Muss Israel den Palästinensern Corona-Impfstoff geben?

Daniel Pomeranz, HonestReporting, 7. Januar 2020

Israels weltweit führende COVID-19-Impfkampagne wurde schnell globaler Anlass zu Neid und es folgten Berichte darüber in den Nachrichten. Viele vermittelten ein klares Bild, aber einige implizierten oder sagten sogar unverblümt, Israel drücke sich um seine Verpflichtung die Palästinenser mit Impfstoff zu versorgen, womit es gegen das Völkerrecht verstößt.

Ein besonders dramatisches Beispiel war dieser Artikel im Guardian mit suggestivem Sprachgebrauch von „Siedlern“ und dem Foto eines orthodoxen Juden.

 

Der Guardian enthielt den Satz: „Menschenrechtsgruppen beschuldigen Israel es entziehe sich der Verpflichtungen gegenüber Millionen Menschen in den besetzten Gebieten, die noch Monate auf die Impfung warten müssen.“ Und tatsächlich hatten Gruppen wie Amnesty die fadenscheinige Behauptung aufgestellt, Israel verstoße gegen das Völkerrecht. Ansonsten positive Artikel in der Washington Post, der New York Times und anderer erhoben ähnlich falsche Aussagen zum Völkerrecht.

Der ehemalige CNN-Korrespondent Marc Lamont Hill fasste auf seinem Instagram-Account eine gemeinsame Mentalität zusammen (wie in diesem Tweet von HonestReporting zu sehen ist):

Aber obwohl politische Kommentatoren, Fernsehsprecher und allerlei NGOs Israel auffordern, Israel solle Palästinenser impfen, gibt es eine Instanz, die das damals auffälligerweise nicht machte: die Palästinenser-Regierung.

Tatsächlich wurden offizielle PA-Vertreter mit der Aussage zitiert:

Wir arbeiten selbst daran aus einer Reihe von Quellen Impfstoff zu bekommen … wir sind keine Abteilung des israelischen Verteidigungsministeriums. Wir haben unsere eigene Regierung und Gesundheitsministerium und die unternehmen große Anstrengungen den Impfstoff zu bekommen.

Um es klar zu sagen: Israelischen Bürgern und dauerhaft dort Lebenden wird derselbe Zugang zu Gesundheitsversorgung und Impfungen, ungeachtet der Religion, Ethnie oder nationalen Herkunft. Das wirft eine interessante Frage auf: Wenn die Palästinenserregierung Israels Hilfe bei der Beschaffung von Impfstoffen nicht will, ist Jerusalem gemäß dem Völkerrecht und internationalen Verträgen trotzdem verpflichtet ihr zu helfen?

Kurz gesagt: Israel ist nicht nur nicht verpflichtet zu helfen, sondern ihm war zur Zeit, als diese Artikel veröffentlicht wurden, rechtlich sogar verboten das ohne Kooperation der PA zu tun.

Fakt ist: Die PA-Regierung änderte Berichten zufolge erst am Mittwoch ihre Politik und reichte die erste Anfrage um Hilfe beim Impfstoff ein, eine Entwicklung, die später in diesem Text noch behandelt wird.

Völkerrecht

Es ist bei Experten, Fernsehmoderatoren und NGOs bestürzend üblich etwas wie „verletzt das Völkerrecht“ zu sagen, ohne zu sagen, welches Recht verletzt wird und ohne jegliche juristische Analyse zu liefern, wie das Völkerrecht verletzt wird. Das ist ein Hinweis, dass die Äußerung irreführend oder sogar vollkommen falsch war. Zumindest sollte es ein Hinweis an die versierten Nachrichten-Leser und kluge, professionelle Journalisten sein, dass weitere Recherche erforderlich ist.

Das Völkerrecht ist kein „Gesetz“ im juristischen Sinn – es ist kein Regelsatz, der von einem Gremium mit übergeordneter Autorität über andere Länder weltweit verabschiedet wurde. Stattdessen ist das Völkerrecht eine Vereinigung von Verträgen und Vereinbarungen zwischen und unter zahlreichen souveränen Staaten. In diesem Fall gibt es drei internationale Vereinbarungen, die relevant sind: die vierte Genfer Konvention (GK IV), die Haager Konvention und die Oslo-Vereinbarungen. Alle drei müssen zusammen gelesen werden, um die Verpflichtungen der Seiten vollständig zu verstehen.

Das allgemeinste Konzept kommt von der GK IV, insbesondere den Artikeln 55, 58; API Art. 69 erklärt:

Die Besatzungsmacht hat die Pflicht sicherzustellen, dass die angemessene Versorgung mit Lebensmitteln und medizinischer Versorgung sowie Kleidung, Betten, geschützter Unterkunft und anderen für das Überleben der Zivilbevölkerung der besetzten Territorien notwendig sind sowie den Dingen für die Ausübung der Religion gewährleistet ist.

Unter Israelis gibt es wie unter Juristen Diskussion darüber, ob Israels Beziehung zur Westbank eine „Besatzung“ im klassischen Sinn darstellt. Der oberste Gerichtshof Israels hat hingegen bei zahlreichen Gelegenheiten bis zurück ins Jahr 1971 geurteilt, dass Israel das Völkerrecht zu Besatzung Folge befolgen muss, ob Israel sie als solche bezeichnet oder nicht. Dieser Schluss ist daher israelisches Recht und die israelische Regierung nimmt ihre Verpflichtungen ernst.

Die Haager Konvention (insbesondere die Artikel 42 bis 47) geht genauer auf dasselbe Thema ein als die GK IV, und schließlich beschreiben die Oslo-Vereinbarungen die Art, wie sich diese Verpflichtungen zwischen dem Staat Israel und der PA-Regierung auswirken (ausdrücklich die israelisch-palästinensische Interimvereinbarung zur Westbank und dem Gazastreifen von 1995, auch bekannt als „Oslo II“, Anhang III, Artikel 17).

Dieser Satz aus Oslo II ist von besonderer Bedeutung:

Israel und die palästinensische Seite werden Informationen zu Epidemien und ansteckenden Krankheiten austauschen, werden bei deren Bekämpfung kooperieren und Methoden für den Austausch medizinischer Akten und Dokumente entwickeln.

Oslo II selbst sagt nicht, dass Israel die Pflicht hat, der PA Gesundheits-Versorgung zur Verfügung zu stellen, aber die GK IV tut das. Genauer gesagt sagt die GK IV nicht, dass Israel Hilfe bieten muss, sondern dass Israel „die angemessene Zurverfügungstellung sicherstellen“ muss. Das bedeutet, Hilfe kann auch aus weltweiten Fremdquellen kommen, solange Israel sicherstellt, dass sie geliefert wird.

Die GK IV behandelt in der Regel Situationen, in denen das besetzte Volk keine eigene Regierung hat, also gibt es kein Problem wegen der Koordination und die Besatzungsmacht handelt einfach als direkte Obrigkeit. Oslo änderte das allerdings, indem es die PA-Regierung schuf, also muss Israel die Autonomie der PA und ihr Recht bestimmte Hilfen abzulehnen respektieren.

Das macht absolut Sinn: Stellen Sie sich vor Israel würde den Palästinensern Hilfe aufzwingen. Wie würde das ablaufen? Würden israelische Soldaten in Palästinenserstädte eindringen und die Leute zwangsimpfen? Würden sie Krankenhäuser stürmen und Versorgungsgüter dort deponieren, die nicht gewollt sind? Das zu tun wäre offensichtlich moralisch falsch und würde aufgrund der Oslo-Abkommen auch das Völkerrecht verletzen.

Warum Hilfe ablehnen?

Stand letzter Woche demonstrierten Äußerungen von Palästinensern wie „Wir sind keine Abteilung des israelischen Verteidigungsministeriums. Wir haben unsere eigene Regierung.“ eine Haltung des Stolzes und den Wunsch Selbstversorgung zu zeigen. Man kann darüber streiten, ob diese Entscheidung weise ist: Opfert die PA die Gesundheit ihres Volks, um ein politisches Statement abzugeben? Vielleicht. Oder vielleicht hat die PA recht, wenn sie Selbstständigkeit und Unabhängigkeit betont. Darüber hinaus haben Verschwörungstheorien dafür gesorgt, dass viele Palästinenser israelischen medizinischen Versorgungsgütern misstrauen, daher könnte das ein Grund dafür sein, das die PA solche Hilfe meidet.

Was definitiv gesagt werden kann, ist, dass die PA das Recht hat israelische Hilfe auszuschlagen und dass Israel nicht versuchen darf eine solche Entscheidung außer Kraft zu setzen.

Die PA fordert Impfstoffe an

Abgesehen davon hat die PA-Regierung am Mittwoch offenbar Hilfe mit den Impfstoffen erbeten. Information darüber, was genau die PA angefordert hat und was genau Israel zur Verfügung stellt, ist nicht ganz bekannt, aber Israel hat bereits angefangen Impfstoff in kleinen Mengen an die PA zu liefern; diese sind für dringenden humanitären Bedarf bestimmt. Es wird erwartet, dass nächsten Monat rund zwei Millionen Dosen in Ramallah ankommen.

Es ist ungewöhnlich, dass eine Verpflichtung aus den GK IV zur Bereitstellung von Hilfe in einem Kontext stattfindet, in dem Versorgung so begrenzt und Timing so wichtig ist, dass Hilfe zu geben tatsächlich die Bürger des sie zur Verfügung stellenden Landes schädigt. Die Universale Erklärung der Menschenrechte, wie sie von der UNO übernommen wurde, macht deutlich, dass Staaten die Pflicht haben die Sicherheit und das Wohlergehen der eigenen Bürger zu schützen.

Dennoch schafft die GK IV die Pflicht eine Gruppe von Leuten zu schützen, die keine Staatsbürger sind. Beide Dokumente haben die Kraft des Völkerrechts und daher muss Israel seine Verpflichtungen gegenüber den eigenen Bürgern gegenüber denen der PA sorgfältig abwägen.

Mitglieder des Friedenslagers, schämt ihr euch eigentlich überhaupt nicht?

Die aktuellen Friedensvereinbarungen stellen dem Friedenslager ein paar peinliche Fragen: Wie kann es sein, dass dieselbe Rechte, von der ihr sagt, sie würde auf ewig mit dem Säbel rasseln, jetzt die Seite ist, die den Olivenzweig hält? Wie könnt ihr euch weiter das Friedenslager nennen, wenn die Seite, die tatsächlich Frieden voranbringt, der Likud ist?

Dr. YItzhak Dahan, Israel HaYom, 16. Dezember 2020

Ende der 1990-er Jahre, als die Brüche in den Oslo-Vereinbarungen deutlich wurden, wollte das Friedenslager die öffentliche Unterstützung mit Hilfe einer ganzen Industrie vertiefen, die einer Idee Rückhalt verschafft, die sich allmählich von der Realität verabschiedete: Thinktanks, Forschungsgelder, Literatur, die Presse und die akademische Welt, sie alle vermarkteten dieses Produkt ohne vernünftige Erklärungen zu haben: Wenn wir weiter die Kontrolle über die Gebiete behalten, wird das auf Kosten von Friedensabkommen sein, was bedeutet auf Kosten von Wirtschaftswachstum und Sozialhilfe. Ein von ranghohen IDF-Offizieren für die Peace and Security Association 2012 veröffentlichtes Papier stellte fest, dass „die Siedlungen Israels nationale Sicherheit nicht stärken, seinen internationalen Ruf und die Belastbarkeit der Gesellschaft schädigen sowie ein zentrales Hindernis für Fortschritt bei einer diplomatischen Regelung darstellen“. Dieses Argument wurde lange nach den Oslo-Vereinbarungen von 1993 und nach Israels Abzug aus dem Gazastreifen angeführt, um zu zeigen, dass sie uns weiterhin lehren, was es wirklich heißt am Glauben festzuhalten.

Die aktuellen Friedensvereinbarungen lassen das Friedenslager schlecht aussehen und werfen einige peinliche Fragen auf: Wie werden die IDF-Generäle vor der Öffentlichkeit da stehen, wenn sie den Israelis Jahre lang erklärten, dass sich das Tor zur arabischen Welt in Ramallah befindet? Wie werden sie erklären, dass Wirtschaftswachstum von Rückzug abhängig ist, wenn die meisten der aktuellen Vereinbarungen nicht an territoriale Zugeständnisse gebunden sind? Wie kann es sein, dass dieselbe Rechte, von der wir sagten, sie würde auf ewig mit dem Säbel rasseln, jetzt die Seite ist, die den Olivenzweig hält? Wie können wir uns weiter als Friedenslager bezeichnen, wenn die Seite, die tatsächlich den Frieden voran bringt, der Likud ist? Schämen wir uns denn gar nicht?

Die, die diese Fragen werden beantworten müssen, sind die Vorboten des „Friedens“ selbst und darin liegt das Problem. Die gebräuchliche psychologische Theorie lehrt uns: Wenn die Realität uns ins Gesicht schlägt, sind wir gezwungen in einen Zustand kognitiver Dissonanz einzutreten, gefolgt von einem Zustand der Desillusionierung. Aber diejenigen, die in den 1990-er Jahren einen Eid auf die Friedensvision ablegten, werden Probleme haben ihre Überzeugungen aufzugeben. Desillusion ist ein schmerzhafter Prozess. Um dich herum bricht alles zusammen. Das ist genau der Punkt, an dem eine Industrie herauszubilden beginnt, die sowohl Ausweichtechniken als auch falsche Narrative bietet.

Eine Methode, um die Realität zu meiden, besteht darin den Erfolg deines Feindes nicht den Qualitäten des Führers oder seiner Weltanschauung zuzuschreiben, sondern externen Umständen. Gemäß dieser Methode fand sich Premierminister Benjamin Netanyahu durch Zufall an einer optimalen historisch-politischen Wegscheide wieder; Irans Feindschaft gegenüber Saudi-Arabien und seinen Verbündeten zusammen mit Druck von US-Präsident Donald Trump schob die arabischen Staaten in Israels Arme. Das grundsätzliche Problem mit der Gestaltung der Situation auf diese Weise besteht darin, dass sie den Faktor persönliche Führung und das unabhängige Denken der Öffentlichkeit aus der Gleichung entfernt.

So schrieb zum Beispiel Nahum Barnea in einem Artikel am Wochenende in Yedioth Ahranoth Marokkos Bereitschaft die Beziehungen zu Israel zu normalisieren geopolitischen und innenpolitischen Umständen sowie seinem Wunsch nach Anerkennung seiner Kontrolle über die Westsahara zu.

Das mag zwar viel Sinn machen, ist aber in Wirklichkeit eine Entstellung. Um das zu beweisen, reicht uns ein einziges Beispiel. Aus realpolitischer Perspektive entstammt die Entscheidung der Vereinigten Arabischen Emirate Frieden mit Israel zu schließen einem externen Faktor – dem Iran. Aber warum beeilten sie sich so damit Frieden mit Israel zu schließen? Israel wird als stark angesehen; das entschlossene Handeln seiner Sicherheitskräfte in Kooperation mit den USA im Verlauf des letzten Jahrzehnts hat Israel zu einer Macht gemacht, mit der man arbeiten macht.

Interesse? Gewiss. Aber auch Vertrauen; die Idee der Rechten, dass du, um das Komplott deines Feindes zu durchkreuzen, diesen zerschlagen musst, ist eine Frage des Glaubens. Genauso ist es die Vorstellung des Friedenslagers, dass man, um eine Gesellschaft zu heilen, zuerst den Feind beschwichtigen muss, z.B. durch die Aufgabe von Territorium. Jemand, der glaubt, sagt man, hat keine Angst. Aber nur bis zu einem gewissen Punkt und an diesem Punkt trifft der Glaube auf die Realität.

Erreichtes im Kampf gegen Antisemitismus im Jahr 2020

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor; eine englische Version erschien beim BESA Center)

Es besteht breiter Konsens, dass die Zahl der antisemitischen Vorfälle weltweit 2020 weiter zugenommen hat.[1] Um die Realität der Verbreitung dieses Hasses zu verstehen, sind nicht nur Zahlen wichtig. Die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs, dass die flämische wie die wallonische Regierung in Belgien das Recht haben das rituelle Schlachten von Tieren nur nach Betäubung zu gestatten, war eine bedeutende antisemitische Handlung. Sie betrifft auch einen Teil der muslimischen Bevölkerung.[2] Als Hitler an die Macht kam, führte die Nazi-Regierung in Deutschland eine ähnliche Maßnahme ein. Sie passte in ihre antisemitische Politik.

Auch wenn das europäische Gericht einen anderen Grund für seine Entscheidung angab, hat es faktisch Hitlers Vorgehen unterstützt.[3] Die Richter haben möglicherweise den antisemitischen Charakter ihrer Entscheidung nicht erkannt. Antisemitismus aus Ignoranz ist nur eine der vielen Formen des Hasses.

Das Gericht schrieb, sein Urteil schaffe einen „fairen Ausgleich“ zwischen Tierschutz und Religion. Das ist eine Lüge. Juden, die ihrer Religion folgen, ist es verboten Fleisch von Tieren zu essen, die vor der Schlachtung betäubt wurden. Damit gibt es keinerlei Ausgleich. Die Entscheidung des Gerichts sollte als ein weiterer Schritt in der mehr als tausend Jahre alten antisemitischen Kultur betrachtet werden, die die europäischen Gesellschaften durchzieht, auch wenn die Richter sich dieser Tatsache nicht bewusst sind.

Dennoch hat es im vergangenen Jahr auch eine Reihe sehr bemerkenswerter positiver Entwicklungen im Kampf gegen den Antisemitismus gegeben. Die wichtigsten davon sind das Ergebnis der von der Administration Trump initiierten Politik. Ihre Entscheidung die amerikanische Finanzierung der palästinensischen Autonomiebehörde einzustellen war ein wichtiger Schritt gegen Antisemitismus. Einer Organisation, die Mord an Juden belohnt, sollten keine Regierungsgelder mehr zur Verfügung gestellt werden.[4]

Nebenbei bemerkt: Die Einstellung der amerikanischen Finanzierung der United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East (UNRWA) fällt in dieselbe Kategorie. Bei ihr handelt es sich um eine UNO-Organisation, die unter anderem Hassliteratur gegen Israel finanziert und in palästinensischen Schulen zur Verfügung stellt.[5] Das bedeutet auch, dass jede Erneuerung der Finanzierung der UNRWA durch die Administration Biden – die sie fälschlich als „humanitäre Hilfe“ bezeichnen dürfte – auf einen antisemitischen Schritt hinausläuft.

Im großen Rahmen der Politik der Administration Trump haben auch mehrere weitere, für Israel günstige Maßnahmen einen positiven Effekt im Kampf gegen den Antisemitismus gehabt. Während seines Besuchs in Israel im November 2020 kündigte US-Außenminister Mike Pompeo an, dass die Vereinigten Staaten die antiisraelische Boykott-Bewegung BDS als antisemitisch betrachten.[6] Es gibt in der Tat reichlich Dokumentationsmaterial zu der tiefgehend antisemitischen Motivation der Initiatoren und Hauptbefürwortern der BDS.[7]

Ein weiteres wichtiges Thema, das nur am Rande aufkam – es gab keine Folgemaßnahmen – ereignete sich während der letzten Tage vor den amerikanischen Präsidentschaftswahlen im November 2020. Quellen in der Regierung Trump ließen wissen, dass das Außenministerium drei große Menschenrechtsorganisationen – Human Rights Watch, Amnesty International und Oxfam – für antisemitisch erklären könnte. Dass dies faktisch korrekt ist, war für Antisemitismus-Experten nichts Neues. Das aber von US-Regierungskreisen zu hören, war dennoch ein radikaler Schritt vorwärts.[8]

Diese drei Organisationen können als „Gutmenschen-Antisemitismus“ praktizierend beschrieben werden. Dessen Konzept ist einfach: Wenn eine Organisation oder eine Person hauptsächlich etwas tut, was als anerkennenswert wahrgenommen wird, erhält sie dadurch manchmal Spielraum, sich in anderen Dingen an den Rändern – sogar in extremem Maß – danebenzubenehmen. Das ist von den erwähnten drei großen NGOs und vielen anderen bezüglich Israel Jahre lang praktiziert worden.

Diese „Gutmenschen“-NGOs hetzen gegen, verleumden und diffamieren Israel regelmäßig, während sie fast völlig zu der Kriminalität und der Kultur des Todes schweigen, die die palästinensische Gesellschaft und Führung durchziehen.[9]

Eine weitere wichtige Entwicklung im Kampf gegen Antisemitismus war die Veröffentlichung des Berichts der British Equality an Human Rights Commission (EHRC) zum Antisemitismus in der Labour Party. Dieses entscheidende Dokument wurde Ende Oktober veröffentlicht. Die EHRC stellte fest, dass das Büro von Jeremy Corbyn, dem früheren Vorsitzenden der Partei, in fast zwei Dutzend Fällen von Antisemitismus unrechtmäßig „politisch eingriff“.[10]

Drei führende jüdische britische Organisationen – das Board of Deputies of British Jewry, der Jewish Leadership Trust und der Community Security Trust – gaben danach eine Erklärung ab: „Jeremy Corbyn wird zurecht für das verantwortlich gemacht, was er den Juden und Labour angetan hat, aber die Wahrheit ist verstörender, da er wenig mehr ist als die Galionsfigur für alte und neue antisemitische Einstellungen. All das wurde von denen ermöglicht, die bewusst wegschauten.“[11]

Die Situation verbesserte sich anfänglich weiter, als Corbyn auf den Bericht reagierte, indem er sagte, dass Antisemitismus-Vorwürfe „aus politischen Gründen dramatisch übertrieben“ würden.[12] Labours Generalsekretär David Evans beschloss daraufhin ihn aus der Partei auszuschließen. Corbyn verlor auch den Labour-Fraktionsvorsitz, was bedeutet, dass er aktuell als parteiloser Abgeordneter im Unterhaus sitzt. Dennoch setzte das National Executive Committee (NEC) Corbyn weniger als drei Wochen darauf wieder als Labour-Mitglied ein. Der aktuelle Parteivorsitzende Keir Starmer kündigte an, dass seinem Vorgänger der Fraktionsvorsitz nicht zurückgegeben wird.[13]

Im Rahmen dessen, was allgemein die Abraham-Vereinbarungen genannt wird, stimmten Israel, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, der Sudan und Marokko der Normalisierung mit Israel zu. Bahrain und Israel beschlossen zudem, dass sie gemeinsam den Antisemitismus bekämpfen würden.[14] Bahrain wurde das erste arabische Land, das die Antisemitismus-Definition der Internationalen Holocaust-Gedenkallianz (IHRA) anerkennt.[15]

Die Zahl der Länder und Organisationen, die die IHRA-Definition für Antisemitismus angenommen haben, nahm 2020 weiter zu.[16] Dazu gehören zum Beispiel Städte wie London und Berlin, zahlreiche Universitäten,[17] die große Mehrheit der englischen Premier League-Fußballvereine und verschiedene Organisationen Zivilgesellschaft.[18]

Weitere Länder und Instanzen ernannten während des letzten Jahres Koordinatoren im Kampf gegen Antisemitismus. Eine wichtige Ernennung war die des ehemaligen kanadischen Justizministers Irwin Cotler zum Sonderbotschafter des Landes für den Erhalt des Holocaust-Gedenkens und der Bekämpfung des Antisemitismus. Cotler ist ein hoch respektierter Anwalt für internationales Menschenrecht.[19] Er hat einen ellenlangen Hintergrund darin den Trends des Antisemitismus folgen.

In Deutschland, wo es ebenfalls bereits eine Reihe solcher Beauftragter gibt, wurden weitere ernannt. Eine besonders wichtige Wahl war die des Politikwissenschaftlers Samuel Salzborn zum Antisemitismus-Beauftragten von Berlin.[20] Die Niederlande haben angekündigt, dass sie im nächsten Jahr einen solchen Beauftragten ernennen wollen.[21]

Man könnte dem oben Angeführten hinzufügen, dass der Europarat, dem die Regierungschefs der EU-Mitgliedsländer angehören, eine Erklärung gegen Antisemitismus ausgegeben hat. Diese hatte eine Reihe Meriten, auch wenn sie viele wichtige Themen nicht erwähnte.[xxii] Somit verschlechtert sich die Allgemeinlage bezüglich des Antisemitismus weltweit zwar weiter, die oben angeführten Dinge deuten aber an, dass es im vergangenen Jahr auch wichtige Erfolge m Kampf gegen diesen weit verbreiteten Hass gab.

[1] http://www.jta.org/2020/07/22/opinion/anti-semitism-is-rising-worldwide-so-why-is-trumps-special-envoy-targeting-the-presidents-american-jewish-critics

[2] http://www.dw.com/en/eu-states-can-mandate-stunning-animals-for-slaughter-ecj/a-55970178

[3] http://www.loc.gov/law/help/religious-slaughter/europe.php

[4] http://www.bbc.com/news/world-middle-east-47095082

[5] http://www.jpost.com/arab-israeli-conflict/new-unrwa-textbooks-display-extreme-anti-jewish-and-anti-israel-sentiments-study-shows-506174

[6] http://www.nytimes.com/2020/11/19/world/middleeast/pompeo-bds-golan-heights-west-bank.html

[7] https://jcpa.org/unmasking-bds/

[8] http://www.jta.org/2020/10/22/politics/report-state-department-planning-to-label-human-rights-groups-anti-semitic

[9] https://besacenter.org/perspectives-papers/us-exposes-do-gooder-antisemites/

[10] www.telegraph.co.uk/politics/2020/10/29/labour-anti-semitism-report-key-findings-happens-now/

[11] http://www.bod.org.uk/joint-statement-on-release-of-ehrc-report/

[12] www.independent.co.uk/news/uk/politics/jeremy-corbyn-suspended-labour-party-antisemitism-keir-starmer-update-b1422940.html

[13] www.theguardian.com/politics/2020/nov/18/labour-in-fresh-turmoil-as-starmer-refuses-to-restore-whip-to-corbyn

[14] http://www.israelhayom.com/2020/10/23/us-bahrain-to-sign-mou-on-combating-anti-semitism/

[15] https://24news.tv/en/news/international/1603701176-bahrain-backs-ihra-definition-of-anti-semitism-in-memorandum-with-us

[16] https://ep-wgas.eu/ihra-definition/

[17]  https://eurojewcong.org/news/communities-news/united-kingdom/three-more-uk-universities-adopt-ihra-definition-of-antisemitism/; https://www.cam.ac.uk/news/the-university-of-cambridge-has-formally-adopted-the-ihra-definition-of-antisemitism

[18] http://www.jpost.com/diaspora/antisemitism/english-premier-league-adopts-ihra-definition-of-antisemitism-651031

[19] http://www.cbc.ca/news/politics/cotler-envoy-holocaust-remembrance-antisemitism-1.5815646

[20] http://www.tagesspiegel.de/berlin/zwischen-corona-demos-und-juedischem-alltag-natuerlich-hat-berlin-ein-antisemitismus-problem/26177178.html

[21] https://eurojewcong.org/news/communities-news/the-netherlands/the-netherlands-to-establish-national-coordinator-on-combatting-antisemitism/

[xxii] https://heplev.wordpress.com/2020/12/28/die-erklaerung-der-europaeischen-union-zum-kampf-gegen-antisemitismus/

Zwei-Pistolen-Cohen: Aus einem geschickten Drückeberger wurde eine chinesische Legende und Held Israels

„Er war wie eine Figur aus einem Buch. Er war wie etwas, das jemand schrieb.“

Daniel S. Levy, the Librarians, 20. Dezember 2020

Morris „Zwei Pistolen“ Cohen – auf Chinesisch bekannt als „Ma Kun“ – umgeben von Soldaten, Juli 1926. Originalbild aus der Sammlung von Josef L. Rich OBE

„Es stellte sich heraus, dass General Zwei-Pistolen-Cohen keine Scherze machte, als er sagte, er habe bei den Chinesen Einfluss“, erinnerte sich Saul Hayes, Vorsitzende des Canadian Jewish Congress. Er kannte nicht nur die chinesischen Mitglieder, sondern „er besorgte uns die verdammtesten Dokumente. Ich habe nie gefragt wie oder warum.“

Als Hayes eines Tages mit Cohen die Straße entlang ging, trafen sie auf Wellington Koo, den chinesischen Botschafter in den USA, Vizepremier H. H. Kung und Premierminister T.V. Soong.

„Und bei Gott, das erste, was ich sah, war, dass sie den Mann umarmten.“

Es war April 1945, unmittelbar vor der Kapitulation Nazideutschlands und das tausendjährige Reich starb. Vier Dutzend Nationen waren in San Francisco zusammengekommen, um die Vereinten Nationen zu gründen. Großbritannien hatte Palästina beherrscht, seit es nach dem Ersten Weltkrieg seine Verwaltung übernommen hatte und viele Juden waren in Sorge wegen der Zukunft des britischen Mandats für das Gebiet.

T.V. Soong, Leiter der chinesischen Delegation, spricht vor der ersten Plenarsitzung der Konferenz in San Francisco, 26. April 1945 (UNO-Foto/Rosenberg; CC BY-NC-ND 2.0)

Repräsentanten von Gruppen wie die American Jewish Conference und die Jewish Agency of Palestine – zusammen mit prominenten Leitern wie den Rabbinern Stephen Wise und Abba Hillel Silver – schwärmten in die Bay City, um für ihre Sache zu werben.

Jüdische Organisationen machten sich besonders Sorgen, dass Britannien sein Engagement zur Gründung einer jüdischen Heimstatt aufgeben könnte. Sie wollen sicherstellen, dass die UNO die jüdischen Rechte in Palästina gemäß der Balfour-Erklärung von 1917 – die erklärte, dass Britannien „die Gründung einer nationalen Heimstatt für das jüdische Volk in Palästina mit Wohlwollen betrachtet“ – oder das vom Völkerbund 1922 genehmigte Mandat über Palästina nicht mindert oder gar abschafft. Daher hofften sie, dass eine Klausel in die UNO-Charta aufgenommen wird, die die Rechte von Minderheitengruppen wie der in Palästina lebenden Juden schützt.

Sie waren dort allerdings nicht die einzigen Lobbyisten. Eine arabische Delegation hoffte, dass der Rat nur die Rechte der einen größten Gruppe in jedem Treuhandgebiet anerkennen werde. In Palästina bildeten die Araber die Mehrheit.

Die jüdischen Delegierten veranstalteten Planungstreffen und bereiteten sich auf die formellen Sitzungen vor, hatten jedoch Mühe Zugang zu einigen der Delegationen zu bekommen. Eine Gruppe, die die Zionisten nicht kontaktieren konnten, war die chinesische. Dann erinnerte sich Rabbi Israel Goldstein, der Leiter der Zionist Organization of America, daran, dass Morris „Zwei Pistolen“ Cohen sich während des Krieges in Montreal niedergelassen hatte.

Rabbi Israel Goldstein beim Besuch neu gegründeter Siedlungen im Negev 1969. (Foto: Dan Hadani) Aus dem Dan Hadani-Archiv, Pritzker Family National Photography Collection in der Nationalbibliothek Israels.

Goldstein hatte den Abenteurer kurz zuvor getroffen, der auf so unwahrscheinliche Weise zum General der chinesischen Armee geworden war. Der Rabbiner telegrafierte ihm und „drängte ihn nach San Francisco zu fliegen und uns zu helfen mit ihnen bekannt zu werden“.

Cohen kam dem gerne nach.

Cohen, der zwei Jahrzehnte in China verbracht hatte, kannte viele der Führer des Landes und bot an seinen Freunden in der chinesischen Delegation Eliahu Elath, den Leiter der Jewish Agency, und andere vorzustellen.

Die Lobbyarbeit bei allen nationalen Delegierten zahlte sich aus. Palästina blieb Mandatsgebiet und Artikel 80 – Spitzname „Palästinaklausel“ der  UNO-Charta – schützte die Rechte „eines jeden Staates oder eines jeden Volks“ innerhalb des Treuhandgebiets.

Saul Hayes formulierte das später so:

Ich behaupte nicht, wenn wir keinen Erfolg gehabt hätten, würde es keinen Staat Israel geben… Ich sage, es hätte viele Jahre weitere Plackerei gedauert, wenn es jemals in die Treuhandschaftsabteilung gegangen wäre.“

Von Londons East End in die kanadische Prärie

Morris Abraham Cohen war eine Anomalie.

Niemand hätte geahnt, dass ein Mann, der als jugendlicher Straftäter begann, sich so gut herausmachen würde. Am 3. August 1887 in Polen in eine orthodoxe Familie geboren, kam er als junges Kind nach London und wuchs dort im East End auf. Er war mehr eine Art geschickter Drückeberger als ein Jeschiwa-bucher und wurde als Teenager wegen Taschendiebstahls verhaftet. Die Behörden schickten ihn in eine Arbeitsschule für missratene jüdische Kinder.

Karte von Ostlondon, farblich gekennzeichnet mit dem Anteil jüdischer Einwohner, 1900. Schwarz bedeutet, dass der Bereich 95 – 100% jüdisch ist. Aus der Eran Laor Cartographic Collection, Nationalbibliothek Israels.

Wie viele derer, die die Briten loswerden wollten, machte sich Cohen 1905 davon, ins westliche Kanada. Auf einer Farm außerhalb von Whitewood in Sasketchewan baute er Feldfrüchte an, kümmerte sich um die Tiere und half bei den Hausarbeiten. Und als jemand, der eines Tages als „Zwei Pistolen“ bekannt werden sollte, lernte er auch, wie man mit einer Pistole umgeht. Aber ein Jahr auf dem Land zu arbeiten reichte Cohen und er begann von Moose Jaw (Saketchewan) nach Winnipeg (Manitoba) zu wandern.

Er war Ansager in einem Reisezirkus, hausierte mit fragwürdigen Waren und schlug sich als Falschspieler durch. Es überrascht nicht, dass er regelmäßig verhaftet und für alles von Glücksspiel und Taschendiebstahl bis zu Geschlechtsverkehr mit einer unter 16-jährigen, deren Zuhälter er war, inhaftiert wurde.

Robsart (Sasketchwan) ca. 1915 (Foto: John Asplund)

Ein chinesische Legende

Hätte es nicht einen Zufall gegeben, wäre Cohen von der Geschichte ignoriert worden. Cohen war ein dicker Mann, der chinesisches Essen fast so sehr genoss wie eine zwielichtige Kartenhand. Eines Abends betrat er ein chinesisches Restaurant in Saskatoon (Sasketchewan), in dem spät abends Glückspiel stattfand. Dort stolperte er mitten in einen bewaffneten Raubüberfall.

„Es war ein Raubüberfall“, erinnerte er sich später, „aber ich war nicht bewaffnet und ich musste vorsichtig sein. Ich näherte mich ihm, bis ich zu nahe stand, als dass er seine Stange benutzen konnte und schlug ihm aufs Kinn. Der Typ war ausgezählt.“

So etwas hatte man noch nie gehört. Wenige Weiße kamen im Kanada des frühen 20. Jahrhunderts einem Chinesen zu Hilfe. Als Jude hatte Cohen jedoch ein Gefühl der Verbundenheit zu dem chinesischen Underdog. Er wusste, wie es war ein Außenseiter zu sein, jemand, den die Gesellschaft mied.

Cohens selbstlose Tat brachte ihm sofort den Respekt der chinesischen Gemeinschaft ein. Seine neuen chinesischen Freunde sahen ihn mit Geld wetten und baten ihn bald sich der Tongmenghui anzuschließen, der politischen Organisation des Revolutionsführers Dr. Sun Yat-sen, die sich ein paar Jahre später in die Guomindang entwickelte. Cohen wurde ein treues Mitglied, lernte Suns Lehren, nahm regelmäßig an Haustreffen teil, begann bei einigen der Versammlungen zu reden und spendete großzügig aus seinem Glückspiel-Verdienst an verschiedene Fonds.

Mitglieder der Guomindang (Chinesische Nationale Liga) und geladene Gäste 1918. Aus dem Galt Museum an dArchives, Lethbridge (Alberta) in Kanada.

Doch selbst mit seinem politischen Erwachen trieb Cohen weiter dahin. Er verbrachte Zeit im Gefängnis in Prince Albert (Sasketchewan) und verpasste Dr. Suns Spendensammel-Besuch in Kanada. Cohen wanderte nach Edmonton (Alberta), verdiente Geld mit Immobilien und kümmerte sich als Sprecher der örtlichen Auslandsgemeinschaft um die Bedürfnisse der Chinesen.

Erster Weltkrieg und dann nach China

Als die ruhmeichten Tage der Immobilienblase kurz vor dem Ersten Weltkrieg platzte, machte Cohen, was viele neu arbeitslose Männer machte – er verpflichtete sich beim Militär.

In Belgien bauten er und seine Kameraden im 8. Bataillon der Kanadischen Eisenbahntruppen Gleise, mit denen Soldalten und Nachschub an die Front geschickt wurden und er hatte die Aufsicht über einige der Chinesischen Arbeitskorps. Dort erlebte er in der Schlacht von Passchendaele schmerzhaft eine der schlimmsten Schlachten des Krieges.

Sergeant in Stellvertretung Morris Cohen (Mitte) ca. 1916. Au sder Sammlung von Victor D. Cooper

Nach dem Waffenstillstand engagierte sich Cohen stark in der Great War Veterans Association in Edmonton und agierte als politischer Vertreter seiner chinesischen Brüder.

Das Leben war allerdings nach dem Krieg nicht mehr dasselbe. Der kanadische Immobilienmarkt hatte sich nicht erholt. Cohen fühlte sich verunsichert und wollte sich verändern. 1922 machte er sich daher nach Schanghai auf.

Einmal dort nutzte er seine Guomindang-Verbindungen und seine polierten Methoden als Verkäufer, um sich ein Einstellungsgespräch bei Dr. Sun und einen Job als Personenschützer für den Führer und seine Frau Soong Qingling zu verschaffen.

Als Adjutant Suns wurde Cohen schnell einer der Hauptschützer des Führers und lebte in Suns Militärgelände, als der chinesische Führer nach Kanton zurückkehrte.

Cohens Visitenkarte, frühe 1920-er Jahre (Public Record Office, Kew)

Währen dieser Zeit in den 1920-er Jahren hatten Warlords das Land aufgeteilt. Während Sun Yat-sen in ganz China bekannt und respektiert war, kontrollierte er wenig und versuchte verzweifelt seine Position im Süden Chinas zu konsolidieren. Er war ein Träumer, der glaubte, er könne die Nation erobern und eine demokratische Gesellschaft etablieren. In bescheidenem Umfang versuchte Cohen seinem Boss bei der Verwirklichung dieses Traums zu unterstützen. Er half die anderen Personenschützer zu beaufsichtigen, bildete die Männer im Boxen aus, lehrte sie schießen  und das alles, während er Anschläge auf Suns Leben vereitelte.

Cohen in weißem Anzug bei der Einweihung der Militärakademie Whampoa (Auf der Bühne von links: Lioao Zhongkai, Chian Kei-Schek, Sun Yat-sen, Soong Qingling), Juni 1924. Aus der Sammlung von Josef L. Rich

General Zwei Pistolen

Während eines Anschlags auf Sun verletzte ein Kugel Cohen am Arm. Die Verletzung ließ Cohen innehalten:

„Die Kugel traf mich am linken Arm und brachte mich ins Nachdenken. Angenommen, es wäre mein rechter Arm gewesen und ich trage meine Waffe auf dieser Seite, wäre ich nicht in der Lage gewesen sie zu benutzen. Sobald wir zurück in Kanton waren, besorgte ich mir eine zweite Waffe, einen weiteren Smith and Wesson-Revolver, und steckte ihn griffbereit für meine linke Hand ein. Ich übte ihn zu ziehen und stellte fest, dass ich recht beidhändig war – die eine Waffe kam genauso schnell heraus wie die andere.“

Seine modischen Accessoires für zwei Pistolen zogen di Aufmerksamkeit der westlichen Gemeinschaft auf sich, die bereits von diesem jüdischen Engländer fasziniert war, der mit den Chinesen herumtollte. Sie begannen ihn „Zwei Pistolen“-Cohen zu nennen. Ein Spitzname war geboren.

Leider starb Sun 1925 ohne seinen Traum der Einigung Chinas verwirklicht  zu haben. Cohen arbeitete dann für eine Reihe Führer in Kanton und Schanghai, von Sun Yat-sens Sohn, dem Politiker Sun Fo, bis zu Sun Yat-sens Schwager T.V.Soong. Er schloss sich auch verschiedenen südchinesische Warlords an.

Cohenmit den Soldaten, Juli 1926. Au sder Sammlung von Josef L. Rich OBE

Einer von Cohens Hauptjobs für seine Bosse war der Kauf von Waffen. Er war überall, besuchte Nordamerika, Südamerika, Südafrika und Südostasien, kaufte von England Lewis-Gewehre, von Deutschland Mausers, Zephy-Maschinengewehr von der Tschechoslowakei und in Hongkong Kanonenboote.

1935 wurde er zum Generalmajor beförderte und war bis dahin zu einem festen Bestandteil des Nachtlebens von Schanghai und Hongkong geworden, veranstaltete Bankette und verschwendete einen Großteil seines Einkommens.

„Seine Eltern glaubten, er sei der währe Präsident des Landes.“ Dieses  Zitat und Foto von Cohen erschien in einer Dokumentation über ihn, die im B’nai B‘rith Messenger vom 6. Mai 1932 veröffentlicht wurde. Verfügbar über die NLI Digital Collection

Salonlöwe und Spion

Cohen verbrachte auch Zeit im Hong Kong Jewish Club, wo er die Zeit mit Freunden beim Pokern verbrachte und Kindern Zaubertricks zeigte. Die New Yorker-Autorin Emily Hahn hatte sich mit Cohen angefreundet und erinnerte sich besonders daran:

„Er war wie eine Figur aus einem Buch. Er war wie etwas, das jemand schrieb.“

Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs war Cohen in Waffenkäufe und Beobachtungsarbeit zur Bekämpfung der eindringenden japanischen Armee involviert und arbeitete für die Special Operations Executive des britischen Geheimdienstes.

Als der Krieg sich in Europa ausbreitete, strömten jüdische Flüchtlinge nach Schanghai, einem der wenigen Orte, die kein Einreisevisum verlangten. Weil die Japaner das umgebende Territorium kontrollierten, war die internationale Siedlung der Stadt zu einer Flüchtlingsgemeinde geworden und die japanischen Streitkräfte warteten unruhig darauf dort einzumarschieren.

Deutsche, österreichische und polnische Juden überfluteten die Stadt. Im Februar 1939 kamen 2.500 neue jüdische Flüchtlinge in Schanghai an. Bis Ende des Jahres war ihre Zahl auf 17.000 angestiegen. Die meisten benötigten Hilfe. Schanghais bescheidene jüdische Hilfsorganisationen konnten den Zustrom so vieler Menschen nicht versorgen und das US-Außenministerium wollte die abfertigen, die in die USA unterwegs waren.

Eine in Schanghai gedruckte und verwendete Haggadah, 1943. Aus der Sammlung der Nationalbibliothek Israels

In der Hoffnung die Abläufe zu glätten, setzte das Außenministerium das American Jewish Joint Distribution Committee unter Druck zur Entlastung Geld zu schicken. Das J.D.C. schickte auch die amerikanische Sozialarbeiterin Laura Margolis, um die Hilfsmaßnahmen zu untersuchen und neu zu organisieren.

Margolis landete im Mai 1941 in Hongkong. Sie verbrachte eine Woche in der Kolonie, während sie versuchte auf einem niederländischen Schiff nach Norden einen Platz zu bekommen. Weil sie Zeit hatte, besuchte sie die Büros der Fast East Rice Bowl Dinner Campaign.

„Als ich zurück ins Hotel kam, fand ich eine Einladung zum Abendessen vor – im Haus von Frau Sun Yat-sen. Ich sollte am Abend von einem General Cohen abgeholt werden“, sagte sie zu den unerwarteten Vorbereitungen. „Er sammelte mich auf und wir kamen in ihrem Haus zum Abendessen an. Es war ein entzückender Abend mit Ausländern und Chinesen.“

Margolis sollte Soong und Cohen öfter sehen:

„General Cohen und ich wurden sehr gute Freunde. Er nahm mich überall hin mit und wurde meine Eskorte für Hongkong.“

Genauso führte Cohen Ernest Hemingway und seine Frau, die Korrespondentin Martha Gellhorn, herum, als sie nach China kamen, um über den heftiger werdenden Krieg zu berichten.

Martha Gellhorn und Ernest Hemingway in Chongqing, China, 1941. Aus der Ernest Hemingway Photograph Collection, John F. Kennedy Presidential Library and Museum in Boston

Cohen war im Dezember 1941 in Hongkong, als die Japaner angriffen und eskortierte Madame Soong zusammen mit ihrer Schwester Ailing – der Frau von H.H. Kung – in eines der letzten Flugzeuge, die die Kolonie verließen.

„Ich brachte die beiden Schwestern aufs Festland und verabschiedete mich von ihnen“, sagte Cohen über diesen langen Abend.

„Es war ein ziemlich betrüblicher Abschied. Wir alle wussten, dass es wahrscheinlich unser letzter war. Diesmal war ich absolut sprachlos. Ich konnte schlicht nichts sagen. Wir gaben uns die Hand und ich platzte einfach heraus: ‚Wir werden jedenfalls bis zum bitteren Ende kämpfen.‘“

Madame Soong hielt auf der Flugzeugtreppe an und starrte auf ihn hinunter. „Wir werden auch kämpfen, Morris“, sagte sie zu ihm, „aber nicht bis zum bitteren Ende. Wenn das Ende kommt, wird es süß sein.“

Cohen mit Soong Qingling, 1950-er Jahre. Aus der Sammlung von Victor D. Cooper

Die Japaner nahem die Stadt rasch ein und internierten tausende in Gefangenenlager. Cohen wurde ins Stanley-Gefängislager auf einer Landenge am Südende der Insel gesteckt. Dort wurde er von seinen Wärtern schlimm geprügelt und er verbrachte seine Zeit damit sich unauffällig zu verhalten.

Falscher Bericht über Cohens Ende, veröffentlich im The Sentinel, 19. März 1942. Verfügbar in der Digital Collection der Nationalbiliothek Israels: Japan hat General Ma Ma – Zwei-Pistolen-Cohen gefangen genommen und erschossen. Bericht erklärte, dass sie  ihn mit anderen chinesischen Soldaten aufstellten und ihnen ein Ende bereiteten…

 

Zwischen Kanada und China

Cohen war kanadischer Staatsbürger und Ende 1943 wurde er Teil eines Gefangenenaustauschs der Japanern mit den Alliierten. Er kam im Dezember in Montreal an. Im folgenden Sommer heiratete er Judith Clark – die Inhaberin eines Geschäfts für hochwertige Kleidung – im Tempel Emanu-El.

Morris und Judith Cohen am ihrem Hochzeitstag, 18. Juni 1944. Aus der Sammlung von Josef L. Rich OBE

Damit endete Cohens aktive chinesische Karriere, aber es war auch der Beginn seiner Mythenbildung, weil er seine Position in China aufbauschte und verzweifelt versuchte seine Position im Land wiederherzustellen.

Das war schwierig.

Mao Tse-tung und Chiang Kai-schek kämpften um die Seele Chinas und es gab für Cohen keinen Platz in dem neuen politischen Topf. Trotzdem garantierten seine Zeit mit Sun und die Verehrung für den Namen des Führers, dass man sich an ihn immer als loyalen Assistenten des Vaters des modernen China erinnerte.

Cohen und Chiang Kai-schek 1950. Aus der Sammlung von Victor D.Cooper

Cohens Verbindung zu Sun gab ihm zudem einen seltenen, wenn auch begrenzten Zugang zu beiden Lagern.

Er verbrachte jedes Jahr mehr als vier Monate in China, in denen er sich zumeist in Schanghai und Hongkong aufhielt, alte Freunde besuchte und mit jedem sprach, der seinen Geschichten zuzuhören bereit war.

Es gab viele Geschichten.

Das Buch „Two Gun Cohen“ half die Mathen um Cohens Leben und Heldentaten zu pflegen. Aus der Sammlung der Nationalbibliothek Israels

Zionistischer und jüdischer Aktivismus

Neben seiner Arbeit für die Zionisten bei der UNO-Konferenz in San Francisco 1945, half Cohen einer zionistischen Gruppe aus Schanghai Pläne auszuarbeiten, um britische Standorte zu bombardieren, sollten die Briten nicht aus Palästina abziehen und Ende der 1940-er Jahre half er einer Reihe jüdischer Schanghaier ihre Freiheit zu gewinnen, nachdem sie von schwer kontrollierbaren chinesischen Truppen entführt worden waren.

1947 bestätigten die Vereinten Nationen die Gründung eines jüdischen Staates in Palästina.

Die Araber waren gegen den Plan und zwischen den Arabern und den Juden brachen weitere Kämpfe aus. Aus Angst, dass die umgebenden arabischen Staaten angreifen würden, sobald die Briten 1948 abzogen, kauften viele kanadische Juden Gewehre, Maschinengewehre, Mörser, Flugzeuge und anderes Überschuss-Material [aus dem Zweiten Weltkrieg] zur Lieferung ins jüdische Palästina

Sie packten die Frachtkisten mit der Aufschrift „Maschinenteile“ und schickten sie über Fassendorganisationen in den Nahen Osten.

Sydney Shulemson, der am höchsten ausgezeichnete kanadische Jude, der im Zweiten Weltkrieg kämpfte, arbeitete aktiv, um Soldaten und Waffen für Palästina zusammenzutrommeln. Im November hörte er, dass China Kanada 200 Bomber vom Typ De Havilland Mosquito abgekauft hatte. Der legendäre Sperrholz- und Balsa-„Mozzie“ hat einen robusten Rumpf und Rolls Royce-Motoren, die ic nso schnell und wendig machten, dass das Flugzeug sich bei seinen Einsätzen gegen Schiffe und fliegende Bomben (V1) auszeichnete.

De Havilland Mosquitos

Shulemson gibt an:

„Die kanadische Regierung hatte am Ende des Zweiten Weltkriegs eine große Anzahl davon… Ich erinnere mich gelesen zu  haben, dass alle testgeflogen, aufgearbeitet und dann auseinandergenommen, in Kisten gepackt und nach China geschickt worden waren. Mir fiel ein, dass ich nie gehört hatte, dass China sie jemals einsetzte. Ich fragte mich, ob es möglich sein könnte sie für Israel zu erwerben. Das wäre die gesamte Luftwaffe gewesen.“

Shulemson traf sich mit Cohen, der den chinesischen Botschafter in Ottawa anrief. Als Cohen auflegte, fragte er Shulemson: „Mögen Sie chinesisches Essen?“ Shulemson bestätigte und Cohen sagte ihm daraufhin: „Nun, wir essen morgen mit den chinesischen Botschafter in Ottawa zu Mittag.“

Trotz ihrer Bemühungen wurde aus dem Flugzeugdeal nichts. Die chinesische Regierung war zu korrupt um sich darum zu kümmern.

„Irgendwann sagte General Cohen mir, ich solle das nicht weiter verfolgen. Die Flugzeuge wurden nie ausgepackt, aber sie konnten nicht verkauft werden. Offenbar waren die Leute, die den Tausch arrangierten, mehr daran interessiert chinesische Währung in kanadische zu tauschen.“

Zurück nach England

Leider forderten Cohens lange Abwesenheiten von Montreal einen Tribut in seiner Ehe mit Judith. Als er 1956 geschieden wurde, war er schon zu einer seiner Schwestern in Manchester gezogen.

Cohen in Manchester (England) 1966. Aus der Sammlung der Familie Cohen

Cohens letzter Besuch in China fand 1966 als Gast von Premierminister Zhou En-lai zum 100. Jahrestag der Geburt von Dr. Sun statt.

Seine Kämpfe endeten schließlich an einem Herbsttag 1970. Der Mann, der zu seinen Lebzeigen oft als getötet gemeldet wurde, starb friedlich in England, umgeben von zwei seiner Schwestern, aber weit entfernt von seiner angenommenen Heimat und seinen chinesischen Kameraden. Verwandte, Bekannte und die Presse nahmen am nächsten Tag an der jüdischen Beerdigung teil.

Die Beerdigung war einer der wenigen öffentlichen Anlässe, bei denen offizielle Vertreter der kommunistischen Chinesen und der nationalistischen Taiwanesen gemeinsam in der Öffentlichkeit auftraten.

Selbst wenn diese Landsleute es ablehnten die Existenz des jeweils anderen zu akzeptieren: Als sie Seite an Seite an Cohens Grab standen, konnten seine alten Verbündeten ihren westlichen Bruder nie ignorieren.

Auch Dr. Suns Frau, Soong Qingling, konnte Cohen nicht vergessen. Als sie von seiner Familie kontaktiert wurde, schickte sie eine chinesische Inschrift, die neben der englischen und der hebräischen Schriftauf seinem Grabstein aus schwarzem Granit eingraviert wurde. Eine letzte Anerkennung für ihren treuen Beschützer und Freund.

Morris „Zwei Pistolen“ Cohens Grabstein, Manchester, England (Foto: Daniel S. Levy)