Die möglicherweise existenzielle Bedrohung Israels durch „Palästina“

Prof. Louis René Beres, BESA Center Perspecives Nr. 559, 14. August 2017

Palästinenserflagge, Bild von Nicolas Raymond via Flickr CC

Zusammenfassung: „Palästina“ könnte eine weiter größere Bedrohung für Israel darstellen als eine dritte Intifada oder anhaltender Terrorismus. Diese Bedrohung, die die Wechselwirkung der Kräfte weiter verschärfen könnte, ist möglicherweise existenzieller Natur: Unter bestimmten Umständen könnte palästinensische Eigenstaatlichkeit die Aussichten sowohl auf Mega-Terroranschläge als auch regionalen Atomkrieg bedeutend erhöhen.

Das Maß der Gefahr, das Israel durch einen Palästinenserstaat droht, ist kein Thema zwangloser Überlegungen. Es kann über disziplinierte Untersuchung angemessener Hypothesen festgestellt werden – konzeptionell, systematisch und deduktiv, auf die Weise einer wissenschaftlichen Untersuchung.

Die Anwendung dieses Prozesses zeigt, dass die Bedrohung Israels durch „Palästina“ weit größer ist als üblicherweise behauptet. Die Bedrohung ist derart groß, dass sie letztlich existenzieller Natur ist.

Dem ist darüber hinaus trotz der Tatsache der Fall, dass die durch Palästina dargestellte, greifbare Gefahr für Israels Überleben indirekter Natur wäre. Es ist ein wenig so wie der Fall einer Person, die nicht als direktes Ergebnis eine unbedeutenden Krankheit stirbt, sondern die durch sie ausreichend geschwächt wird, um für letale Krankheiten anfällig zu sein.

Es bleibt denkbar, wenn auch unwahrscheinlich, dass der Palästinenserstaat per se für den jüdischen Staat tödliche Gefahren darstellt. Diese Gefahren würden in Stufen auftreten, statt wie „blitzartig aus heiterem Himmel“ kommende militärische Angriffe.

Per Definition wäre ein Palästinenserstaat – egal, wie er beschaffen wäre – aus dem noch lebenden Körper Israels herausgeschnitten.

Es ist ähnlich unbestreitbar, dass arabischer Terror gegen den jüdischen Staat nach palästinensischer Eigenstaatlichkeit nicht nachlassen würde. Der Grund dafür ist, dass die Führer eines jedem zukünftigen Palästinenserstaats – einer mehr mit formell rechtlichem Status als die derzeitige Ausweisung als „Nichtmitglied-Beobachterstaat“ bei der UNO – weiterhin das dann reduzierte und angreifbarere Israel als „besetztes Palästina“ betrachten würde. Warum sollten sie ihr ursprüngliches Konzept des „zionistischen Feindes“ revidieren, besonders nachdem sie unwiderlegbar mächtiger geworden waren?

Es gibt keine Möglichkeit, dass Analysten eine numerische Wahrscheinlichkeit für diese Aussicht bestimmen können, aber aus palästinensischen Plattformen, Landkarten, Satzungen und politischen Haltungen kann kein anderer Schluss plausibel abgeleitet werden.

Weiter von Bedeutung, besonders da US-Präsident Donald Trump am Klischee der „Zweistaatenlösung“ festklammert, würde der arabische Terror wahrscheinlich sich weit schneller ausweiten, als wenn es keinen Palästinenserstaat gegeben hätte. Diese Vorhersage folgt auch direkt aus allem, was wir über palästinensische Einstellungen wissen. Ein oberflächliches politisches Mantra, egal wie oft es in Washington, London, Gaza oder Ramallah wiederholt wird, ist kein Ersatz für die Realität.

Sollte irgendjemand immer noch glauben, die palästinensische Autonomiebehörde (PA) und die Hamas würden sich mit einem komplett aus „israelisch besetzten Gebieten“ herausgeschnittenen Staat zufrieden geben, müssen nur daran erinnert werden, dass die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) 1964 gegründet wurde, drei Jahre bevor es überhaupt irgendwelche „israelisch besetzte Gebiete“ gab. Darüber hinaus ist der Staat Israel, so wie er heute existiert, kleiner als der Michigansee. Selbst vor der Gründung von Palästina ist die aus 22 Staaten bestehende arabische Welt 672-mal größer als das Staatsgebiet Israels.

Es wird viel Besorgnis wegen der Möglichkeit einer dritten Intifada geäußert. Für Israel besteht die rationale Abhilfe für einen solchen Ausblick nicht darin seine Gegner zu ermutigen, sich in einen organisierteren und strukturierten Feindstaat verwandelt. Jeder rechtlich gestärkte Staat Palästina könnte seine anwachsenden feindlichen Fähigkeiten verstärken, um Israel größeren Schaden zuzufügen. Es ist möglich, dass solcher Schaden, mit einer Marge an kollektiver Straffreiheit erzwungen, schließlich Massenvernichtungswaffen einbeziehen könnte, darunter chemische, biologische oder gar atomare Wirkstoffe.

Bezüglich erwartete Intentionen eines palästinensischen Staats gibt es wenig Rätsel zu ergründen. Palästina könnte und würde eine fertige Plattform für das Lancieren endloser erneuerbaren Krieges und Terroranschlägen gegen Israel bieten. Bezeichnenderweise hat keine der Krieg führenden Palästinenserfraktionen sich auch nur die Mühe gemacht das zu bestreiten. Im Gegenteil: Aggression ist immer offen als heilige „nationale“ Zauberformel begrüßt und bejubelt worden.

Bei einer Meinungsumfrage des Palestinian Center for Policy and Survey Research vom September 2015 stellte die führende Gesellschaftsforschungsorganisation in den Palästinensergebieten fest, dass eine Mehrheit der Palästinenser eine Zweistaatenlösung ablehnen. Nach ihren bevorzugten Alternativen zur Gründung eines unabhängigen Palästinenserstaates gefragt, riefen 42% nach „bewaffneten Aktionen“. Nur 29% zogen „Verhandlungen“ oder eine andere Art friedlicher Lösung vor.

Auf allen offiziellen Landkarten „Palästinas“ von Hamas und PA ist Israel entweder komplett entfernt worden oder wird als „besetztes Palästina“ identifiziert. Auf diese Weise wird Israel bereits einem „kartografischen Völkermord“ unterzogen. Vom Standpunkt der Politik eines künftigen Palästinenserstaats gegenüber Israel drücken solche Landkarten Absicht aus.

Es wird unzureichend erkannt, dass ein Palästinenserstaat eine Rolle dabei spielen könnte (wenn auch indirekt), einen Atomkonflikt in den Nahen Osten zu bringen. Palästina selbst wäre nicht nuklear, aber ein solcher Verzicht entlastet nicht. Es würden andere Wege verbleiben, auf die die Verstöße eines neuen Staats gegen die Sicherheit Israels den jüdischen Staat als für einen Atomangriff aus dem Iran oder – weiter in der Zukunft liegend – eines neuen arabischen Atomstaats wehrloser machen würde.

Diese zweite Aussicht würde vermutlich ihre zentralen Ursprünge in Reaktionen sunnitisch-arabischer Staaten auf den Wiener Pakt mit dem schiitischen Iran haben. Nach dem JCPOA (Joint Comprehensive Plan of Action/Gemeinsamer Aktionsplan) von 2015 werden mehrere sunnitische Staaten der Region, am überzeugendsten Ägypten und/oder Saudi-Arabien, vermutlich zunehmend das Gefühl haben sich getrieben zu fühlen „atomar zu werden“.

Im Wesentlichen würde jede derartige sunnitisch-arabische Atomwaffenverbreitung eine mehr oder weniger schlüssige „Selbstverteidigungs-“Reaktion auf die eskalierenden Gefahren, die aus der umgekehrt ängstlichen schiitischen Welt hervordringen.

Von der sunnitischen Seite könnte mehr erwartet werden. ISIS oder eine andere ergänzende Inkarnation könnte einen destruktiven Marsch nach Westen antreten, über den Jordan, vielleicht bis ganz an die Grenzen der Westbank. Sollte ein Palästinenserstaat bereits gegründet sein, würden sunnitische terroristische Kader eine ernsthafte Bedrohung für jede stationierte „palästinensische Armee“ sein. Für den Fall, dass Palästina nicht bereits offiziell ausgerufen sein (d.h. auf eine Art, die mit der Montevideo-Konvention im Einklang steht), werden eindringende ISIS bzw. ISIS-ähnliche Kräfte – nicht Israel – das Haupthindernis für palästinensische Unabhängigkeit geworden sein.

ISIS hat über den Irak und Syrien hinaus expandiert, insbesondre in den Jemen, nach Libyen, Ägypten und Somalia. Obwohl Hamasführer jegliche Anwesenheit von ISIS im Gazastreifen bestreitet, ist die schwarze Flagge der Gruppe dort heute regelmäßiger zu sehen.

Zumindest könnte Israel sich im Prinzip gezwungen sehen mit der Hamas gegen ISIS zu kooperieren – aber jegliche wechselseitige Bereitschaft seitens der Islamischen Widerstandsbewegung, ob nun sichtbar oder unter dem Radar, ist unwahrscheinlich. Zusätzlich betrachtet Ägypten die Hamas als Teil der Muslimbruderschaft und als genauso gefährlich wie ISIS.

Wie auch immer, nach Palästina und in Abwesenheit ohne eine Übernahme des neuen arabischen Staates durch ISIS-artige Kräfte würde Israels physisches Überleben zunehmende Eigenständigkeit in existenziellen militärischen Dingen benötigen. Das würde Folgendes erforderlich machen: 1) eine revidierte Atomstrategie, die verbesserte Abschreckung, Verteidigung, Vorbeugung und Kriegsführungsfähigkeiten involviert; 2) eine begleitende konventionelle Strategie.

Die offizielle Geburt Palästinas könnte diese Strategien auf mehrere störende Arten beeinflussen. Am meisten Unheil verheißend wäre, dass ein Palästinenserstaat die meisten der konventionellen Fähigkeiten Israels weit problematischer machen könnte. Letztlich könnte er daher das Risiko eines regionalen Atomkrieges erhöhen.

Wenn z.B. Feindstaaten „nur“ mit konventionellen und/oder biologischen Angriffen auf Israel beginnen sollten, könnte Jerusalem früher oder später mit nuklearer Vergeltung reagieren. Oder wenn diese Feindstaaten Feindseligkeiten mit konventionellen Angriffen auf Israel beginnen sollten, könnte Jerusalems Vergeltungsschläge dann mit atomaren Gegenschlägen der Feinde begegnet werden.

Vorerst wird das zweite Szenario nur möglich werden, wenn der Iran seinen Weg zu unabhängiger Atomfähigkeit fortsetzt. Dem folgt, dass eine überzeugende israelische Abschreckung, zumindest in dem Maß, dass es konventionelle und/oder biologische Angriffe eines Feindstaates verhindern kann, Israels Risiko über Eskalation in einen Atomkrieg zu geraten beträchtlich reduzieren würde. Israel wird immer seine Fähigkeit zur „Eskalationsdominanz“ behalten und verfeinern müssen, aber palästinensische Eigenstaatlichkeit könnte allem Anschein nach diese strategische Pflicht beeinträchtigen.

Da gibt es noch eine sekundäre Frage. Warum braucht Israel überhaupt konventionelle Abschreckung? Immerhin behält Israel anscheinend sein Atomarsenal und begleitende Doktrin, auch wenn beide bewusst verschwommen bleiben.

Eine weitere Frage kommt auf. Selbst nachdem Palästina entsteht, würden Feindstaaten davon absehen konventionelle und/oder biologische Angriffe auf Israel zu beginnen, aus Angst vor atomarer Vergeltung?

Nicht notwendigerweise. In dem Bewusstsein, dass Israel die Schwelle zum Atomkrieg nur unter außergewöhnlichen Umständen überschreiten würde, könnten diese Feindstaaten – zu recht oder zu unrecht – überzeugt sein, dass Israel nur in gleiche Weise reagieren wird. Angesichts solcher Kalkulationen muss Israel normale Sicherheit immer noch über konventionelle Abschreckungsdrohungen aufrechterhalten bleiben.

Starke konventionelle Fähigkeiten werden von Israel gebraucht, um vor konventionellen Angriffen abzuschrecken oder zuvorzukommen, die schnell durch Eskalation zu unkonventionellem Krieg führen könnten.

Palästina könnte weitere schädliche Auswirkungen auf Macht und Frieden im Nahen Osten haben. Weil die Gründung eines weiteren arabischen Feindstaates aus der Verstümmelung Israels entstünde, würde die bereits minimale strategische Tiefe des jüdischen Staats weiter abnehmen. Im Lauf der Zeit könnte Israels konventionelle Fähigkeit Feindangriffe abzuwehren entsprechend reduziert werden.

Sollten Feindstaaten Israels Gefühl zunehmender Schwäche ausmachen, könnte das paradoxerweise Israels atomare Abschreckung stärken. Wenn die Feindstaaten jedoch kein solches Gefühl bei Israels Entscheidungsträgern wahrnehmen (ein wahrscheinlicheres Szenario), könnten diese Staaten, angetrieben von Israels Verlust an Abschreckung durch konventionelle Streitkräfte, versucht sein anzugreifen. Dieses kumulative Ergebnis könnte, hervorgebracht durch Israels Unfähigkeit nach der Entstehung Palästinas eine starke konventionelle Abschreckung aufrecht zu erhalten, so aussehen: 1) Niederlage Israels in einem konventionellen Krieg; 2) Niederlage Israels in einem nicht konventionellen chemischen/biologischen/atomaren Krieg; 3) Niederlage Israels in einem kombinierten konventionellen/nicht konventionellen Krieg; oder 4) Israel bringt arabisch/islamischen Feindstaaten in einem nicht konventionellen Krieg eine Niederlage bei.

Für Israel könnte sich selbst die „erfolgreiche“ vierte Möglichkeit als nicht tragbar erweisen. Die Folgen eines Atomkriegs oder auch „nur“ chemisch/biologischen Krieges könnten für den Sieger wie für die Besiegten verhängnisvoll sein. Darüber hinaus würden unter solch außergewöhnlichen Umständen des Kriegszustands traditionelle Vorstellungen von Sieg und Niederlage jegliche seriöse Bedeutung verlieren.

Auch wenn ein bedeutsames Risiko eines regionalen Atomkriegs im Nahen Osten unabhängig von einem Palästinenserstaat besteht, wäre diese Bedrohung noch größer, wenn ein neuer arabischer (Terror-) Staat ausgerufen würde.

Es gibt eine weitere Besorgnis erregende Möglichkeit. Palästina könnte für einen Staatsstreich durch noch militantere jihadistische Kräfte anfällig werden, einen gewaltsamen Machttransfer, der dann Israel gegen Israel richten könnte. ISIS zum Beispiel könnte sich vor den Toren Palästinas wiederfinden. Bei einem solchen Szenario ist es vorstellbar, dass ISIS-Kämpfer alle verbleibenden palästinensischen Verteidigungskräfte (egal ob von PA oder Hamas) überwältigen und dann Palästina selbst in sein islamisches „Kalifat“ absorbieren.

Sollten die endlos brudermörderischen Palästinensergebiete in einen weiteren korrupten arabischen Staat umgestaltet und institutionalisiert werden, dann würde Palästina entweder von selbst oder als neu integriertes Element eines metastasierenden „Kalifats“ zu einem weiteren Syrien werden. Noch unheilvoller wäre, dass Palästina indirekt die atomare Bedrohung des Großraums herbeiführen könnte.

Wie wir anhand von Syrien gelernt haben, kann eine gesamte Region sich einer einzigartig schädlichen Form des Chaos gegenüber wiederfinden, einem, das grundlegend, tiefsitzend und selbstangetrieben ist. Um diese Form des zivilisatorischen Zusammenbruchs zu visualisieren, bedenken Sie den beinahe totalen „Zustand der Natur“; wie er von William Golding in seinem Roman Herr der Fliegen beschrieben wird. Zudem hat Thomas Hobbes lange vor Golding vor gesetzlosen Zuständen gewarnt, in denen Menschen „ohne eine Obrigkeit“ zusammenleben müssen. Der englische Philosoph des 17. Jahrhunderts beschrieb schreckliche Zustände zügellosen Chaos, in denen ein erstickendes Sargtuch der „ständigen Angst vor und Gefahr eines gewaltsamen Todes“ vorherrschen.

Was das „Leben des Menschen“ unter diesen düsteren Umständen angeht, sah Hobbes Leviathan das als unvermeidlich „einsam, arm, übel, bestialisch und kurz“ voraus. Es handelt sich um ein derart unerträglich zersetzendes Leben, dass wir für Israelis und andere nach der Gründung „Palästinas“ erwarten müssen. Dieser Schluss entsteht nicht aus gängiger Meinung und „gesunder Menschenverstand“, die die unsichere Grundlage präsidialer politischer Beurteilungen in Washington bleiben, sondern aus den Geboten einer disziplinierten wissenschaftlichen Untersuchung.

Was wollen israelische Araber?

Der Erfolg und die Beschwerden der arabischen Bürger Israels sind eine Geschichte von erheblichem Interesse, besonders nach den von drei von ihnen begangenen Morde auf dem Tempelberg.

Mahmud Ibrahim/Anadolu Agency/Getty Images

Dore Feith, Mosaic, 28. Juli 2017

Als drei Terroristen auf Jerusalems Tempelberg am 14. Juli zwei israelische Polizisten töteten, was zu einer Kette weiterer arabischer Gewalt führte, die noch nicht abgeklungen ist, war das, was Israelis schockierte, nicht die Tatsache, dass das Verbrechen an Jerusalems heiligstem Ort begangen wurde; das Schockierende war, dass es aus Israels Grenzen von vor 1967 entstand und von israelischen Staatsbürgern begangen wurde. Die Mörder waren Einwohner von Um el-Fahm, Israels drittgrößter arabischer Stadt. Keine Mauer und kein Checkpoint trennt seine Einwohner vom Rest des Landes; dennoch ist es eine Basis für islamistische, antizionistische Politik.

Letzten Sommer lebte ich sechs Wochen lang zehn Fahrminuten entfernt von Um el-Fahm, an der Kreuzung von Israels arabischen und jüdischen Gesellschaften. Beim Arabisch-Studium in Givat Haviva, einem Institut, das für arabisch-jüdische Versöhnung wirbt, reiste ich in Dörfer und Städte im sogenannten Dreieck, dem Gebiet, in dessen drei Ecken die Städte Um el-Fahm, Baqa al-Garbiya und Taibe liegen und das gesamt Heim für die größte Konzentration an arabischen Israelis ist. An der Bushaltestelle von Wadi Ara im Zentrum des Dreiecks, mischen sich täglich Juden und Araber. Im Einkaufszentrum von Pardes Hanna, der größten jüdischen Stadt der Region, hört man Arabisch so oft wie Hebräisch. Juden besuchen auch regelmäßig Arabern gehörende Geschäfte in Baqa al-Garbiya und Barta’a, wo hebräische Schilder Zeugnis von Handel zwischen den Gemeinschaften ablegen.

Journalisten aus dem Ausland konzentrieren sich in der Regel auf die Westbank und den Gazastreifen, daher stehen israelische Araber meist in ihrem Schatten. Aber ihr Erfolge und Beschwerden, das Wesen ihrer Interaktionen mi israelischen Juden und ihre Position als von zwiespältigen Gefühlen hin und her gerissene Bürger bilden eine Story beachtlichen Interesses mit einer Botschaft von besonderer Relevanz, da ihre palästinensischen Cousins in der Folge der von dreien der ihren begangenen Morde wegen Metalldetektoren auf dem Tempelberg gewalttätig randaliert haben.

Bei meinen Interaktionen mit israelischen Arabern waren die, die sich um Religion und Politik drehten, die aufschlussreichsten. Ging es z.B. um die Einhaltung religiöser Regeln, dann war es offensichtlich – durch die von ihnen getragene Kleidung und ob sie fünfmal am Tag beteten oder nicht – dass der von meinen muslimischen Lehrern in Givat Haviva praktizierte Islam sich merklich unterschied. Doch jeder von ihnen würde ausnahmslos behaupten, dass seine bzw. ihre individuelle Praxis mit dem „wahren Islam“ (al-Islam al-haqiqi) absolut übereinstimmt.

Für mich als Juden war das fremd. Viele nicht orthodoxe Juden werden z.B. erkennen das traditionelle Verbot der Nutzung von Strom am Sabbat an, sagen aber, dass sie sich nicht daran halten. Im Gegensatz dazu gab keiner meiner muslimischen Gesprächspartner zu, dass er die Vorschriften des Islam nicht einhält.

Ich war insbesondere in der Lage ihr Bestehen auf diesem Punkt auszutesten, wenn es zum Thema der Kleidung von Frauen kam. In Wadi Ara, hatte ich bemerkt, bedeckten die meisten Frauen ihr Haar mit einem hijab und viele trugen in der Öffentlichkeit einen weiten Mantel, der jilbab heißt. Gelichzeitig trugen einige junge Frauen weder das eine noch das andere und entschlossen sich stattdessen für westliche Kleidung, während andere ihr Haar bedeckten, aber enge Hosen und Tops trugen. Von meinen vielen Lehrerinnen trug nur eine einen hijab. Als ich sie wegen dieser offensichtlichen Widersprüche befragte, erklärten sie, dass muslimische Frauen sich züchtig kleiden, aber nicht ihr Haar bedecken müssen, so dass der Brauch einen hijab zu tragen jenseits der Anforderungen des Islam war.

Dass jeder behauptet voll praktizierend zu sein ist ein Zeichen der anhaltenden Macht des Islam über die Einstellungen und die Redegewohnheiten, die von seinen Anhängern übernommen werden. In einigen Lebensbereichen mögen die Ergebnisse einigermaßen wohltuend erscheinen – oder schlicht kurios. In anderen, besonders wenn es um Politik geht, nimmt die reflexartige Ersetzung rationaler Wahrnehmung durch Doktrin und jegliches Eingeständnis von Widersprüchlichkeit eine andere und weit ominöse Färbung an.

Mit Ausnahme des Schützen auf der Dizengoff-Straße im Januar 2016 und dem jüngsten Anschlag auf dem Tempelberg sind die Araber des Dreiecks größtenteils nicht Quelle von antiisraelischem Terrorismus gewesen und sind keine Fünfte Kolonne geworden. In meinen Gesprächen mit ihnen äußerten sie im Allgemeinen Wertschätzung für ihre israelischen demokratischen Rechte (wobei sie viele Teile der Regierungspolitik kritisierten). Gleichzeitig nannte sie sich aber auch „Araber von 1948“ oder „interne Palästinenser“ – sprich Palästinenser, die zufällig im Israel von vor 1967 wohnen – und identifizierten sich üblicherweise mit der palästinensischen Nationalbewegung.

Einer meiner Gastgeber, ein Gemeinschaftskundeleher in einer arabischen öffentlichen Schule, erklärte über einem gemeinamen Teller maschawi (Kebab und Gemüse), dass er seine Schüler zu den Osmanen lehrt, dann zu den Briten, dann zu den Zionisten. Natürlich, fügte er hinzu, lehrt er seine Schüler auch „ihre Geschichte“, heißt den Aufstieg des palästinensischen Nationalismus und die nakba oder „Katastrophe“, der von den Arabern rund um die Welt bevorzugten Begriff für die Gründung Israels – sein Land und das seiner Schüler – im Jahr 1948 und die Niederlage der arabischen Armeen, die darauf aus waren es auszulöschen.

Unser Programm hörte von einem Mann dessen persönliche Erfahrungen während der nakba. Asl Teenager war er aus seinem Heimatort Kafr Qara geflohen, um ein drohendes Aufeinandertreffen arabischer Milizen und der jüdischen paramilitärischen Streitmacht der Haganah zu vermeiden. Die Haganah übernahm die Stadt, aber dann eroberten irakische Streitkräfte, die Teil des von sechs Staaten geführten Angriffs auf den entstehenden jüdischen Staat waren, die Gegend, in die er geflohen war. Nach elf Monaten unter irakischer Militärherrschaft kehrte er nach Kafr Qara zurück, das auf der israelischen Seite der neuen Waffenstillstandslinie gelandet war.

Der Anlass, sagte er, war ein freudiger. Bei einer Willkommensfeier für die Rückkehrer hielten israelische Kommandeure und örtliche arabische Führer Reden, die die jeweils andere Seite ehrten und die Israelis sorgten für Essen, das sonst fehlte, weil die Bauernhöfe während der Kämpfe brach gelegen hatten. Israelische Soldaten halfen auch beim Wiederaufbau einer ausgebrannten Schule und ersetzten beschädigte Möbel – Verhalten, das sich auffallend vom inhumanen Umgang der Iraker mit den palästinensischen Arabern unterschied.

Und doch war die ganze Gründung Israels eine nakba. Die Katastrophe bestand darin, dass überhaupt ein jüdischer Staat in einem Land entstand, das Palästinenser, offenkundig einschließlich vieler israelischer Araber, als komplett ihnen gehörend betrachten.

Kafr Qara, wo wir diese Geschichte hörten, ist heute ein Stadt mit 18.000 Einwohnern und die Perle des Dreiecks mit breiten Straßen, die ihm eine Vorstadt-Atmosphäre geben, die sich stark von der klaustrophobischen Atmosphäre älterer, dicht besiedelter arabischer Städte unterscheidet. Sie prahlt mit mehr Ärzten pro Kopf als jeder andere (jüdische wie arabische) Ort in Israel und ist zudem Heimat für die Schule „Brücke über dem Wadi“, die jüdische und arabische Kinder gemeinsam sowohl auf Hebräisch wie Arabisch unterrichtet. Am Triangle Research and Development Center arbeiten israelisch-arabische Wissenschaftler und Ingenieure daran effektivere Sonnenkollektoren zu entwickeln, Krebs zu bekämpfen und eine bestimmte Sorte Fliegen daran zu hindern die Obsternte zu verderben.

Bei einem Besuch bei Mohammed Said Masarwi, einem ehemaligen Richter, hörten wir von dem Erfolg der Stadt als arabisches Modell für wirtschaftliche Stärke und gute arabisch-jüdische Beziehungen. Weil mehr Frauen arbieten gehen, sind Männer nicht mehr die einzigen Brotverdiener und der Lebensstandard steigt. Die etwa 250 aus Kar Qara stammenden Ärzte sowie weiteres medizinisches Personal sind in den meisten israelischen Krankenhäusern zu finden, von Leitern chirurgischen Abteilungen bis zum Hausmeister, die den Boden wischen – und der Sohn des Hausmeisters, darauf beharrte Masarwi, „wird aufwachsen, um Arzt zu werden“.

Ich hörte solchen Optimismus von fast jedem im Dreieck, mit dem ich sprach. Natürlich hörte ich auch Klagen, zumeist wegen schlechter Regierungsdienste und regelmäßig wegen der Wohnungspolitik. Die israelische Bürokratie macht es jedem schwer eine Baugenehmigung zu erhalten, aber für Israels Araber ist es besonders schwer. Ihre Städte und Dörfer können nicht expandieren, oft weil sie an Wälder des Jüdischen Nationalfonds grenzen, die nicht wegen Entwicklung abgeholzt werden können. Als Folge davon müssen sie nach oben bauen, nicht in die Breite, was der Grund ist, dass in arabischen Städten oft Häuser mit vier, fünf oder sechs Stockwerken zu finden sind – für israelische Verhältnisse luxuriös und so gestaltet, dass sie mehrere Generationen einer Familie aufnehmen können.

Lokale Führungspersönlichkeiten versuchen ständig ihre Repräsentanten in den arabischen Parteien in der Knesset zu beeinflussen, um das Landrecht zu ändern. Aber viele dieser Repräsentanten sind weniger daran interessiert das Leben der Araber Israels zu verbessern als daran Israels Politik in der Westbank anzufechten.

Und hier kommen wir zu einem großen Problem und kehren zu unserem Thema zurück. Als ich einen unserer Lehrer fragte, ob er einen Friedensplan unterstützt, der die Grenze verschieben würde, so dass seine Stadt innerhalb eines mehrheitlich palästinensisch-arabischen Staates liegt, antwortete er ehrlich und abweisend: „Siehst du, wie es ist in einem arabischen Land zu leben?“ Trotzdem haben die israelischen Araber nicht eine einzige Person auf der nationalen Ebene, die offen ihr Leben als gesetzestreuer Bürger in einem demokratischen mehrheitlich jüdischen Staat befürwortet.

In der unmittelbaren Folge der Schüsse auf dem Tempelberg am 14. Juli reichten die Reaktionen israelisch-arabischer Führer von mildem Missfallen bis zu offener Befürwortung des Anschlags. Nach zehn Stunden des Schweigens der Gemeinsamen [arabischen] Liste der Kensset bot Parteichef Ayman Odeh eine halbherzige Verurteilung von Gewalt und machte dann die israelische Regierung dafür verantwortlich die Lage zu verschlimmern, indem sie „den Konflikt von einem politischen in einen religiösen wendet“. Hanin Zoabi, eine Knessetabgeordnete derselben Partei, sagte: „Wir gegen die volle Verantwortung für alles, was geschieht, der israelischen Besatzungspolitik.“ Mehrere ihrer Kollegen riefen zwar zum Ende der Gewalt auf, machten aber Juden und die israelische Regierung dafür verantwortlich die Morde provoziert zu haben.

Innerhalb weniger Tage, nachdem Waffen auf dem Tempelberg selbst gefunden wurden und Israel Metalldetektoren und Kameras installierte um für Sicherheit zu sorgen, fegte eine Welle arabischer Krawalle über die Gegend, angestiftet, wenn nicht gar gelenkt von Mahmud Abbas‘ PA, um die Schuld für „alles, was auf dem Tempelberg und überall sonst geschieht“, Israel zuzuschieben. Fakt ist: Im Gegensatz zum skurrilen Vorwurf Ayman Odehs war es nicht Israel, sondern die Palästinenser, die den Konflikt erfolgreich „von einem politischen“ – und in diesem Fall einer direkten Sicherheitsfrage – „in einen religiösen“ verwandelten, tatsächlich in eine religiöse Pflicht. Einmal mehr hatte sich die unversöhnliche Macht der geistlichen Doktrin die Wahrnehmung der Realität auf den Kopf zu stellen offenbart – diesmal mit gewalttätigen Auswirkungen.

Das Wohlergehen jüdisch-arabischer Beziehungen in Israel hängt davon ab, wie Israels Araber über die Staatsbürgerschaft in ihrem mehrheitlich jüdischen Land denken. In der Bildung dieses Denkens spielen die Worte ihrer politischen Führer eine Rolle, besonders wenn arabische Mitbürger mit mörderischer Gewalt aktiv werden. Unter den nicht zu bestreitenden Zeichen von Fortschritt an vielen Fronten ist diese Woche ein erschreckendes Zeichen des Rückschritts, dass rund 3.000 Personen in Um el-Fahm an den Beerdigungen der Terroristen vom Tempelberg teilnahmen. Als Beobachtern solcher Kundgebungen in der Westbank zu Schau gestelltem, vertrautem Zeichen wehte die Palästinenserflagge und die Getreuen schworen „Märtyrer für die Al-Aqsa“ zu werden. Diese Prozession fand nicht in der Westbank oder dem Gazastreifen statt, sondern innerhalb der Grünen Linie.

Wenn solche Szenen nicht zur neuen Normalität werden, müssen die israelischen Araber die Verantwortung für ihre eigenen Zukunft als loyale Bürger Israels übernehmen und neue Führer finden und wählen, die ähnlich gesinnt und ähnlich entschlossen sind.

Sommerlager-Vergleich

gefunden auf twitter: Was Palästinenserkinder in ihrem Sommerlager (bei der Hamas, aber nicht nur da) lernen Leben auszulöschen.
In Israel gibt es andere Sommerlager – da gibt es zum Beispiel ein Sommerlager des israelischen Krankenwagen-Dienstes, wo Kinder lernen Leben zu retten.

Foto: Nie ist ein Polizist da, wenn man ihn braucht…

The Jewish Press, 7. August 2017

Maskierte Muslime auf dem Tempelberg (Foto: Slimlan Khader/Flash90)

Während auf den Tempelberg gehende Juden von israelischen Polizisten flankiet werde, die schwer aufpassen um sicherzustellen, dass keiner einziger Jude die Lippen im Gebet bewegt, haben die Muslime keine solchen Sorgen.

Fakt ist, dass die Polizei eindeutig so damit beschäftigt ist die Juden zu beobachten, dass sie völlig verpassen die maskierten Muslime auf dem Tempelberg zu sehen, Hamas-Stirnbänder tragen.