Holocaust-Abfindungsansprüche gegen nationale Eisenbahnen

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Holocaust-Entschädigung nach dem Zweiten Weltkrieg hat nicht nur zu sehr unvollständigen Abfindungen für jüdischen Vorkriegsbesitz geführt. Der amerikanische Finanzexperter Sidney Zabludoff hat geschätzt, dass weniger als 20% des Gestohlenen zurückerstattet wurde. Weit über einhundert Milliarden Dollar in aktuellem Wert wurden den jüdischen Eigentümern oder ihre Erben nicht zurückgegeben.[1]

Am Ende des letzten Jahrhunderts fand in einer Reihe von Ländern, darunter der Schweiz, den Niederlanden und Norwegen, eine zweite Runde der Rückgaben statt. Das betrifft einen kleinen Teil dessen was insgesamt genommen wurde. Folglich verbleiben viele ungelöste Fragen, von denen man sich derzeit ein paar stellt.

Bei einigen davon geht es um europäische Eisenbahngesellschaften. Diese transportierten eine massive Anzahl an Juden zu Beginn des Wegs in ihre Vernichtung. Im Dezember 2014 stimmten Frankreich und die Vereinigten Staaten einem Entschädigungspaket für außerhalb Frankreichs lebende Holocaustopfer zu, die von der französischen nationalen Eisenbahngesellschaft SNCF deportiert wurden. Überlebende aus Frankreich, die von der SNCF deportiert wurden und heute in einigen anderen Ländern wie z.B. Belgien leben, wurden in der Vereinbarung ebenfalls von den Zahlungen ausgeschlossen.

Die zwei Länder kündigten gemeinsam einen $60 Millionen-Entschädigungsfonds an, der von der französischen Regierung finanziert wird. Frankreich zahlte die Summe an die USA. Letztere zahlten das Geld dann an außerhalb Frankreichs lebende Überlebende aus. Die Zahlungen an einzelne Überlebende beliefen sich auf etwa $100.000. Als Teil der Vereinbarung versprach die US-Regierung zu versuchen alle Klagen vor Gericht und Ansprüche gegen die SNCF in den USA zu beenden.[2]

Die Vereinbarung wurde erzielt, als US-Abgeordnete versucht hatten die SNCF wegen ihrer Kollaboration mit den deutschen Besatzern Frankreichs während des Zweiten Weltkriegs von Verträgen in den USA auszuschließen. Von 76.000 Juden, die die SNCF während des Holocaust in Nazi-Lager transportierte, überlebten nur 3.000.

Davor hatte es in Frankreich erfolglose finanzielle Forderungen gegen die SNCF gegeben. 2006 verklagten Alain Lipietz und seine Schwester Hélène die Gesellschaft. Lipietz war damals für die Grünen Mitglied des Europaparlaments. Die Anspruchsteller forderten von der Eisenbahngesellschaft Entschädigungen für den Transport ihrer Familien ins französische Deportationslager in Drancy.

Die Geschwister Lipietz gewannen den ersten Prozess. Das Tribunal in Toulouse wies den französischen Staat und die SNCF an der Familie insgesamt €60.000 zu bezahlen. Die Richter stellten fest, dass die SNCF niemals gegen den Transport solcher Häftlinge Einspruch erhob.[3] Eine ähnliche Klage im Jahr 2003 war gescheitert, als ein Gericht in Paris urteilte, es könne nicht feststellen, dass die SNCF während der Nazi-Besatzung für den Transport von Juden verantwortlich war.[4]

Die SNCF legte gegen das Urteil aus Toulouse zugunsten der Lipietz-Geschwister Berufung ein. 2007 urteilen die Berufungsrichter, dass Verwaltungsgerichte nicht über die Schuld der SNCF entscheiden können. Damit musste die SCNF nicht zahlen. Das höchste französische Verwaltungsgericht, der Staatsrat, erklärte sich für nicht zuständig in dem Fall zu urteilen.[5]

Die SNCF ist Jahre lang für ihre Rolle bei der Deportation der Juden im Krieg kritisiert worden. Mehrere ihrer Präsidenten begriffen, dass ihre Kriegsgeschichte ein heikles Thema war. 1990 beschloss der damalige SNCF-Präsident Jacques Fournier, dass alle Firmenarchive – mit Priorität der Archive aus der Kriegszeit – an einem einzigen Ort gelagert werden sollten. Darüber hinaus wurde auf seine Anweisung hin ein Bericht zur Geschichte der SNCF während des Zweiten Weltkriegs erstellt.

Im Jahr 2000 beschloss der damalige SNCF-Präsident Louis Gallois, dass es von 2002 bis 2004 eine Bildausstellung deportierter und ermordeter Kinder in 20 großen französischen Bahnhöfen geben sollte. Sie wurden auch im SNCF-Hauptsitz, dem französischen Parlament und der Stadtverwaltung von Paris gezeigt. Die Ausstellung wurde von geschätzten einer Million Menschen besucht.

2008 drückte der neue SNCF-Präsident Guillaume Pepy sein Bedauern wegen der Folgen des Verhaltens der SNCF während des Krieges aus. Es wurdeb allerdings keine Zahlungen an diejenigen angeboten, die die Transporte überlebt hatten. Das musste bis zum bereits erwähnten französisch-amerikanischen Abkommen von 2014 warten, das nur für einen Teil der Überlebenden gedacht war.

In den Niederlanden schaffte es ein einzelner Aktivist die NS (Niederländische Eisenbahn) zu überzeugen Zahlungen an niederländische Holocaust-Überlebende zu leisten. Salo Muller – dessen Eltern in Auschwitz ermordet wurden – ist in Amsterdam ein bekannter Name. Er war viele Jahre lang der Physiotherapeut des großen Fußballvereins Ajax.

Letztlich zwang Mullers Druck die NS Zahlungen an Überlebende zu leisten, die sie abtransportiert hatte, alternativ an ihre Ehepartner oder Kinder.[6] Gemäß der Vereinbarung zahlte die Firma etwa 40 bis 50 Millionen Euro.[7] Diese Zahlungen erfolgten 2020. Empfohlen wurde das von einer unabhängigen Kommission, geleitet vom ehemaligen Bürgermeister von Amsterdam, Job Cohen.

Da es viele ermordete Menschen gibt, die keine Angehörigen hinterlassen haben, empfahl die Kommission auch, dass die NS in Bezug auf sie eine Zahlung leistet.[8] Was diese Zahlungen angeht, ignorierte die NS die Meinung der jüdischen Gemeinschaft. Sie beschloss die Zahlungen von insgesamt €5 Millionen Euro an vier niederländische Kriegsgedenkzentren zu leisten.[9] Das war keine kluge Entscheidung. Obwohl die NS beträchtliche Summen auszahlte gibt es der Firma gegenüber in der jüdischen Gemeinschaft immer noch Bitterkeit.

Bereits 2005 hatte der damalige NS-Präsident Aad Veenman sich unerwartet bei der jüdischen Gemeinschaft für das Verhalten der Gesellschaft während des Krieges entschuldigt. Bis dahin hatte ihr Management bestritten, dass es sich für die Dienste entschuldigen würde, die ihre Vorgänger in der Kriegszeit ohne Protest bei der Deportation  des Großteils des niederländischen Judentums geleistet hatten.[10]

Nach seinem Erfolg gegen die NS beschloss Muller eine Forderung gegen den deutschen Staat zu erheben. Diese verweist auf die Rolle der deutschen staatlichen Eisenbahn im Krieg, der damaligen Deutschen Reichsbahn. Muller fordert eine Entschuldigung und finanzielle Entschädigung für niederländische Holocaust-Überlegende und ihre nächsten Angehörigen. Sein Anwalt hat Bundeskanzlerin Angela Merkel geschrieben, dass die Erben der deutschen Eisenbahn eine moralische und rechtliche Verpflichtung haben ihre Rolle beim Leid der Juden, Sinti und Roma anzuerkennen.

Der 84 Jahre alte Muller kommentierte im niederländischen Fernsehen in Sachen Reichsbahn: „Ich mache die Eisenbahngesellschaft dafür verantwortlich wissentlich Juden transportiert zu haben und dafür, dass diese Juden auf furchtbare Weise getötet wurden.“ Die deutsche Eisenbahn führte etwa 100 Transporte von der niederländischen Grenze nach Auschwitz und zum Vernichtungslager Sobibor durch.[11]

Eine breitere Sichtweise vertritt der bekannte jüdische Amsterdamer Anwalt Herman Loonstein. In einem Interview mit der Tageszeitung Trouw sagte er, dass viel von den im Krieg gestohlenen Besitztümern niederländischer Juden immer noch nicht zurückgegeben wurde. Loostein erwähnte als Beispiele Kunstwerke oder Häuser, die die deutschen Lager überlebende Juden nach dem Krieg im Besitz anderer vorfanden. Er behauptet, dass die niederländische Regierung nichts zur Rückgabe davon unternimmt und den Überlebenden den Kampf darum überlässt. Er erklärte zudem, dass das, was es an Rückerstattung gab, willkürlich gewesen ist.

Loonstein hat gesagt: „Der Zweite Weltkrieg ist, rechtlich gesehen, weit davon entfernt zu Ende zu sein.“ Er erwähnte kleine Fälle wie, dass Juden Stadtverwaltungen die gelben Sterne bezahlen mussten, die sie zu tragen gezwungen wurden. Loonstein erwähnte auch, dass die Amsterdamer Elektro-Straßenbahn-Gesellschaft – wie alle Eisenbahnen – Juden innerhalb von Amsterdam in den Deportationsprozess transportierte. Die Firma lehnte es ab sich mit der Entschädigungsfrage zu beschäftigen. Allerdings betonte Loonstein, dass die größten verbleibenden Probleme Kunstwerke und Wohnungen betreffen.

Loonstein sagte dem Interviewer als Kuriosität auch, dass einer seiner Söhne, ein Rechtsanwalt, entdeckte, dass das Eigentum an einer Wohnung eines Juden am Tag seiner Deportation an einen der bekanntesten und größten Kriegsverbrecher der Niederlande übertragen wurde, Pieter Menten. Loonstein fragt sich, ob er gegen die niederländische Regierung Klage erheben kann. Er nimmt an, dass die aktuellen Eigentümer die Wohnung in gutem Glauben erworben haben. Er sagt aber auch, dass die niederländische Regierung einen Teil der Verantwortung für diese Affäre trägt. Die Notare, die bei dem Transfer gestohlenen jüdischen Grundeigentums kollaborierten, waren zum Teil niederländische Staatsbedienstete.[12]

Angesichts all dessen scheint es so, als werde weitere Holocaust-Rückerstattung in mehreren europäischen Ländern noch auf Jahre hinaus ein Diskussionsthema bleiben, sowohl privat wie in den Medien.

[1] https://jcpa.org/article/restitution-of-holocaust-era-assets-promises-and-reality/

[2] http://www.bbc.com/news/world-europe-30351196

[3] http://news.bbc.co.uk/2/hi/europe/6499227.stm

[4] http://www.theguardian.com/world/2006/jun/07/france.topstories3

[5] http://www.lemonde.fr/societe/article/2007/12/21/le-conseil-d-etat-refuse-de-se-prononcer-sur-la-culpabilite-de-la-sncf-dans-les-deportations_992555_3224.html

[6] https://nos.nl/nieuwsuur/artikel/2290638-ns-betaalt-holocaust-slachtoffers-wat-ging-eraan-vooraf.html

[7] http://www.parool.nl/nieuws/ns-komt-overlevenden-en-nabestaanden-holocaust-financieel-tegemoet~b8cb2b3d/

[8] https://commissietegemoetkomingns.nl/app/uploads/2019/06/Samenvatting-advies-Commissie-In

[9] https://nieuws.ns.nl/ns-steunt-herinneringscentra-tweede-wereldoorlog/

[10] https://jcpa.org/book/the-abuse-of-holocaust-memory-distortions-and-responses/, S. 142

[11] http://www.theguardian.com/world/2020/jul/30/holocaust-survivor-launches-legal-claim-against-german-railways

[12] http://www.trouw.nl/binnenland/juridisch-gezien-is-de-oorlog-alles-behalve-voorbij-dus-blijft-advocaat-herman-loonstein-strijden~bc4301f8/

Und wenn sie die Bombe nicht geworfen hätten?

Die Jahrestage der Atombombenabwürfe auf Hiroschima und Nagasaki bringen wieder Gedenken. Und wieder Anklagen gegen die Amerikaner, wie die das tun konnten. Unmenschlich. Böse. Hätte nicht gemacht werden dürfen. Das (heute) übliche Gezeter mit Verurteilungen, die im Nachhinein billig und verlogen sind. Und geschichtsvergessen. (Eine ganz einfache Frage: War der Luftangriff auf Tokio mit 300 Bombern, der ca. 100.000 Tote forderte, etwa auch nur einen Deut besser? Nur weil bei den Angriffen vom 6. und 9. August 1945 jeweils nur eine Bombe geworfen wurde?

Was wäre denn die Alternative zu den Atombomben gewesen?

Die Japaner änderten im Sommer 1944 ihre Strategie. Sie gingen von Angriff (um jeden Preis) auf Verteidigung über; das bedeutete, dass sie so kämpften, dass sie Amerikanern möglichst hohe Verluste zufügten, damit die (nervlich) erschöpft den Krieg über Verhandlungen beenden würden statt die Forderung nach bedingungsloser Kapitulation aufrecht zu erhalten.

Bei der Schlacht um Saipan (offiziell 13. Juni bis 9. Juli 1944) fand dieser Wechsel in der Strategie erstmals Anwendung. Die japanischen Truppen gruben sich ein und leisteten in aussichtsloser Position und ohne Nachschub erhalten zu können Widerstand, um den Amerikanern möglichst hohe Verluste beizubringen. Nachdem das nicht mehr möglich war, führten die Soldaten noch einen Banzai-Angriff (teilweise mit Bambusspeeren) durch, in dem sie keine Überlebenschance hatten. Tausende japanische Zivilisten stürzten sich infolge der japanischen Propaganda aus Angst vor den Amerikanern von Felsklippen zu Tode. Die Eroberung der Insel forderte bei den Japanern das Leben von ca. 24.000 Soldaten, 12.000 Zivilisten und 4.000 Koreanern; die US-Streitkräfte verloren rund 3.500 Gefallene.

In der Folge bauten die Japaner ihre Verteidigungsstellungen aus, um wirkungsvoller gegen erobernde US-Truppen vorgehen zu können. Bei der Schlacht um die Insel Peleliu östlich der Philippinen wirkte sich das als Nächstes aus; sie dauerte (offiziell) vom 15. September bis zum 25. November 1944 – eine enorm lange Zeit für eine nur 13 Quadratkilometer große Insel. Zumal versprengte Reste japanischer Soldaten auch danach noch immer wieder amerikanische Truppen angriffen. (Die letzten 34 überlebenden Japaner gaben erst im April 1947 auf Befehl eines ehemaligen Armee-Offiziers auf, der eigens dafür vor Ort geholt wurde!) Die Amerikaner verloren bei den Kämpfen fast 8.000 Mann (Gefallene, Vermisste und Verwundete), eine Division der Marines war so reduziert, dass sie erst im April 1945 wieder eingesetzt werden konnte. Auf japanischer Seite fielen etwa 95% der 11.000 Verteidiger.

Diese „erfolgreiche“ Methode wurde ab da vom japanischen Militär für weitere Inseln und für die Heimatinseln vorgesehen. Überall wurden massiv entsprechende Verteidigungsstellungen ausgebaut. Der Angriff auf die Insel Iwo Jima (24 Quadratkilometer, etwa 1.000km südlich von Tokio) wurde von US-Truppen am 19. Februar 1945 begonnen; die Insel wurde am 26. März 1945 für gesichert erklärt, allerdings wurden bis Juni 1945 weitere 2.400 Japaner getötet und gefangen genommen, die auf eigene Faust weiterkämpften. Die Insel wurde von 21.000 japanischen Armee- und Marinesoldaten verteidigt. Von diesen überlebten nur knapp 1.100, die in gefangen genommen wurden – fast alle nach Ende der eigentlichen Kämpfe. Die Amerikaner hatten am ersten Invasionstag 2.400 Gefallene zu beklagen. Insgesamt hatten die Amerikaner 6.800 Gefallene. Iwo Jima war die einzige Schlacht im Pazifik, bei der die Amerikaner mehr Gesamtverluste (Gefallene plus Verwundete) hatten als die Japaner.

Der nächste große Angriff der Amerikaner erfolgte auf Okinawa, das seit 1871 unter japanischer Verwaltung stand und ab 1941 zu einem Hauptstützpunkt der kaiserlichen Marine ausgebaut wurde. Bei der Landung am 1. April 1945 fanden die US-Truppen kaum Widerstand; erst als sie weiter vordrangen, stießen sie auf die Hauptverteidigungslinie, die vom Bombardement von Flugzeugen und Schiffen kaum betroffen war. 119.000 Japaner verteidigten die Insel, die Invasionstruppen der Amerikaner zählten 180.000 Mann. Die Kämpfe zogen sich în der Hauptsache bis zum 30. Juni hin, aber auch im Juli noch mussten versprengte japanische Truppen bekämpft werden, teilweise hatten diese keine Munition mehr und gingen mit Knüppel und bloßen Händen auf die Marines und Gis los. Am Ende hatten die Amerikaner Verluste von fast 50.000 Mann (Gefallene und Verwundete), die Japaner hatten gut 76.000 Gefallene, davon 4.600 Kamikaze-Flieger. Die US-Marine hatte etwa 35 Schiffe verloren, 368 waren beschädigt, 763 Flugzeuge waren abgeschossen worden. Die beteiligte britische Trägergruppe verlor 98 Flugzeuge, hatte vier beschädigte Schiffe, 62 Tote und 82 Verwundete.

Diese Erfahrungen zeigen, dass die Japaner mit äußerster Härte gegen die Amerikaner/Alliierten kämpften; Aufgeben gab es nicht, die Gefangenen waren zum allergrößten Teil schwer Verwundete, die nicht mehr kämpfen konnten (abgesehen von Okinawa, wo sich von den Japanern ohnehin verachtete Einheimischen-Truppen ergaben). Die Amerikaner mussten enorm hohe Verluste in Kauf nehmen, um ihren Vormarsch weiterzuführen. Die japanischen Hauptinseln wurden derweil deutlich stärker ausgebaut. Die japanische Führung dachte nicht einmal im Traum daran den Krieg zu beenden. Es wurde fanatisch gekämpft, ohne Rücksicht auf eigenes Leben.

Die amerikanische Militärführung ging davon aus, dass eine Eroberung der japanischen Inseln mindestens zwei Jahre dauern und mindestens eine Million Mann Verluste in den eigenen Reihen zur Folge haben würde.

Eine „Verhandlungslösung“ kam nicht in Frage. Die Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg bzw. dessen Folgen hatten dafür gesorgt, dass das nicht erwogen wurde. Ohne einen kompletten Sieg waren Staaten wie Japan und Deutschland nicht dazu zu bringen Frieden zu halten.

Eine Eroberung der japanischen Inseln hätte für die Japaner bedeutet, dass sie mehr oder weniger ausgelöscht worden wären. Das Beispiel Saipan zeigte, wie die Zivilbevölkerung reagierte. Mal ganz davon abgesehen, dass diese auch in die Kämpfe mit einbezogen worden wäre. Einzelne Bomberangriffe, wie sie weiter massiv erfolgt wären, hatten jeweils bis zu 100.000 Todesopfer gefordert. Nach einer solchen Eroberung hätte es kein Japan, vielleicht keine Japaner mehr gegeben.

Das war sicherlich keine Überlegung, die Truman und seine Militärs dazu bewegte die Atombombe einzusetzen. Für sie zählte einzusetzen, was den Amerikanern den baldigen Sieg bringen würde. Den Japanern musste demonstriert werden, dass sie keine Chance hatten; dass die Amerikaner zum totalen Sieg entschlossen waren. Und die Atombombe war eine gute Möglichkeit das zu tun. Effektivität zu beweisen, der Japan nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Und selbst das wäre fast misslungen, wenn es nach den japanischen Militärs gegangen wäre – sie bestanden darauf weiter zu kämpfen. Einzig ein Machtwort des Tenno konnte das verhindern und die Kapitulation einleiten.

Der Einsatz der Atombomben gegen Japan, ihr Abwurf auf Hiroschima und Nagasaki verhindert Millionen weitere Tote – rette amerikanischen Soldaten das Leben, aber auch dem japanischen Volk das Überleben. Das vergessen alle nur allzu gerne, die sich nur darauf konzentrieren ihren Einsatz zu verurteilen. Sie wollen nicht wahr haben, dass es diese fürchterliche Waffe war, die den Zweiten Weltkrieg beendete. Ich höre da oft, dass es nur eine Frage der Zeit gewesen sei, bis der Krieg zu Ende gewesen wäre – aber welchen Preis hätte diese Zeit gefordert? Ich habe oben beschrieben. Im Nachhinein kann man sich sehr schön hinsetzen und die Situation anders analysieren, als es die Politiker und Militärstrategen zum damaligen Zeitpunkt tun mussten. Aber selbst dabei wird nur allzu gerne außen vor gelassen, was die Folgen anderen Handelns gewesen wären. Eine realistische Einschätzung kann nur sein: Die Atombomben-Abwürfe haben zwar 120.000 direkte Tote gefordert, ein furchtbarer Blutzoll. Aber sie nicht einzusetzen hätte unendlich viel mehr Tote gebracht. Die Verdammung der Abwürfe aus heutiger Sicht ist bestenfalls naiv; wahrscheinlich ist sie eher rein ideologisch bedingt.

Die negative Verurteilung des Atombomben-Abwurfs kann nur in einem Klima erfolgen, in dem die Alternative nicht zu Ende gedacht wird. Sie erfolgt in einem Klima, in dem von denjenigen, die die Freiheit verteidigen oder zurückerobern, verlangt wird, das unter größten Opfern zu tun, ohne Rücksicht auf eigene Verluste, aber gefälligst so, dass diejenigen, gegen die die Freiheit verteidigt wird, möglichst geschont werden, ihnen nicht allzu sehr in den Arm gefallen wird, sie die Opfer sind, nicht die Täter. Das Paradebeispiel dafür erleben wir im Nahost-Konflikt zwischen Israel und den Terror-Arabern.

Wir leben in einer Zeit der Pervertierung von Werten und Moral.

Das arabische Kapitel des Holocaust

Der palästinensische Mufti Haddsch Amin al-Husseini spornte Hitler an Europas Juden auszulöschen, gründete eine muslimische SS-Division und stachelte zum mörderischen „Farhud“-Pogrom in Bagdad an. Lasst uns nie die elenden Konzentrationslager in Nordafrika vergessen.

Mordechai Kedar, Israel HaYom, 2. Mai 2019

Natürlich wird der Holocaust als fundamental europäisches Ereignis wahrgenommen. Er wird üblicherweise als „Holocaust am europäischen Judentum“ behandelt, dessen Täter europäische Staaten waren, die Deutschen und ihre Verbündeten. Aber wir sollte nicht die Aspekte des Holocausts ignorieren, die die arabische Welt betreffen.

Einer der auffallenderen dieser Aspekte war die Rolle des palästinensischen Mufti Haddsch Amin al-Husseini. Schon vor dem Holocaust, als er verschiedene öffentliche Ämter im Land Israel bekleidete (1920-1937), stachelten seine Predigten zur Ermordung von Juden in den Krawallen von 1920, 1921 und 1929 auf, dann wieder in der arabischen Revolte von 1936. Es überrascht nicht, dass er später am Völkermord an den Juden Europas beteiligt war.

Nach Zeugenaussagen von Nazi-Offizieren bei den Nürnberger Prozessen nach dem Krieg wurde der Mufti als eine der Personen angeführt, die Hitler dazu drängten die Juden Europas zu vernichten und zwar von dem Moment an, an dem er Ende 1941 nach Deutschland kam. Zwar ist die Annahme begründet, dass Hitler nicht sonderlich vom Mufti „ermutigt“ werden musste, aber seine Rolle bei der Werbung für die Idee der Vernichtung der Juden und deren Umsetzung ist auffällig.

Der Mufti spielte zudem in den Jahren 1942 bis 1944 für die Nazis eine wichtige Rolle, als er die Gründung muslimischer Einheiten im deutschen Militär und der SS initiierte, deren Soldaten in Jugoslawien und Bulgarien eingezogen wurden. 1944, als im Raum Budapest die Mehrheit der ungarischen Juden zusammengetrieben wurde – mehr als eine halbe Million Menschen – hatten die Deutschen vor sie per Zug ins Vernichtungslager Auschwitz zu transportieren; er aber hatte Sorge, dass Partisanen die Brücken im Versuch die Transporte zu stören sprengen könnten. Der Mufti schickte die muslimischen Einheiten los, um die Brücken zu schützen und sicherzustellen, dass die Juden in den Tod geschickt wurden.

Der Mufti hielt mit seinen Absichten nicht hinterm Berg. Er schrieb und sendete – hauptsächlich auf Arabisch per Radio aus Berlin – sein Engagement unter allen Umständen die Immigration der europäischen Juden nach „Palästina“ zu verhindern, deren Auslöschung aus seiner Sicht notwendig und entscheidend war. Im Juli 1945 beschloss die „Jugoslawische Kommission zur Bestimmung von Verbrechen der Besatzer und ihrer Kollaborateure“ die Resolution 1892, die Amin al-Husseini wegen seiner Rolle bei der Zwangsrekrutierung der Bevölkerung in den besetzten Gebieten auf die Liste der Kriegsverbrecher übernahm; Grundlage dafür war die Klausel 23 der Haager Konventionen von 1899 und 1907.

Die Kommission vermerkte: „Als Ergebnis von Al-Husseinis Handeln … wurde die muslimische Division der SS gegründet … Überall, wo sie eingesetzt wurden, begingen sie zahlreiche Kriegsverbrechen, wie Massenmorde, abscheuliche Gräueltaten, brannten ganze Gemeinden nieder und plünderten. Wegen dieser Aktivitäten … ist der Großmufti Haddsch Amin al-Husseini auf die Liste der internationalen Kriegsverbrecher gesetzt worden … Er trägt die Verantwortung für dien Einsatz der muslimischen Massen, mit anderen Worten dafür diese Leute dazu zu treiben, die gezwungen wurden in den Dienst faschistischer Militärorganisationen zu treten und dementsprechend ist er auch derselben Verbrechen schuldig.“ Nach dem Krieg floh der Mufti nach Frankreich, wo die Franzosen ihn herzlich willkommen hießen und ihm ein Jahr lang eine Villa schenkten, in der er lebte.

Allerdings müssen wir über die Rolle des Muftis hinaus in diesem Kontext die Konzentrationslager in Libyen zur Kenntnis nehmen, die während des Krieges unter italienischer Kontrolle standen. Die Juden Libyens wurden in Lager in der Wüste geschickt: Jadu, Sidi Azaz, Gharyan, Buq Buq, Ifrane. Sie wurden unter verwahrlosten Umständen gehalten, litten unter Hunger und Durst; hunderte krepierten. Wer jagte die Juden? Wer identifizierte sie für die Deutschen? Die Antwort ist klar: ihre muslimischen Nachbarn.

Schließlich müssen wir uns an die „Farhud“ in Bagdad erinnern, ein Pogrom mit Mord, Vergewaltigung und Plünderung, begangen von irakischen Arabern gegen die Juden von Bagdad am Feiertag Schavuot 1941. Insgesamt wurden 179 Juden ermordet, tausende verletzte, Frauen wurden vergewaltigt und Kinder zu Waisen gemacht, alles durch die dämonische Hetze, die al-Husseini erbrach, der sich zu dieser Zeit in Bagdad befand.

„Ich hörte Deutschland habe kapituliert“ – Erinnerungen an den Tag des Kriegsendes im Mandat Palästina

Sein Sohn war immer noch an der Front, als der Philosoph Samuel Hugo Bergman darüber schrieb, wie die Nachrichten vom Sieg über die Nazis in Jerusalem erreichten.

Stefan Litt, the Librarians, 7. Mai 2020

Feiern am Tag des Sieges, Tel Aviv, Mai 1945 (Foto: Israel Museum)

2. Mai: Heute Morgen kam Nachricht von Hitlers Tod, die aus einer Reihe von Gründen keinen großen Eindruck hinterließ: weil die Menschen sie nicht glaubten oder weil sie darauf vorbereitet waren oder weil, nach allem, was geschehen war und immer noch wie Gift in der Seele zurückbleibt, der Tod des Einen, der hauptverantwortlich war, nichts mehr bedeutet. Es liegt in dieser Stunde des Sieges keine Freude in der Luft, so wie es auch am Anfang des Krieges keine Begeisterung gab […]

Nach fünf Jahren und acht Monaten ging mit der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen am 8. Mai 1945 der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende. Er war der zerstörerischste und grausamste Krieg der Menschheitsgeschichte; an ihm waren mehr als 60 Staaten und rund 110 Millionen Soldaten beteiligt und es wird geschätzt, dass er etwa 60 Millionen Opfer gefordert hat, darunter sechs Millionen Juden, die Opfer des Holocaust. Riesige Gebiete, ganze Städte und Dörfer überall in Europa lagen in Trümmern und Millionen Menschen verloren ihre Häuser.

Geschichten aus dem Krieg und seine Historie wurden zur Grundlage einer unermesslichen Zahl literarischer und cineastischer Arbeiten, ebenso wissenschaftliche und philosophische Studien. Solche Geschichten haben auch heute noch dieselbe Funktion. Es versteht sich von selbst, dass ein Ereignis dieser Größenordnung in der Erinnerung von Millionen eingraviert blieb und folgenden Generationen, die Jahre nach Kriegsende geboren wurden, beschäftig.

Feiern zum Siegestag, Tel Aviv, Mai 1945 (Foto: Israel Museum)

5. Mai: Zwei Briefe von Uri [einer von Bermgans Söhnen], in denen er von seinem Treffen mit deutschen Gefangenen berichtet. Sie sind Menschen wie alle anderen auch. Darf er einem ein Messer geben, damit er eine Dose Sardinen öffnen kann? Sollte er ihm Zigaretten geben? Er schrieb von den jüdischen Soldaten, die bis zum Ende kämpften, damit sie nicht gezwungen wurden in Gefangenschaft zu gehen und fragte nach meiner Meinung dazu. Gestern schrieb ich ihm. – Was für Zeiten das sind! Gestern hörte ich im Radio eine Geschichte über die Kapitulation der Deutschen in Holland, Dänemark und Nordwestdeutschland. Danach sendeten sie Verse aus Psalm 126: „Wir waren wie Träumende […]

In europäischen Ländern hat der 8. Mai eine besondere Bedeutung, da 1945 an diesem Tag die Kapitulation der Deutschen in Kraft trat. Einen Tag zuvor hatte General Alfred Jodl, Chef des Wehrmachtsführungsstabes im Oberkommando der deutschen Wehrmacht sie unterzeichnet. Die Kapitulationszeremonie, bei der das Dokument in Anwesenheit der westlichen Alliierten unterschrieben wurde, fand am 7. Mai in der französischen Stadt Reims statt. Eine ähnliche Zeremonie gab es in Anwesenheit der Generale der Roten Armee der Sowjetunion am 9. Mai in Berlin.

Der Krieg hatte das Mandat Palästina und seine Einwohner kaum erreicht, außer bei einer Bombardierung von Tel Aviv durch die Italiener 1940. Eine größere Gefahr war die Anwesenheit großer deutscher Einheiten in Nordafrika unter dem Kommando von General Erwin Rommel, aber seine Niederlage im November 1942 bei El Alamein beendete die Gefahr der Eroberung Palästinas durch die Nazis.

6. Mai: Als [Yitzhak Ernst] Nebenzahl mir sagte, er habe im Radio gehört, dass sie den Siegestag innerhalb von ein oder zwei Tagen ausrufen würden, nutzte ich die Gelegenheit ihm von dem Pessimismus zu erzählen, der uns ergriff, der aller Freude wie in Fichmans Artikel in „Davar“ und im Gebet 126 [dem Vers aus den Psalmen] zuvorkommt.

Trotz dieser Lage waren viele Einwohner des Mandats Palästina auf die eine oder andere Weise am Krieg beteiligt: als Flüchtlinge aus Europa, als Soldaten in der Jewish Brigade (einer Einheit in der britischen Armee) oder als Verwandte von europäischen Juden, die den grausamen Taten der Deutschen im Rahmen der Endlösung und des methodischen Vernichtungsplan zum Opfer fielen.

7. Mai: Gelobt sei Gott!!!

Das Archiv der Nationalbibliothek Israels enthält Material, das den historischen Moment des Kriegsendes und der deutschen Kapitulation spiegelt. Ein faszinierendes Beispiel ist das Tagebuch des Philosophen Samuel Hugo Bergman.

Bergman (1883 – 1975), gebürtig aus Prag, wanderte 1920 nach Palästina ein. 15 Jahre lang diente er als Direktor der jüdischen National- und Universitätsbibliothek, der heutigen Nationalbibliothek Israels. Ab 1935 war er Professor für Philosophie an der Hebräischen Universität in Jerusalem.

Die Mitarbeiter der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek, Sommer 1935; Samuel Hugo Bergman sitzt als 4. von rechts in der vorderen Reihe.

Wie viele in seiner Generation schrieb Bergman Tagebuch, in dem er Persönliches festhielt, aber auch auf politische Entwicklungen und Allgemeines verwies. Berman schrieb sein Tagebuch auf Detusch, nutzte aber ein Art Stenografie, die damals von Deutsch und andere Sprachen Sprechenden weithin verwendet wurde. Der Steno-Gebrauch ermöglichte ein schnelles Schreiben, war aber zu etwas wie einem Geheimcode geworden, da wir heute kaum noch in der Lage sind das zu entziffern. Glücklicherweise entzifferte Bergmans Witwe Elsa seine Journale zusammen mit einer Reihe weiterer Personen und kopierte die Texte in gewöhnliches Deutsch.

Die Seite aus Bergmans Tagebuch, die den 5.-9. Mai 1945 beschreibt, geschrieben in Stenografie. Archiv der Nationalbibliothek

Eine Auswahl aus den Tagebüchern wurde 1985 auf Deutsch veröffentlicht. Die Originaltagebücher befinden sich zusammen mit anderen Schriftstücken und Dokumenten im Samuel Hugo Bergman-Archiv in der der Archivabteilung der Nationalbibliothek Israels.

8. und 9. Mai: Zweit Tage Friedensfeiern. Am 7. Mai morgens ein Vortrag von Sir Ronald Davidson zu Problemen in England nach dem Krieg. Auf dem Weg hörte ich, dass Deutschland kapituliert habe. Am Abend, im Haus von [David Werner] Senator, während des Treffens um 9.30 Uhr erfuhren wir, dass sie Kapitulationsgespräche abgeschlossen waren und dass sie für den 8. und 9. Mai Friedenstage ausgerufen hatten. Am selben Abend ging ich mit [Else] zum Zion[splatz], wie wir nur betrunkene Soldaten sahen […]

Juden und Araber gemeinsam gegen die Nazis

Die ersten drei Jahre des Zweiten Weltkriegs kämpften, aßen, trainierten Juden und Araber gemeinsam, wurden gemeinsam gefangen genommen und töteten gemeinsam, sagt Professor Mustafa Abbasi. Während diese Brüderlichkeit nach dem Krieg versandete, „gibt sie uns einen Silberstreif der Hoffnung für die Zukunft“.

Nadav Shragain, Israel HaYom, 7. August 2019

Arabische Einwohner Jerusalems versammeln sich für eine Einschreibung ins Militär vor der Altstadt. (Foto: Library of Congress)

Eines Tages entdeckte Professor Mustafa Abbasi aus dem Dorf Jisch in Obergaliläla völlig zufällig ein Familiengeheimnis. Abbasi hatte sich laut gewundert, wieso fünf Jahre zwischen dem Geburtsdatum seiner Mutter und dem ihrer jüngeren Schwester lagen. Dann hörte er zum ersten Mal, dass sein Großvater, Said Abbasi, fünf lange Jahre weg von Zuhause verbracht hatte, weil er im Zweiten Weltkrieg als Freiwilliger in der britischen Armee diente, an der Seite jüdischer Freiwilliger gegen die Nazis kämpfte.

Erst später, nachdem er Forscher geworden war und sich in das Thema vertiefte, erfuhr Abbasi, wie weit verbreitet das Phänomen gewesen war: Tausende Araber und Juden aus dem Mandat Palästina hatten Seite an Seite gegen die Naziplage gekämpft.

Radwan Said aus Kafr Kana erzählte Abbasi, dass er als Scharfschütze gedient und bei Kämpfen in Italien drei Nazisoldaten getötet hatte.

Abbasi sprach mit den Ältesten in seinem Heimatdorf Jisch. Einer, Zaki Jubran, bekämpfte die Nazis zusammen mit seinem Bruder.

Abbasi sollte schließlich Listen mit mehr und mehr Arabern entdecken, die als Freiwillige der britischen Armee an der Seite von Juden kämpften – aus Jaffa, Jerusalem, Safed, Jenin und Nablus. Allein Tiberias, eine Stadt, in der Juden und Araber viele Jahren lang friedlich miteinander lebten, stellte hunderte arabischer Freiwilliger. Hunderte arabische Kämpfer verloren ihr Leben. Andere wurden gefangen genommen. Und noch mehr sind mehr als 70 Jahre danach immer noch vermisst.

Das ist eine historisch Episode, die selten diskutiert wird. Sie passt nicht in die verschiedenen Narrative zur Geschichte des jüdisch-arabischen Konflikts vor oder nach den Kriegsjahren. Abbasis Forschung offenbart, dass dies sicher kein vorübergehendes „Phänomen“ war. Er schreibt über den gemeinsamen jüdisch-arabischen Kriegsdienst in einem ausführlichen Artikel der jüngsten Ausgabe von Katedra, dem ältesten akademischen Journal zu Land of Israel-Studien, veröffentlicht von Yad Izhak Ben-Zvi. Er könnte daraus vielleicht ein Buch machen.

Insgesamt dienten rund 12.000 Araber aus dem Mandat Palästina während des Zweiten Weltkriegs freiwillig in der britischen Armee, etwa die Hälfte der Anzahl der jüdischen Freiwilligen, die sich anschlossen. Hunderte palästinensischer Kämpfer wurden gefangen genommen. Ungefähr 300 fielen im Kampf. Die Beziehungen zwischen den jüdischen und arabischen Freiwilligen waren zumeist gut. Die Führer des jüdischen Jischuw, Chaim Weizmann und David Ben-Gurion, ließen schließlich die jüdischen Freiwilligen aus der gemischten Einheit nehmen, um die berühmte Jüdische Brigade zu bilden, die dann später eine entscheidende militärische Grundlage für den Unabhängigkeitskrieg von 1948 bot. Die Führern hatte die Vorstellung nie gemocht, dass Juden und Araber aus dem Mandat Palästina gemeinsam dienten und es gab zudem auf der arabischen Seite reichlich Leute, die dagegen waren.

Zur damaligen Zeit war die arabische Bevölkerung im vorstaatlichen Israel gespalten zwischen den Husseinis unter dem Großmufti Haddsch Amin al-Husseini – einem Partner der Nazis – und dem Naschaschibi-Clan, der offen die Briten unterstütze und gute Beziehungen zur jüdischen Bevölkerung unterhielt. Die Jahre der arabischen Revolte (1936 – 1939), die al-Husseini nur wenige Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg anführte, machten es den Arabern nicht leicht sich für die britische Armee zu melden.

Abbasi glaubt, die arabischen Freiwilligen waren keine Überraschung.

„Etwa 60% [der Araber] unterstützten die Briten und waren Gegner der Husseinis. Ein großer Teil war pro-jüdisch und pro-britisch und sogar bereit zu Kompromissen und dafür den Teilungsplan zu akzeptieren. Im Gegensatz zu dem, was uns fälschlich in der Schule gelehrt wird, verehrten nicht alle von ihnen den Mufti Husseini. Tatsächlich war es die jüdische Seite, die versuchte und schließlich Erfolg damit hatte die Partnerschaft aufzubrechen, weil die zionistische Bewegung eine stärkere nationale Agenda hatte. Ben-Gurion und seine Freunde forderten eine jüdische Streitkraft, die unter einem jüdischen Symbol und einer jüdischen Flagge kämpft und nicht in gemischten Einheiten und die bekamen sie schließlich“, sagt Abbasi.

Das Middle East Command

Abbasis Arbeit demonstriert, dass viele Freiwillige von finanzieller Not motiviert waren. In der ersten Hälfte des Jahres 1940 wurde die Hilfstruppe gegründet, die als „grabende Streitkraft“ bekannt war. Die Grabenden arbeiteten zumeist unter dem Kommando von Major Henry Cater. In den Zügen gab es sowohl Araber als auch Juden. Die Kommandeure waren Briten. Eine britische Propaganda-Kampagne, die die Zunahme der Zahl arabischer Freiwilliger zum Ziel hatte, zeigte die Vorsteher arabischer Orte und Dorfführer. In Abu Dis, Hebron, Jenin, Kafr Qaddum und Jerusalem wurden Kundgebungen veranstaltet. Der bekannte ägyptische Autor Abbas Mahmud Al-Aqqad sagte in einer Sendung von Radio Palestine: „Der Krieg findet zwischen den von England repräsentierten menschlichen, erhabenen Werten und den von den Nazis repräsentierten Mächten der Dunkelheit statt.“

Am 2. April 1941 versammelten sich 6.000 Menschen im Hule-Tal. Die Konferenz wurde vom Führer des Tals, Kamal Hussein al-Youssef, organisiert und der Bürgermeister von Safed, Zai Kaddoura, nahm daran teil. Nach einem Festmahl stimmten die Würdenträger des Hule-Tals zu jungen Arabern zu erlauben sich in der britischen Armee zu verpflichten und applaudierten König George VI.

In den ersten Monaten des Jahres 1942, als sich die Lage der Alliierten an der Nordafrika-Front verschlechterte, begannen die britischen Behörden auch arabische Frauen anzuwerben. Im Mai 1942 wurde eine weitere große Konferenz veranstaltet, diesmal in Tulkarem und der Bürgermeister erinnerte die Anwesenden daran, wie brutal die Italiener – die mit den Nazis verbündet waren – die Libyer behandelten.

Abbas stellte fest, dass die meisten arabischen Freiwilligen junge Leute aus Dörfern waren. Einwohner der Städte, die sich einer höheren Lebensqualität erfreuten, waren weniger begeistert von Militärdienst in einem fernen Land. Trotzdem meldeten sich einige „Stadt-Jungs“. Zu diesen gehörten hunderte Dock-Arbeiter aus Jaffa, die ihre Arbeit verloren, als der Handel während der arabischen Revolte abnahm.

Auf der von Abbasi gefunden Liste der Vermissten und Toten stehen die Namen vieler prominenter städtischer Araber-Familien. Obwohl viele Freiwillige durch Geld motiviert waren, gab es solche, die aus ideologischen Gründen anmusterten, weil sie gegen das Nazi-Ideal einer Herrenrasse waren und an die Briten und ihre Werte glaubten.

„Die meisten jungen Leute, die in die Armee gingen, kamen aus der städtischen Oberklasse und waren gebildete Leute, beeinflusst von britischer Bildung und Kultur. … Als die Italiener Tel Aviv und Jaffa und Haifa bombardierten, wurden hunderte getötet, Juden wie Araber“, vermerkt Abbasi.

Abbasi hat auch entdeckt, dass mehrere Dutzend Juden und Araber zusammen an der Seite tausender britischer und ägyptischer Soldaten im Juli 1942 in der ersten Schlacht von El-Alamein kämpften. Die britische Achte Armee schaffte es den Vormarsch der Streitkräfte von General Erwin Rommel aufzuhalten und fügte ihnen schwere Verluste zu. Ein paar der Freiwilligen nahm auch an der alliierten Invasion in der Normandie im Sommer 1944 teil.

Juden und Araber aus dem Mandat Palästina kämpften gemeinsam in Italien und Griechenland gegen die Nazis. Sie dienten in Transport-, Logistik-, medizinischen und Ingenieurseinheiten. Am 6. August informierte der britische Kriegsminister Anthony Eden das Parlament darüber, dass die britische Armee innerhalb ihrer Infanterie eine arabische und dann eine jüdische Brigade aufstellen würde.

Als der Januar 1942 anbrach, hatte das Infanteriekorps 18 Züge, sieben arabische (einen aus Transjordanien) und 11 jüdische. Es gab insgesamt 4.041 arabische und 10.000 jüdische Freiwillige aus Palästina in der britischen Infanterie. Mitglieder des 401. Zugs nahmen an Befestigungsarbeiten teil und legten Eisenbahnschienen in Frankreich, womit sie halfen die deutschen Truppen aufzuhalten. Zu diesem Zug gehörten 250 Araber und 450 Juden. Als sie nach Palästina zurückkehrten, wurden sie vom Hochkommissar als Helden willkommen geheißen.

Juden und Araber dienten auch gemeinsam in der Einheit des Middle East Commando, zu dem 240 Juden und 120 Araber gehörten, in einem Team unter britischen Kommandeuren. Die Freiwilligen dieser Einheit wurden strapaziösem physischen Training und langen Märschen unter schwierigen Bedingungen unterzogen. Ende 1940 nahmen Mitglieder der Einheit am ersten britischen Angriff in der westlichen Wüste teil und durchbrachen die italienischen Linien in Bardia an der ägyptisch-libyschen Grenze. Im Winter 1941 kämpfte die Einheit erbitterte Schlachten gegen die Italiener.

Eine der weiblichen arabischen Freiwilligen ist in der Zeitung Falastin abgebildet (Foto: Falastin, Archiv)

Fast 200 arabische Frauen aus Palästina dienten im Women’s Auxiliary Corps und in der Women’s Auxiliary Air Force. Die für die Zuweisung der jüdischen und arabischen Aufgaben für die Frauen zuständige Person war Audrey Cheety, die gewarnt wurde, sie habe einen gefährlichen Job übernommen. Insgesamt 60 Frauen durchliefen die Grundausbildung. Nur vier waren Araberinnen, aber Cheety schaffte es sie in die Offiziersausbildung zu bringen, nachdem sie palästinensische Frauenorganisationen so ausschimpfte, dass sie die Kriegsanstrengungen unterstützten.

Die Zeitung „Falastin“ hängte sich ebenfalls in die Kriegsanstrengungen hinein und veröffentlichte Artikel und Bilder von weiblichen Freiwilligen in Uniform, so Rahel Schaherazade aus Jerusalem. Die meisten weiblichen arabischen Freiwilligen kamen aus Städten.

Eine der bemerkenswerten weiblichen Freiwilligen war Anastasia (Asia) Halabi, die als Fahrerin diente und dann Offizierin wurde. Sie war die Schwester der Jerusalemer Künstlerin Sophie Halabi. Die Mutter der Schwestern war Russin und ihr Vater war Araber. Nach 1948 diente sie weiter als Verbindungsoffizierin zwischen der jordanischen Armee und der UNO in Jerusalem.

Dass Araber und Juden eng zusammen dienten, führte zu einem ironischen Fehler, der ein paar Jahre später in Ha’aretz berichtet wurde. Schahab Hajaj, eine Araberin, die in die britische Armee eintrat, wurde von den Deutschen gefangen genommen und starb 1943. Bis heute wird Hajaj auf dem Herzl-Berg in Jerusalem als gefallener israelischer Soldatin gedacht. Jemand nahm an, dass sie Jüdin war.

Gefragt, ob es möglich ist, dass nach dem Krieg dieselben Juden und Araber, die als Kameraden mit den Briten gekämpft hatten, einander im Unabhängigkeitskrieg von 1948 bekämpft haben könnten, sagt Abbasi: „Das ist definitiv möglich.“

„Eine Menge arabischer Freiwilliger schloss sich später der jordanischen Legion an. Die Jordanische Legion, wissen wir, kämpfte 1948 gegen die Juden“, sagt er.

Abbasi betont jedoch, dass er keine Belege gefunden hat, dass das tatsächlich geschah, abgesehen von Geschichten, die er hörte, allerdings nicht aus erster Hand.

Ein anderer Historiker, Prof. Mustafa Kabha, zitiert Forschung der libanesischen Historikerin Bian Nowihad al-Hut in ihrem Buch „The Palestinians – a People Dispersed“ [Die Palästinenser – ein zerstreutes Volk]. Al-Hut gründete ihre Ergebnisse auf Forschung, die die Palästinensische Befreiungsorganisation durchführte. Sie zählte drei arabische und eine aus Juden und Arabern bestehende Kommando-Einheiten, die mit den alliierten Streitkräften in Frankreich kämpften.

Abbasi sagte, obwohl er sich der persönlichen Seite des Themas bewusst ist, ist das nicht der Grund, dass er es erforscht.

„Das ist ein weit verbreitetes Phänomen, bei dem Juden und Araber sich auf derselben Seite stehend fanden. In unserem Land suchen die Leute immer nach Gründen sich zu trennen und Konflikt zwischen Juden und Arabern zu schüren. Ich glaube, dass Geschichte Menschen einander näher bringen kann, gemeinsame Kapitel ausfindig machen, Ereignisse, die uns verbinden. Auch die gibt es.

Es sind leider nicht viele. Aber es gibt sie und ich dachte, dass nichts mehr verbinden könnte, als diese Partnerschaft und das Band der Kameradschaft. Dieses Kapitel der Geschichte hat einen Auftrag – Herzen zu öffnen und nicht nur Kämpfe und Feindschaft zu begehren. Bei allem nötigen Respekt für die nationalen Narrative: Menschen sind wichtiger“, sagt Abbasi.

„Wir treffen uns an diesem historischen Punkt. In den ersten drei Jahren des Zweiten Weltkriegs kämpften, aßen, trainierten Juden und Araber miteinander, wurden gemeinsam gefangen genommen und töteten gemeinsam. Das gibt uns einen Silberstreif der Hoffnung für die Zukunft. Es sind Begebenheiten gutnachbarlicher Beziehungen, gemeinsamer Geschäftsprojekte, gemischter Städte und als Historiker, Muslim und arabischer Bürger des Staates Israel bin ich froh, dass ich das Privileg hatte eine dieser Zeiten offenzulegen. Natürlich fordert es mehr, tiefer gehende Forschung.“

In der Tat ist der Reichtum der Forschung zur Zeit des britischen Mandats, die tausenden Freiwilligen aus Palästina – Juden und Araber, die in gemischten Einheiten und in getrennten dienten – fast völlig vergessen worden. In seiner Arbeit zitiert Abbasi aus den Tagebüchern des Journalisten und Pädagogen Taher al-Fatiani und des Jerusalemer Schriftstellers Subhi Guscha, der die Gefühle der arabischen Gesellschaft und die Streitigkeiten aufzeichnete, die innerhalb dieser wegen des freiwilligen Dienstes in der britischen Armee und des Kämpfens an der Seite von Juden tobten.

Prof. Yoav Gelber hat festgestellt, dass nach dem Fall von Kreta und Griechenland im April 1941 1.600 Soldaten aus Palästina gefangen genommen wurden, darunter 400 Araber. Yitzhak Ben-Aharon, damals ein Führer der Arbeitspartei, gehörte dazu. Später sollte Ben-Aharon die Geschichte zu erzählen, wie die Juden und Araber sich in den Gefangenenlagern zusammenschlossen. Yosef Almogi, ein ehemaliger Minister, beschreibt in seinen Memoiren die ungewöhnliche „Zusammengehörigkeit“, die zwischen den Gefangenen erzwungen wurde.

Abbasis Forschung endet mit einer weniger positiven Anmerkung. Die positive Atmosphäre, sagt er, „und die zeitweilige Nähe zwischen den Briten und den Arabern und zwischen den Arabern und den Juden hörte auf. Die schwierigen Zeiten, die unmittelbar nach dem Krieg begannen, haben dieses besondere Kapitel in der Geschichte des Landes vergessen lassen.