einen Jeep und wir fuhren die Straße weiter Richtung Front und wo immer wir ein paar Soldaten sahen, die auf einen Hubschrauber warteten oder sonst etwas, sangen wir ein paar Lieder. Und zurück im Fliegerhorst gaben wir vielleicht ein kleines Konzert, vielleicht mit Verstärkern. Es war sehr informell und sehr, wissen Sie, intensiv.“

Matti Caspi, einer der populärsten israelischen Musiker, begleitete Cohen, der nur einer von einer Reihe von Künstlern war, mit der klassischen Gitarre. Er wirkte auch als Cohens Übersetzer wo immer der Sänger ein paar Worte an sein Publikum aus von der Schlacht erschöpften Soldaten richtete. In einer Aufzeichnung des Armee-Radios ist Cohen zu hören, wie er sein beliebtes Lied „Suzanne“ ankündigt: „Diese Lieder sind zu leise für die Wüste. Sie gehörten in einen Raum mit einer Frau und etwas zu trinken. Wo wir hoffentlich sehr bald alle wieder sein werden.“

Caspi erinnert sich auf seiner Internetseite an einige ihrer Erlebnisse, erzählt, wie Cohen sein berühmtes Lied „Lover, Lover, Lover“ bei ihren frühen Auftritten zusammenbrachte: „Er schrieb den Text und die Melodie auf der Bühne während eines Auftritts für ein paar Soldaten und von Auftritt zu Auftritt verbesserte er sie.“

Und vielleicht wird der Geist dieses Liedes
rein und frei aufsteigen
Möge es euch ein Schild sein
ein Schild gegen den Feind

(Letzter Vers von „Lover, Lover, Lover“ von Leonard Cohen

Caspi erzählt auch das folgende Erlebnis: „Ich kann mich an ein surreales Bild von uns direkt neben der Landebahn des Flugplatzes in Rapidim erinnern. Wie sahen eine Hercules landen und Dutzende Soldaten strömten heraus. Sie bekamen den Befehl sich auf die Landebahn zu setzen und dann begleitete ich Leonard Cohen, während er „Bird on the Wire“ sang. Als das Lied zu Ende war, wurden sie auf LKWs befohlen, die zum Suezkanal fuhren. Direkt danach landete eine weitere Hercules und die Szene wiederholte sich. Sie setzten sich auf die Landebahn, Leonard Cohen sang dasselbe Lied und sofort danach stiegen sie auf die LKW, die zum Kanal fuhren.“

Foto von Uri Dan (The Farkash Gallery Collection, alle Rechte vorbehalten)

Cohen und Caspi verbrachten den gesamten Tag so, während LKW-Ladung um LKW-Ladung Soldaten einen kleinen Auftritt durch einen internationalen Superstar am unmöglichsten Ort erhielten. Nach Anbruch des Abends bestiegen die Musiker selbst den letzten der LKWs und fuhren nach Westen. Sie überquerten den Suezkanal und kamen in der Enklave auf der ägyptischen Seite an, die von IDF-Soldaten unter dem Kommando von Generalmajor Ariel Sharon an, dem umstrittenen Offizier, der schließlich Jahrzehnte später Israels Premierminister werden sollte. Caspi fügte hinzu: „Wir fanden uns wieder, wie wir halfen verletzte Soldaten zu wartenden Hubschraubern zu tragen. Das waren dieselben Soldaten, für die wir ein paar Stunden zuvor gespielt hatten.“

Cohens Zwiespältigkeit gegenüber dem Krieg wird auch aus seinen Erinnerungen an dieses Treffen mit Sharon klar: „Ich werde dem großen General vorgestellt, dem ‚Löwen der Wüste‘. Flüsternd frage ich ihn: ‚Wie kannst du das wagen?‘ Er bereut nichts. Wir trinken im Sand sitzend unter dem Schatten eines Panzers ein Cognac. Ich will seinen Job.“

Generalmajor Ariel Sharon, ein umstrittener israelischer Kriegsheld und später Premierminister, traf Cohen in seiner Zeit im Sinai. Der Sänger hatte gemischte Gefühle wegen des Generals. (Foto: Uri Dan, Farkash Gallery Collection, alle Rechte vorbehalten)

Die Erlebnisse des Sängers während des Yom Kippur-Krieges waren eine wichtige Inspirationsquelle für seine nächste Schallplatte, „New Skin for the Old Ceremony“ wurde im August 1974 veröffentlicht. Außer „Lover, Lover, Lover“ beinhaltete das Album auch Lieder mit Titeln wie „Field Commander Cohen“, „There is a War“ und „Who by Fire“, ein Lied, das das Yom Kippur-Gebet „Unetanneh Tokef“ als Grundlage hat.

Cohen erzählte Robin Pike von dem emotionalen Einfluss, den der Krieg auf ihn hatte: „… du wirst davon gefangengenommen. Und die Wüster ist schön und du denkst, dein Leben ist einen oder  zwei Momente lang bedeutungsvoll. Und Krieg ist wunderbar. Sie werden ihn nie ausmerzen. Er ist eines der wenigen Male, wo Leute ihr Bestes geben können. Er ist in Begrifflichkeiten von Gesten und Bewegung so ökonomisch, jede einzelne Geste ist präzise, jede Anstrengung ist eine maximale. Niemand faulenzt. Jeder ist für seinen Bruder verantwortlich. Das Gefühl von Gemeinschaft und Verwandtschaft und Brüderlichkeit, Hingabe. Es gibt Gelegenheiten Dinge zu fühlen, die man im modernen Stadtleben einfach nicht fühlen kann.“

Lenoard Cohen sollte den Rest seines Lebens weiterhin Israel besuchen und dort auftreten. Er verstarb im November 2016.

Sie können mehr über Leonard Cohens Leben und Erlebnisse im Yom Kippur-Krieg in Ira Nadels Biografie „Various Positions – A Life of Leonard Cohen“, das in der Nationalbibliothek Israels zur Verfügung steht.
Die Origionalfotos, die oben eingestellt sind, finden Si ein der Farkash Gallery:
https://farkash-gallery.com/