Foto: Schabbat Schalom

Sharon A., The Real Jerusalem Streets, 5. Januar 2018

Der Winter ist da.

Jerusalem in Israel erlebt letzte Nacht
Regengüsse und windiges, stürmisches Wetter.

Während es in Teilen Nordamerikas kälter ist und dort Schnee liegt,
scheint in Jerusalem heute Morgen die Sonne.

Ich hoffe, dieser Wind bläst mich nicht davon.
aber wir sidn auf dem Weg mit Freunden aus Australien zu feiern.

Wünsche allen einen warmen und gesunden und erholsamen Schabbat.

שבת שלום

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Zu Bushs Rede vom 24. Mai 2002 (2): Bush belohnt Terrorismus

Daniel Pipes, National Post, 25. Juni 2002

US-Präsident George W. Bush war seit dem 11. September unerbittlich darin den Terrorismus aufhalten zu wollen, unternahm aber in seiner gestrigen Rede feste Schritte in die entgegengesetzte Richtung.

Er hätte den Palästinensern klar und deutlich sagen sollen, dass ihre 21-monatige Kampagne der Gewalt gegen Israel unakzeptabel ist und beendet werden muss, bevor jegliche Diskussion um Belohnungen begonnen werden kann. Stattdessen legte der Präsident seine Vision eines „provisorischen“ palästinensischen Staates dar und verlangte ein Ende dessen, was er „israelische Siedlungsaktivitäten in den besetzten Gebieten“ nannte. Beide sind große Gewinne für die Palästinenser; als solche stellen sie Belohnungen für Selbstmord-Bombardierungen, Heckenschützen-Anschläge und andere Formen des Terrorismus dar.

Das schädigt nicht nur den vom Präsidenten erklärten Krieg gegen den Terrorismus erheblich, dadurch erhalten die Palästinenser auch ein Signal, dass sie weitere Belohnungen bei mehr Gewalt erwarten dürfen. Es stimmt, dass in seiner Darstellung viel Richtiges über den Wert örtlicher Wahlen in der Rede enthalten war, über unabhängige Rechnungsprüfung und Marktwirtschaft, aber die einzige Botschaft, die hängen bleiben wird, ist eine gröbere: Terrorismus macht sich bezahlt.

Bushs Darstellung der erhofften Maßnahmen enthielt dann eine große Zahl von Fehlern bezüglich der Einzelheiten des palästinensisch-israelischen Konflikts. Dazu gehörten u.a.:

– Falschdeutung der palästinensischen Meinung: Bush erklärt, dass nur eine kleine Minderheit der Palästinenser die Mittel oder Ansichten der Terroristen teilen. „Der Hass einiger Weniger hält die Hoffnung vieler als Geisel.“ Das ist aber falsch; fast jede Meinungsumfrage, politische Rede, Predigt in einer Moschee und andere Hinweise deuten darauf hin, dass eine bedeutende Mehrheit der Palästinenser die Gewaltkampagne gegen Israel enthusiastisch unterstützt. Das hat die bedenkliche Konsequenz, dass die Praktizierung von Demokratie, zu der der Präsident aufruft, ironischerweise zu einer aggressiveren Politik gegenüber Israel führen würde.

– Moralische Gleichstellung: Bush impliziert eine grundsätzliche Gleichheit zwischen der Notlage der Israelis, die unter dem Terrorismus leiden, und den Palästinensern, die ihn ausüben. „Es ist unhaltbar, dass die Palästinenser in Verwahrlosung und unter Besatzung leben.“ Um den Fehler dieser Darstellung zu erkennen, wandeln Sie sie ab in „Es ist unhaltbar, dass amerikanische Bürger unter Terror leben. Es ist unhaltbar, dass Afghanen in Verwahrlosung und unter Besatzung leben.“

– Opfer-Darstellung: Palästinenser sind „wie Bauern im Schachspiel behandelt worden“, sagt US-Präsident Bush. Das stimmt so nicht: Seit 1967 haben die Palästinenser eine zunehmend autonome und mächtige Stimme bei der Entscheidung über sie betreffende Dinge. Besonders seit der Schaffung der Autonomiebehörde 1994 haben sie die Kontrolle ihres Schicksals selbst in der Hand. Sie als Opfer darzustellen deutet an, sie würden sich anders verhalten, wenn sie erst einen formell anerkannten Staat haben. Die Wahrheit ist, dass alle Zeichen auf die Fortsetzung der gegenwärtigen Politik hindeuten.

– Gutes Regieren als Schlüssel: „Echte Reform benötigt neue politische und wirtschaftliche Institutionen, die auf Demokratie, Marktwirtschaft und Bekämpfung des Terrorismus gründen.“ Dies ist ein rührender, aber naiver Glaube an die Wunder anständiger Regierungsinstitutionen. Sicher sind autonome örtliche Führer, Wahlen mit vielen Parteien und ehrliche Politiker alle gut, aber wie sollten sie zu einer Reduzierung der Feindseligkeiten führen? Diese Sichtweise dreht die Dinge um: Demokratie, Marktwirtschaft und Bekämpfung des Terrorismus werden einem grundsätzlicheren Wechsel nur folgen [nicht ihm voraus gehen], genauer gesagt: einer Bereitschaft der Palästinenser die Existenz Israels zu akzeptieren. Ein palästinensischer Staat, der weiterhin die Zerstörung des jüdischen Staates verfolgt, kann aus seiner Natur heraus nicht demokratisch sein.

– Überbetonung des Terrorismus: „Es gibt schlichtweg keinen Weg, einen [palästinensisch-israelischen] Frieden zu erreichen, bis alle Seiten den Terror bekämpfen.“ Der palästinensische Terrorismus hat fürchterliche Tragödien angerichtet, aber er ist nicht der Kern des Problems. Terrorismus ist immerhin nicht mehr als eine Taktik im Dienste eines Kriegsziels. Das Kriegsziel – die Zerstörung Israels – ist des Pudels Kern. Es ist z.B. gut möglich, sich einen zukünftigen palästinensischen Staat vorzustellen, der dem Terrorismus entsagt und statt dessen konventionelle Streitkräfte mit Flugzeugen, Panzern und Schiffen aufbaut, mit dem Israel angegriffen und zerstört wird. Unter diesem Gesichtspunkt ist es bemerkenswert, dass Bush die PA nicht aufrief ihre bewaffneten Einheiten zu verkleinern.

Ein Haus kann nicht aufgrund eines Bauplans errichtet werden, in dem das Gelände, die Größe und Form des Grundstücks und das Baumaterial falsch sind. Genauso kann ein politisches Programm nicht funktionieren, wenn es sich auf Fehleinschätzungen gründet.

Indem Bush mit seiner Rede Terrorismus belohnt, wirft er die derzeitigen Bemühungen zurück, weil er den palästinensisch-israelischen Konflikt falsch deutet. Die Inhalter der Rerde erweisen sich zur ernsthaften Konfliktlösung als nicht funktionierend. Insgesamt stellt die Rede eine Enttäuschung und eine verpasste Gelegenheit dar.

Warum sorge ich mich nicht um die Palästinenser?

John Derbyshire, 9. Mai 2002

Bei diesem Artikel handelt es sich um eine provozierende Stellungnahme, die nicht geteilt werden muss (die ich so auch nicht teile), die aber in ihrer Offenherzigkeit und Ehrlichkeit sicher einige sehr bedenkenswerte Punkte aufzählt, die man sich zu Herzen nehmen sollte.

 

Warum sorge ich mich nicht um die Palästinenser? Es ist natürlich falsch von mir, mich nicht zu kümmern. Es kann nicht gerade lustig sein, ein Palästinenser zu sein. Ihr oder eure Eltern oder eure Großeltern liefen im Krieg von 1948 um ihr Leben. Ihr – und/oder sie, daneben eine Generationen von Onkeln, Tanten, Geschwistern und Cousins – seid seitdem in verwahrlosten Flüchtlingslagern zusammengedrängt worden und lebt von Gaben der UNRWA. Es gibt keine Wirtschaft, die es wert ist, an ihr teilzuhaben. Eure Führer gewannen für euch in Oslo eine Art von stückweiser, halbherziger Autonomie, aber die funktionierte nicht, ihr wisst nicht genau, wieso. Nichts wurde wirklich besser und die Israelis haben sowieso alles zerschlagen. Die anderen Araber hassen euch (eine wenig bekannte Tatsache des politischen Lebens des Nahen Ostens, die aber von meinem Kollegen David Pryce-Jones bestätigt wurde, der die Araber besser kennt als jeder andere). Die Lage sieht schlecht aus und ihr seid in Verzweiflung versunken. Sollte ich mich nicht um euch sorgen?

Sicher, persönlich sympathisiere ich in diesem Konflikt mit Israel. Das ist mein Recht als frei denkender Mensch. Ich bin aber doch ein Christ, nicht wahr? Sollte ich nicht etwas christliches Erbarmen für die armen, leidenden Palästinenser haben? Fragen Sie nicht, wem die Stunde schlägt usw., usw.

Nun, ich denke, ich sollte das haben, aber um ehrlich zu sein: Ich habe das nicht. Warum nicht? Warum mache ich mir keine Sorgen um die Palästinenser? Die Antwort ist KEINE der folgenden:

* Ich dusche gerne mit Juden.
* Palästinenser haben dunkle Haut und ich bin Rassist.
* Mein ursprünglicher Name war Derbstein.
* Mein britisches Blut kocht vor Scham wegen des verlorenen Empire.
* Ich bin ihr Lakai oder versuche mich bei den Juden einzuschmeicheln, die die US-Medien beherrschen.
* Ich bin ein grausamer, hartherziger Frömmler.

Die Antwort ist auch nicht gerade Mitleidsmüdigkeit. Das kommt der Wahrheit aber recht nahe. Ich bin mir eines gewissen Anteils an Mitleidsmüdigkeit in Bezug auf die Welt als Ganzes bewusst und das überträgt sich auf die palästinensische Sache.

Neulich hatte ich die deprimierende Erfahrung, nacheinander Stephen Kotkins wunderbar betiteltes „Mülleimerstan“ in der New Republic vom 15. April und dann Helen Epsteins „Mosambik: Auf der Suche nach der versteckten Ursache von AIDS“ in der New York Review of Books am 9. Mai zu lesen. Der erste Artikel war ein langer, verschachtelter Überblick über sechs Bücher zu den Schicksalen verschiedener Teilstücke der ehemaligen UdSSR in den Jahren seit diese zerfiel. Der zweite versucht zu entdecken, warum eine verschlafene, ländliche Region in Mosambik, die von einem freundlichen Völkchen bewohnt wird, das traditionell lebt, eine so hohe Rate an AIDS-Fällen hat.

Kotkins Überblick über die ehemaligen sowjetischen Kolonien – die Ukraine, Moldawien, die zentralasiatischen und kaukasischen Republiken usw. – ist haarsträubend. Grundsätzliche Merkmale der Landschaft dort sind schlimmster wirtschaftlicher Zusammenbruch, „bandenartige Gewalt unter den Staatsministern“, steigender Islam-Faschismus und die Flucht großer Teile der Bevölkerung. (Ein Drittel der arbeitsfähigen Bevölkerung von Moldawien ist geflohen. Ich habe gerade einen anderen Bericht über dieses unglückliche Land gelesen. Ein beispielhaftes Zitat: „Experten schätzen, dass seit dem Zerfall der Sowjetunion zwischen 200.000 und 400.000 Frauen in die Prostitution verkauft worden sind – vielleicht bis zu zehn Prozent der Bevölkerung.“) Kotkin schreibt wunderbar über diese entsetzliche Lage, die sich über die gesamten südlichen und westlichen Sümpfe der alte UdSSR erstreckt und beleuchtet seinen Bericht mit bemerkenswerten Einzeilern wie: „Die Ukraine hat ihren Staat bekommen und isst ihn auch auf.“

Helen Epsteins Stück über Mosambik erzählt von genauso schlimmen Zuständen. Das grundlegende Problem, entdeckte sie, ist dieses: „Diese Menschen sind so arm…, dass Sex Teil ihrer Wirtschaft geworden ist. In einigen Fällen ist er praktisch die einzige Währung, über die sie verfügen.“ Die Männer sind Monate lang weg um in den südafrikanischen Minen zu arbeiten – wo sie sich, natürlich, mit Prostituierten trösten. Die zurückgelassenen Frauen überleben so gut es geht – oft, indem sie die Geliebte eines der wenigen Männer vor Ort werden, die sich das leisten können. Warum sind sie alle so arm? Weil Mosambik von Korruption, Stammeskriegen und dummer Wirtschaftspolitik zugrundegerichtet worden ist.

Was für eine Welt! Man kann nur eine bestimmte Menge dieses Zeugs lesen, bevor man sich abzuwenden beginnt. Was in aller Welt kann jemand deswegen zu unternehmen hoffen? All die einfachen Erklärungen für die Schrecken, die einen großen Teil unseres Planeten beflecken, sind verbraucht worden. Wir wissen jetzt, dass es weder der Fehler der Kolonisation ist, noch des Neokolonialismus oder des Kapitalismus oder des Sozialismus. Es liegt einfach daran, wie diese Orte sind. Sie können mit der Moderne aus irgendeinem kulturellen Grund nicht umgehen, den wir nicht verstehen und mit dem wir nicht umgehen können.

Das ist der Zusammenhang, in dem ich die Palästinenser sehe. Die Palästinenser sind Araber und die Araber, was auch immer sie an mittelalterlichen Leistungen vollbracht haben (soweit ich das beurteilen kann, bestanden diese Errungenschaften hauptsächlich aus einem Weitergeben – „arabische“ Ziffern z.B. kommen aus Indien), sind politisch hoffnungslose Fälle. Wer kann das widerlegen? Schauen Sie sich die letzten gut 50 Jahre an, seit die Kolonialmächte abzogen. Was haben die Araber erreicht? Was haben sie aufgebaut? Wo in der arabischen Welt gibt es die Spur oder einen Funken von Demokratie? Von einer Verfassung? Von Gesetzen, die unabhängig von den Launen des Herrschers sind? Frei von Nachforschungen? Von öffentlicher Diskussion? Wo in unserem Haushalt gibt es einen Gegenstand, auf dem „Made in Syria“ steht? Araber können individuell sehr charmant und fähig sein und in freien Gesellschaften wie den USA gute Leistungen bringen. Es gibt mindestens zwei Nobelpreise der jüngeren Vergangenheit, die mit arabischen Namen verbunden sind. Kollektiv aber, als Nationen, sind die Araber ohne Hoffnung.

All das trifft auf die Palästinenser zu. Ich habe einige meiner prägenden Jahre in Hong Kong verbracht – einem öden Felsen mit Null natürlichen Ressourcen, unter fremder Besatzung, bis an den Rand gefüllt mit Flüchtlingen vor der Mao-Tyrannei. Die Menschen dort logierten nicht in UNRWA-Lagern oder machten Selbstmord-Abstecher zur Villa des Gouverneurs. Sie handelten, bauten, spekulierten, stellten Dinge her, arbeiteten – mit dem Ergebnis, dass Hong Kong heute eine glitzernde, moderne Stadt ist, gefüllt mit gut angezogenen, gut ausgebildeten, gut genährten Menschen, die stolz auf das sind, was sie gemeinsam erreicht haben und mit einem höheren Lebensstandard als die Briten ihn haben. Wenn, nach den Oslo-Vereinbarungen – oder auch in den 20 Jahren der jordanischen Besatzung – die Palästinenser diesen Weg eingeschlagen hätten, ihre Fantasien von Rache und Massaker beiseitegeschoben hätten und sich statt dessen auf den Aufbau von etwas konzentriert hätten, das es Wert ist, es zu haben, dann könnte ich Respekt vor ihnen haben. So, wie es ist, habe ich den nicht.

Das einzig halbwegs Sympathische, das ich über die Palästinensern sagen kann, ist, dass die UNRWA mit Sicherheit ein Teil des Problems gewesen ist. Wenn man auf die Internetseite der UNRWA geht, wird man erkennen, wie stolz sie sind, die palästinensischen Flüchtlinge seit 1948 mit Lebensmitteln versorgt, sie eingekleidet, ihnen ein Dach über dem Kopf, sie ausgebildet und versorgt zu haben… dann ihre Kinder… und ihre Enkelkinder. Die Zahl der Menschen, für die die UNRWA sorgt, ist von 600.000 im Jahre 1948 auf heute fast 4 Millionen angestiegen. Wie ich das verstehe, ist der Hauptimpuls einer Bürokratie und besonders einer Wohlfahrts-Bürokratie die Konsolidierung und Ausdehnung ihres Geltungsbereichs sowie eine ständiger Anstieg der Zahl ihrer „Kunden“; aber das ist unsinnig. Die guten Menschen von Hong Kong sollten jeden Abend auf Knien ihrem Gott danken, dass es in der Kolonie 1949 keine UNRWA gab. Da fällt mir ein: Dasselbe sollten die deutschen und osteuropäischen Flüchtlinge tun, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Westeuropa strömten. (Ich habe irgendwo die Zahl von 14 Millionen gesehen – die Sudetendeutschen allein waren 3 Millionen. Wo sind die Geschwüre, die man Lager nennt? Wo sind die Selbstmord-Bomber?)

Auch wenn ihr Leben nicht durch die Versorgung einer riesigen Wohlfahrts-Bürokratie vergiftet worden wäre, bezweifle ich, dass die Palästinenser sich zusammengerissen hätten. Keiner der Araber hat das gemacht. Wo immer man sich in der arabischen Welt umsieht, findet man Elend, Despotismus, Grausamkeit und Hoffnungslosigkeit. Politisch ist das Beste, das ihnen gelungen ist, die Art lateinamerikanischer Ein-Parteien-Kleptokratie in Ägypten und Jordanien. Das sind die Spitzen der politischen Erfolge der Araber in ihrer Unabhängigkeit, unter Regierung des eigenen Volks. Die Norm ist schlichtweg Gangstertum mit Banditen wie Assad, Gaddafi oder Saddam am Ruder. Es scheint nichts mit der Religion zu tun zu haben: die säkularen Staaten (Irak, Syrien) sind genauso schrecklich wie die religiösen wie Saudi Arabien. Für diese Leute gibt es keine Hoffnung. Wir sollen alle die Idee eines palästinensischen Staates unterstützen. Warum? Wir wissen ganz genau, wie das aussehen würde. Warum sollten wir uns einen weiteren Banditen-Willkürstaat wünschen, der der arabischen Sammlung der Beschämungen hinzu gefügt wird und sich damit beschäftigt Terroristen herzustellen, die hierher kommen und Amerikaner in ihren Büros abschlachten? Ich will keinen Palästinenserstaat haben. Ich denke, ich wäre verrückt, wenn ich das wollte.

Was sind eigentlich die möglichen Szenarien der palästinensischen Zukunft? Ich denke, das erschöpft sich in der folgenden Liste:

  1. Ein unabhängiger Staat unter Arafat oder einem gleichwertigen Gauner.
    2. Militärische Besatzung durch Israel.
    3. Rückeingliederung in eine jordanisch-palästinensische Nation.
    4. Eine Art UN-Treuhänderschaft.
    5. Ausweisung aus der Westbank und Gaza, die dann nach Israel eingegliedert werden.

Der erste Punkt ist das, was alle wollen sollen. Wie ich bereits angedeutet habe, möchte ich das nicht. Und ich kann auch nicht begreifen, warum das sonst jemand sollte. Außer den Palästinensern, denke ich: Wenn sie sich danach sehnen, von unmoralischen Ganoven regiert zu werden (was sie nach Umfragen anscheinend tun), dann, denke ich, haben sie ein theoretisches Recht, ihre Wünsche erfüllt zu bekommen – aber warum sollte der Rest von uns angesichts der Gefahren, denen uns das aussetzt, erlauben, dass das passiert? Der zweite Punkt könnte eine Zeit lang funktionieren, aber die Israelis würden über kurz oder lang die Nase davon voll haben und dann würden wir zu einer der übrigen Möglichkeiten übergehen. Punkt 3 würde uns auf die Pseudo-Stabilität von vor 1967 zurückwerfen, ist aber bei den Jordaniern äußerst unbeliebt – und schauen Sie sich an, was 1967 passierte! Bei Punkt 4 läuft den UNRWA-Bürokraten unzweifelhaft der Speichel, aber wie bei Punkt 1 kann man kaum etwas erkennen, das dem Rest der Welt etwas nützt. Stecken wir nicht schon genug Geld an Wohlfahrtszahlungen für unsere eigenen Leute?

Was dann nur Punkt 5 übrig lässt: Ausweisung. Ich beginne zu glauben, dass dies die beste Option ist. Ich bin dabei auch nicht der Einzige. Da gibt es Dick Armey, republikanischer Führer im Repräsentantenhaus, mit dem Chris Matthews in „Hardball“ sprach:

MATTHEWS: Gut, nur zur Wiederholung: Sie glauben, dass die Palästinenser, die jetzt in der Westbank leben, von dort weggehen sollten?

ARMEY: Ja.

Wenn ich von der „besten Option“ rede, dann meine ich nicht „die beste für die Palästinenser“. Ich glaube nicht, dass sie irgendwelche guten Optionen haben. Als Araber sind sie nicht in der Lage eine rationale Politik zu gestalten; ihre Zukunft ist also vermutlich hoffnungslos, egal, was passiert. Ihre Optionen sind die, die ich oben angeführt habe: von Gangstern regiert zu werden, von Israelis oder Jordaniern oder von Wohlfahrts-Bürokraten. Oder woanders zu leben, unter der gütigen Herrschaft ihrer arabischen Brüder. Würde die Ausweisung für die Palästinenser hart sein? Ich denke, das würde sie. Würde sie härter sein als die Optionen 1 bis 4? Das bezweifle ich. Gebe ich ein fliegendes Falafel für die eine oder andere Möglichkeit? Nein, nicht wirklich.

Offener Brief an den neuen Botschafter in Israel

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Sehr geehrter Herr Botschafter Emanuele Giaufret,

willkommen in Israel. Da die Europäische Union Israel oft zweifelhaften Rat gegeben hat, nehme ich mir die Freiheit einige Hinweise zu geben, um Ihre Aufgabe hier erfolgreicher zu machen.

Bitte erinnern Sie sich, dass Sie den Großteil eines Kontinents vertreten, in dessen Kultur Antisemitismus über tausende Jahre verwurzelt wurde. Der führende akademische Antisemitismusforscher unserer Generation, der verstorbene Robert Wistrich, hat gezeigt, dass fast alle ideologischen Strömungen Europas während dieser Jahrhunderte antisemitisch waren.[1]

Bitte seien Sie sich auch bewusst, dass EU-Mitglieder in den letzten Jahrzehnten – ohne Auswahlprozess – Millionen Menschen aus Ländern hereingelassen haben, deren meiste Bürger antisemitisch sind. Um alles noch schlimmer zu machen ist in den letzten zwei Jahren einer großen Anzahl solcher Leute die Gelegenheit gegeben worden in die EU zu immigrieren.[2] Tatsache ist, dass alle Juden, die im aktuellen Jahrhundert in Westeuropa aus ideologischen Gründen getötet worden sind, von muslimischen Immigranten oder ihren Nachkommen ermordet wurden.[3]

Ihr dänischer Vorgänger, Botschafter Lars Faaborg-Andersen, erzählte Israel wiederholt, dass „Siedlungsbau ein Hindernis für den Frieden“ sei. Manchmal ging er so weit uns zu drohen. Zum Beispiel erklärte er 2014: „Wenn Israels Siedlungspolitik die aktuellen, von den USA geleiteten Friedensbemühungen ruiniert, dann würde Israel für das Scheitern der Verhandlungen verantwortlich gemacht.“[4] Er wies nicht darauf hin, dass die palästinensische Autonomiebehörde den Familien der Mörder israelischer Zivilisten ständig hohe „Gehälter“ zahlt.[5] Nicht zu erwähnen, ein welch hohes Hindernis für den Frieden dies darstellt, ist einer von vielen Gründen, dass er regelmäßig die Glaubwürdigkeit der EU in Israel untergrub. Er hätte auch öffentlich eingestehen sollen, dass europäische Länder, die die PA finanzieren, indirekt die Ermordung von Israelis belohnen.

Ich schlage zudem vor, dass Sie keine rosigen Bilder eines zukünftigen Friedens malen. Ihr Vorgänger erzählte uns, wie schön der Nahe Osten nach der Unterzeichnung einer Friedensvereinbarung aussehen würde. Er sagte: „Israel befände sich in der Pole Position zur Förderung der regionalen Integration im östlichen Mittelmeer.“[6] Fakt ist, dass trotz Israels Friedensvertrag mit Ägypten 1978 und dem mit Jordanien 1994 beide Länder auf der Liste großer antiisraelischer Aufwiegler und Antisemitismus-Förderer des US-Außenministeriums stehen.[7][8]

Früher dieses Jahr töteten vom Tempelberg kommende palästinensische Mörder israelische Polizisten. Israel ergriff daraufhin Sicherheitsmaßnahmen, die die Palästinenser als Gelegenheit zur internationalen Aufstachelung der Muslime zu nutzen. Es ist schwer erkennbar, dass, nachdem Israel territoriale Zugeständnisse für eine Zweistaaten-Friedensvereinbarung mit den Palästinensern machen würde, nichts die Palästinenser davon abhalten wird weiteres ungerechtfertigtes internationales religiöses Chaos um den Tempelberg zu schaffen.

Ich würde auch vorschlagen, dass Sie es vermeiden schlechten Rat zu erteilen. Ihr Vorgänger riet Israel mit der UNHRC-Ermittlungskommission zum Gaza-Krieg von 2014 zusammenzuarbeiten, ungeachtet der Tatsache, dass der UNHRC von Anfang an gegenüber Israel voreingenommen ist.[9] Bitte vermeiden Sie es auch Erklärungen abzugeben, in denen der Mangel an Wahrheit erkennbar ist. Das war bei dem Versuch Ihres Vorgängers der Fall, den diskriminierenden Charakter der EU-Kennzeichnung von Produkten aus der Westbank zu bestreiten. In Reaktion darauf beschuldigte Israels Außenministerium die EU, sie ignoriere mehr als 200 andere territoriale Konflikte weltweit, indem sie Israel aussondert, weil die Gebiete der einzige Ort sind, für den separate Etiketten gefordert werden.[10]

Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit sein in der Tat für einen EU-Botschafter entscheidend. Bei seiner Abschiedsrede sagte Herr Faaborg-Andersen, Israel könne bei der Bekämpfung von Terror von Europa lernen.[11] Es hat in Israel weit mehr versuchte Terroranschläge gegeben als in Europa. Doch bei keinem der tödlichen Anschläge in Israel hat es so viele Getötete gegeben wie bei denen in Madrid 2004, London 2005, Paris 2015 und Nizza 2016. Es gibt viel Information zur fehlenden Fähigkeit von EU-Mitgliedsländern die frühe Radikalisierung muslimischer Einzelpersonen wie auch ihre Absicht sich jihadistischen Organisationen anzuschließen und Terroranschläge zu verüben zu erkennen.

Ihr Vorgänger sagte auch: „Antisemitismus in Europa ist ein Phänomen, das wir bekämpfen – sogar noch stärker als Israel.“[12] Der erste Schritt zu effektiver Bekämpfung von Antisemitismus besteht darin eine akzeptierte Definition davon festzuschreiben. Die einzige Arbeitsdefinition, die von manchen in Europa anerkannt worden ist, wurde 2013 plötzlich von der Internetseite der EU-Agentur für fundamentale Rechte genommen.[13] Was wäre für die EU einfacher gewesen als die Definition der Internationalen Holocaust-Gedenkallianz von 2016 zu übernehmen und assoziiertes Mitglied der IHRA zu werden? Das machten sie nicht. All das oben Angeführte hat geholfen den Verdacht gegen die EU zu schaffen, auch wenn es viele interessante Aspekte einer Kooperation zwischen der EU und Israel gibt.

In Anbetracht des oben Angeführten werden EU-Einmischung und Kommentare zu internen israelischen Angelegenheiten nicht geschätzt. Die Menschen sind in der Regel offener für Ratschläge von denen, von denen sie unterstützt werden und die als Vorbilder fungieren.

Herr Botschafter, wie Sie sehr wohl wissen, besteht die Rolle eines EU-Diplomaten nicht nur darin seine Region zu repräsentieren. Er sollte auch denen, die ihn entsandten, Bericht erstatten, ob EU-Politik besseren Beziehungen mit dem Land dienlich sind, in dem er stationiert ist.

Ich wünsche Ihnen Erfolg für Ihre Bemühungen.

Manfred Gerstenfeld ist emeritierter Vorsitzender des Jerusalem Center for Public Affairds. Ihm wurde vom Journal for the Study of Antisemitism der Preis für sein Lebenswerk und vom Simon Wiesenthal Center der Preis für Internationale Führungskräfte verliehen.

[1] http://www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/14217

[2] http://www.bbc.com/news/world-europe-34131911

[3] http://www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/20768

[4] http://www.timesofisrael.com/eu-envoy-we-doesnt-understand-israels-jewish-state-demand/

[5] https://spectator.org/251138-2/

[6] http://www.haaretz.com/misc/haaretzcomsmartphoneapp/1.601978

[7] http://www.thetower.org/5348-state-dept-report-anti-semitism-pervasive-in-iran-egypt-jordan-qatar/

[8] http://www.state.gov/j/drl/rls/irf/2016/nea/268898.htm

[9] http://www.jpost.com/Arab-Israeli-Conflict/Israel-calls-UN-Gaza-war-report-politically-motivated-and-morally-flawed-from-the-outset-406775

[10] http://www.timesofisrael.com/eu-envoy-insists-settlement-labeling-purely-technical/

[11] http://www.jpost.com/In-Jerusalem/Rock-Solid-Europe-Israel-ties-are-flourishing-says-outgoing-EU-envoy-504256

[12] http://www.jpost.com/In-Jerusalem/Rock-Solid-Europe-Israel-ties-are-flourishing-says-outgoing-EU-envoy-504256

[13] http://www.timesofisrael.com/eu-drops-its-working-definition-of-anti-semitism/

Wem tut es leid? – ein Szenario

Doron Rosenblum, Ha’aretz, 27. Juni 2002 (übersetzt aus dem Englischen von Daniela Marcus; urspr. veröffentlicht bei Nahost-Focus)

Ein typischer Frühlingstag in Paris und London. Kinder spielen im Park, alte Männer sitzen auf Bänken. Dann die Explosion. Der ganze Park flog durch die Kraft der riesigen Bombe, die der Attentäter zündete, in die Luft. Der Himmel schien sich zu verdunkeln und gleich danach wurden die Überlebenden von einem Platzregen an Blut, Schmutz, Kleidungsstücken und verbrannten Körperteilen überflutet…

An diesem Tag war das Wetter in London überraschend mild. Dicke Wolken hingen am Himmel über dem „National“ und über dem „Tate Modern“ auf der Südseite der Themse. Doch auf der anderen Seite des Flusses malte die Sonne, die sich auf einem blauen Zipfel des Himmels niedergelassen hatte, die Blätter der jungen Bäume und das Gras auf den Plätzen in einem saftigen Grün.

Vier ältere Herren saßen auf einer Holzbank am „Berkeley Square“. Aufgrund der angenehmen Wärme der Sonne hielten sie ihre Augen geschlossen. Doch ab und zu beobachteten sie die kleinen Kinder, die lebhaft in der Nähe ihrer Mütter spielten. Einer der Kleinen, der gerade laufen lernte, fasste nach dem Griff seines Kinderwagens. Eine grauhaarige alte Frau lächelte freundlich über diesen Anblick, als plötzlich ein Schatten auf sie fiel. Sie sah auf und erblickte einen jungen Mann, der etwas aus seinem Mantel zog und sie anlächelte, bevor alles dunkel wurde.

Die Explosion, die der Selbstmordattentäter ausgelöst hatte, war so mächtig, dass die gesamte Glasfassade des nebenstehenden Hauses zerbrach, Stück für Stück zu Boden fiel und einen weißen Sturm von Dokumenten auslöste, der über den rauchenden Ruinen niederging. Auch die Rettungsmannschaft erkannte den Platz kaum wieder. Doch wer konnte sich vorstellen, dass dies nur der Prolog gewesen war?

Als Dutzende von Ambulanzen Richtung Mayfair rasten, wurde die Stadt von einer gewaltigen Explosion aus der Richtung des „Covent Garden“ erschüttert. Ein blauer Kleintransporter, der in der „Strand“ in der Nähe des „Bush House“ geparkt hatte, explodierte um 15.00 Uhr, wodurch Dutzende von Passagieren eines Doppeldecker-Busses getötet und verletzt wurden und ein Erdbeben im Hauptquartier der BBC-Weltnachrichten ausgelöst wurde. Radiohörer rund um die Erde bekamen die donnernde Explosion während der Nachrichten live übertragen mit, gerade als der Sprecher vom „Kreislauf der Gewalt im Nahen Osten aufgrund des gestern Abend stattgefundenen Angriffs“ sprach, „bei dem 15 Israelis dem Anschein nach durch das getötet wurden, was Israel ‚Terror‘ nennt.“

Reporter von „Sky News“, die direkt aus Londons Straßen sendeten, konnten kaum Worte finden, um die Tiefen ihres Schocks und ihres Entsetzens über diesen sinnlosen Massenmord an Dutzenden von unschuldigen Zivilisten auszudrücken: „Es ist Mord! Nichts anderes als geisteskranker, sadistischer Nazimord!“ schrie ein Reporter heraus und hob dabei angewidert Nägel und Schrauben hoch, die der Terrorist in die Bombe gepackt hatte, um die Zahl der Opfer zu erhöhen. „Es war keine Nachtigall, die gestern am Berkeley Square gesungen hat“, klagte „The Independent“ am nächsten Tag mit einer Umschreibung des alten Liedes „Es war der Teufel selbst“.

Die berühmte „stiff upper lip“ der Engländer – die Art, Niederlagen und kritische Situationen mit Haltung hinzunehmen – blieb wenigstens noch bis zum nächsten Abend erhalten, als sich zwei Terroristen (oder „Militante“, wie sie vom französischen Fernsehen genannt wurden) innerhalb kurzer Zeit nacheinander in die Luft sprengten: einer inmitten einer Menschenmenge im Foyer des Theaters „Gielgud“, der andere in einem mit Gästen gefüllten chinesischen Restaurant im Stadtteil Soho. Dutzende von Menschen wurden bei diesen beiden Explosionen getötet. West End leerte sich im Nu und glich in dem flackernden gelben Licht einer Geisterstadt. Das Heulen der Ambulanzen und Rettungsfahrzeuge „verwandelte die Metropole in einen einzigen gewaltigen Schrei“, wie „The Guardian“ es am nächsten Tag formulierte. Die ganze Titelseite des „Mirror“ war mit dem Wort „M-A-S-S-A-K-E-R!“ ausgefüllt, während die „Sun“ „R-A-C-H-E!“ forderte.

Die Kameras von „Sky News“ übertrugen live von der „Downing Street“ und fingen zufällig ein peinliches Spektakel ein, das wiederholt gesendet wurde: Cherie Blair, die Frau des Premierministers, war mit zerzausten Haaren und einem zerknitterten Morgenrock durch die halb offene Tür zu sehen. Sie trommelte auf die Brust eines Leibwächters und schrie hysterisch: „Meine Kinder! Wo sind meine Kinder! Sagen Sie mir, dass es ihnen gut geht! Machen Sie etwas! Irgendetwas!! Warum hat nicht schon irgendjemand diese stinkenden Mörder zur Strecke gebracht!!“ Der Premierminister selbst erschien kurz danach, gelassen und gefasst wie üblich, doch auch ein bisschen blass. Er verkündete, dass er das Kabinett zu einer Dringlichkeitssitzung einberufen und die Armee in höchste Alarmbereitschaft versetzen würde.

Fünf islamische Organisationen und eine temporäre Gruppe, die sich „Skalpierer der Anglo-Sachsen“ nannte, übernahmen die Verantwortung für diese Anschläge und drohten, dass diese erst der Anfang gewesen seien. Regierungs- und Armeesprecher bestanden jedoch darauf, dass diejenigen, die direkt für diese Taten verantwortlich wären, Saddam Hussein, Osama bin Laden, eine fanatische Sekte aus Ost-Timor und drei Individuen mit „nahöstlichem Aussehen“ aus Earl’s Court seien. Noch am gleichen Abend führten Kommandokräfte eine Razzia in Earl’s Court durch, über das aufgrund eines besonderen Notbefehls eine strikte Ausgangssperre verhängt worden war. Hartgesottene Fallschirmjäger errichteten auf der Cromwell Road Straßensperren (die Bitte einer schwangeren indischen Frau, sie passieren zu lassen, wurde zurückgewiesen), durchsuchten ein Haus nach dem anderen und führten Massenverhaftungen durch.

Die Öffentlichkeit zeigte Verständnis für die unkonventionellen Maßnahmen: „Alle Gesetze der Zivilisation und die Magna Charta sind angesichts solcher mörderischen Bastarde, die fähig sind, unschuldige Theaterbesucher zu massakrieren, null und nichtig“, erklärte die Schauspielerin und Politikerin Glenda Jackson in einem improvisierten Interview an der U-Bahnhaltestelle Hampstead.

Die Londoner wagten sich nicht mehr aus dem Haus, ernährten sich von Pizzas, die durch den Pizzabringdienst geliefert wurden, und verbrachten ihre Zeit damit, Gewinn- und Reiseshows im Fernsehen zu sehen. Doch nach dem Selbstmordanschlag auf Schulkinder an der „Paddington Station“ und einer zweiten Explosion, die den Rettungskräften galt, war es mit der „stiff upper lip“ der Engländer vorbei und Gelassenheit und Gefasstheit machten der Aufregung und der Unbeherrschtheit den Weg frei.

In einer Sendung der BBC sagten ein Militär-Analyst und ein sachverständiger Sprecher, dass die „Royal Air Force“ bereit sei zu handeln und dass eine Operation gegen Ost-Timor und andere Inseln des Indonesischen Archipels in Betracht gezogen werde.

Warum ausgerechnet gegen dieses Gebiet? Ein Sprecher von Whitehall erklärte: „Zuständige Experten haben den definitiven Beweis dafür, dass die ideologische Unterstützung für diese Terroranschläge von Terroristen in Timor – oder jedenfalls in Asien – kommt.“ Er lehnte es ab, nähere Einzelheiten zu nennen. In dieser militanten Atmosphäre hielt es keiner für nötig zu fragen, worauf dieser Beweis basierte. Reporter wollten wissen, ob und wann ein Angriff auf das jemenitische Dorf stattfinden würde, in dem nach den Anschlägen Süßigkeiten verteilt worden waren und Bewohner auf den Hausdächern getanzt hatten. „Obwohl wir kein Interesse daran haben, in Asien einzudringen, haben wir keine andere Wahl als das zu tun, was getan werden muss“, sagte der Sprecher. „Dies ist eine Art rollender Operation gegen jeden, der uns in die Quere kommt.“

Frankreichs Präsident Jacques Chirac drückte den Familien der Opfer das Beileid seines Landes aus, protestierte jedoch energisch gegen den „Schlag“, den man in Earl’s Court „gegen die Bewegungsfreiheit und die freie Meinungsäußerung“ geführt hätte. Er warnte auch vor raschen militärischen Operationen, die nur zu einer Eskalation der Gewalt führten. Dennoch „griffen“ genau an dem Tag, an dem er sprach, britische Bomber in einer Anzahl von Dörfern oder Inseln (die Streitkräfte äußerten sich nur vage darüber und verwehrten Reportern die Einreise nach Ostasien) „Ziele an“. Ein mit Kindern vollgefülltes Waisenheim wurde aus Versehen getroffen, doch Außenminister Jack Straw wies die europäische Kritik zurück, indem er sagte: „Ich drücke mein Bedauern aus, doch was kann man tun? Wo gehobelt wird, fallen Späne.“

Straw reagierte wütend auf die Warnung, die vom schwedischen Außenminister über mögliche Kriegsverbrechen geäußert wurde: „Ich möchte diesen schöngeistigen Skandinaviern nahelegen, uns nicht zu predigen. Wir werden sehen, wie sich diese Wikinger benehmen, wenn ihr Uppsala bei tagtäglichen Terroranschlägen in die Luft fliegt.“

Die BBC-Sprecher verloren ein bisschen etwas von ihrer berühmten britischen Ruhe, besonders nach dem gewaltigen Anschlag bei „Shepherd’s Bush“, nicht weit entfernt von den Fernsehstudios. Tim Sebastian machte während seiner Talkshow „Hard Talk“ den französischen Botschafter zur Schnecke. Er konnte sich nur mit Mühe zurückhalten:

„Was sagen Sie da? Dass wir kein Recht zur Selbstverteidigung gegen diesen mörderischen Terror haben?“

„Was Sie ‚Terror‘ nennen“, verbesserte ihn der Botschafter.

Die Venen an den Schläfen des Interviewers schienen beinahe zu platzen: „Was meinen Sie damit ‚Was Sie ‚Terror‘ nennen‘? Was ist es denn sonst, wenn nicht Terror? Wie sollten wir es nennen? Kohlrabi? Karbunkel? Was schlagen Sie vor, wie wir das tagtägliche Massaker an unseren Leuten nennen sollen?“

„Angriffe“, erwiderte der Botschafter gelassen und zündete sich mit einem vergoldeten Feuerzeug eine „Gitane“ an. „Dem Anschein nach Angriffe von mutmaßlichen Militanten.“

Für einen Moment sah es so aus, als wollte Sebastian seinen Gast erwürgen.

„Ich möchte eines klarstellen“, fuhr der Botschafter fort. „Meine Regierung und ich bedauern den Kreislauf der Gewalt und den Schaden, der Zivilisten auf beiden Seiten zugefügt worden ist. Doch wenn Sie mir gestatten zu sagen: Ich selbst fühle Mitleid für diejenigen, die sich veranlasst sahen, die Selbstmordanschläge auszuüben. Wie sagte Voltaire? ‚Obwohl ich…‘“

„Sie können sich Voltaire sonst wohin stecken, Sie Frosch“, brach es aus dem altgedienten BBC-Korrespondenten heraus. Er stürzte sich auf des Botschafters Hals. Der Bildschirm wurde über dem Geräusch von schreienden und keuchenden Stimmen dunkel.

Die erste Explosion in Paris geschah zu einem Zeitpunkt und an einem Ort, an dem man es am wenigsten erwartet hatte: am Sonntagnachmittag neben einem Karussell im „Jardin du Luxembourg“, nicht weit entfernt vom Puppentheater. Der Platz war voll von Kindern und von Menschen, die Boule spielten. Die Spieler hatten ihre Jacken ausgezogen und aufgehängt. Sie krempelten ihre Ärmel hoch und rollten Eisenkugeln über den Boden. Eine bezaubernde junge Frau in eng anliegenden Jeans beugte sich vor und schickte ihre Kugel mit einer anmutigen Handbewegung langsam, jedoch akkurat, in Richtung der anderen. Doch gerade dann flog der ganze Park durch die Kraft der riesigen Bombe, die neben dem Karussell explodierte, in die Luft. Der Himmel schien sich zu verdunkeln und gleich danach wurden die Überlebenden von einem Platzregen an Blut, Schmutz, Kleidungsstücken und verbrannten Körperteilen überflutet.

Für einen Moment – um es genau zu sagen: für acht Sekunden – legte sich eine bizarre Stille über die Szene, die nur vom Flügelschlag der Tauben, die in einer großen Wolke davonflogen, und von den Alarmanlagen der Autos, die durch die Explosionswelle ausgelöst worden waren, unterbrochen wurde. Acht Sekunden gespenstische Stille – und dann die schrecklichen Schreie, das Stöhnen der Verwundeten und die endlosen Sirenen von Feuerwehr, Polizei und Ambulanzen, die den ruhigen Sonntagnachmittag bis zum Abend durchdrangen.

Ein intellektueller Pariser, der später am Tag an einer Fernsehdiskussion teilnahm, sprach von den „acht Sekunden katastrophaler Ruhe, die dem Sense schwingenden, erbarmungslosen Schnitter folgten. Der Meuchelmörder. Der Schlächter.“

Wer hätte sich vorstellen können, dass die „acht Sekunden der katastrophalen Ruhe“ eine beinahe tägliche Erscheinung in Paris und anderen französischen Städten werden würden? Eine Reihe von Explosionen und Warnungen über Selbstmordattentäter – islamische, solche aus dem Senegal, aus Timor, aus Algerien und offensichtlich auch Anarchisten, die sich in einem mörderischen Trancezustand befanden – verwandelte die Straßen der Städte in einen Sog von Explosionen, Horror, Sicherheitskontrollen, heulenden Sirenen, flackerndem Blaulicht und Straßensperren.

Die Anschläge wurden zu einer Art alptraumhafter Routine: die beiden Selbstmordattentäter in den Cafés „Flore“ und „Deux Magots“; der Bombenattentäter in dem Restaurant, das sich auf einem schwimmenden Boot befand; der Anschlag auf die Leute, die in einer Reihe vor dem Victor-Hugo-Haus am „Place des Vosges“ standen; die Frau, die sich im Kaufhaus „Samaritaine“ in die Luft jagte; die Autobombe an der „Sainte Chapelle“, die die wundervollen bunten Glasfenster zerstörte. Diese Glasfenster, die bisher jedes Auf und Ab der Geschichte überlebt hatten, waren nun durch einen Augenblick der Barbarei für immer verloren.

Wer kann sich an alle Anschläge erinnern? Wer kann alle Beerdigungen verfolgen?

Präsident Chiracs Gesicht während seiner Rede an die Nation sprach eine deutliche Sprache: „Dies ist ein Krieg für unsere Heimat. Mirabeaux sagte, dass Paris eine geheimnisvolle Sphinx ist. Heute ruft uns diese verwundete Sphinx zu: Rache! Rache! Rache!“

Am gleichen Abend schloss sich ein französischer Bomber den britischen Bombern an, die irgendwo in Asien eine Flächenbombardierung ausführten. Doch musste er wegen technischer Schwierigkeiten zum Stützpunkt zurückkehren. Ein Sprecher des Elysee-Palastes sagte, dass der Präsident und die Regierung den eventuellen Gebrauch von taktischen Nuklearwaffen nicht ausschließen: „Es ist ganz einfach. Entweder sie oder wir. Es sind entweder ein paar Dreckskerle in irgendeinem Wüstenstaat oder die Gänseleberpastete, der Beaujolais und die Pont Alexandre.“

Selbst der israelische TV-Journalist Emanuel Halperin wurde dabei gesehen, wie er die Stirn runzelte. Wegen unausgewogener und einseitiger Berichterstattung sandte die französische Regierung einen ärgerlichen Protest an das israelische Fernsehen.