„Tikkun Olam“ zurückholen

6. Juli 2010 um 21:25 | Veröffentlicht in die Welt+Nahost, Israel | 2 Kommentare
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Michael Freund, Jerusalem Post, 4. Juni 2010

Barack Obama muss man gratulieren.

Der ehemalige Sozialarbeiter und Senator, den Freund und Feind sowohl als großen Redner wie auch als vollendeten Autor kennen, strebt anscheinend an, seinem bereits bemerkenswerten Lebenslauf einen weiteren erhabenen Titel hinzuzufügen.

Nicht zufrieden damit, einfach nur Präsident der Vereinigten Staaten zu sein, wünscht sich Obama erwiesenermaßen auch die Rolle des Oberrabbiners anzunehmen.

Das ist zumindest der Eindruck, den man aus den Ausführungen gewinnen kann, die er letzte Woche im East Room des Weißen Hauses aus Anlass des Tages des jüdischen Erbes hielt.

Der Oberkommandierende sprach vor einem Trupp prominenter Gäste und verwandelte sich plötzlich in den Chef-Interpretator, als er ein Thema auslegte, da er direkt aus dem jüdischen Glauben nahm. Er zitierte das Prinzip des „tikkun olam“ – das Instandsetzen der Welt; Obama verdrehte diese Jahrhunderte alte Idee fast bis zur Unkenntlichkeit; er regte an, dass es alles vom „Wiederaufbau unserer Wirtschaft“ bis hin zur „Stärkung alter Allianzen und dem Schmieden von neuen“ umfasst.

Und dann führte er seine dubiose Denkweise einen Schritt weiter und verband tikkun olam sogar mit seinen Bemühungen einen palästinensischen Staat zu schaffen.

Es muss nicht gesagt werden, dass es für Politiker ziemlich üblich ist sich die Flagge umzuhängen – oder in diesem Fall den Gebetsschal – um zu versuchen ihren Positionen den Anschein von Authentizität und Legitimität zu geben.

Diesmal aber ist Obama zu weit gegangen. Seine Verdrehung des Konzept des „tikkun olam“ ist in seiner Arroganz derart atemberaubend und in seiner Ignoranz so beleidigend, dass nicht darüber hinweggesehen werden kann. Sie zeigt nicht nur ein fundamentales Fehlverständnis jüdischer Theologie, sondern ist auch eine Beleidigung jüdischer Geschichte und jüdischen Schicksals.

Sicher, der Begriff „tikkun olam“ hat in den vergangenen Jahrzehnten einige Schläge einstecken müssen, in erster Linie dank verschiedener linker Gruppen, die sich daran vergriffen haben, um ihre sozialen und politischen Agenden voranzutreiben. Oft sorgen sie sich mehr um die Rettung von Bäumen im südamerikanischen Regenwald, statt leidenden Glaubensgenossen zu helfen und klatschen das Etikett „tikkun olam“ unter völliger Missachtung seiner Herkunft und der Bedeutung des Begriffs auf ihre Aktivitäten.

Der Begriff „tikkun olam“ erscheint erstmals im Talmud, wo er in erster Linie in Zusammenhang mit rabbinischen Verordnungen – ausgerechnet – zur Ehescheidung. Doch der Begriff ist vielleicht am bekannt, weil es im Aleinu-Gebet eine Referenz darauf gibt, die dreimal täglich am Ende der Gebete rezitiert wird.

Und gerade das macht all dies so köstlich ironisch, denn wenn Obama – oder, wenn man will, viele seiner jüdischen Unterstützer, die sich um den Begriff verbreiten – sich die Mühe machen würde einen Blick auf den Zusammenhang zu werden, würden sich vielleicht nicht so schnell darum bemühen ihn zu verwenden. „Daher setzen wir unsere Hoffnung in dich, oh Herr , unser Gott“, beginnt der zweite Absatz des Aleinu, „damit wir bald die Herrlichkeit deiner Kraft sehen werden, die Beseitigung der Gräuel von der Erde, die Götter hingestreckt und die Wiederherstellung der Welt (‚le-taken olam‘) durch das Königreich Gottes.“

Das klingt kaum wie die Plattform der Demokratischen Partei, oder?

In der Tat ist es offenkundig, dass das ultimative „tikkun olam“, das, das die Juden Tag für Tag dreimal täglich verkünden, nichts mit dem Multikulturalismus, Pluralismus oder gar der globalen Erwärmung zu tun hat. Es steht für ein Sehnen nach dem Tag, an dem die gesamte Welt den Gott Israels als Schöpfer des Universums anerkennt.

Irgendwie bezweifle ich, dass das das ist, was Obama sich für den Rest seiner Amtszeit vorgenommen hat.

Aber mit der Ironie wird es noch besser. Denn nach der Tradition wurde der erste Absatz des Aleinu von Josua verfasst, der die Israeliten bei der Eroberung genau desselben Landes Israel anführte, das Obama jetzt als Teil seines ambitionierten Plans zur „Wiederherstellung der Welt“ aufteilen will. Und der zweite Teil soll von einer biblischen Person namens Achan verfasst sein, der an der Einnahme Jerichos beteiligt war.

Von daher würde, wenn man schon darauf besteht „tikkun olam“ auf moderne politische Agenden anzuwenden, es klar deutlich umfassender bei denen greifen, die das Land Israel zu besiedeln wünschen, als bei denen, die es zerstückeln wollen. Aber das hat Obama und andere nicht davon abgehalten diesen religiösen Begriff umzudefinieren, ihn falsch darzustellen und dann auszunutzen, um ein paar politische Punkte zu erzielen.

Und das muss aufhören. Es ist an der Zeit, dass wir uns den Begriff „tikkun olam“ zurückholen, der oft zum Deckmantel für ein paar Juden geworden ist, die das Judentum verwässern und in wenig mehr als die Bekämpfung von Ölschwemmen oder die Rettung von gefährdeten Vogelarten verwandeln.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Natürlich bin ich ganz dafür, dass Juden eine aktive Rolle im öffentlichen Leben spielen und etwas zur Verbesserung von Gesellschaft und Menschheit beitragen. Über unseren Tellerrand hinauszusehen und anderen zu helfen ist sicherlich etwas, zu dem ermutigt werden und das genährt werden sollte. Aber die Erfahrung demonstriert auch, dass, wenn wir den Universalismus auf Kosten des Partikularismus begrüßen und das Judentum auf nicht mehr als ein Sammelsurium linker Ziele reduzieren, dann leisten wir sowohl uns als auch der Welt einen Bärendienst. Das ist schließlich der Weg, der uns direkt in die Assimilierung und den Ruin führen.

Es ist eben die Sorge um uns selbst und jüdische Interessen wie Israel und jüdische Bildung an die erste Stelle zu stellen, durch die wir weiterhin als stolze und kenntnisreiche Juden einen dauerhaften und tiefgründigen Einfluss auf den Kosmos haben.

Fakt ist, dass wir die Welt nicht zu einem besseren Ort machen müssen, um das Judentum stark zu erhalten. Das Gegenteil ist der Fall. Durch die Stärkung unserer Gepflogenheiten und unseres Glaubens können wir das meiste sowohl für uns als auch für andere beitragen.

Wenn Sie sich also um das Schicksal von Kröten in Wyoming oder Lachs in Orgeon sorgen, dann gehen sie um alles in der Welt hin und unternehmen etwas dazu. Aber übersehen Sie dabei nicht das Thora-Studium oder die Kampagne zur Freilassung Gilad Shalits oder die Notwendigkeit äthiopischen Juden beim Aufbau eines besseren Lebens Israel zu helfen.

Der sicherste Weg die Welt zu wieder instandzusetzen beginnt direkt Zuhause. Und wenn wir nicht anfangen uns ein wenig mehr um uns selbst zu sorgen, dann können Sie sicher sein, dass niemand anders das für uns übernehmen wird.

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2 Kommentare »

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  1. im November ist game over

  2. zu langatmig geschrieben. Tikun olam ist fuer mich die Ebenbildlichkeit mit G-tt wiederherstellen. G-tt schuf den Menschen(Alles Kreatur) zum Ebenbild. die Ebenbildlichkeit ist kaputt gegangen. Die Ebenbildlichkeit muss wieder hergestellt werden. Damit wir G-tt quasi wieder ins Gesicht schauen koennen.
    malka aus Jeruschalaim


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