Das Comeback von Hitlers Namen in der Öffentlichkeit

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

In den letzten Jahrzehnten hat Hitlers Name ein Comeback in der Öffentlichkeit erlebt. Das geht weit über seine Verwendung als Symbol des absolut Bösen hinaus. Es gibt so viele Beispiele der diversen Manipulation des Namens Hitlers in westlichen Gesellschaften und andernorts, dass nur ein paar Beispiele angeführt werden können.

Amerikanische Präsidenten mit Hitler gleichzusetzen hat wahrscheinlich mit Richard Nixon begonnen. Damals lösten Vergleiche mit dem deutschen Nazi-Diktator noch heftige Reaktionen aus. 2002 bezog die deutsche Ministerin Herta Däubler-Gmelin sich auf Hitler, als sie sagte Präsident George W. Bush wolle die Möglichkeit eines Krieges gegen Saddam Husseins Irak nutzen, um von seinen innenpolitischen Problemen abzulenken; „Das hat Hitler auch schon gemacht.“[1] Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder übernahm Däubler-Gmelin nicht in das neue Kabinett, das er einige Wochen später bildete.[2]

Solche Beleidigungen, die verwendet wurden, um Aufmerksamkeit zu erregen und Menschen zu beleidigen, sind in den Mainstream eingebracht worden und werden sogar von nationalen Führungskräften benutzt. Drei mexikanische Präsidenten, darunter der aktuelle Präsident Enrique Peña Nieto verglichen Trump mit Hitler.[3] Eine kleine amerikanische Organisation, das Anne Frank Center for Mutual Respect[4] – das den Namen der bekanntesten Holocaustopfers für politische Zwecke missbraucht – postete auf Twitter eine Liste angeblicher Ähnlichkeiten zwischen Trump und Hitler.[5]

Zu den Politikern außerhalb der Vereinigten Staaten, die mit dem Naziführer gleichgesetzt wurden, gehört Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ihr Besuch in der Tschechischen Republik im August 2016 löste massive Proteste gegen ihren Umgang mit der Migrationskrise aus. Protestierende schwenkten Plakate, auf denen sie als Hitler dargestellt wurde.[6]

Auch außerhalb der Kreise der Neonazis findet man Bewunderung für Hitler. Die libanesische Sängerin Najwa Karam hat 50 Millionen Platten verkauft. Sie war das arabische „Gesicht“ der großen französischen Kosmetikfirma L’Oreal und diente als Jurorin in der arabischen Version von „Deutschland sucht den Superstar“, Arabs Got Talent. In der Sendung Talk of the Town des libanesischen Fernsehens wurde sie aufgefordert, Eigenschaften von sechs berühmten Männern auszuwählen, um den „idealen Mann“ zu schaffen; sie wählte Hitler wegen seiner „überzeugenden“ Redefähigkeit.[7] Ein amerikanischer weißer Rassist änderte 2017 seinen Nachnamen zu Hitler.[8]

Hitlers Name wird zudem in antisemitischen Verleumdungen verwendet. Im Februar 2011 veröffentlichte ein palästinensisches Magazin den Artikel eines 10-jährigen palästinensischen Mädchens, das einen Traum wiedergab, in dem Hitler ihr sagte: „Ja, Ich habe sie [die Juden] getötet, damit ihr alles wisst, dass sie eine Nation sind, die in aller Welt Zerstörung verbreitet.“ Dieses Magazin wurde von der UNESCO bezuschusst. Nach Protesten stoppte die UNESCO die Finanzierung dieser Veröffentlichung im Dezember 2011.[9]

2015 wurde der maltesische EU-Beamte Stefan Grech beschuldigt, er habe antisemitische Hassrede gerufen und eine [nichtjüdische] EU-Bedienstete angegriffen. Grech soll die Angestellte mit einer Tafel des Diktators Benito Mussolini auf den Kopf geschlagen und sie als „dreckige Jüdin“ bezeichnet haben; er habe gesagt: „Hitler hätte euch Juden erledigen sollen.“[10][11][12]

Der niederländische Oberrabbiner Binyamin Jacobs berichtet, dass niederländische Jugendliche bei einer Gedenkveranstaltung für Holocaustopfer während seiner Rede „Heil Hitler“ brüllten.[13] Das ist Teil eines allgemeineren Auftretens des Hitlergrußes. Seine Verwendung kann von indirektem Propagieren des Holocaust bis zur Identifzierung mit ihm in Neonazi-Bewegungen reichen.

Im Juli 2017 stand ein Schotte vor Gericht, weil er dem Hund seiner Freundin beibrachte, auf Äußerungen wie „Sieg heil“ und „Vergast die Juden“ den Hitlergruß zu geben. Er postete das auf YouTube, wo es millionen Male angesehen wurde. Der Mann entschuldigte sich später bei der jüdischenn Gemeinde. Im März 2018 wurde er von einem Gericht wegen Begehens eines Hassverbrechens für schuldig befunden.[14]

Teilweises Reinwaschen der Verbrechen Hitlers ist auch außerhalb von Neonazi-Gruppen zu finden. 2005 erklärte der niederländische protestantische Prediger Kees Mos in einer respektierten Kirche in der vornehmen niederländischen Stadt Wassenaar: „Der Jude in uns ist gemäß des Matthäus-Evangeliums ein Verräter.“ Mos fügte hinzu: „Das ist die Sünde des Juden, dass er es ablehnte menschlich zu sein.“ Er fuhr damit fort: „Wir haben Hitler in den vergangenen Jahrzehnten als Monster hingestellt, aber es gibt keine Monster.“

Ein ähnliches Motiv wurde von Björn Höcke verwendet, ein prominenter gewählter Repräsentant der rechtsgerichteten AfD. Er nannte Berlins Holocaust-Mahnmal „ein Monument der Schande“. Zudem bestritt er, dass Hitler absolut böse war. Höcke merkte an: „Wir alle wissen natürlich, dass es in der Geschichte kein Schwarz und kein Weiß gibt.“[15]

Eines der bizarrsten Beispiele für die Gleichsetzung des Holocaust ereignete sich, als der Präsident der Philippinen, Rodrigo Duterte, sich 2016 Hitler verglich. Er sagte, Hitler habe drei Millionen Juden massakriert – eine falsche Zahl, die wahre lautete sechs Millionen – und er wolle in den Philippinen drei Millionen Drogenabhängige töten.[16]

Historische Ereignisse und Personen verblassen im Verlauf der Zeit. Die offensichtlich gesteigerte Erwähnung des Namens Hitlers in der Öffentlichkeit kann nicht nur mit der Zunahme des Antisemitismus erklärt werden. Dies und die Desensibilisierung bezüglich seiner Verwendung gehören zu den wichtigsten Indikatoren des allmählichen Zerfalls des normativen Verhaltens in westlichen Zivilgesellschaften.

[1] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/irak-krise-daeubler-gmelin-bush-und-hitler-a-214597.html

[2] www.theguardian.com/world/2002/sep/20/usa.iraq2

[3] www.reuters.com/article/us-mexico-trump/two-former-presidents-of-mexico-compare-trump-to-hitler-idUSMTZSAPEC2S8JNRJU

[4] Anne Frank-Zentrum für gegenseitigen Respekt

[5] www.newsweek.com/anne-frank-center-trump-germany-world-war-ii-647888

[6] http://www.express.co.uk/news/world/703986/Angela-Merkel-German-leader-compared-Hitler-anti-migrant-protest-Prague-refugees

[7] www.wiesenthal.com/atf/cf/%7B54d385e6-f1b9-4e9f-8e94-890c3e6dd277%7D/TOP-TEN-2013.PDF

[8] http://www.usatoday.com/story/news/nation-now/2017/03/24/name-change-to-hitler-official/99587276/

[9] Jordana Horn: UNESCO to Stop Support for Palestinian Magazine. In: Jerusalem Post, 25. Dezember 2011.

[10] www.timesofisrael.com/case-of-eu-official-who-shouted-anti-semitic-hate-speech-lands-in-brussels-court

[11] www.israelnationalnews.com/News/Flash.aspx/390120

[12] www.timesofmalta.com/articles/view/20170610/local/maltese-eu-official-accused-of-slurs-faces-court-at-last.650327

[13] Binyomin Jacobs, “Geef tolerantie plek in onderwijs,” Reformatorisch Dagblad, July 6, 2010.

[14] http://www.telegraph.co.uk/news/2018/03/20/youtube-user-convicted-hate-crime-pet-dogs-nazi-salutes/

[15] www.newsweek.com/jews-germany-anti-semitic-hitler-afd-579952

[16] http://edition.cnn.com/2016/09/30/asia/duterte-hitler-comparison/index.html

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Foto: Schabbat Schalom

Sharon A., The Real Jerusalem Streets, 5. Januar 2018

Der Winter ist da.

Jerusalem in Israel erlebt letzte Nacht
Regengüsse und windiges, stürmisches Wetter.

Während es in Teilen Nordamerikas kälter ist und dort Schnee liegt,
scheint in Jerusalem heute Morgen die Sonne.

Ich hoffe, dieser Wind bläst mich nicht davon.
aber wir sidn auf dem Weg mit Freunden aus Australien zu feiern.

Wünsche allen einen warmen und gesunden und erholsamen Schabbat.

שבת שלום

Zu Bushs Rede vom 24. Mai 2002 (2): Bush belohnt Terrorismus

Daniel Pipes, National Post, 25. Juni 2002

US-Präsident George W. Bush war seit dem 11. September unerbittlich darin den Terrorismus aufhalten zu wollen, unternahm aber in seiner gestrigen Rede feste Schritte in die entgegengesetzte Richtung.

Er hätte den Palästinensern klar und deutlich sagen sollen, dass ihre 21-monatige Kampagne der Gewalt gegen Israel unakzeptabel ist und beendet werden muss, bevor jegliche Diskussion um Belohnungen begonnen werden kann. Stattdessen legte der Präsident seine Vision eines „provisorischen“ palästinensischen Staates dar und verlangte ein Ende dessen, was er „israelische Siedlungsaktivitäten in den besetzten Gebieten“ nannte. Beide sind große Gewinne für die Palästinenser; als solche stellen sie Belohnungen für Selbstmord-Bombardierungen, Heckenschützen-Anschläge und andere Formen des Terrorismus dar.

Das schädigt nicht nur den vom Präsidenten erklärten Krieg gegen den Terrorismus erheblich, dadurch erhalten die Palästinenser auch ein Signal, dass sie weitere Belohnungen bei mehr Gewalt erwarten dürfen. Es stimmt, dass in seiner Darstellung viel Richtiges über den Wert örtlicher Wahlen in der Rede enthalten war, über unabhängige Rechnungsprüfung und Marktwirtschaft, aber die einzige Botschaft, die hängen bleiben wird, ist eine gröbere: Terrorismus macht sich bezahlt.

Bushs Darstellung der erhofften Maßnahmen enthielt dann eine große Zahl von Fehlern bezüglich der Einzelheiten des palästinensisch-israelischen Konflikts. Dazu gehörten u.a.:

– Falschdeutung der palästinensischen Meinung: Bush erklärt, dass nur eine kleine Minderheit der Palästinenser die Mittel oder Ansichten der Terroristen teilen. „Der Hass einiger Weniger hält die Hoffnung vieler als Geisel.“ Das ist aber falsch; fast jede Meinungsumfrage, politische Rede, Predigt in einer Moschee und andere Hinweise deuten darauf hin, dass eine bedeutende Mehrheit der Palästinenser die Gewaltkampagne gegen Israel enthusiastisch unterstützt. Das hat die bedenkliche Konsequenz, dass die Praktizierung von Demokratie, zu der der Präsident aufruft, ironischerweise zu einer aggressiveren Politik gegenüber Israel führen würde.

– Moralische Gleichstellung: Bush impliziert eine grundsätzliche Gleichheit zwischen der Notlage der Israelis, die unter dem Terrorismus leiden, und den Palästinensern, die ihn ausüben. „Es ist unhaltbar, dass die Palästinenser in Verwahrlosung und unter Besatzung leben.“ Um den Fehler dieser Darstellung zu erkennen, wandeln Sie sie ab in „Es ist unhaltbar, dass amerikanische Bürger unter Terror leben. Es ist unhaltbar, dass Afghanen in Verwahrlosung und unter Besatzung leben.“

– Opfer-Darstellung: Palästinenser sind „wie Bauern im Schachspiel behandelt worden“, sagt US-Präsident Bush. Das stimmt so nicht: Seit 1967 haben die Palästinenser eine zunehmend autonome und mächtige Stimme bei der Entscheidung über sie betreffende Dinge. Besonders seit der Schaffung der Autonomiebehörde 1994 haben sie die Kontrolle ihres Schicksals selbst in der Hand. Sie als Opfer darzustellen deutet an, sie würden sich anders verhalten, wenn sie erst einen formell anerkannten Staat haben. Die Wahrheit ist, dass alle Zeichen auf die Fortsetzung der gegenwärtigen Politik hindeuten.

– Gutes Regieren als Schlüssel: „Echte Reform benötigt neue politische und wirtschaftliche Institutionen, die auf Demokratie, Marktwirtschaft und Bekämpfung des Terrorismus gründen.“ Dies ist ein rührender, aber naiver Glaube an die Wunder anständiger Regierungsinstitutionen. Sicher sind autonome örtliche Führer, Wahlen mit vielen Parteien und ehrliche Politiker alle gut, aber wie sollten sie zu einer Reduzierung der Feindseligkeiten führen? Diese Sichtweise dreht die Dinge um: Demokratie, Marktwirtschaft und Bekämpfung des Terrorismus werden einem grundsätzlicheren Wechsel nur folgen [nicht ihm voraus gehen], genauer gesagt: einer Bereitschaft der Palästinenser die Existenz Israels zu akzeptieren. Ein palästinensischer Staat, der weiterhin die Zerstörung des jüdischen Staates verfolgt, kann aus seiner Natur heraus nicht demokratisch sein.

– Überbetonung des Terrorismus: „Es gibt schlichtweg keinen Weg, einen [palästinensisch-israelischen] Frieden zu erreichen, bis alle Seiten den Terror bekämpfen.“ Der palästinensische Terrorismus hat fürchterliche Tragödien angerichtet, aber er ist nicht der Kern des Problems. Terrorismus ist immerhin nicht mehr als eine Taktik im Dienste eines Kriegsziels. Das Kriegsziel – die Zerstörung Israels – ist des Pudels Kern. Es ist z.B. gut möglich, sich einen zukünftigen palästinensischen Staat vorzustellen, der dem Terrorismus entsagt und statt dessen konventionelle Streitkräfte mit Flugzeugen, Panzern und Schiffen aufbaut, mit dem Israel angegriffen und zerstört wird. Unter diesem Gesichtspunkt ist es bemerkenswert, dass Bush die PA nicht aufrief ihre bewaffneten Einheiten zu verkleinern.

Ein Haus kann nicht aufgrund eines Bauplans errichtet werden, in dem das Gelände, die Größe und Form des Grundstücks und das Baumaterial falsch sind. Genauso kann ein politisches Programm nicht funktionieren, wenn es sich auf Fehleinschätzungen gründet.

Indem Bush mit seiner Rede Terrorismus belohnt, wirft er die derzeitigen Bemühungen zurück, weil er den palästinensisch-israelischen Konflikt falsch deutet. Die Inhalter der Rerde erweisen sich zur ernsthaften Konfliktlösung als nicht funktionierend. Insgesamt stellt die Rede eine Enttäuschung und eine verpasste Gelegenheit dar.

Warum sorge ich mich nicht um die Palästinenser?

John Derbyshire, 9. Mai 2002

Bei diesem Artikel handelt es sich um eine provozierende Stellungnahme, die nicht geteilt werden muss (die ich so auch nicht teile), die aber in ihrer Offenherzigkeit und Ehrlichkeit sicher einige sehr bedenkenswerte Punkte aufzählt, die man sich zu Herzen nehmen sollte.

 

Warum sorge ich mich nicht um die Palästinenser? Es ist natürlich falsch von mir, mich nicht zu kümmern. Es kann nicht gerade lustig sein, ein Palästinenser zu sein. Ihr oder eure Eltern oder eure Großeltern liefen im Krieg von 1948 um ihr Leben. Ihr – und/oder sie, daneben eine Generationen von Onkeln, Tanten, Geschwistern und Cousins – seid seitdem in verwahrlosten Flüchtlingslagern zusammengedrängt worden und lebt von Gaben der UNRWA. Es gibt keine Wirtschaft, die es wert ist, an ihr teilzuhaben. Eure Führer gewannen für euch in Oslo eine Art von stückweiser, halbherziger Autonomie, aber die funktionierte nicht, ihr wisst nicht genau, wieso. Nichts wurde wirklich besser und die Israelis haben sowieso alles zerschlagen. Die anderen Araber hassen euch (eine wenig bekannte Tatsache des politischen Lebens des Nahen Ostens, die aber von meinem Kollegen David Pryce-Jones bestätigt wurde, der die Araber besser kennt als jeder andere). Die Lage sieht schlecht aus und ihr seid in Verzweiflung versunken. Sollte ich mich nicht um euch sorgen?

Sicher, persönlich sympathisiere ich in diesem Konflikt mit Israel. Das ist mein Recht als frei denkender Mensch. Ich bin aber doch ein Christ, nicht wahr? Sollte ich nicht etwas christliches Erbarmen für die armen, leidenden Palästinenser haben? Fragen Sie nicht, wem die Stunde schlägt usw., usw.

Nun, ich denke, ich sollte das haben, aber um ehrlich zu sein: Ich habe das nicht. Warum nicht? Warum mache ich mir keine Sorgen um die Palästinenser? Die Antwort ist KEINE der folgenden:

* Ich dusche gerne mit Juden.
* Palästinenser haben dunkle Haut und ich bin Rassist.
* Mein ursprünglicher Name war Derbstein.
* Mein britisches Blut kocht vor Scham wegen des verlorenen Empire.
* Ich bin ihr Lakai oder versuche mich bei den Juden einzuschmeicheln, die die US-Medien beherrschen.
* Ich bin ein grausamer, hartherziger Frömmler.

Die Antwort ist auch nicht gerade Mitleidsmüdigkeit. Das kommt der Wahrheit aber recht nahe. Ich bin mir eines gewissen Anteils an Mitleidsmüdigkeit in Bezug auf die Welt als Ganzes bewusst und das überträgt sich auf die palästinensische Sache.

Neulich hatte ich die deprimierende Erfahrung, nacheinander Stephen Kotkins wunderbar betiteltes „Mülleimerstan“ in der New Republic vom 15. April und dann Helen Epsteins „Mosambik: Auf der Suche nach der versteckten Ursache von AIDS“ in der New York Review of Books am 9. Mai zu lesen. Der erste Artikel war ein langer, verschachtelter Überblick über sechs Bücher zu den Schicksalen verschiedener Teilstücke der ehemaligen UdSSR in den Jahren seit diese zerfiel. Der zweite versucht zu entdecken, warum eine verschlafene, ländliche Region in Mosambik, die von einem freundlichen Völkchen bewohnt wird, das traditionell lebt, eine so hohe Rate an AIDS-Fällen hat.

Kotkins Überblick über die ehemaligen sowjetischen Kolonien – die Ukraine, Moldawien, die zentralasiatischen und kaukasischen Republiken usw. – ist haarsträubend. Grundsätzliche Merkmale der Landschaft dort sind schlimmster wirtschaftlicher Zusammenbruch, „bandenartige Gewalt unter den Staatsministern“, steigender Islam-Faschismus und die Flucht großer Teile der Bevölkerung. (Ein Drittel der arbeitsfähigen Bevölkerung von Moldawien ist geflohen. Ich habe gerade einen anderen Bericht über dieses unglückliche Land gelesen. Ein beispielhaftes Zitat: „Experten schätzen, dass seit dem Zerfall der Sowjetunion zwischen 200.000 und 400.000 Frauen in die Prostitution verkauft worden sind – vielleicht bis zu zehn Prozent der Bevölkerung.“) Kotkin schreibt wunderbar über diese entsetzliche Lage, die sich über die gesamten südlichen und westlichen Sümpfe der alte UdSSR erstreckt und beleuchtet seinen Bericht mit bemerkenswerten Einzeilern wie: „Die Ukraine hat ihren Staat bekommen und isst ihn auch auf.“

Helen Epsteins Stück über Mosambik erzählt von genauso schlimmen Zuständen. Das grundlegende Problem, entdeckte sie, ist dieses: „Diese Menschen sind so arm…, dass Sex Teil ihrer Wirtschaft geworden ist. In einigen Fällen ist er praktisch die einzige Währung, über die sie verfügen.“ Die Männer sind Monate lang weg um in den südafrikanischen Minen zu arbeiten – wo sie sich, natürlich, mit Prostituierten trösten. Die zurückgelassenen Frauen überleben so gut es geht – oft, indem sie die Geliebte eines der wenigen Männer vor Ort werden, die sich das leisten können. Warum sind sie alle so arm? Weil Mosambik von Korruption, Stammeskriegen und dummer Wirtschaftspolitik zugrundegerichtet worden ist.

Was für eine Welt! Man kann nur eine bestimmte Menge dieses Zeugs lesen, bevor man sich abzuwenden beginnt. Was in aller Welt kann jemand deswegen zu unternehmen hoffen? All die einfachen Erklärungen für die Schrecken, die einen großen Teil unseres Planeten beflecken, sind verbraucht worden. Wir wissen jetzt, dass es weder der Fehler der Kolonisation ist, noch des Neokolonialismus oder des Kapitalismus oder des Sozialismus. Es liegt einfach daran, wie diese Orte sind. Sie können mit der Moderne aus irgendeinem kulturellen Grund nicht umgehen, den wir nicht verstehen und mit dem wir nicht umgehen können.

Das ist der Zusammenhang, in dem ich die Palästinenser sehe. Die Palästinenser sind Araber und die Araber, was auch immer sie an mittelalterlichen Leistungen vollbracht haben (soweit ich das beurteilen kann, bestanden diese Errungenschaften hauptsächlich aus einem Weitergeben – „arabische“ Ziffern z.B. kommen aus Indien), sind politisch hoffnungslose Fälle. Wer kann das widerlegen? Schauen Sie sich die letzten gut 50 Jahre an, seit die Kolonialmächte abzogen. Was haben die Araber erreicht? Was haben sie aufgebaut? Wo in der arabischen Welt gibt es die Spur oder einen Funken von Demokratie? Von einer Verfassung? Von Gesetzen, die unabhängig von den Launen des Herrschers sind? Frei von Nachforschungen? Von öffentlicher Diskussion? Wo in unserem Haushalt gibt es einen Gegenstand, auf dem „Made in Syria“ steht? Araber können individuell sehr charmant und fähig sein und in freien Gesellschaften wie den USA gute Leistungen bringen. Es gibt mindestens zwei Nobelpreise der jüngeren Vergangenheit, die mit arabischen Namen verbunden sind. Kollektiv aber, als Nationen, sind die Araber ohne Hoffnung.

All das trifft auf die Palästinenser zu. Ich habe einige meiner prägenden Jahre in Hong Kong verbracht – einem öden Felsen mit Null natürlichen Ressourcen, unter fremder Besatzung, bis an den Rand gefüllt mit Flüchtlingen vor der Mao-Tyrannei. Die Menschen dort logierten nicht in UNRWA-Lagern oder machten Selbstmord-Abstecher zur Villa des Gouverneurs. Sie handelten, bauten, spekulierten, stellten Dinge her, arbeiteten – mit dem Ergebnis, dass Hong Kong heute eine glitzernde, moderne Stadt ist, gefüllt mit gut angezogenen, gut ausgebildeten, gut genährten Menschen, die stolz auf das sind, was sie gemeinsam erreicht haben und mit einem höheren Lebensstandard als die Briten ihn haben. Wenn, nach den Oslo-Vereinbarungen – oder auch in den 20 Jahren der jordanischen Besatzung – die Palästinenser diesen Weg eingeschlagen hätten, ihre Fantasien von Rache und Massaker beiseitegeschoben hätten und sich statt dessen auf den Aufbau von etwas konzentriert hätten, das es Wert ist, es zu haben, dann könnte ich Respekt vor ihnen haben. So, wie es ist, habe ich den nicht.

Das einzig halbwegs Sympathische, das ich über die Palästinensern sagen kann, ist, dass die UNRWA mit Sicherheit ein Teil des Problems gewesen ist. Wenn man auf die Internetseite der UNRWA geht, wird man erkennen, wie stolz sie sind, die palästinensischen Flüchtlinge seit 1948 mit Lebensmitteln versorgt, sie eingekleidet, ihnen ein Dach über dem Kopf, sie ausgebildet und versorgt zu haben… dann ihre Kinder… und ihre Enkelkinder. Die Zahl der Menschen, für die die UNRWA sorgt, ist von 600.000 im Jahre 1948 auf heute fast 4 Millionen angestiegen. Wie ich das verstehe, ist der Hauptimpuls einer Bürokratie und besonders einer Wohlfahrts-Bürokratie die Konsolidierung und Ausdehnung ihres Geltungsbereichs sowie eine ständiger Anstieg der Zahl ihrer „Kunden“; aber das ist unsinnig. Die guten Menschen von Hong Kong sollten jeden Abend auf Knien ihrem Gott danken, dass es in der Kolonie 1949 keine UNRWA gab. Da fällt mir ein: Dasselbe sollten die deutschen und osteuropäischen Flüchtlinge tun, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Westeuropa strömten. (Ich habe irgendwo die Zahl von 14 Millionen gesehen – die Sudetendeutschen allein waren 3 Millionen. Wo sind die Geschwüre, die man Lager nennt? Wo sind die Selbstmord-Bomber?)

Auch wenn ihr Leben nicht durch die Versorgung einer riesigen Wohlfahrts-Bürokratie vergiftet worden wäre, bezweifle ich, dass die Palästinenser sich zusammengerissen hätten. Keiner der Araber hat das gemacht. Wo immer man sich in der arabischen Welt umsieht, findet man Elend, Despotismus, Grausamkeit und Hoffnungslosigkeit. Politisch ist das Beste, das ihnen gelungen ist, die Art lateinamerikanischer Ein-Parteien-Kleptokratie in Ägypten und Jordanien. Das sind die Spitzen der politischen Erfolge der Araber in ihrer Unabhängigkeit, unter Regierung des eigenen Volks. Die Norm ist schlichtweg Gangstertum mit Banditen wie Assad, Gaddafi oder Saddam am Ruder. Es scheint nichts mit der Religion zu tun zu haben: die säkularen Staaten (Irak, Syrien) sind genauso schrecklich wie die religiösen wie Saudi Arabien. Für diese Leute gibt es keine Hoffnung. Wir sollen alle die Idee eines palästinensischen Staates unterstützen. Warum? Wir wissen ganz genau, wie das aussehen würde. Warum sollten wir uns einen weiteren Banditen-Willkürstaat wünschen, der der arabischen Sammlung der Beschämungen hinzu gefügt wird und sich damit beschäftigt Terroristen herzustellen, die hierher kommen und Amerikaner in ihren Büros abschlachten? Ich will keinen Palästinenserstaat haben. Ich denke, ich wäre verrückt, wenn ich das wollte.

Was sind eigentlich die möglichen Szenarien der palästinensischen Zukunft? Ich denke, das erschöpft sich in der folgenden Liste:

  1. Ein unabhängiger Staat unter Arafat oder einem gleichwertigen Gauner.
    2. Militärische Besatzung durch Israel.
    3. Rückeingliederung in eine jordanisch-palästinensische Nation.
    4. Eine Art UN-Treuhänderschaft.
    5. Ausweisung aus der Westbank und Gaza, die dann nach Israel eingegliedert werden.

Der erste Punkt ist das, was alle wollen sollen. Wie ich bereits angedeutet habe, möchte ich das nicht. Und ich kann auch nicht begreifen, warum das sonst jemand sollte. Außer den Palästinensern, denke ich: Wenn sie sich danach sehnen, von unmoralischen Ganoven regiert zu werden (was sie nach Umfragen anscheinend tun), dann, denke ich, haben sie ein theoretisches Recht, ihre Wünsche erfüllt zu bekommen – aber warum sollte der Rest von uns angesichts der Gefahren, denen uns das aussetzt, erlauben, dass das passiert? Der zweite Punkt könnte eine Zeit lang funktionieren, aber die Israelis würden über kurz oder lang die Nase davon voll haben und dann würden wir zu einer der übrigen Möglichkeiten übergehen. Punkt 3 würde uns auf die Pseudo-Stabilität von vor 1967 zurückwerfen, ist aber bei den Jordaniern äußerst unbeliebt – und schauen Sie sich an, was 1967 passierte! Bei Punkt 4 läuft den UNRWA-Bürokraten unzweifelhaft der Speichel, aber wie bei Punkt 1 kann man kaum etwas erkennen, das dem Rest der Welt etwas nützt. Stecken wir nicht schon genug Geld an Wohlfahrtszahlungen für unsere eigenen Leute?

Was dann nur Punkt 5 übrig lässt: Ausweisung. Ich beginne zu glauben, dass dies die beste Option ist. Ich bin dabei auch nicht der Einzige. Da gibt es Dick Armey, republikanischer Führer im Repräsentantenhaus, mit dem Chris Matthews in „Hardball“ sprach:

MATTHEWS: Gut, nur zur Wiederholung: Sie glauben, dass die Palästinenser, die jetzt in der Westbank leben, von dort weggehen sollten?

ARMEY: Ja.

Wenn ich von der „besten Option“ rede, dann meine ich nicht „die beste für die Palästinenser“. Ich glaube nicht, dass sie irgendwelche guten Optionen haben. Als Araber sind sie nicht in der Lage eine rationale Politik zu gestalten; ihre Zukunft ist also vermutlich hoffnungslos, egal, was passiert. Ihre Optionen sind die, die ich oben angeführt habe: von Gangstern regiert zu werden, von Israelis oder Jordaniern oder von Wohlfahrts-Bürokraten. Oder woanders zu leben, unter der gütigen Herrschaft ihrer arabischen Brüder. Würde die Ausweisung für die Palästinenser hart sein? Ich denke, das würde sie. Würde sie härter sein als die Optionen 1 bis 4? Das bezweifle ich. Gebe ich ein fliegendes Falafel für die eine oder andere Möglichkeit? Nein, nicht wirklich.