Was für die Griechen gut ist, …

Barry Shaw, Facebook, 18. Februar 2017

Die Europäer sind führend dabei gegen die Entwicklung jüdischer Gemeinden in Judäa und Samaria (Westbank) zu protestieren; dazu machen sie geltend, dass einiges von dem Land das Eigentum von nicht identifizierten abwesenden Landbesitzern von leerem Brachland ist.

Es gibt jedoch einen gewichtigen, von den Europäern selbst gesetzten Präzedenzfall, der ihrer Haltung gegen Israel widerspricht.

Im März 2000 veröffentlichte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ein Urteil im Fall von abwesenden griechisch-zypriotischen Landbesitzern, die 1974 vor der türkisch-muslimischen Invasion Zyperns flohen.

In diesem Fall entschieden sie: „Da 35 Jahre vergangen sind, seit die Antragsteller ihre Grundstücke verließen, ob aufgrund von Gewalt oder freiwillig, haben sie keinen Anspruch darauf auf ihre Grundstücke zurückzukehren, sondern sie haben Anspruch auf finanzielle Entschädigung.“

Was für die griechischen Zyprioten gut ist, ist ja wohl auch gut für abwesende Araber.

Europäische Sozialisten – Hassprediger gegen Israel

ManfredGerstenfeldManfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Jahrzehnte lang haben viele europäische sozialdemokratische Mainstream-Parteien die Verbreitung von extrem antiisraelischem Hass betrieben. Das israelische Außenamt ist, beginnend vor etwas mehr als einem Jahr, endlich nicht mehr bereit die schwedische Außenministerin Margot Wallström zu empfangen.[1] Diese Sozialdemokratin hat eine Untersuchung dessen gefordert, was sie bei ihren Attacken Israels „außergerichtliche Tötung“ von Terroristen nannte. Das Simon Wiesenthal Center setzte sie 2016 auf die Liste der Hauptbefürworter antisemitischer und antiisraelischer Vorfälle, weil sie keinerlei Interesse an Ermittlungen zum palästinensischen Terrorismus gezeigt hatte.[2]

Diese extrem antiisraelische Hetze europäischer führender Sozialdemokraten geht viele Jahre zurück. Drei von ihnen haben Israels Tun mit dem der Nazis auf eine Stufe gestellt – der schwedische Premierminister Olof Palme,[3] der französische Präsident François Mitterand,[4] und der griechische Premierminister Andreas Papandreou.[5]

2004 nannte der ehemalige französische Premierminister Michel Rocard bei einem Vortrag in Alexandria die Balfour-Erklärung einen „historischen Fehler“.[6] Benoît Hamon, der sozialistische Kandidat für die anstehenden französischen Präsidentschaftswahlen, hat die Anerkennung des nicht existenten Staats Palästina im französischen Parlament initiiert. Er hat das damit gerechtfertigt, dass dies ein guter Weg sei, französisch-muslimische Wähler für die sozialistische Partei zurückzugewinnen, die ihr während der Präsidentschaft Hollandes verloren gingen.[7]

In der britischen Labor Party hat es einen Ausbrach von Antisemitismus und antiisraelischem Hass gegeben, seit Jeremy Corbyn 2015 ihr Parteichef wurde. Der Innenausschuss des Unterhauses war diesem Anstieg des Antisemitismus bei Labour höchst kritisch gegenüber und sagte, Corbyn habe nicht genug getan, um ihn zu bekämpfen.[8]

Während Israels Operation „Fels in der Brandung“ 2014 schrieb John Prescott, ein ehemaliger britischer stellvertretender Premierminister der Labour Party, eine Kolumne, in der er Israel verdammte. Seine Worte: „Vergleichen Sie das mit dem Blutzoll im Gazastreifen. Von den mehr als tausend Toten waren mehr als 80 Prozent Zivilisten, zumeist Frauen und Kinder. Aber wer kann schon sagen, ob einige der übrigen 20 Prozent nicht auch unschuldig waren? Israel brandmarkt sie als Terroristen, aber es handelt als Richter, Jury und Henker in dem Konzentrationslager, das der Gazastreifen ist.“ Er fügte an: „Was dem jüdischen Volk durch die Nazis geschah, ist entsetzlich. Aber man sollte glauben, diese Gräueltaten würden den Israelis ein einzigartiges Gefühl für Perspektive und Empathie mit den Opfern eines Ghettos geben.“[9]

Nach den nächsten norwegischen Wahlen im September diesen Jahres könnte Jonas Gahr Støre, der Parteichef der Arbeitspartei, Premierminister von Norwegen werden. Zwei norwegische Hamas-Anhänger, Mads Gilbert und Erik Fosse, schrieben ein Buch, in dem sie eine moderne Version des Ritualmordvorwurfs entwickelten; sie behaupteten, während des israelischen Feldzugs ging Israel in den Gazastreifen um Frauen und Kinder zu töten. Støre schrieb einen Kommentar für die Rückseite dieses Buchs, in dem er die Autoren für ihre Arbeit während ihres Aufenthalts im Gazastreifen lobte.[10]

Viele Jahre lang war der Sozialist Erkki Tuomioja Außenminister von Finnland. Am Beginn dieses seJahrhunderts verglich er Israels Verteidigungsmaßnahmen mit der Verfolgung der europäischen Juden durch die Nazis.[11] 2002 verwies der parlamentarische Sprecher der griechischen Sozialisten, Apostolos Kaklamanis auf den israelischen „Völkermord“ an den Palästinensern, woraufhin Regierungssprecher Christos Protopapas sagte, er habe die Gefühle des Parlaments und des griechischen Volks zum Ausdruck gebracht.[12]

2001 wurde der israelische Tourismusminister Rehavam Ze’evi von palästinensischen Terroristen ermordet. Der dänische Außenminister Mogens Lykketoft, der später Parteichef der dänischen Sozialistischen Partei werden sollte, sagte im Fernsehen, es gäbe keinen Unterschied zwischen diesem Mord und dass Israel auf Zivilisten schießt.[13]

Die niederländische Arbeitspartei hatte 2016 den Erfolg, dass im Parlament einen Antrag verabschiedet wurde, mit dem Sanktionen gegen Israel verhängt werden, wenn es keine ernsthaften Friedensverhandlungen mit den Palästinensern beginnt. Der niederländische Außenminister Bert Koenders behauptet seine Regierung sei gegen BDS. In Wahrheit subventioniert die niederländische Regierung NGOs, die BDS unterstützen.[14] Die belgische sozialistische Europaabgeordnete Veronique de Keyser hat gesagt, dass sie Israels Botschafter „erwürgen“ würde, wenn er käme um über Israels Sicherheit zu sprechen.[15] Nach „Fels in der Brandung“ griff Willy Claes, der sozialistische ehemalige Generalsekretär der NATO, Israel an. Er sagte: „Israel muss erkennen, dass der enorme historische Kredit, den das Judentum nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut hat, jetzt aufgebraucht ist.“[16]

2002 sagte Franco Cavalin, damals Fraktionsvorsitzender der schweizerischen Sozialdemokraten, dass Israel „sehr gezielt ein gesamtes Volk massakriert“ und „die systematische Auslöschung der Palästinenser“ betreibt.[17]

Einige der extremsten antiisraelischen Sozialdemokraten sind Juden. Der Haupthetzer gegen Israel in der niederländischen Arbeitspartei ist der Abgeordnete Michiel Servaes. Der verstorbene österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky von den Sozialdemokraten sagte über die Juden: „Wenn sie ein Volk sind, so ist es ein mieses Volk.“[18] Dieser Selbsthasser war ein Pionier der Verleumdung Israels als „semifaschistischer“ und „Apartheidstaat“. Er nannte Israel zudem „undemokratisch“ und „militaristisch“.[19]

Das oben Beschriebene ist nur eine kleine Auswahl des Schürens von antisemitischem Hass, der in elf westeuropäischen sozialdemokratischen Parteien auftritt. In mehreren Ländern ist dieser Trend der Attacken auf Israel ein Mittel der Sozialisten um muslimische Wähler zu gewinnen, ohne ihnen etwas Konkretes zu bieten. Darüber hinaus geben die Sozialisten auf der Seite des Underdogs zu sein, zu dem viele von ihnen auch die Terroristen zählen. Diese Haltung kann nur über extreme intellektuelle Unredlichkeit beibehalten werden: durch wissentliches Verschließen der Augen vor der Aufstachelung zum Völkermord an Juden durch die größte Palästinenserpartei, die Hamas, sowie die Glorifizierung von Gewalt durch die andere bedeutende Partei, die Fatah.

[1] http://www.haaretz.com/israel-news/.premium-1.758613

[2] http://www.wiesenthal.com/atf/cf/%7B54d385e6-f1b9-4e9f-8e94-890c3e6dd277%7D/TT_2016REPORT.PDF

[3] Per Ahlmark. Palme’s Legacy 15 Years On. Project Syndicate, Februar 2001.

[4] http://www.nytimes.com/1982/08/11/world/begin-hints-that-mitterrand-remark-paved-way-for-terrorists-attack.html

[5] Moses Altsech (Daniel Perdurant, pseud.): Anti-Semitism in Contemporary Greek Society. Analysis of Current Trends in Anti-Semitism, 7. Jerusalem (Hebrew University) 1995, S. 10.

[6] http://www.israelnationalnews.com/News/News.aspx/64343

[7] http://www.lemondejuif.info/2016/05/lantisioniste-benoit-hamon-attaque-israel-valls-cede-face-a-gouvernement-israelien-conservateur/

[8] http://www.publications.parliament.uk/pa/cm201617/cmselect/cmhaff/136/136.pdf

[9] John Prescott: Israel’s bombardment of Gaza is a war crime – and it must end. The Mirror, 26. Juli 2014.

[10] http://sicsa.huji.ac.il/pdf/ACTA37.pdf

[11] Efraim Karsh: European Misreading of the Israeli-Palestinian Conflict: Finnish Foreign Minister Tuomioja – A Case Study. Jerusalem Issue Brief, 27; 12. Juli 2005.

[12] Antisemitism Worldwide, 2002-3. Stephen Roth Institute for the Study of Contemporary Anti-Semitism and Racism, Tel Aviv University, 2004.

[13] Herb Keinon: Danish FM: Ze’evi Murder Same as Targeted Killings. Jerusalem Post, 19. Oktober 2001.

[14] http://www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/19105

[15] http://www.israelnationalnews.com/News/News.aspx/122304

[16] Walter Pauli: Israël moet beseffen dat reusachtige historische WOII-krediet stilaan is uitgeput. Knack, 6. August 2014.

[17] Israel-Kritik oder Antisemitismus? Neue Zürcher Zeitung, 26. April 2002.

[18] Robert S. Wistrich: From Ambivalence to Betrayal: The Left, the Jews, and Israel. Lincoln (University of Nebraska Press) 2012, S. 496.

[19] ebenda

Israels Moral und die Kurzsichtigkeit der Welt

Daniel Gordis, AJC 7. Dezember 2004

Jedes Diskussion um die Art und Weise, wie Israel den bewaffneten Konflikt mit den Palästinensern in den letzten Jahren geführt hat, verlangt zu allererst Klarheit über die Natur des Konflikts und was auf dem Spiel steht. Israel befindet sich im Krieg – nicht gegen „Militante“ oder gegen solche, die das palästinensische Volk „befreien“ wollen. Israel befindet sich in einem Krieg um sein Überleben, gegen gut bewaffnete und zunehmend gut ausgebildete, hoch disziplinierte Gruppen von Terroristen, die ihre Ziele offen verkünden. Ihr Plan ist nicht die Befreiung der „Gebiete“, die im Juni 1967 in einem Krieg erobert wurden, den Israel nicht wollte. Ihr Ziel, wie Hamas und Hisbollah (und andere) frei verkündetn, ist die Auslöschung des „zionistischen Gebildes“ von da, wo ihrer Vorstellung nach ein ausschließlich muslimischer Naher Osten sein sollte.

Das sind nicht die Tschtschenen gegen Russland. Alles, was die Tschetschenen wollen, ist Unabhängigkeit. Würde ihnen die gewährt, gibt es allen Grund zu erwarten, dass der tschetschenische Terror gegen Wladimir Putins Russland aufhören würde. Dasselbe gilt für die Basken in Spanien. Aber nicht so im Fall von Israel. Die einzige Möglichkeit, dass Israel dem Versuch der Terroristen, jeglichen Anschein von Normalität für das israelische Leben zu zerstören, aufhört, wäre, dass es aufhört zu existieren. Die Israelis begreifen das und willen sehr gut, dass jedes andere Land, das um seine pure Existenz kämpft, darüber erbost sein würde, wenn man es so beurteilt wie Israel, insbesondere von Europa, in den letzten vier Jahren beurteilt wird.

Wie dieser Krieg begann

Die Israelis erinnern sich auch daran, wann dieser Krieg begann – unmittelbar, nachdem Ehud Barak Yassir Arafat aufforderte Farbe zu bekennen. Barak bot dem palästinensischen Volk den Staat und die Unabhängigkeit an, von der sie immer sagten, dass ihre Jahrzehnte dauernde Terror-Kampagne sie ihnen bringen sollte. Aber bei Baraks Vereinbarung hätte Israel weiterhin existiert. Und das konnte Arafat letztlich nicht ertragen. Also versuchten er und eine Vielzahl lose dazu gehörende Terror-Organisationen, zu denen nicht nur Hamas, Islamischer Jihad, Hisbollah, Fatah, Force 17 und die Al Aksa-Märtyrerbrigaden gehören, Israel in die Knie zu zwingen, indem sie die gesamte Bevölkerung in die Unterwerfung ängstigen.

Es wird absurderweise immer noch gesagt, dass Arafat das Paket von Camp David nicht unterschreiben konnte, weil Baraks Angebot nicht gut genug war. Die Westbank, so einige, wäre in drei Kantone geteilt worden, zwischen denen Israel die Kontrolle des Verkehr weiter behalten hätte. Vielleicht. Das Bild ist nicht klar. Aber lassen Sie uns annehmen, dass die Behauptung stimmt und dass Arafat ehrlich eine Vereinbarung gewollt hätte. Das effektivste, das er hätte machen können, wäre gewesen, den Zehntausenden von Palästinensern, die damals das Recht hatten nach Israel einzureisen, zu sagen, sie sollten sich auf die Autobahnen Jerusalem – Tel Aviv und Tel Aviv – Haifa setzen. Er hätte CNN einladen können, deren Anwesenheit es der IDF unmöglich gemacht hätte, die Menge mit Gewalt auseinander zu treiben. Und Arafat hätte die Landkarte von Baraks Vorschlag auf die zweite Seite der New York Times bringen könnten, um der Welt zu zeigen, dass er nicht unterschreiben konnte. Israel wäre gezwungen gewesen nachzugeben und die Karte wäre geändert worden.

Wir werden den Frieden nicht mehr erleben

Aber das stand nicht in Arafats Planung. Daher verstehen die meisten Israelis heute, dass es keinen Frieden geben wird. Nicht zu unseren Lebzeiten und wahrscheinlich nicht zu Lebzeiten unserer Kinder. Es mag eine Einstellung der Feindseligkeiten geben – einige Jahre mit mehr, andere mit weniger Gewalt – aber wir wissen nun, dass hier zu leben bedeutet, dass wir in einem Zustand des dauerhaften Krieges leben und unsere Kinder in diesem aufziehen. Dieser Satz, dieses „Schicksal“ hat Schmerz, Verzweiflung, Traurigkeit und sogar Hass in der israelischen Gesellschaft geschaffen. Und angesichts dieser Verzweiflung und dem zurückgewiesenen Angebot ist es bemerkenswert, welche Zurückhaltung Israel geübt hat. Wer sonst würde, angesichts des Wissens, dass, egal, was wir tun, wir uns immer im Krieg befinden werden, solche Zurückhaltung üben?

Die Welt ignoriert die israelische Zurückhaltung

Die Welt ignorierte natürlich diese Zurückhaltung. Sie richtet sich nicht auf amerikanische Takitik in Afghanistan oder dem Irak oder den Krieg der Russen in Tschetschenien oder die Gräueltaten im Sudan. Statt dessen konzentriert sie sich auf die Fehler, die zugegebenermaßen von Israel gemacht worden sind. Das Verhalten einer kleinen Minderheit unter den Soldaten an Straßensperren ist verurteilenswert gewesen (und juristische Schritte gegen viele von ihnen sind eingeleitet). Die Beschlagnahmung arabischer Häuser durch Truppen ist fraglos abscheulich, wenn auch manchmal unvermeidbar. Unschuldige Palästinenser, darunter Kinder, sind ins Kreuzfeuer geraten und israelische Truppen sind manchmal unvorsichtig und gelegentlich gehässig gewesen. Die Israelis wissen das und die meisten sind davon peinlich berührt.

Aber dass die Terroristen sich entschlossen haben zivile Stadtviertel zu ihren Operationsbasen zu machen, wird selten erwähnt. Niemand hat es gewagt, den Israelis „Auge-in-Auge“-Taktiken zu benutzen, bei denen Busse oder Hochzeitsgesellschaften oder Restaurants gesprengt werden, denn solche Vorwürfe wären lächerlich. Als Terroristen in die Geburtskirche in Bethlehem flogen, umringten israelische Truppen die Kirche, stürmten sie aber nicht. Vergleichen Sie das mit dem Umgang der Amerikaner mit Moscheen in Nadschaf oder Falludscha, als ihre Geduld mit Moqtada Al-Sadr zu Ende ging, oder was gemacht worden wäre, hätten Juden sich in einer Kirche oder Synagoge versteckt und die Palästinenser hätten sie verfolgt. All das entgeht dem kritischen Auge des wachsamen Westens.

Ebenso ist es mit der ständigen Entschlossenheit der IDF es besser zu machen. Der erfolglose Versuch vom September 2002 den Hamaschef Ahmed Yassin zu töten, den Yossi Klein-Halevi in seinem Teil dieser Serie diskutierte, hat eine Geschichte. Israel verwendete eine 500kg-Bomber, weil es anerkannte, dass es bei der Tötung von Hamas-Chef Saleh Schehadeh zwei Monate früher einen Fehler gemacht hatte. Damals benutzte die IDF eine 1000kg-Bombe, die Schehadeh tötete, aber auch vierzehn andere Personen in der Nähe, darunter Kinder. Die Reaktion Israels erfolgte prompt und emotional. Die Israelis waren beschämt und entsetzt. Als Yassin zwei Monate später überlebte, wurde jegliche Enttäuschung darüber, dass überlebte, bei Weitem von einem gewissen Stolz übertroffen, dass wir gelernt hatten, dass wir denselben Fehler nicht noch einmal begingen und dass wir trotz unseres Wunsches Yassin zu töten, den Wert unschuldigen Lebens an die erste Stelle setzten. Wir haben aber auch gemerkt, dass die Welt von dieser geänderten Taktik keine Notiz nahm.

Im April 2002, als Israel Terroristen in die Kasbah von Jenin verfolgte, machten wir das am Boden, in Kämpfen von Haus zu Haus, um zu vermeiden, dass unnötige Opfer auf palästinensischer Seite entstanden. An einem Tag wurden vierzehn unserer Soldaten getötet. Aber die Welt – statt auf die Unterschiede zwischen Israels Umgang mit der Schlacht und dem, was andernorts geschehen wäre aufzuzeigen – beschuldigte Israel ein Massaker angerichtet zu haben. Europäische Zeitungen berichteten das Massaker als Tatsache, nicht als Vorwurf. Kofi Annan, wegen Israels Dementis befragt, antwortete: „Kann Israel Recht haben und die ganze Welt Unrecht?“ Aber als eine UNO-Untersuchung belegte, dass es kein Massaker gegeben hatte und dass Israel Recht hatte, entschuldigte Annan sich? Nicht mit einem einzigen Wort. Druckten die europäischen Zeitungen Gegendarstellungen? Im Großen und Ganzen machten sie das nicht.

Kurzsichtigkeit beim Trennzaun

Die Kurzsichtigkeit der Urteile der Welt zu Israels Moralität wird am offensichtlichsten beim derzeit im Bau befindlichen Trennzaun. Wie die israelische Rechte es richtig begreift, ist der Zaun eine faktische Möglichkeit Land abzugeben. Wenn der Zaun gebaut würde und funktionierte, dann gäbe es keine Notwendigkeit, dass die israelischen Streitkräfte hinüber gehen und im täglichen Leben der Palästinenser präsent sind. Er würde natürlich auch den Terror dramatisch verringern. Aber die Welt, die komplett die palästinensische Desinformationskampagne kauft, die den Bau des Zauns unmöglich machen soll, spricht vom „Apartheid-Zaun“, statt von den Anschlägen, die zu seinem Bau führten oder von der Verringerung israelischer Militär-Präsenz, die er einläutet.

Warum sind die Palästinenser überhaupt gegen den Zaun? Weil der Zaun den Konflikt ziemlich beenden würde (obwohl die Qassam-Raketenangriffe andeuten, dass der Zaun keine vollständige Lösung sein wird). Und wie wir wissen ist das Ende des Konflikts das Letzte, was die Palästinenser wollen.

Der Zaun hat bei den Palästinensern unzweifelhaft Belastungen verursacht. Einige davon sind unvermeidbar angesichts der Art und Weise, in der die zwei Bevölkerungen in der Westbank und um Ostjerusalem ineinander verwoben sind. Und einige Teile des Verlaufs waren schlecht geplant. Aber vergleichen sie die Entscheidung des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag mit dem des israelischen Obersten Gerichts. Der ICJ verlangte, dass Israel die Mauer als Ganzes entfernt. Israels Oberstes Gericht entschied, dass der Zaun prinzipiell rechtens ist und stimmte mit der Armee überein, dass sein Sinn die Sicherheit ist, kein Versuch palästinensisches Land zu stehlen. Aber trotzdem verlangte das Gericht, dass Teile des Zauns verlegt würden, um den Belastungen für die palästinensische Bevölkerung entgegen zu kommen.

Der Gerichtshof der internationalen Meinung jedoch scheint das außergewöhnliche Phänomen nicht bemerkt zu haben, dass der Gerichtshof eines Landes, das sich im Krieg befindet, zu Gunsten der Bevölkerung urteilte, die dieses Land vernichten will. Außen stehende Beobachter schrieben, dass „selbst das israelische Oberste Gericht sagt, dass der Zaun unmoralisch ist“. Dabei war genau das Gegenteil der Fall. Selbst unter Kriegsbedingungen, Bedingungen, die sich wohl nicht so bald ändern werden, funktioniert Israels demokratischer Apparat weiter, bis hin zum Schutz der Interessen derer, die gegen das Land Krieg führen, in dem das Gericht seinen Sitz hat. Auch hier stellt Israel die Interessen von unschuldigen (oder auch nicht so unschuldigen) Zivilisten über die eigenen Sicherheitsinteressen. Und auch das wurde von der Welt ignoriert.

Israels intensive Diskussion um die Führung des Krieges

Dieser demokratische Ethos der israelischen Gesellschaft deutet auf noch eine weitere einzigartige Dimension des Konflikts. Es könnte keinen radikaleren Unterschied zwischen Israel und der radikaleren Unterschied zwischen Israel und der Palästinensischen Autonomiebehörde geben, die gegen den jüdischen Staat Krieg führt: Israel ist ein Land, in dem eine intensive und offene Debatte darüber geführt wird, wie die Bedürfnisse nach Sicherheit mit jüdischen Werten weiter geführt wird. Trotz meiner eigenen Ansicht, dass alles in allem unsere Kriegsführung zurückhaltend gewesen ist, stimmt nicht jeder Israeli dem zu. Einige junge israelische Männer haben sich geweigert, jenseits der Grünen Linie zu dienen und vor Kurzem wurde ihre Militärdienst abgebrochen, ohne weitere ernsthafte Folgen. Eine Gruppe Piloten, über die viel publiziert wurde, verkündete, sie würde nicht länger gewissen Missionen fliegen, die sie als moralisch problematisch ansahen. Wenn man die Autobahnen Israels entlang fährt, kann man oft Demonstranten sehen, die Zeichen hochhalten, auf denen „hayalim amitzim lo maftzitzim“ steht („mutige Piloten, werft keine Bomben“). Ob man ihre Meinung teilt oder nicht, wir haben ein Recht stolz auf eine Demokratie zu sein, in der solche Fragen offen diskutiert werden, wo die Pressefreiheit regiert, wo die talmudische Tradition praktisch unbegrenzter Debatten über moralische Fragen weiter geht.

Wo sind die Palästinenser, die in ihren Straßen wegen der Beendigung der Bombenanschläge diskutieren, über die Qassam-Raketen, die Schießereien, damit ihr Leben zur Normalität zurückgeführt werden kann? Wegen des Sicherheitszauns sieht man hunderte von Graffitis, die Israel einer Apartheids-Politik beschuldigen, verlangen, dass der Zaun entfernt wird. Aber wo sind die Graffitis, die ein Ende des Terrors fordern, der den Zaun erst hat entstehen lassen? Oder die Graffitis, die anmerken, dass, wenn nur Arafat weiter verhandelt hätte, nichts davon passiert wäre? Diese Stimme ist leider nicht zu hören.

Während ich das schreibe führt Ariel Scharon einen Versuch an, dass Israel sich aus dem Gazastreifen und einer Hand voll Siedlungen in der Westbank zurückzieht. Und was war die Reaktion aus Gaza? Ein Hagel von Qassam-Raketen, der israelische Kinder töteten und ganze israelische Städte in Angst versetzte, alles dazu gedacht den Rückzug unmöglich zu machen. Denn der Rückzug aus Gaza würde der Welt zeigen, dass Israel nicht daran interessiert ist, für immer an diesen Gebieten festzuhalten; die Palästinenser sind verzweifelt daran interessiert, dass die Welt das nicht zu sehen bekommt. Denn der Rückzug aus Gaza würde Israel eine besser zu verteidigende Front verschaffen, was die Palästinenser nicht wollen. Und weil ein Rückzug aus Gaza die Menschen in Gaza zwingen würde anzuerkennen, dass ihre Armut und ihr Leid nicht das Ergebnis israelischer Politik sind, sondern der israelischen Eroberung des Landes von 1967 voraus gingen und ihr ebenso folgen werden.

Wie antwortete Israel auf den Qassam-Hagel? Mit der Operation „Tage der Reue“ im Oktober 2004 – wieder am Boden, wieder mit Gefallenen – und nicht aus der Luft, was sicherer gewesen wäre, was aber unzweifelhaft mehr Kollateralschäden verursacht hätte.

Trotz der großen Komplexität des israelisch-arabischen Konflikts im Allgemeinen und der derzeitigen Konflikts mit den Palästinensern im Besonderen, sind einige Grundfakten klar: Israel versuchte einen palästinensischen Staat zu schaffen. Als diesem Angebot mit einem Terrorkrieg begegnet wurde, versuchte Israel einen Zaun zu bauen, der die Terroristen auf der einen Seite und die Soldaten auf der anderen Seite hielt. Als der Zaun als „Apartheidzaun“ behandelt wurde, versuchte Israel sich aus dem Gazastreifen zurückzuziehen, was die Palästinenser unmöglich zu machen versuchen. Die Welt nennt Israel rassistisch, aber die einzige Bevölkerung, die Scharon umzusiedeln versucht, ist die jüdische Bevölkerung von Gaza, nicht die Dörfer, die offen Terroristen beherbergen und unsere Kinder umzubringen versuchen. Und all das ereignet sich im Kontext einer demokratischen Gesellschaft, die – in Fortsetzung tausender Jahre jüdischer Tradition – leidenschaftlich darüber streitet, ob unsere Antworten zu drakonisch gewesen sind oder zu unzureichend die Palästinenser bedacht haben (einige davon ja, andere nicht), die traurigerweise im Kreuzfeuer einer Tragödie gefangen wurden, die von ihren eigenen Führern losgetreten wurde.

Israels moralischer Kampf gegen den Terror

Yossi Klein Halevi argumentiert, dass Israels Sieg in diesem Krieg gegen den Terror eines Tages als einer der größten Siege der jüdischen Geschichte angesehen werden könnte. Das mag durchaus stimmen. Aber Israels Führung dieses Krieges wird, den Verdacht habe ich, ebenfalls als eine der moralischsten Kämpfe gegen den Terror angesehen werden, einem krank machenden Phänomen, das durchaus die westliche Welt über die nächsten Jahre in immer größerem Ausmaß ergreifen könnte.

Unglücklicherweise ist Israel oft ein Barometer dessen, wem sich die westliche Welt demnächst gegenüber sehen wird. Als Israel 1981 den irakischen Atomreaktor zerstörte, war die Verurteilung praktisch universal. Heute weiß die westliche Welt, dass Israel sie vor einem Desaster bewahrt haben dürfte. Dasselbe gilt für den Kampf gegen den islamischen Terror. So wie der Kampf sich ausweitet und Westler in Großbritannien, Frankreich, Spanien und den USA mehr und mehr Terror aus erster Hand erleben, wird die Welt dazu kommen, die Zurückhaltung und innere Stärke zu bewundern, mit der Israel um sein Leben gekämpft hat. Letztendlich, glaube ich, wird Israels Führung dieses Krieges – mit all ihren Fehlern und Schwächen – ein Modell sein, nach dem große Teile der derzeit kritischen Welt eines Tages vorzugehen versuchen wird.

Inakzeptabel. Ungerecht.

Daniel Gordis, 28. März 2004

Vor ein paar Jahren nahm unser Büro die Dienste eines neuen Fahrers in Anspruch. Der vorherige, stellte sich heraus, konnte vom Fahren nicht mehr leben, als die Touristen das Land im Stich ließen, und ging in die USA. Meine Sekretärin erzählte mir von Schlomo, dem neuen Fahrer, unmittelbar bevor ich von ihm für die Fahrt zu einem Meeting abgeholt wurde; ich dachte mir angesichts der Neuigkeit nicht viel.

Ich stieg in den Mietwagen, setzte ich auf die Rückbank, stellte mich Schlomo vor (der Mitte fünfzig zu sein schien) und sagte ihm, wohin ich wollte. Wir machten uns auf den Weg; während wir durch die Stadt fuhren, fiel mir ein Foto auf dem Armaturenbrett auf. Eine junge Frau, vermutlich in ihren Zwanzigern. Ein nicht formelles Foto in einem Plexiglas-Rahmen, der auf das Armaturenbrett geklebt war. Man sieht solche Dinge nicht oft auf das Armaturenbrett eines luxuriösen Mercedes geklebt, also war ich neugierig. Ich beugte mich ein wenig nach vorne und las die Worte am Fuß des Rahmens. „Limor, HYD.“ Limor – möge Gott ihr Blut rächen.

Jetzt war ich noch neugieriger. Dies würde eindeutig ein sensibles Thema sein, aber wir sind in Israel und Subtilität war nie eine Stärke dieser Gesellschaft. Also fragte ich einfach.

„Ist das Ihre Tochter?“
“Limor. Sie war 27. Und schön.“
“Tut mir leid.“
“Sie wurde im Café Moment getötet.“

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Einen Moment lang sagte ich also nichts; dann fuhr er fort:

“Wissen Sie, man sagt mir immer wieder, dass es mit der Zeit einfacher wird. Ich warte immer noch darauf.“

Er drehte die Lautstärke des Klassikprogramms im Radio ein wenig höher, vielleicht, um die restliche Welt außen vor zu lassen. Ich weiß es nicht. Er schaute starr durch die Windschutzscheibe und ich aus dem Seitenfenster, sicher, dass alles, was ich sagte, absolut abgedroschen klingen würde. Ich war ihm ja erst vor ein paar Minuten zum ersten Mal begegnet. Selbst, wenn ich etwas zu sagen gehabt hätte, war jetzt wohl nicht die richtige Zeit dafür.

Wir haben diesen Fahrer immer noch. Manchmal ist es Schlomo, der mich abholt, aber meistens ist es sein Sohn Nir, auch etwa Mitte zwanzig. Gemeinsam betreiben die beiden den Mietwagen fast rund um die Uhr, so scheint es. Weil die meisten meiner Fahrten zum Flughafen auf den späten Abend fallen ist es gewöhnlich Nir, den ich sehe. Er holt mich auch am Flughafen ab.

Und jedes Mal, wenn wir die Kurven nach Jerusalem hinauf fahren, nimmt er dieselbe Route zu meinem Haus: An den Wolfson-Towers biegen wir links ab mitten hinein nach Rechavia, folgen den engen Straßen, bis der Wagen am – wieder aufgebauten, wieder eröffneten, besser bewachten und vollen – Café Moment vorbei kommt. Manchmal käme man auf anderen Strecken schneller nach Bakk’a, an Tagen, wenn der Verkehr in Rechavia einfach unglaublich ist. Aber er fährt nie anders. Er fährt immer am Moment vorbei. Er sagt nie etwas und ich frage nicht. Limors Bild ist da, sieht uns beide an, fast wie um uns daran zu erinnern, dass wir wirklich keine Eile haben. Was ist schon dabei, wenn der Verkehr in Rechavia ein wenig stärker ist? Die fünf Minuten Unterschied sind nicht so bedeutend, verglichen mit allem, womit er jedes Mal lebt und woran er denkt, wenn er auf sein Armaturenbrett schaut.

Es war Nir, an den ich dachte, als ich am Montagmorgen aufwachte. Das Radio war um Viertel nach sechs angegangen und die Nachrichten brummten im Hintergrund. Ein Hubschrauber. Eine Rakete. Getötet. Es klang wie gewöhnliche Morgennachrichten. Bis ich wach genug war, um den Namen zu erkennen. Scheik Ahmed Yassin. Seltsam, aber ich dachte an Nir. Vor allem anderen. Und ich fragte mich, ob er es schon gehört hatte. Ich fragte mich, wie er sich fühlte, angesichts des Wissens, dass wir den Kerl erwischt hatten, der seine Schwester tötete. Ich frage mich, ob das irgendwie Trost gibt. Ich bezweifle es.

An manchen Dingen muss man nicht zweifeln. Zum Beispiel, ob Yassin den Tod verdiente. Der britische Außenminister Jack Straw kann uns Vorträge darüber halten, die Tötung sei „inakzeptabel, ungerecht“. Mich kümmert das nicht. Denn wenn ich an die Briten denke, dann denke ich immer noch daran, dass die Küste Palästinas für Juden, die vor den Nazis flohen, geschlossen blieb, geschlossen für verzweifelte und verhungernde menschliche Wesen, die weg geschickt wurden, die manchmal gezwungen wurden, in das Europa zurückzukehren, aus dem sie geflohen waren, manchmal in ein noch schlimmeres Schicksal geschickt wurden. Als Brite sollte Straw tatsächlich das eine oder andere zu „inakzeptabel, ungerecht“ wissen.

„Inakzeptabel“, denke ich, ist eine schwache Art Yassins Lebenslauf zu beschreiben. Yassin war kristallklar. In diesem Konflikt geht es nicht um Territorium. Es geht um alles. Es kann kein „zionistisches“ Gebilde im Nahen Osten geben, der ein muslimischer Teil der Welt ist. Es kann keinen Kompromiss geben, keine Verhandlungen. Die Juden müssen weg. Man muss es ihm lassen, er redete Klartext.

Und er war hartnäckig. Unter Yassin war die Hamas in den letzten zwei Jahren verantwortlich für 425 Bombenanschläge, die 377 Tote und 2076 Verletzte zur Folge hatten. „Ungerecht“? Die Pizzeria Sbarro. Das Dolphinarium, voll gepackt mit Teenagern. Das Café Moment. Der Bus der Linie 37. Das Café Hillel. Der Bus der Linie 19. Viele, viele weitere. Und nun der Hafen von Ashdod, ein strategisches Ziel, das letztlich dazu führte, dass das Kabinett die Entscheidung traf ihn loszuwerden und die Hamas wissen zu lassen, dass wir die Nase voll haben. Und dass wir nicht die Absicht haben hier wegzugehen.

Ich kenne nur sehr wenige Israelis, die sich um die „Gerechtigkeit“ der Entscheidung ihn zu töten sorgen. Wenn er den Tod nicht verdient, dann verdient ihn niemand. Und manche Leute verdienen den Tod. Niemand, den ich kenne, verschwendete auch nur eine Träne, dass es ihn nicht mehr gibt. Aber niemand, den ich kenne, ging auf die Straße, um feiernd mit Sturmgewehren in die Luft zu schießen. Niemand verteilte aus Freude über das Ereignis Süßigkeiten an Kinder. Das, wissen die meisten von uns, wäre „inakzeptabel“.

War es klug, Yassin zu töten? Das ist die einzige Frage. Die moralische Rechtfertigung der Tötung ist, meines Erachtens, keine Frage. Was die Weisheit angeht, wer weiß? Ob sie die Hamas letztlich schwächt und es der Palästinensischen Autonomie ermöglicht, die Macht zu übernehmen, wenn wir uns zurückziehen, wie Sharon es nach eigener Aussage plant, bleibt abzuwarten. Was wir in der Zwischenzeit haben ist ein Patt des Schreckens.

Die Hamasführung ihrerseits ist abgetaucht. Abdel Aziz Rantissi, Yassins Nachfolger im Gazastreifen, droht mit noch nicht da gewesenen Vergeltungsschlägen und am Ende der „Befreiung der Heimat“. Die IDF versucht jetzt zweifellos ihn zu erwischen. Es ist anzunehmen, dass Rantissi weiß, dass es nicht viel Sinn macht, langfristig zu planen.

Aber Rantissis Drohungen sind in Israels Städten nicht ungehört verhallt. Die Menschen glauben ihm. Es gibt praktisch überall Kontrollstellen und jetzt wird dort wirklich kontrolliert. Gestern war ich zum Frühstück im Café Hillel, einem weiteren Erinnerungsstück an Yassin. Meine Sekretärin bat mich inständig, woanders hinzugehen. „Essen Sie diese Woche nicht dort“, bat sie. „Das ist keine gute Idee.“ Aber der Punkt ist, dass wir nicht weggehen. Das ist genau das, weshalb Yassin weg musste. Also blieb ich dabei und ging ins Café Hillel.

Das Café ist, wie das „Moment“, vollständig wieder aufgebaut worden und normalerweise prall gefüllt. Es kann schwierig sein einen Tisch zum Frühstücken zu finden. Gestern nicht. Im ganzen Restaurant waren wir zu sechst, dazu die Kellnerin und der sehr aufmerksame Wachmann an der Tür. Auf dem Weg ins Café, als ich dorthin ging, schaute ich in die Busse hinein, die die Emek Refa’im hinunter fuhren – fast leer. Fünf oder zehn Leute in einem Bus mitten im Berufsverkehr.

Als ich schließlich im Büro ankam, erzählte mir ein Kollege: Mittwoch, auf dem Weg nach Hause, klopfte eine ältere Frau an sein Seitenfenster, als er an einem der offenen Märkte Jerusalems vorbei kam. Sie hatte große Taschen mit Lebensmitteln vom Markt, die sie ihm zeigte; sie wohnte nur ein paar Straßen weiter, aber zu weit, um zu Fuß zu gehen. Sie hatte jedoch Angst den Bus zu nehmen. Ob er sie heim fahren könne.

Vor ein paar Tagen war auf der Kommentar-Seite von Ha’aretz die tägliche politische Karikatur zu finden, diesmal mit einem Fahrer von Domino’s Pizza auf einem Motorrad, der einer Familie Pizza brachte. Nur, dass diese Familie sich hinter Sandsäcken befand und kaum bereit war, einen Arm hervorzustrecken, um die Pizza anzunehmen. Das fasst die Stimmung ziemlich vollständig zusammen.

Die Karikatur ließ allerdings eins vermissen: Warum wir uns in diesem Chaos befinden. Ja, im Moment ist die Lage etwas heikel, aber das kennen wir schon. Woran die Israelis sich erinnern müssen und was der Rest der Welt begreifen muss, ist warum Yassin uns hasste: Einfach, weil wir hier sind. Und warum wir ihn los werden mussten: Weil er geschworen hatte, uns so lange umzubringen, bis wir abhauen. Aber wir hauen nicht ab. Wo könnten wir hin gehen? Selbst wenn wir uns bereit erklärten zu gehen, wohin sollten wir gehen? Als ob Europa uns zurück haben wollte. Als wäre es uns gut gegangen, als wir das letzte Mal dort waren. Oder als hätten die Franzosen seit 1943 viel dazu gelernt.

Letzten Sonntag gingen Elisheva und ich zu einem Vortrag von Aharon Applefeld, einem der herausragenden Romanciers Israels. Tali und Avi waren ausgegangen, also überließen wir Micha sich selbst. Er lag auf dem Sofa im Wohnzimmer und las ein mächtig dickes Buch von über 700 Seiten, das er unbedingt zu Ende bringen wollte, und ihm war ziemlich egal, dass wir gleich weg sein würden. Wir sagten ihm, dass wir unsere Handys dabei hätten, falls er uns brauchte und er solle gegen halb neun ins Bett gehen. Er sah kaum auf, murmelte aber „OK“. Wir wussten, er würde nicht rechtzeitig ins Bett gehen, aber wir konnten uns auch nicht unbedingt beschweren, dass ein Fünftklässler länger aufbleiben wollte, um einen Roman zu Ende zu lesen.

Applefeld erzählte seine Lebensgeschichte. Von idyllischen acht Jahren in einem völlig assimilierten, wohlhabenden jüdischen Heim in Europa. Wie seine Mutter von den Deutschen erschossen wurde. Wie er und sein Vater in ein Lager für Arbeitssklaven gebracht wurden. Und von seiner Entscheidung aus dem Lager zu fliegen, weil er wusste, dass er es nicht überleben würde. Und so fand er sich im Alter von achteinhalb Jahren allein in den Wäldern Europas wieder, sich als Christ stellend, um sein Überleben kämpfend. Er arbeitete in der Wohnung einer Prostituierten, kaufte für sie ein und putzte ihr Haus, bis einer ihrer betrunkenen Kunden ihn einen Juden nannte. Er floh. Er arbeitete für Pferdediebe, die ihn durch Oberlichter in Ställe hinunter fallen ließen, damit er wo auch immer landete und dann die Stalltür öffnete, damit sie die Pferde stehlen konnten. Er erzählte von den Nächten, in denen er allein auf dem Waldboden schlief; von den Tagen, an denen er das Moos von den Bäumen aß. Im Alter von zehn Jahren.

Und ich dachte an Micha, der jetzt genauso alt war. Ich fragte mich: Wenn er morgen allein im Wald wäre, würde er wissen, wie er das machen könnte? Würde er die Geistesgegenwart haben für eine Prostituierte, für Pferdediebe zu arbeiten? Würde er herausfinden, dass er das Moos von den Bäumen essen könnte, wenn er am Verhungern war? Ich bezweifelte das. Was bedeutet, dass wir ihm das nicht zustoßen lassen dürfen.

In den Tagen seit Yassins Tod, seit das deutliche Gefühl der Angst jeden kleinen Teil des Lebens hier durchzieht, habe ich an Applefeld im Alter von zehn Jahren gedacht. Und dann dachte ich an Abdallah Quran, den zehnjährigen Jungen aus dem Balata-Flüchtlingslager, dem man, offenbar ohne dass er das wusste, eine Bombe gab, die er durch eine Kontrollstelle bringen sollte. Ein Zehnjähriger versucht seine Familie zu ernähren, indem er nach der Schule Pakete durch Kontrollstellen bringt; er hatte keine Ahnung, wer die Tasche auf seinen Karren legte. Der Sprengstoff hatte einen Fernzünd-Mechanismus. Jemand, der ihm die Bombe gab, wollte ein Handy benutzen, um sie zu zünden. Und damit vermutlich auch Abdallah in den Himmel zu pusten.

Und die beiden Seiten des Konflikts werden gleich gesetzt?

Dieser Vorfall schaffte es nicht in allzu viele Teile der internationalen Presse. Aber als Hussam Abdo, der 16-jährige Junge, der vor zwei Tagen versuchte mit einem Sprengstoffgürtel durch einen Kontrollpunkt zu gehen, von den Soldaten gefasst wurde, war gerade ein Kamerateam anwesend. Und die ganze Sache wurde gefilmt. Es stellte sich heraus, dass Hussam 100 Schekel bekommen hatte, um den Sprengstoff dort hinzubringen und zu zünden. Ihm wurden auch 70 Jungfrauen im Himmel versprochen, sagte er.

Die gute Neuigkeit war, dachte ich zuerst, dass die palästinensische Gemeinschaft wütend war. Tamam Abdo, seine Mutter, sagte der Presse: „Es ist verboten, ihn in den Kampf zu schicken. Er ist jung, er ist klein, er sollte in der Schule sein. Jemand hat Druck auf ihn ausgeübt.“ Endlich.

Aber dann las ich den Rest des Interviews: „Wenn er über 18 wäre, wäre ich nicht so verärgert… dann ist es seine Entscheidung“, sagte sie. Ah, ein weiteres schönes, humanistisches Gefühl. Oder ihre Nachbarin, Sadia Abdel Rahman: „Wir müssen ernste Angriffe führen. Das ist kein Kinderspiel. Das ist peinlich.“

Ich denke, uns allen sind unterschiedliche Dinge peinlich. Als Israel im Juli 2002 eine F-16 los schickte, um eine 1000kg-Bombe auf das Haus von Salah Schehadeh zu werfen, den damaligen militärischen Chef der Hamas im Gazastreifen, trafen wir ihn. Die Israelis waren damit einverstanden. Aber eine 1000kg-Bombe ist eine enorm starke Waffe und mit Schehadeh töteten wir weitere vierzehn Personen, darunter neun Kinder. Die Israelis waren erbost und beschämt. Wie Yassin verdiente Schehadeh den Tod. Aber die israelische Gesellschaft probte den Aufstand. „So nicht“, sagten die Leute, auf der Linken wie auf der Rechten. „Wir können nicht anfangen wie sie zu sein. Das ist nicht die Grundidee des Lebens hier; das ist ein wichtiger Teil davon, ein Land zu haben, das wir unser eigen nennen. Wenn wir nicht anders sind, besser sind, zu was ist es dann gut?“

Schließlich entschuldigte sich die Regierung. Und die IDF änderte ihre Vorgehensweise. Als sie sich also am 6. September entschied Yassin beseitigen, schickten wir wieder eine F-16, diesmal aber mit einer 250kg-Bombe. Die Bombe funktionierte perfekt und der Pilot traf sein Ziel. Aber das Gebäude wurde nur beschädigt und Yassin kaum verwundet. Und was war die Reaktion des typischen Israeli? Zufriedenheit. Wir hatte etwas gelernt. Wir hatten nicht getroffen, ja, aber immerhin waren wir anders.

Mir fällt die Tatsache auf, dass die Berichterstattung über die Tötung von Yassin so wenig den fehl geschlagenen Anschlag auf sein Leben vom September erwähnte. Ich vermute, das ist so, weil der Grund, dass wir ihn nicht trafen, eine Dimension dieses Konflikts offen legt, die der Großteil der Welt nicht sehen möchte. Sie stellt die moralische Gleichsetzung auf den Kopf, die die internationale Presse aussendet. Sie zeigt auf, dass die Menschen in diesem Konflikt immer noch darüber nachdenken, was „akzeptabel“ und „gerecht“ ist. Sie erinnert die Welt daran, dass es mehr als ein Volk in dieser Region gibt, das befreit werden müsste.

Es ist nur noch ein paar Tage bis Passah. Die Geschäfte füllen sich mit Passah-Produkten. Die Israelis machen sauber. Kaufen ein. Laden ein. Und erinnern sich. Erinnern sich des Passah-Festes vor zwei Jahren und des Blutbades im Park Hotel. Und erinnern sich daran, dass Hamas und Yassin auch dieses verübten.

Wird das Pessah dieses Jahr friedlicher? Schwer zu sagen. Man hofft es. Tatsächlich betet man dafür. Aber egal, was passiert, es wird eine gewisse Befriedigung vorhanden sein, wenn auch eine traurige, in dem Bewusstsein, dass Menschen, die unsere Sederfeiern zerbomben, das nicht ungestraft tun können. Das ist der Unterschied zwischen dem Leben jetzt und dem Leben, in dem Aharon Applefeld in den Wäldern nach Essbarem suchte. Applefeld wuchs in einer Welt auf, in der Leute seine Mutter erschießen und ihn in den Tod schicken konnte und es niemanden gab, der für ihn kämpfte.

Das ist es, was sich geändert hat. Das ist die Bilanz. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein anständiger Mensch Freude am Tod eines anderen empfindet. Nein, keine Freude. Aber Zufriedenheit? Ja. Denn es muss einen Preis geben, der für den Massenmord an Juden gezahlt wird. Den muss es einfach geben. Alles andere, muss Herr Straw begreifen, ist wirklich „inakzeptabel“.