Offener Brief an den neuen Botschafter in Israel

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Sehr geehrter Herr Botschafter Emanuele Giaufret,

willkommen in Israel. Da die Europäische Union Israel oft zweifelhaften Rat gegeben hat, nehme ich mir die Freiheit einige Hinweise zu geben, um Ihre Aufgabe hier erfolgreicher zu machen.

Bitte erinnern Sie sich, dass Sie den Großteil eines Kontinents vertreten, in dessen Kultur Antisemitismus über tausende Jahre verwurzelt wurde. Der führende akademische Antisemitismusforscher unserer Generation, der verstorbene Robert Wistrich, hat gezeigt, dass fast alle ideologischen Strömungen Europas während dieser Jahrhunderte antisemitisch waren.[1]

Bitte seien Sie sich auch bewusst, dass EU-Mitglieder in den letzten Jahrzehnten – ohne Auswahlprozess – Millionen Menschen aus Ländern hereingelassen haben, deren meiste Bürger antisemitisch sind. Um alles noch schlimmer zu machen ist in den letzten zwei Jahren einer großen Anzahl solcher Leute die Gelegenheit gegeben worden in die EU zu immigrieren.[2] Tatsache ist, dass alle Juden, die im aktuellen Jahrhundert in Westeuropa aus ideologischen Gründen getötet worden sind, von muslimischen Immigranten oder ihren Nachkommen ermordet wurden.[3]

Ihr dänischer Vorgänger, Botschafter Lars Faaborg-Andersen, erzählte Israel wiederholt, dass „Siedlungsbau ein Hindernis für den Frieden“ sei. Manchmal ging er so weit uns zu drohen. Zum Beispiel erklärte er 2014: „Wenn Israels Siedlungspolitik die aktuellen, von den USA geleiteten Friedensbemühungen ruiniert, dann würde Israel für das Scheitern der Verhandlungen verantwortlich gemacht.“[4] Er wies nicht darauf hin, dass die palästinensische Autonomiebehörde den Familien der Mörder israelischer Zivilisten ständig hohe „Gehälter“ zahlt.[5] Nicht zu erwähnen, ein welch hohes Hindernis für den Frieden dies darstellt, ist einer von vielen Gründen, dass er regelmäßig die Glaubwürdigkeit der EU in Israel untergrub. Er hätte auch öffentlich eingestehen sollen, dass europäische Länder, die die PA finanzieren, indirekt die Ermordung von Israelis belohnen.

Ich schlage zudem vor, dass Sie keine rosigen Bilder eines zukünftigen Friedens malen. Ihr Vorgänger erzählte uns, wie schön der Nahe Osten nach der Unterzeichnung einer Friedensvereinbarung aussehen würde. Er sagte: „Israel befände sich in der Pole Position zur Förderung der regionalen Integration im östlichen Mittelmeer.“[6] Fakt ist, dass trotz Israels Friedensvertrag mit Ägypten 1978 und dem mit Jordanien 1994 beide Länder auf der Liste großer antiisraelischer Aufwiegler und Antisemitismus-Förderer des US-Außenministeriums stehen.[7][8]

Früher dieses Jahr töteten vom Tempelberg kommende palästinensische Mörder israelische Polizisten. Israel ergriff daraufhin Sicherheitsmaßnahmen, die die Palästinenser als Gelegenheit zur internationalen Aufstachelung der Muslime zu nutzen. Es ist schwer erkennbar, dass, nachdem Israel territoriale Zugeständnisse für eine Zweistaaten-Friedensvereinbarung mit den Palästinensern machen würde, nichts die Palästinenser davon abhalten wird weiteres ungerechtfertigtes internationales religiöses Chaos um den Tempelberg zu schaffen.

Ich würde auch vorschlagen, dass Sie es vermeiden schlechten Rat zu erteilen. Ihr Vorgänger riet Israel mit der UNHRC-Ermittlungskommission zum Gaza-Krieg von 2014 zusammenzuarbeiten, ungeachtet der Tatsache, dass der UNHRC von Anfang an gegenüber Israel voreingenommen ist.[9] Bitte vermeiden Sie es auch Erklärungen abzugeben, in denen der Mangel an Wahrheit erkennbar ist. Das war bei dem Versuch Ihres Vorgängers der Fall, den diskriminierenden Charakter der EU-Kennzeichnung von Produkten aus der Westbank zu bestreiten. In Reaktion darauf beschuldigte Israels Außenministerium die EU, sie ignoriere mehr als 200 andere territoriale Konflikte weltweit, indem sie Israel aussondert, weil die Gebiete der einzige Ort sind, für den separate Etiketten gefordert werden.[10]

Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit sein in der Tat für einen EU-Botschafter entscheidend. Bei seiner Abschiedsrede sagte Herr Faaborg-Andersen, Israel könne bei der Bekämpfung von Terror von Europa lernen.[11] Es hat in Israel weit mehr versuchte Terroranschläge gegeben als in Europa. Doch bei keinem der tödlichen Anschläge in Israel hat es so viele Getötete gegeben wie bei denen in Madrid 2004, London 2005, Paris 2015 und Nizza 2016. Es gibt viel Information zur fehlenden Fähigkeit von EU-Mitgliedsländern die frühe Radikalisierung muslimischer Einzelpersonen wie auch ihre Absicht sich jihadistischen Organisationen anzuschließen und Terroranschläge zu verüben zu erkennen.

Ihr Vorgänger sagte auch: „Antisemitismus in Europa ist ein Phänomen, das wir bekämpfen – sogar noch stärker als Israel.“[12] Der erste Schritt zu effektiver Bekämpfung von Antisemitismus besteht darin eine akzeptierte Definition davon festzuschreiben. Die einzige Arbeitsdefinition, die von manchen in Europa anerkannt worden ist, wurde 2013 plötzlich von der Internetseite der EU-Agentur für fundamentale Rechte genommen.[13] Was wäre für die EU einfacher gewesen als die Definition der Internationalen Holocaust-Gedenkallianz von 2016 zu übernehmen und assoziiertes Mitglied der IHRA zu werden? Das machten sie nicht. All das oben Angeführte hat geholfen den Verdacht gegen die EU zu schaffen, auch wenn es viele interessante Aspekte einer Kooperation zwischen der EU und Israel gibt.

In Anbetracht des oben Angeführten werden EU-Einmischung und Kommentare zu internen israelischen Angelegenheiten nicht geschätzt. Die Menschen sind in der Regel offener für Ratschläge von denen, von denen sie unterstützt werden und die als Vorbilder fungieren.

Herr Botschafter, wie Sie sehr wohl wissen, besteht die Rolle eines EU-Diplomaten nicht nur darin seine Region zu repräsentieren. Er sollte auch denen, die ihn entsandten, Bericht erstatten, ob EU-Politik besseren Beziehungen mit dem Land dienlich sind, in dem er stationiert ist.

Ich wünsche Ihnen Erfolg für Ihre Bemühungen.

Manfred Gerstenfeld ist emeritierter Vorsitzender des Jerusalem Center for Public Affairds. Ihm wurde vom Journal for the Study of Antisemitism der Preis für sein Lebenswerk und vom Simon Wiesenthal Center der Preis für Internationale Führungskräfte verliehen.

[1] http://www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/14217

[2] http://www.bbc.com/news/world-europe-34131911

[3] http://www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/20768

[4] http://www.timesofisrael.com/eu-envoy-we-doesnt-understand-israels-jewish-state-demand/

[5] https://spectator.org/251138-2/

[6] http://www.haaretz.com/misc/haaretzcomsmartphoneapp/1.601978

[7] http://www.thetower.org/5348-state-dept-report-anti-semitism-pervasive-in-iran-egypt-jordan-qatar/

[8] http://www.state.gov/j/drl/rls/irf/2016/nea/268898.htm

[9] http://www.jpost.com/Arab-Israeli-Conflict/Israel-calls-UN-Gaza-war-report-politically-motivated-and-morally-flawed-from-the-outset-406775

[10] http://www.timesofisrael.com/eu-envoy-insists-settlement-labeling-purely-technical/

[11] http://www.jpost.com/In-Jerusalem/Rock-Solid-Europe-Israel-ties-are-flourishing-says-outgoing-EU-envoy-504256

[12] http://www.jpost.com/In-Jerusalem/Rock-Solid-Europe-Israel-ties-are-flourishing-says-outgoing-EU-envoy-504256

[13] http://www.timesofisrael.com/eu-drops-its-working-definition-of-anti-semitism/

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Verklagt die EU und geht gerichtlich gegen Chris Patten vor

Beth Goodtree, JewishIndy, 14. Februar 2004 (nicht mehr online)

Gerade wurde offen gelegt, dass die Europäische Union Terror finanziert hat. Aus einem Artikel in Arutz-7 vom 13. Februar 2004: „… die OLAF (das Büro für Betrugsangelegenheiten der EU) kommt zu dem Ergebnis, dass Dutzende Millionen Dollars an humanitärer Hilfe, von der EU der Palästinensische Autonomie gespendet, in Wirklichkeit für Terror gegen Israel benutzt wurden. Bemerkenswert ist, dass dieses Ergebnis sich auf Papiere stützt, die Israel vor beinahe genau zwei Jahren während der Operation Schutzschild entdeckte und die es der Welt unmittelbar danach präsentierte.“

Diese Dokumente wurden am 11. April 2002 in Jerusalem vorgelegt – vor fast zwei Jahren. Zu ihnen gehörten einige mit Arafats Unterschrift, durch die Ausgaben für terroristische Aktivitäten durch 11 unterschiedliche Terrorführer genehmigt wurden. Zu den Papieren gehörten Dokumente, die zeigten, dass das PLO-Hauptquartier in Jerusalem – das Orient-Haus – als Zentrale für Terror-Aktivitäten diente. Das Orient-Haus war Schauplatz für die Auszahlung von Geldern an die Familien von Terroristen wie auch der Ausgabe von Mitgliedsanträgen für die Fatah. Es gab dort einen Bericht mit den Einzelaufstellungen über die Terroraktivitäten in Jerusalem, Gehaltsabrechnungen der PA für Beamte des Orient-Hauses, Beweise für Verbindungen zwischen der Autonomiebehörde und israelischen Arabern und vieles mehr.

Wenn eine offizielle Körperschaft einer Gruppe oder Organisation Geld zur Verfügung stellt, dann ist sie dafür verantwortlich, wie dieses Geld benutzt wird. Das trifft auf Amerika genauso zu wie auf die UNO, jeden arabischen Staat oder z.B. auch die Europäische Union. Wenn das Geld dafür benutzt wird Völkermord und Terrorakte zu begehen, dann ist letztlich der finanzielle Sponsor verantwortlich. Und wenn dem Finanz-Sponsor Beweise übergeben dafür wurden und er die finanzielle Unterstützung weiter führt, dann muss dieser Sponsor zur Verantwortung gezogen werden. Auch Verzögerungen seitens des Finanzgebers muss bestraft werden. Wenn es um die Verhinderung von Mord und Völkermord geht, ist nur zügigstes Handeln akzeptabel.

Die EU um eine riesige Geldsumme zu verklagen könnte die erste Reaktion sein, würde aber nicht unbedingt den gewünschten Effekt erzielen. Das beste Ergebnis könnte sein, einen Präzedenzfall als Warnung für zukünftige Helfer von Völkermord und/oder Terror-Regime zu erzielen, aber eine Gruppe in die Entfremdung zu treiben, die – offenbar ernsthaft – versucht sich zu bessern.

Daher schlage ich vor, dass alle Opfer der palästinensisch-arabischen Gewalt seit der Veröffentlichung der belastenden Dokumente vor zwei Jahren die Europäische Union um jeweils einen Dollar verklagen sollten. Der Sieg vor Gericht wird unbezahlbar sein. Und er kann von den Opfern und ihren Familien genutzt werden, um von anderen Terror-Unterstützern finanzielle Vergeltung einzuklagen. Er kann auch genutzt werden, um jeden abzuschrecken oder bankrott zu machen, der es wagt völkermörderischen Monstern wie dem Arafat-Regime gewollt Geld zu geben. Hört ihr zu, Saudi Arabien, Syrien, Iran und besonders die UNO?

Obwohl sie letztlich für ihre Mitglieder und Mitarbeiter verantwortlich ist, könnte es im Fall der Europäischen Union sein, dass bestimmte Mitarbeiter genug Macht ausüben um legitime Anfragen und Untersuchungen zu vereiteln, damit sie ihre persönlichen politischen Ziele voran treiben können. In diesem Fall könnte es sinnvoll sein, diese Staatsdiener persönlich zur Verantwortung zu ziehen.

Chris Patten, EU-Kommissar für auswärtige Angelegenheiten, lehnte es ab die Legitimität der ihm vorgelegten Dokumente anzuerkennen. Er leitete auch keine Untersuchung ihrer Legitimität ein, wie es seine Verantwortung gewesen wäre. Statt dessen verzögerte er das, während jeden Monat mehr Babys, Kinder, Eltern und Senioren abgeschlachtet und verstümmelt wurden. Erst unter extremem Druck der Europa-Abgeordneten wurden Patten dann gezwungen einen OLAF-Untersuchung der israelischen Vorwürfe und Belege der Finanzierung des Terrors anzuordnen.

Chris Patten beging durch absichtliches Verhindern jeglicher bedeutungsvoller Untersuchung der Verwendung von EU-Finanzen Völkermord und Terror, war ein aktiver Komplize dieser Taten. Er brachte auch die Europäische Union in eine Lage, gegen ihren Willen fortgesetzt antisemitischen Terror und Völkermord zu finanzieren.

Es ist an der Zeit für alle Opfer der Terroranschläge (nachdem Chris Patten die Beweise vorgelegt wurden und er nichts unternahm) ihn zu verklagen und jeden Euro, den er je verdiente, als Schadenersatz zu fordern. Die Kläger können die EU selbst in die Klage einschließen, da sein gezieltes Nichtstun sie zum unfreiwilligen Financier von Terror und Mord machte. Es ist auch Zeit für Chris Patten, das er als Mittäter an Massenmord, wie auch Serienmord, Terror und Völkermord verklagt wird. Es kann angeführt werden, dass er die jegliche Untersuchung mit Vorsatz verhinderte. Lasst ihn zum Beispiel werden für eine bisher unberührte Welt und für zukünftige Bürokraten mit persönlicher genozidaler und antisemitischer Agenda: NIE WIEDER!

(Eine positivere Anmerkung: Ein kräftiges „Très bien!“ an Frankreich für die Ermittlungen zu Yassir Arafats Geldfluss.)

Warum Europa sich verweigert

Vorbemerkung: Daniel Pipes hat sich damit beschäftigt, was Europa zu seiner Haltung gegenüber den USA führt. Anlass ist der Streit über den Krieg gegen Saddam Hussein. Aber der Artikel wirft auch Licht auf die Unterschiede zwischen Amerika und Europa auch bezüglich der Haltung gegenüber Israel. Israels militärisches Vorgehen gegen die von den Palästinensern ausgehende Bedrohung wird hier „ums Verrecken“ nicht akzeptiert – es wird „Appeasement“ propagiert und gefordert. Mit den Aggressionen der Palästinenser m.E. mindestens so schlimm umgegangen, als es das mit denen Hitlers machte.

Daniel Pipes, The New York Post, 28. Januar 2003

Führende französische Politiker machten letzte Woche einige bemerkenswerte defätistische Ankündigungen.

Präsident Jacques Chirac lehnte jegliche Militäraktion der USA gegen den Irak ab und sagte, dass „Krieg immer das Eingeständnis der Niederlage ist und immer die schlimmste Lösung. Und daher muss alles getan werden, um ihn zu vermeiden.“ Außenminister Dominique de Villepin drückte sich deutlicher aus: „Nichts rechtfertigt es, militärische Vorgehen zu wollen.“ Zu all dem strahlte der deutsche Kanzler in Zustimmung.

Als Antwort tat US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld Frankreich und Deutschland als „altes Europa“ ab. Die Post nannte sie die „Achse der Wiesel“. Der Karikaturist Tony Auth titulierte sie als die „Achse der Ärgernisse“.

Eine noch bessere Bezeichnung wäre „Achse des Appeasement“ (Beschwichtigung). „Appeasement“ könnte wie eine Beleidigung klingen, ist aber eine ernste Politik mit einer langen Vorgeschichte – UND einer andauernden Anziehungskraft, der unter den heutigen Umständen sehr bedeutsam ist.

Der Historiker Paul Kenney aus Yale definiert Appeasement als eine Art Streit zu schlichten, „über Anerkennung und Befriedigung von Beschwerden durch rationale Verhandlung und Kompromiss, wodurch der Rückgriff auf einen bewaffneten Konflikt vermieden wird, der teuer, blutig und wahrscheinlich sehr gefährlich sein würde.“

Das Britische Empire verließ sich seit den 1860-er Jahren stark auf Appeasement, mit gutem Erfolg – es vermied teure koloniale Konflikte, während es den internationalen Status quo erhielt. In geringerem Maß übernahmen andere europäische Regierungen diese Politik ebenfalls.

Dann kam 1914, als in einem Zustand des Deliriums fast ganz Europa das Appeasement aufgab und in den Ersten Weltkrieg rannte, was der Yale-Historiker Peter Gay „inbrünstig an der Grenze zum Religiösen“ nennt. Ein Jahrhundert war vergangen, seit der Kontinent das Elend des Kriegs erfahren hatte und das Gedächtnis seiner Völker hatte sich in Luft aufgelöst. Schlimmer noch: Denker wie der Deutsche Friedrich Nietzsche entwickelten Theorien, die den Krieg verherrlichten.

Vier Jahre Hölle (1914-18), besonders in den Gräben von Nordfrankreich, veranlassten ein enormes Schuldgefühl wegen des Jubels von 1914. Ein neuer Konsens kam auf: Nie wieder würden Europäer sich in einen Krieg stürzen.

Appeasement erschien besser als je zuvor. Und als Adolf Hitler in den 30-er Jahren drohte, versuchten britische und französische Politiker ihn abzufinden. Natürlich hatte, was in Kolonialkriegen funktionierte, fürchterlich katastrophale Folgen, als man es mit einem Feind wie den Nazis zu tun hatte.

Die Politik totalitäre Gegner abzufinden, wurde dadurch diskreditiert. Während des gesamten Kalten Krieges schien es so, dass die Europäer eine Lektion gelernt hätten, die sie nie vergessen würden. Aber sie vergaßen sie bald, nachdem die Sowjetunion 1991 zusammenbrach.

In einem brillanten Aufsatz im „Weekly Standard“ erklärte David Gelernter aus Yale vor Kurzem, wie das passierte. Die Macht des Appeasement wurde vom Zweiten Weltkrieg und dem Kalten Krieg zeitweise verschüttet, aber mit der Zeit „verschwinden die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs, während die Folgen des Ersten bestehen bleiben“.

Warum? Gelernter schreibt: weil der Erste Weltkrieg weitaus verständlicher ist als der Zweite, der „einfach zu groß ist, als dass der Verstand ihn fassen kann“. Politisch und geistig hat man zunehmend das Gefühl, der Zweite Weltkrieg habe nie stattgefunden.

In der Tat, argumentiert Gelernter, „haben wir wieder die 20-er Jahre“ mit der von Herzen kommenden Abneigung gegen den Krieg und der Bereitschaft totalitäre Diktatoren zu beschwichtigen (denken wir an Nordkorea, Irak, Syrien, Zimbabwe und andere).

Für ihn ist das heutige Europa auch in anderer Beziehung dem der 1920-er „erstaunlich“ ähnlich: „in seiner Liebe des freien Willens und seiner Abscheu vor Imperialismus und Krieg, seinem liberalen Deutschland, geschrumpften Russland und einer mit kleinen Staaten gespickten Landkarte, mit Amerikas Gleichgültigkeit gegenüber Europa und Europas Geringschätzung Amerikas, mit Europas gelegentlichem, örtlich auftretendem Antisemitismus, seinem belohnenden politischen, finanziellen und masochistischen fasziniert Sein von muslimischen Staaten, die es verachten und mit seinem Unterton von Selbsthass und Schuld.“

Gelernter sagt voraus, dass Selbsthass im Stil der 20-er Jahre jetzt „die dominierende Kraft in Europa“ ist. Appeasement passt perfekt in diese Stimmung. Er ist über Jahrzehnte zu einer Weltsicht gewachsen, „die die Blutschuld des westlichen Menschen lehrt, den moralischen Bankrott des Westens und die Empörung über den Versuch der westlichen Zivilisation, jedermann seine Werte aufzudrängen“.

Was uns zurück bringt zum nicht vorhandenen Willen des „alten Europa“, sich Saddam Hussein entgegen zu stellen. Die Lehre des Zweiten Weltkriegs (zuzuschlagen, bevor ein aggressiver Tyrann seine Macht aufbaut) hat gegen die Haltung der 20-er Jahre verloren („nichts rechtfertigt es, militärische Handelns als mögliches Vorgehen anzusehen“).

Diese Schwäche des Selbsthasses wird wieder in die Katastrophe führen, so, wie sie zum Zweiten Weltkrieg führte. Die Vereinigten Staaten findet sich in der Rolle wieder, die Demokratien vom Locken des Appeasement wegzuführen. Der Irak ist ein guter Anfang dafür.

Notiz an Europa: Werdet in Bezug auf den Irak endlich erwachsen

Andrew Sullivan, The Sunday Times of London, 11. August 2002 (leider ohne URL)

Der Sitzkrieg dieses Sommers sieht noch seltsamer aus, wenn man die europäische und die amerikanische Presse vergleicht. In London und Paris, Berlin und Brüssel sind die Zeitungen voll mit Spekulation zu einem Krieg mit dem Irak. Es gibt Forderungen, die Parlamente aus der Sommerpause zu holen; es gibt Gerüchte zu möglichen Kabinetts-Rücktritten; es gibt geheime Umfragen, die die enorme Unbeliebtheit von George Bush bei den Briten zeigen. In Deutschland macht der Kanzler sogar Opposition gegen den Krieg zu einer Zentralfrage seines Wahlkampfs. Aber in der „Reichshauptstadt“, tausende Kilometer entfernt, bleibt es seltsam ruhig. Der Senat hielt gerade Anhörungen zu einem möglichen Krieg gegen Saddam ab, aber die Administration sagt, sie sei noch nicht so weit befragt zu werden. Der Kongress macht Pause. Der Präsident ist in Texas. Viele Amerikaner sind in den Ferien. Die Zeitungen berichten über die Sache, aber es gibt noch keine aktuelle, leidenschaftliche, substantielle Debatte. Und es gibt wenig Geheimnisvolles um das Warum. Trotz der Bemühungen von Antikriegs-Zeitungen wie der New York Times zeigen Umfragen beständig, dass zwischen 60 und 70 Prozent der Amerikaner Krieg unterstützen. Der Präsident hat sich rhetorisch zu einem solchen Ergebnis verpflichtet. Niemand, der der Administration nahe steht, hat in privaten Gesprächen Zweifel, dass er stattfinden wird – wahrscheinlich diesen Winter. Die Amerikaner sind angesichts dieses Krieges nicht fröhlich: Es werden ihre Söhne und Töchter sein, die in ihm sterben werden. Aber sie sind genauso wenig bereit eine solche gefährliche Bedrohung des Westens zu ignorieren, wie wir sie erlebt haben.

Und die amerikanische Antwort auf die europäische Panik und den europäischen Widerstand? Vielleicht wird sie am besten in einem ungeduldigen Seufzer zusammen gefasst. „Den Europäern ist angesichts der amerikanischen Macht unwohl“, ist nicht mehr unbedingt eine schockierende Schlagzeile. Es ist schlicht keine Neuigkeit mehr, dass der Guardian den Gebrauch von Waffen ablehnt, um der Wiederauferstehung eines der bösartigsten und gefährlichsten Regime der Welt vorzubeugen. Es ist nicht neu, dass die EU es in Gestalt von Chris Patten vorzieht palästinensischen Terror zu subventionieren statt sich über den möglichen irakischen Einsatz von biologischen Waffen zu ärgern. Die Amerikaner verdrehen schlicht die Augen wegen der gewöhnlichen europäischen Leugnung und ihrer Proteste. Wenn die Europäer sogar gegen den Krieg in Afghanistan waren, welche Chance gibt es, dass sie den Krieg gegen den Irak unterstützen? Amerikaner kennen das. Sie werden es wieder erleben. In der Zwischenzeit haben sie eine Arbeit zu erledigen.

Auf einer tieferen und eher Besorgnis erregenden Ebene ist es zunehmend richtig, dass viele Amerikaner sich darum gar nicht mehr kümmern. Sie sind die instinktive europäische Ablehnung jeden Gebrauchs militärischer Gewalt gewöhnt; und sie sind den automatischen (und oft heuchlerischen) Antiamerikanismus der europäischen Mitte und Linken gewohnt. Aber dem wird ein relativ neuer und nicht zu beantwortender Faktor hinzu gefügt: Warum um alles in der Welt, einmal abgesehen von guten Manieren, sollten sich die Amerikaner darum kümmern, was die Europäer denken? Ja, Diplomatie verlangt Höflichkeit und „Zuhören“. Aber es ist überhaupt nicht klar, was sonst benötigt wird. Militärisch ist Europa eine Niete und auf gutem Wege, völlig unbedeutend zu werden. Mit einer einzigen Ausnahme, Großbritannien, haben die Europäer eine vernachlässigbar geringe Menge an Geld und Truppen zur Ergreifung Al Qaidas (aber noch nicht zum Sieg über sie) beigetragen. Sie waren in den 90-er Jahren nicht einmal in der Lage, genug Initiative und Koordination aufzubringen, um einen weiteren Völkermord auf ihrem Kontinent zu verhindern. Mit Ausnahme Großbritanniens haben sie ihre Verteidigungsausgaben derart weit verringert, dass sie als militärische Verbündete praktisch wertlos sind. Und diese Kürzungen der Militärausgaben gehen weiter – sogar nach dem 11. September. Wenn jemand, der es ablehnt, seine Tür nachts abzuschließen, beginnt sich über den einzigen Polizisten in der Straße zu beschweren, dann sollten vernünftige Leute darüber nachdenken, was mit der Realitätswahrnehmung dieser Person passiert ist. Will er nicht tatsächlich ausgeraubt oder ermordet werden? Gleichermaßen ist es eine Sache, wenn die Europäer sagen, sie wollten alle militärische Verantwortung für die Aufrechterhaltung der internationalen Ordnung den USA überlassen. Es ist aber eine andere Sache für die Europäer, Einspruch zu erheben, wenn die USA sie beim Wort nehmen und zur Verteidigung dieser Weltordnung handeln.

Die Notwendigkeit einer solchen Ordnung ist während des letzten Jahrzehnts nicht aufgehoben worden. Die Welt ist immer noch ein Furcht erregend gefährlicher Ort – vielleicht durch die vorangeschrittene destruktive Technologie gefährlicher als irgendwann in der Vergangenheit. Es war einmal unmöglich sich vorzustellen, dass radikale Terroristen die Fähigkeit erringen könnten eine ganze Stadt wie New York oder Rom zu zerstören. Aber sie stehen jetzt kurz davor dies schaffen zu können und letzten September demonstrierten sie der Welt, dass sie nicht zögern würden, diese Möglichkeiten zu nutzen. Der verwunderte Durchschnittsamerikaner möchte daher die nervösen Europäer fragen: Was genau versteht ihr am 11. September nicht? Diese mörderischen Fanatiker könnten ihre Absichten und ihre Möglichkeiten nicht deutlicher zeigen. Sie wollen euch töten und eure Zivilisation vernichten. Das muss die vorsichtige Gleichung ändern, wenn man einer Gefahr wie Saddam Hussein gegenüber steht. Wenn ein Tyrann wie Saddam alles tut, um biologische, chemische und Atomwaffen zu bekommen, wenn er bereits in einen Nachbarstaat einmarschiert ist, wenn er chemische Waffen gegen das eigene Volk eingesetzt hat, wenn er den Terror überall im Nahen Osten subventioniert, wenn er umfangreiche Verbindungen zu islamistischen Terrorgruppen in der ganzen Welt unterhält, steht die Gunst des Zweifels nicht auf der Seite desjenigen, der versucht ihn zu entwaffnen und zu entthronen? Und ändert das Massengrab von 3000 Amerikanern im Zentrum New Yorks nicht die Gleichung ein wenig?

Das ist der Kern der amerikanischen Verwirrung nicht nur wegen der europäischen Wankelmütigkeit, sondern wegen der leidenschaftlichen Opposition gegen ein Vorgehen gegen Saddam. Wenn religiöse Führer tatsächlich als Argument anführen, dass die USA moralisch Besorgnis erregender seien als ein Schlachter, der sein eigenes Volk vergast hat und Kriege mit unzählbaren menschlichen Opfern führte, dann weiß man, dass einige moralische Verhältnisse kaputt sind. Man weiß, dass die Kräfte des Appeasement und der moralischen Äquivalenz genauso stark sind, wie sie es in den 70-er Jahren waren, als man dem sowjetischen Übel gegenüber stand und in den 30-er Jahren, als man sich dem Nazi-Übel gegenüber sah. Daher ist es nützlich, die Antworten Russlands und Großbritanniens mit der offiziellen der EU und der weit verbreiteten europäischen Feindseligkeit gegenüber dem Gebrauch amerikanischer Gewalt in der Welt zu vergleichen. Russland und Großbritannien stellten in der Afghanistan-Mission Schlüsselhilfe zur Verfügung und beide Regierungen haben die amerikanischen Bedenken gegenüber dem Irak unterstützt. Beide Staaten verhalten sich so, als hätten sie auch Verantwortung in der Bekämpfung des internationalen Terrorismus und dessen Nabelschnur zu Schurkenstaaten wie dem Irak, Iran und Nordkorea zu trennen. Russland, Großbritannien und Amerika mögen in einigen Dingen nicht überein stimmen – ihre Interessen werden sich nicht immer decken. Aber sie teilen das gemeinsame Verständnis der Bedrohung, der wir alle gegenüber stehen und haben eine praktische Antwort darauf gefunden. Das ist der Unterschied zwischen Kooperation und bloßem Geschrei. Und das ist ein Unterschied, den Washington zu schätzen weiß.

Im Gegensatz dazu sind die europaweite Feindseligkeit gegenüber amerikanischer Macht und die Undankbarkeit für die afghanische Kampagne verwirrend. Es ist wichtig, eine offensichtliche Tatsache zu wiederholen: Ohne Amerika würde al Qaida es sich, mit Unterstützung des Irak, Syriens, Saudi Arabiens und der Hamas immer noch in Afghanistan bequem machen und neue und tödlichere Anschläge gegen den Westen planen. Ohne Amerika hätten London und Paris inzwischen mit größter Wahrscheinlichkeit ähnlich katastrophale Ereignisse erlebt wie den 11. September. Ohne Amerika würde der militarisierte fundamentalistische Islam mit der Hilfe von Millionen islamistischer Immigranten mehr und mehr Stärke in Kontinentaleuropa gewinnen. Trotzdem ist die europäische Antwort auf Amerikas die Welt rettende Afghanistan-Mission nicht Dank gewesen, Wertschätzung oder Unterstützung. Es hat zunehmende Kritik an den USA gegeben, weil sie die Arbeit im Irak und an anderen Orten fortsetzen wollen. Manchmal scheint es sogar so, dass die Europäer glauben, Amerikas Verteidigung sei ein größeres Problem für die Weltordnung als Terroristengruppen, die Hilfe von lokalen Tyrannen wie Saddam erhielten, die nahe daran sind Massenvernichtungswaffen zu bekommen. In dieser Sache widersprechen viele Amerikaner vielen Europäern nicht nur, sie sind von der umgekehrten Logik und moralischen Gleichsetzung abgestoßen. Und sie haben Recht. In einem Essay in der National Review, einer konservativen Zeitschrift, fasste Victor David Hanson eine allgemeine amerikanische Ansicht zu den europäischen Beschwerdeführern zusammen:

„Irak? Bleibt, wo ihr seid – wir brauchen eure Hilfe nicht und verlangen sie nicht. Der Nahe Osten? Schämt euch, denn ihr finanziert die Terroristen der Westbank. Die palästinensische Autonomiebehörde und Israel? Ihr habt geholfen eine terroristische Clique zu finanzieren; wir finanzieren eine Demokratie – rechnet euch selbst aus, was das heißt. Rassismus? Araber sind in Amerika sicherer als Juden in Europa. Dass in Bosnien und dem Kosovo 200.000 Menschen abgeschlachtet wurden, nur ein paar Stunden von Rom und Berlin entfernt, ist ein Fleck auf eurer Weste, einer der nicht Aktiven, nicht auf unserer, derjenigen, die eingegriffen haben. Todesstrafe? Unsere Regierung hat Terroristen hingerichtet; eure Regierungen haben sie frei gelassen. Ihr solltet einmal die moralische Rechnung durchführen.“

Natürlich spielt Israel in dieser Teilung eine zentrale Rolle. Es ist immer noch schockierend, z.B. die Berichte der BBC über die Geschehnisse in Israel und der Westbank zu lesen, selbst im Vergleich mit den pro-palästinensischsten Medien in Amerika. In den europäischen Medien wird es als gegeben angesehen, dass Israel das Problem ist, Israel der Aggressor ist, Israel der unmoralische Hauptdarsteller in diesem Konflikt ist. Den Independent oder den Daily Mirror zu lesen ist so, als ob man eine Welt sieht, wo Israel immer schuldig ist, bis seine Unschuld bewiesen wird – z.B. in Jenin, wo der Independent ein Kriegsverbrechen fest stellte, bevor irgendwelche echten Beweise vorgelegen haben. Die Tatsache, dass Israel eine Demokratie ist, während es in der gesamten arabischen Welt nicht eine einzige Demokratie existiert, wird ignoriert. Die Tatsache, dass Israel zum Teil wegen Europas Vermächtnis des völkermordenden Antisemitismus entstand, wird bequemerweise auch vergessen. Die Tatsache, dass Israel die Westbank wegen eines Verteidigungskrieges 1967 besetzte, wird auch aus dem Gedächtnis gestrichen. Die unabsichtliche Tötung von Zivilisten in Israels Aktionen militärischer Selbstverteidigung werden routinemäßig den gezielten Anschlägen gegen Zivilisten durch palästinensische Terroristen moralisch gleich gestellt. Und der routinemäßige, abscheuliche, naziartige Judenhass, ein Antisemitismus, der jetzt ein Schlüsselelement der vorherrschenden Ideologie der arabischen Staaten ist, wird einfach ignoriert, herunter gespielt oder geleugnet.

Wenn Amerikaner das zweierlei Maß sehen, wenn sie die reflexartige Feindseligkeit gegenüber Israel in den europäischen Medien erleben, wundern sich sie natürlicherweise, ob Antisemitismus, Europas eigene Form des Hasses, nicht irgendwo dahinter steckt. Und wenn Europäer auf diese Schlussfolgerung mit Wut antworten, grenzt das das Problem lediglich ein. Wir sind nicht antisemitisch, wir sind antiisraelisch, behaupten sie. Während aber die kleinste Verletzung zivilisierter Normen durch die Israelis lautstark von allen Bergspitzen herunter trompetet wird, ist von der routinemäßigen Folter, dem Despotismus, der Intoleranz und der Korruption, die unter Israels Nachbarn die Norm darstellen, kaum eine Spalte oder zwei in den Zeitungen zu lesen. Und die Fehltritte und Menschenrechtsverletzungen anderer Staaten – Chinas in Tibet, Russlands in Tschetschenien, Sri Lankas gegen die Tamilen und, besonders berühmt, Serbiens gegen die bosnischen Muslime – erleben kaum einen Ansatz der Wut und verursachen so gut wie keine Taten. (Erinnern wir uns: Es war Amerika, das schließlich die Muslime des Balkans rettete, während Europa trödelte und zappelte.) In diesem Zusammenhang ist es einfach natürlich die Europäer zu fragen: Ist es nicht etwas verdächtig, angesichts der europäischen Geschichte, dass immer Israel eurer kritischen Aufmerksam ausgesetzt ist?

Wenn man mit Europäern spricht, wird ihre Verteidigung sogar noch schlimmer. Sie werden schnell sagen, dass Amerikas Unterstützung der einzigen Demokratie des Nahen Ostens eine Folge der „übermächtigen jüdischen Lobby“ in Washington sei. Es kommt ihnen nicht in den Sinn, dass Verweise auf den Einfluss einer solch untergründigen Lobby an sich antisemitische Aspekte sind, die kaum registriert werden. Wenn der Guardian am Tag nach dem 11. September eine Kolumne mit der Überschrift „Wer wagt es Israel zu beschuldigen?“ bringt, dann kann man sehen, wie tief der antisemitische Unsinn sich in die liberale Gesinnung eingegraben hat. Wenn es in Frankreich einen Bestseller gibt, der davon handelt, dass das Flugzeug, das in das Pentagon krachte, Teil einer Verschwörung der CIA und der Juden war, dann kann man erkennen, warum Amerikaner vorsichtig sind. Wenn Synagogen abgebrannt werden, wenn jüdische Friedhöfe geschändet werden und antisemitische Faschisten bei französischen Wahlen in die Stichwahl kommen, ist es dann schockierend, dass Amerikaner Europa als einen Ort betrachten, der sich in den letzten fünfzig Jahren in einigen Teilen nicht sonderlich geändert hat?

Natürlich gibt es tiefer gehende, strukturelle Gründe für Europas Aversion amerikanischer Macht. Indem es sich einseitig selbst entwaffnet, gibt Europa eine Erklärung darüber ab, wie die Welt regiert werden sollte: durch Meditation, Diplomatie, internationale Abkommen, Souveränität durch Wahlen. Der amerikanische Analyst Robert Kagan ließ sich kürzlich zu diesem Konzept in einem viel diskutierten Essay aus. Die Erfahrung der EU – die Art, in der Erzfeinde wie Frankreich und Deutschland heute in einer konfliktfreien, postnationalistischen Umgebung kooperieren – wird der immer noch hartnäckig Verteidigung der Souveränität durch militärische Gewalt als moralisch und strategisch überlegen angesehen. Was diese Analyse abgeht, ist allerdings ein wenig Geschichte. Der einzige Grund, dass die EU existieren kann, ist, dass amerikanische Militärgewalt Nazideutschland besiegte. Der einzige Grund, warum ganz Deutschland heute zur EU gehört, ist, dass amerikanische Militärgewalt die Sowjetunion schlug. Europhyle verwechseln die Früchte der Realpolitik mit ihrer Abschaffung. Und sie begreifen nicht, dass der beste und einzige Garant europäischen Friedens und europäischer Integration – die heute von innen heraus durch den islamistischen Terror bedroht sind – einmal mehr amerikanische Macht ist. Statt an diesem Eingreifen herumzunörgeln, sollten diese Europäer darum beten – um ihre eigenen politischen Errungenschaften zu retten.

Damit sollen nicht die schwierigen Fragen abgetan werden, die man wegen eines Krieges mit dem Irak stellen muss. Sollte er eine massive Invasion zu Land mit über 200.000 Mann sein? Oder eine kleinere Streitmacht von vielleicht 50.000, die durch Spezialeinheiten ergänzt werden? Wie kann man Saddam davon abhalten chemische oder biologische Waffen einzusetzen, wenn er angegriffen wird? Wie könnte das die Region in Besorgnis erregender Weise destabilisieren – anders als die richtige Vorgehensweise? Macht die Türkei mit? Wie gehen wir mit einem Irak nach Saddam um? Diese Fragen sind bedrückend und müssen gut bedacht in die Öffentlichkeit getragen werden. Aber ihre Voraussetzung ist Verantwortung für die Weltordnung. Die Europäer mögen glauben, dass sie die Realpolitik in ihren internen Angelegenheiten abgeschafft haben, dass nationale Interessen eine Sache der Vergangenheit sind, dass militärische Macht ein Anachronismus sei. Und innerhalb der Grenzen einiger weniger europäischer Staaten mögen sie Recht haben. Aber in der Welt darüber hinaus – besonders im leicht erregbaren Nahen Osten – hat die Geschichte nicht geendet und eine neue Bedrohung des Weltfriedens steigt auf, die die gefährlichsten Waffen der Weltgeschichte so gut wie in der Hand hat. Wenn die Europäer glauben, dass sie mit Subventionen oder Diplomatie oder Beschwichtigung oder Kapitulation beschönigt werden kann, dann verwechseln sie schlichtweg ihren eigenen himmlischen Zustand mit der gewalttätigen Welt außerhalb ihrer Grenzen. Sie verstehen ihre eigene Zeit falsch – und zwar so gründlich wie in den 30-er Jahren.

Amerika hat im Gegenzug keine andere Möglichkeit, als der Bedrohung zu begegnen – oder seiner Zerstörung entgegen zu sehen. Je länger Amerika braucht, sie anzugehen, desto größer werden die Kosten sein. Die Bedrohung gilt hauptsächlich Amerika als der Hegemonialmacht der Welt, aber Europa ist nicht immun. Die Frage, die sich den europäischen Politikern stellt, ist die, ob sie Amerika unterstützen wollen oder nicht. Die Frage, ist, ob sie erwachsene Mitspieler in einer neuen und gefährlichen Welt sein wollen. Werdet erwachsen und macht mit – oder haltet die Luft an und lasst uns die Arbeit tun. Das ist die Botschaft Amerikas an Europa. Und diese Botschaft ist lange, lange überfällig.

Hass auf Israel – Was wir wissen, jedoch nicht laut sagen dürfen

aus: National Review online, übersetzt von Daniela Marcus (Nahost-Focus, 31.07.2002, nicht mehr online)

Europa, die Vereinten Nationen, viele Elitekreise in Amerika und natürlich die gesamte arabische und islamische Welt sind gegen Israel eingestellt. Drei Behauptungen sind Vorwand für diese Einstellung.

  1. BESATZUNG

Israel besetzt absichtlich Land, das nicht ihm gehört – eine Travestie, die vollkommen unisono auf der Weltbühne gespielt wird und somit besondere und umfassende Missbilligung verdient. Außerdem gibt es -entgegen dem ständigen palästinensischen Lamento- eine große Menge an besetzten Gebieten in der heutigen Welt – Tragödien, die vollständig aus dem moralischen Radarschirm der UN verschwinden und die für keinen der selbst ernannten Moralapostel der arabischen Welt von Bedeutung sind.

Seit 1974 ist ein Teil des griechischen Zypern unter türkischer Kontrolle – die Häuser und das Eigentum der griechisch sprechenden Zyprioten sind konfisziert, die einheimische Bevölkerung ausgewiesen und die Insel geteilt. Tibet wurde von China annektiert, völlig illegal und ohne besondere Reklamationen, mit Ausnahme einiger weniger in den USA.

Was geschah mit dem Libanon? Die Syrer haben das ganze Land besetzt, die Palästinenser sind eine Art staatseigener Sklaven und die Libanesen selbst sind kaum mehr als die Butler ihrer syrischen Herren. Kurdistan ist im Besitz dreier verschiedener Länder. Auf dem Balkan herrscht ein Durcheinander von ethnischen Slawen, Albanern, Serben und Griechen, die in Ländern leben, die von anderen kontrolliert werden. Eine Viertelmillion –und nicht dreitausend- sind in den letzten fünfzehn Jahren gestorben. Was gibt Russland das Recht, an japanischen Inseln festzuhalten, die es in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges konfisziert hat? Terrororganisationen, die Hamas und Hisbollah ähnlich sind, versuchen in Irland und Spanien Menschen in die Luft zu jagen, um für sich selbst ein autonomes Heimatland und Erbe zu fordern.

Was in vielen dieser Fälle anders ist, ist die Tatsache, dass die Tibeter nicht dreimal versuchten, in China einzumarschieren. Griechische Zyprioten versuchten nicht, die Türken durch eine Reihe von Kriegen ins Mittelmeer zu werfen. Auch versuchte die libanesische Armee nicht, Amman zu stürmen, sie verlor keinen Krieg gegen Syrien und dadurch die Autonomie ihres Heimatlandes. Ganz offensichtlich geht in Palästina noch mehr vor sich als die moralische Entrüstung der Welt über den Umgang mit besetztem Land.

  1. GRENZEN UND FLÜCHTLINGE

Die traurige Geschichte der Kriege ist es, dass Menschen vertrieben werden. Ich zweifle daran, dass Millionen von Deutschen irgendwann wieder etwas von ihrem Land erhalten werden, das inzwischen zu Ostfrankreich oder Westpolen gehört. Tausende von Russen fanden sich in der Situation wieder, dass sie in den baltischen Staaten mehr und mehr unerwünscht waren. Werden die ionischen Griechen –Bewohner der Westküste der Türkei seit dem 11. Jahrhundert vor Christus- jemals in ihre Heimat zurückkehren, nachdem sie in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts brutal von dort vertrieben worden waren? Millionen von islamischen Pakistanern und indischen Hindus leben in künstlich geschaffenen Ländern, in denen sie nicht geboren wurden.

Wenn man die alte oder moderne Geschichte auf faire Art und Weise betrachtet, muss man zugeben, dass die Situation in Palästina nicht einzigartig ist. Tatsächlich versucht Israel, seine geschlagenen Feinde weitaus gerechter zu behandeln als es die meisten Sieger –ob man nun die Türken, die Polen, die Franzosen oder die Chinesen betrachtet- in der Vergangenheit taten. Über Fragen bezüglich der Anzahl der Toten und des Kollateralschadens will ich mich hier nicht äußern. Entgegen dem, was die UN und die palästinensische Propagandamaschine sagen, geht das wahre Morden heutzutage in Zentralafrika, im Amazonasbecken, in der früheren Sovietunion und in Indien vor sich. Was erstaunt, ist nicht, dass Palästinenser im Kampf gestorben sind, sondern dass im Vergleich zu den Kämpfen in den Stadtgebieten von Tschetschenien, in Mogadischu und Panama, so wenig ums Leben gekommen sind. Unter diesem Gesichtspunkt ist Herr Arafats Heraufbeschwören von Stalingrad sowohl historisch dumm wie auch obszön im Gedenken an all die Hunderttausend, die im Winter 1942/43 auf beiden Seiten ums Leben gekommen sind.

  1. RASSISMUS

Eine konstante Beschuldigung –die erst kürzlich auf widerliche Art von Herrn Arafat geäußert worden war- ist diejenige, dass die Israelis einen rassistischen Widerwillen gegen die Palästinenser hegen. Er hat behauptet, die Israelis versuchten auf Naziart, die Westbank von Nichtjuden zu säubern. Die UN selbst hat über Jahre hinweg versucht, Resolutionen herauszugeben, die den Zionismus mit Rassismus gleichsetzen. Doch wenn man die Sache fair und unter dem Gesichtspunkt rassischer und religiöser Toleranz betrachtet, muss man sagen, dass die israelische Regierung Lichtjahre entfernt ist von dem, was in der arabischen Welt vor sich geht. In privaten Kreisen geben die Araber zu, dass sie in Tel Aviv weitaus besser behandelt werden als die Juden derzeit in Kairo, Bagdad, Damaskus oder Amman behandelt werden würden. In der israelischen Tageszeitung „Jerusalem Post“ lesen wir nicht, dass Palästinenser als „Affen“ und „Vampire“ bezeichnet werden, wie wir das in arabischen Tageszeitung über die Juden lesen. Es gibt in Israel auch keine umfangreiche Literatur –wie in der arabischen Welt über die Juden-, die sich der Beweisführung widmet, dass Israels Feinde Untermenschen sind. In diesem gegenwärtigen Konflikt existieren wirklicher Rassismus und Hass, doch werden diese hauptsächlich von Arabern und nicht von Juden geäußert. Hätte eine Zeitung in Tel Aviv behauptet, dass die Araber Blut trinken und wären die Araber mit Primaten in Verbindung gebracht worden, wäre die Entrüstung der Welt sogar erst an zweiter Stelle nach derjenigen in Israel gekommen.

Wenn Israel für nichts anderes als dafür, sich selbst zu verteidigen, schuldig gesprochen wird und dafür, seinen geschlagenen Gegnern erst dann das Land zurückgeben zu wollen, wenn dem jüdischen Staat Sicherheit garantiert wird, was ist dann der Kern des Hasses der Welt auf Israel? Die Antwort ist offenkundig und kann in fünf Hauptpunkten zusammengefasst werden.

Realpolitik

Wir dürfen niemals das absolute Selbstinteresse der Staaten vergessen – ein Wesenszug, von dem die griechischen Geschichtsschreiber gedacht haben, dass er der Kern der meisten Konflikte ist, oftmals geschmacklos getarnt durch Vorwände wie „Gerechtigkeit“ und „Fairness“. Es mag beinahe eine halbe Milliarde arabisch sprechende Menschen geben. Millionen islamischer Bürger wohnen nun im Westen. Nur die wenigen hundert Kilometer des Mittelmeeres trennen Europa von den mittelalterlichen Regimes in Libyen, Algerien und Syrien. Die Wichtigkeit der arabischen Welt reicht von der Größenordnung der im Ausland lebenden Bevölkerung bis hin zum Nutzen expansiven Handels und großer Märkte. Die Wichtigkeit Israels kann in diesem Fall in einer Ansammlung von kulturellen, ökonomischen und politischen Ängsten und Möglichkeiten beurteilt werden. Wäre Israel groß –sagen wir 400 Millionen Juden- und die arabische Welt darum herum spärlich (vielleicht 10 Millionen), dann würden wir Dutzende von UN-Resolutionen sehen, die Herrn Arafat für alles verurteilen, angefangen vom Mord an US-Diplomaten in der Vergangenheit bis hin zu seiner gegenwärtigen Mitschuld an Selbstmordanschlägen dadurch, dass er sie in Auftrag gibt.

Öl

Zwischen einem Viertel und einem Drittel der Ölreserven dieser Welt sind in Saudi-Arabien, Kuwait und im Irak zu finden. Für etwa die nächsten 30 Jahre sind Europa, die USA und Japan auf diese ständige Versorgung von wichtigem Petroleum angewiesen. Und während die wirtschaftlichen Kraftwerke des Westens offensichtlich versuchen, alternative Lieferanten in Russland, Südamerika und Norwegen zu finden, bleibt doch die Tatsache bestehen, dass durch die global verbundene Wirtschaft das östliche Öl –und dessen instabile und unangenehme Verwalter- in vorhersehbarer Zukunft unentbehrlich für die ökonomische Weltgesundheit ist. Wir haben verschiedene Anstrengungen, die Ölversorgung zu unterbrechen, dieser Regimes gesehen –angefangen von Saudi-Arabiens Ölembargo im Jahr 1974 bis hin zur Bombardierung von Tankern im Persischen Golf durch den Iran und zu Saddam Husseins Fackelzug zu den Ölfeldern in Kuwait- und darum realisieren wir, dass ungünstige Beeinflussungen, gegenseitige Vernichtungskriege und unerklärliche Fehden all diese Autokratien zu jeder Stunde aufwiegeln können. Es ist viel einfacher –und billiger- angesichts der routinemäßigen Schrecken den Mund zu halten oder tatsächlich aktiv ihre oftmals absurden Tagesordnungen zu begünstigen.

Überdies bringt das Einkommen durch das Öl diesen Diktaturen westliche technologische Expertisen und militärische Ausrüstung – und somit die Sympathie von Millionen in der westlichen Welt, die davon abhängig sind, diesen Diktaturen alles zu verkaufen, angefangen von Handys und Computern bis hin zu Düsenjägern. Tausende von Europäern und Amerikanern, die Rohöl kaufen, damit Handel treiben und es verschiffen, können die Wut ihrer Wohltäter kaum riskieren. Also verstecken sie ihren Eigennutzen unter dem Deckmantel patriotischer Slogans wie „nationales Interesse“ und „ökonomische Sicherheit“. Hätte Israel 25% der Ölreserven dieser Welt und seine arabischen Nachbarn keine, würde die EU nun die palästinensischen Bomber als die Schlägertypen und Terroristen, die sie sind, verurteilen.

Terrorismus

In den vergangenen 30 Jahren stand die Mehrheit der internationalen Terroristen im Dienst der radikalen islamischen und arabischen Sache. Es waren die schlimmsten Killer, die internationale Flugzeuge in die Luft jagten, die Olympischen Spiele stürmten, westliche Diplomaten ermordeten, Botschaften stürmten, Geiseln nahmen und Zivilisten bei der Arbeit im wahrsten Sinn des Wortes verdampfen ließen. Das bedeutet nicht, dass japanische, irische, baskische, malaysische, weiße rassistische und armenische Terroristen nicht häufig gemordet haben, sondern nur, dass arabische Mörder weit mehr auf globaler Ebene Angriffe ausgeführt haben, besonders in Europa und Amerika. Spätestens mit dem 1967er Krieg hat die Welt erkannt, dass die Unterstützung Israels in der Ermordung von Diplomaten, Athleten, Touristen und Soldaten im Schlaf, bei der Arbeit und im Urlaub resultiert. Hätte der Mossad im Gegensatz dazu Franzosen, Amerikaner und Deutsche überall auf der Welt ermordet, würden sich Politiker nun darum reißen, Israel ihre Unzufriedenheit zu zeigen und würden versuchen, den „eigentlichen Grund“ für diesen Missstand herauszufinden.

Antisemitismus

Wir wissen nicht genau, warum Antisemitismus in einer angeblich gebildeten und modernen westlichen Welt fortbesteht, zu einer Zeit, in der Assimilation, Integration und interreligiöse Eheschließungen immer alltäglicher werden und absolute Säkularisierung die Unterschiede der großen Religionen verschwimmen läßt. Traditionelle Stereotypen und Hass werden natürlich an jede neue Generation weitergegeben; und wir dürfen niemals die Macht des Neides vergessen. Neid, den hoch gebildete, kompetente und fachlich gut ausgebildete Juden bei weniger talentierten und erfolgreichen Menschen hervorrufen. Trotzdem ist der gegenwärtige Anstieg des Antisemitismus ziemlich offensichtlich – besonders die beschämende Blasphemie, die in der wahllosen Nutzung der Worte „Holocaust“ oder „Genozid“ und im plötzlichen Wiedererscheinen von Hakenkreuzen neben Davidsternen gezeigt wird. Ich bin ein 48 Jahre alter schwedisch-amerikanischer Protestant und zeige seit 30 Jahren meine Unterstützung für Israel, doch niemals zuvor wurde ich gefragt „Sind Sie Jude?“ Allein im vergangenen Jahr kam diese Frage, die normalerweise als Anklage formuliert wird, mindestens 50 Mal auf, gemeinsam mit gedruckter und elektronischer Beschimpfung, die Herrn Goebbels stolz gemacht hätte.

Hier müssen wir offen reden: Die arabische Welt trägt einen großen Teil der Verantwortung für den gegenwärtigen Hass. Islamische Voreingenommenheit ist der Motor, der den europäischen Antisemitismus antreibt. Die vom Staat herausgegebenen Zeitungen in Ägypten und Saudi-Arabien unterscheiden sich nicht von denen in Deutschland während der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. Saudische Diplomaten und religiöse Persönlichkeiten zitieren voller Hass, auf unentschuldbare Art, direkt aus „Mein Kampf“. Dieses Buch ist in Teilen der arabischen Welt ein Bestseller. Die Wahrheit ist: Wären die Palästinenser angegriffen worden und hätten sie vier Kriege gegen Israel gewonnen und würden sie derzeit den Staat Israel besetzen, würde ein Großteil der Welt sagen „Ihr sollt noch mehr Macht haben, um diese Juden zu besiegen und zu besetzen.“

Aristokratische Schuld und der Kult um den Underdog

Mit geringen Sorgen hinsichtlich Hunger oder Schinderei und mit steigendem Appetit auf materielle Dinge haben viele Menschen im Westen Luxus und Reichtum benutzt, um gerade die Kultur zu verdammen, die solch ein gutes Leben produziert. Nihilismus, Zynismus und Sarkasmus sind die Symptome, die wir bei unserer gelangweilten und schuldbeladenen Elite sehen. Eine Elite, die sowohl die Kapitalisten herabsetzt, die ihren Wohlstand managen, wie auch die Mittelklassegesellschaft, die ihn produziert.

Radikales Umweltbewusstsein, romantische Multikultur und autoritäre Utopie reflektieren alle eine eher selbstgefällige Idealisierung des benachteiligten, ursprünglich natürlichen Zustandes. Zentraler Punkt in diesem Credo ist die Identifikation mit der vermutlich anti-westlichen Welt des universell Unterdrückten – und mit beinahe jedem und allem, was in den vergangenen drei Jahrhunderten gegen den Moloch der dominanten Kultur des westlichen, industriellen Kapitalismus aufgekommen ist.

Somit sind es für manche Menschen im Westen nicht so sehr die Fakten im Nahen Osten der letzten 50 Jahre, die ihren Hass auf Israel bestimmen. Wahrscheinlich auch nicht die Sorge über den Benzinpreis für ihre Volvos oder SUVs, ebenfalls nicht ihre Angst vor Bomben und Bakterien, und nicht ihr Neid auf die Juden. Sondern ihr Hass rührt eher daher, dass die Palästinenser schwach und die Israelis stark sind. Auf diese Art ziehen Herr Arafat und seine Speichellecker einen Verdienst aus ihrem Status als Geschädigte, z. B. hinsichtlich ihres Abstammungsrechts, und bekommen die Genehmigung für alles, angefangen von liberaler Zensur bis hin zu Worten des Hasses und zu Voreingenommenheit. Die Israelis hält man für stark und überheblich, weil sie ja die Ausbeuter sind, und somit werden sie kollektiv für die Unterdrückung und gegenwärtige Not ihrer seit langem leidenden „Opfer“ verantwortlich gemacht.

Diese unerträglichen und reichen europäischen und amerikanischen Linken sehen ihre Solidarität mit den Palästinensern teilweise auf marxistische, teilweise auf arrogante und meistens auf naive Art als untrennbar verbunden mit ihrer eigenen unangenehmen Persönlichkeit. Es ist viel einfacher, billiger –und sicherer-, das Unrecht von ungerecht Behandelten durch Demonstrationen und das Unterzeichnen von Petitionen wieder gut zu machen, als unter ihnen zu leben, sie zu heiraten, sie täglich zu sehen oder dem „anderen“ materielle Hilfe zukommen zu lassen. Denn es kann alles in ein paar Sekunden in der Universität, im Fernsehn oder in den Stadtbezirken getan werden – ohne eine echte Betrachtung dessen, was das eigene, eher bequeme, materiell gesicherte Dasein in der Universität, in den Medien oder in der Regierung garantiert.

Die Wahrheit ist, dass die westliche Unterstützung für Israel oder der westliche Hass auf Israel uns viel mehr über uns selbst erzählt als über die reale Situation im Nahen Osten.

„Wir sind alle Palästinenser“

Der Kalte Krieg Europas gegen Israel – ein Essay in 5 Teilen

Uli Krug, Nahost-Focus, Juli 2002 (nicht mehr online)

Der ordinäre deutsche Nah-Ost-Korrespondent betätigt sich als Lieferant für den Bedarf des „ehrbaren Antisemitismus“ (Amery). Selten lügt er direkt, besitzt aber eine perfide Kunstfertigkeit darin, die Assoziationen und Imaginationen des Massenbewusstseins durch das Verschweigen historischer, geographischer und aktuell politischer Zusammenhänge sowohl zu bedienen als auch in Gang zu setzen.

Die jüngste „Nahost“-Berichterstattung variiert dabei die antisemitische Stereotypie vom Judentum als Urheber von Bolschewismus und Finanzkapitalismus nur im zeitgenössischen Gewand: Israel erscheint sowohl in der Rolle des Bolschewiken, der die Schlesier zu „Flüchtlingen“ machte, und zugleich als Büttel und Nutznießer des Wall-Street-Kapitalismus, der arme Kleinbauern um Land und „Kultur“ betrügt. „Synthetisiert“ werden diese widersprüchlichen Regungen in projektiver Wendung darin, Israel als III. Reich des 21.Jahrhunderts vorzustellen.

Der portugiesische Romancier Saramago vergleicht bei einer Ergebenheitsvisite in Arafats Hauptquartier den israelischen Gegenschlag der letzten Wochen „durchaus mit Auschwitz“ (Welt, 19.4.2002), nachdem die Jeanne d’Arc der Globalisierungskritiker, Frau Roy, zuvor schon Staudammbauten mit Auschwitz in eins gesetzt hatte. Derartig moralisch gewappnet macht sich dann der deutsche Journalist zum Al-Quaida-Sprecher und erklärt, die Juden hätten „in Palästina so wenig verloren (…) wie die Kreuzritter“. (SZ, 15.4.2002)

Eine Ausnahme von der Regel ist Ulrich Sahm, der deswegen außer in n-tv nur in der Jüdischen Allgemeinen und in der Welt zu Wort kommt. Für letztere führte er am 7.4. ein Interview mit Shimon Peres, dem israelischen Außenminister und kam in einer Frage auf den Zusammenhang zwischen offizieller antiisraelischer Rhetorik von Presse bzw. Politik und der Angriffsserie auf Juden und jüdische Einrichtungen aller Art in ganz Europa zu sprechen.

Sahm: „In Frankreich brennen Synagogen. Norweger rufen zum Boykott von israelischen Waren auf. Ägypten bricht die Kontakte ab. Ihr Freund Bülent Ecevit bezichtigt Israel des Völkermordes an Palästinensern. Sie sind der Außenminister. Ist Ihre Außenpolitik gescheitert?“
Peres: „Wir müssen gegen Vorurteile kämpfen. Und wir müssen einen latenten Antisemitismus bekämpfen. Wie manche Leute in Europa die Zukunft Europas darstellen, so stellen wir die Vergangenheit Europas dar. Die Europäer müssen uns in die Augen schauen und sich erinnern, was passiert ist. Wir versuchen jetzt, unser Leben zu verteidigen. Wir haben keinerlei Absichten, fremdes Land zu besetzen oder ein Volk zu beherrschen. Aber ich frage mich, was sie, die Europäer, tun würden, wenn sie sich täglich mit Selbstmordattentätern auseinander setzen müßten und mit anschauen müssten, wie ihre Kinder und Jugendlichen Opfer von Terror werden. Was schlagen die Europäer vor? Um ehrlich zu sein, verstehe ich deren Opposition überhaupt nicht. Warum unterstützen sie die Palästinenser? Wofür kämpfen eigentlich die Palästinenser? Für Unabhängigkeit? Wir haben ihnen doch Unabhängigkeit angeboten. Kämpfen sie für ein palästinensisches Land? Wir haben ihnen ein palästinensisches Land angeboten. Sie wollten einen Platz in Jerusalem. Auch ein Platz in Jerusalem wurde ihnen angeboten. Also warum der Terror? Warum unschuldige Menschen umbringen? Die Europäer, unsere Freunde und Kritiker, müssen diese Fragen ehrlich beantworten.“

Kein „rationaler“ Konflikt

Die schreckliche Wahrheit, die Peres zumindest ahnt, ist folgende: Gerade weil die Europäer wissen, dass der Kampf der Palästinenser nicht einer für etwas ist, sondern nur einer gegen etwas, die Juden nämlich, genau deswegen unterstützen sie diesen Kampf so solidarisch, lassen sich durch nichts beirren. Um es in Peres‘ Worten zu sagen: Die „Leute, die Europas Zukunft darstellen“, solidarisieren sich mit den Palästinensern und ihrem hemmungslos eliminatorischen Antisemitismus, also einem, dem Vernichtung Ziel und Mittel zugleich ist, gerade, weil Israel „die Vergangenheit Europas darstellt“, weil die „Europäer uns in die Augen schauen und sich erinnern müssen, was passiert ist.“

Der sogenannte Nahost-Konflikt, bei dem es um Landstriche geht, die in ihren Dimensionen denen des Landes Hessen gleichen, ist keiner um einen Gewinn im materiellen Sinne. Wäre er ein dergestalt „rationaler“ Konflikt, wie Linke mit Spürnase für strategische Interessen meinen herausgefunden zu haben, wäre er längst beigelegt; dass er es nicht sein kann, dass das deutsch-europäische Interesse an ihm so überproportional und eindeutig projektiver Natur ist, zeigt, dass der globale Antizionismus auf Israel genau so losgeht wie es zuvor der unverblümte Antisemitismus gegen das „Judentum“ tat. Antiisraelische Politik und Propaganda und volkstümliches, antisemitisches Bedürfnis einigen sich in einer paradoxen Kreation: einem antifaschistischen Antisemitismus, der Israel zum „faschistischen“ Staat, im etwas feineren UN-Sprech zum „Rassisten“ und „Menschenrechtsverletzer“, deklariert.

Die Europäer, aus deren Reihen sich derzeit nur Teile der politischen Klasse Großbritanniens wohltuend durch Zurückhaltung abheben, wofür die britische Botschaft in Berlin vom antisemitischen Mob am palästinensischen „Tag des Bodens“ mit Steinen eingedeckt wurde, können tatsächlich nur in den Kategorien, die der Nationalsozialismus setzte, von Israel denken. Deutschland, das Land eines heute als diplomatische Waffe gegen Israel eingesetzten Versöhnungskultes, entwickelte mit diesem Kult die notwendige „moralische“ Sichtweise. In der schon von je feindselig durchwirkten und nur mühselig zugestandenen Singularität Israels, begründet aus der Massenvernichtung der europäischen Juden, schwang schon immer das Moment mit, den Opfern nicht verzeihen zu können, was man ihnen angetan hatte. Die deutsche Manie der Versöhnung zielte stets darauf, Israel abzuluchsen, dass es ja gar nicht sooo schlimm gewesen sei, dass schließlich niemand frei von Schuld sei und läuft auf jenen bundesrepublikanischen Philosemitismus heraus, demzufolge man ja eigentlich auch Jude sei, ja eigentlich mehr als der Jude noch gebeutelt werde vom historischen Schicksal und von der Welt unverstanden bliebe. Es galt, mit der Gleichstellung von Juden und Deutschen im Zeichen der Versöhnung die Verbindung zwischen der Singularität der Judenvernichtung und der Gründung des jüdischen Staates zu lösen. Joschka Fischer eifert darin die im Führerbunker zu Ramallah ausharrende deutsche Friedensfee Julia Deeg genauso nach wie ein anderes deutsches Seelchen, der EKD-Auslandsbischof Rolf Koppe: Den befriedigt es ungemein, dass die Juden endlich nicht nur als Opfer, sondern auch als Täter dastünden, die christliche Kirchen angreifen, „einen Tabubruch ersten Ranges“ (Welt, 4.4.2002) begingen, hinter dem die EKD ihren eigenen versteckt, nämlich sich endlich wieder alter antijudaischer Stereotype bedienen zu können, um gemeinsam mit „Pax Christi“ so recht gegen den „westlichen Egoismus“, vulgo das „raffende Kapital“ hetzen zu können.

Die Vorlage für derlei hatten in den 70er und 80er Jahren die Magazine der radikalen Linken, die israelische Politik mit Lagern, Gas und Endlösung assoziierten, geliefert. Phantasierten während des Libanon-Kriegs taz und Arbeiterkampf von der „Endlösung der Palästinenserfrage“, so fabulieren heute SZ und die österreichische Neue Kronen-Zeitung vom „totalen Krieg“ (2.4.2002) Israels gegen die Palästinenser und der Osservatore Romano des Vatikans von der „Vernichtung des Heiligen Landes“ (5.4.2002). Norbert Blüm schließlich, der „Herz-Jesu-Sozialist“ der alten BRD, bezeichnet gegenüber Israels Botschafter Shimon Stein die verzweifelte Polizeiaktion Israels gegen die operative Basis rivalisierender Milizen namens „Autonomiegebiete“ als „hemmungslosen Vernichtungskrieg“. Als ob ein Vernichtungskrieg nicht vielmehr aus diesem Gangland gegen Israel geführt würde; aus einem Gebiet, in dem die Staatsbande „Al-Fatah“ Selbstmordattentäter ausbildet, besoldet und die Angehörigen berenten lässt, in dem die sogenannten Sicherheitskräfte eigenhändig den Transfer dieser Attentäter „hinter israelische Linien“ besorgen (FAZ, 30.3.2002), während die Richter nach „palästinensischem Recht“ Judenmord nicht als Straftatbestand anerkennen (FAZ, 4.12.2001).

Teil 2: Unschuld contra Verderbtheit.

Die in der europäischen Propaganda allgegenwärtige Konstruktion, dass Israel und die Juden eigentlich die Nazis von heute darstellen, ist dabei nicht allein nur der nachträglichen Legitimation des bereits vollzogenen Judenmordes geschuldet, sondern bereitet ebenso aktuellem wie künftigem Morden den Weg.

Weil es einer der Grundzüge des Antisemitismus ist, sich als berechtigte Notwehr gegen die Juden zu empfinden, kann er auch nicht innehalten. So finden sich alle Figuren des klassischen Antisemitismus in seiner neuesten, monströsen Notwehr-Konstruktion, die zusammen den „Nahost“-Konflikt in seiner medialen Aufbereitung als auch politischen Instrumentalisierung ergibt, aufgehoben – und jeder, der die „Elemente des Antisemitismus“ gelesen hat, müßte sie leicht als solche erkennen, „die völkischen Phantasien jüdischer Verbrechen, der Kindermorde und sadistischen Exzesse, der Volksvergiftung und internationalen Verschwörung (,die) genau den antisemitischen Wunschtraum (definieren)“ (1): Die Juden als Synonym der Überwältigung der vormodernen Unschuld durch die technologisch-zivilisatorische Verderbtheit; Macht und Geld contra Tradition und Gemeinschaft; Panzer gegen Kinder, Soldaten gegen Priester, Wasserdiebe gegen Kleinbauern.

Diese Bildersprache, die mit zutiefst archaisch-regressivem seelischen Material arbeitet, bestimmt die „europäische“ Sicht, die genau darin mit der ihrer palästinensischen Schützlinge übereinstimmt, die glauben, von den Juden durch Giftgas unfruchtbar gemacht zu werden, die glauben, dass Juden das Blut von Arabern trinken, die glauben, dass Juden heroinbestrichene Briefmarken verteilen, die eigentlich alles glauben, was die Register der Psychopathologie zu bieten haben (2). So wird denn auch der Mord an Juden, sowohl in der Phantasie deutscher Friedensfreunde als auch im arabischen Schulbuch, zur Notwehr gegen die Massaker, die Juden angerichtet hätten, wäre ihnen nicht der Antisemit in den Arm gefallen. Besser als ein nach eigenem Bekunden palästinensischer Randalierer es auf einer BAHAMAS-Veranstaltung formulierte, hätte weder die LibÈration noch die National-Zeitung, weder La Repubblica noch junge Welt formulieren können: „Die jüdischen Faschisten wollen über nichts als Auschwitz reden“. Genau deswegen befindet sich Europa im kalten Krieg mit Israel.

Dieser „kalte Krieg“ ist die konsequente Fortsetzung des Jugoslawienkrieges, der, so wie die öffentliche Aufbereitung Jugoslawiens gestrickt war, zum unmittelbaren Vorlauf der heutigen antiisraelischen Aggression zählt. Diese Aggression kann zum tatsächlichen Krieg sich noch nicht aufschwingen, die Marschrichtung aber, die im ersten Fall schließlich auf die Verstümmelung und Delegitimation Jugoslawiens hinauslief, ist die gleiche.

„Damit aber die deutsche Unschuld wieder unbefangen verfolgen kann, muss sie erst glaubwürdig wiederhergestellt werden: Dazu müssen die ehemaligen Opfer des ersten deutschen Gewissenskrieges, der ja auch nicht um den schnöden Mammon, sondern für eine Erlösung der Welt durch Opferung des Bösen geführt wurde, heute die Täter sein“, also das tun, was man selber tat.

„Da man Israel sich als materiellen Kriegsgegner und Schurkenstaat – ein ideeller war es bereits die ganzen letzten 50 Jahre – verkneifen muss, hält man sich an Jugoslawien bzw. Serbien schadlos. Es hat sozusagen als Projektionsfläche des neuen Deutschlands vom alten Deutschland herzuhalten, mit dem dieses neue Deutschland aber gerade in der Projektivität, in der untrennbaren Einheit von Wahn und Staatsraison, innige Seelenverwandtschaft pflegt.“ Die, mit denen wir demonstriert hatten, als diese Zeilen in der BAHAMAS 30 (S.25) erschienen, bewegte allerdings alles andere als der Kampf gegen den deutschen Antisemitismus, der sich zum postmodernen Antifaschismus gemausert hatte und sich doch deutlich durch seine Projektionen verriet. Denn nicht gegen Deutschland und seine Freunde – vorzugsweise islamisierte Völkerschaften, die bloße Großrackets, bewaffnete Banden vorstellen, die außer Terror und Identität nichts zu bieten haben – ging es ihnen; sondern mit dem besseren Deutschland gegen den westlichen Imperialismus wollten sie zu Felde ziehen.

Die Gelegenheit haben sie jetzt reichlich: Je weiter Deutschland und mit ihm Kontinentaleuropa seinen eigenen Imperialismus pflegt, der vom Antiimperialismus nicht mehr zu unterscheiden ist, weil er nichts gewinnen, sondern zerstören will, d.h. einer archaisch-pathologischen Krisenlösungsstrategie verhaftet ist, desto willfähriger fordert seine linke und liberale Öffentlichkeit das, was offen auszusprechen dem Establishment immer noch zu heikel erscheint. Die Stimmung gegen Israel übertrifft dabei noch die gegen Serbien, weil in ihr alle Strömungen … zusammenkommen, die pazifistisch-betroffenen, die multikulturell-„antirassistischen“, die links- oder rechtsdrehenden nationalrevolutionären: Nach einer von der Welt in Auftrag gegebenen emnid-Untersuchung halten 73% der Deutschen Israels Vorgehen für ungerechtfertigt und Sharon für den Auslöser der „Krise“ (Welt, 5.4.2002). Wer angesichts dessen von einer „pro-israelischen“ Öffentlichkeit schwafelt, dem kann es nur um die Zerstörung Israels gehen.

Teil 3: Die Produktion lebender Bomben

Nicht, dass die EU und die UN, die beiden Zentralausschüsse des völkisch-neidhammeligen Antiimperialismus, dies nicht auch wollten; allein, sie müssen über das, was sie praktisch betreiben, noch durch die Blume sprechen. Da beschwert sich ein Kofi Annan bereits Wochen vor Beginn der „Operation Schutzwall“ öffentlich über die „unbeschränkte, konventionelle Kriegsführung“ Israels gegen die Palästinenser (Welt, 20.3.2002). Dass die keineswegs „unbeschränkte“ Kriegsführung Israels elementarste Polizeifunktionen wahrnehmen muss und dies einen hilflosen Versuch darstellt, die komplett schranken- und hemmungslose Kriegsführung der Palästinenser-Gangs gegen alles, was ihnen Jude heißt, einzudämmen und abzuschrecken, darüber schweigt des Vorsitzenden Höflichkeit.

Nicht nur, dass Annan sich noch einmal die Schand-Resolution 3379 vom 10.9.1975, in der „Zionismus“ als „Rassismus“ gebrandmarkt wird, die eigentlich am 16.12.1991 – und damit als einzige jemals – von der Vollversammlung außer Kraft gesetzt wurde, in Durban aufs neue bestätigen ließ, zeigt welches schmutzige Spiel er und die UN treiben. Das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNRWA) beispielsweise registriert immer noch Flüchtlinge aus Palästina, obwohl seit 54 Jahren kein neuer Flüchtling aus dem heutigen Staatsgebiet Israels dazugekommen ist. Dennoch ist die Zahl der „Flüchtlinge“ von ursprünglich zwischen 538.000 nach israelischen und 850.000 nach palästinensischen Quellen auf stattliche 4 Millionen heute angewachsen. Flüchtling ist – im klaren Verstoß gegen die sonstige Definition der UNRWA von Flüchtlingen – jeder Nachkomme dieser ursprünglichen Flüchtlinge, selbst wenn er zwischenzeitlich beispielsweise die jordanische Staatsbürgerschaft erlangt hat. (3)

Hält die Bevölkerungsentwicklung in den palästinensischen Autonomiegebieten an – und das wird sie, dafür sorgt die Übereinkunft zwischen islamischer Sexualmoral und dem nationalen Appell, Kinder als künftige Soldaten gegen Israel zu zeugen, wie es die EU-finanzierte „Stimme Palästinas“ täglich fordert -, dann wird es wohl in einem Jahrzehnt weit über 4 Millionen Flüchtlinge geben, die das Land, aus dem sie geflohen sein sollen, noch nie betreten haben. Was sich aus Fernsehen und Radio über die von ihren Eltern und deren Führern schon bei Geburt zum Tode bestimmten Kinder ergießt, klingt so: „‚Folgt mir ins Paradies‘. quäkt eine kitschige Kinderstimme“ – mehrfach täglich – „zu den Bildern des“ – nach aller Wahrscheinlichkeit von eigenen Marodeuren – „am 30.9.2000 erschossenen 12-jährigen Mohammad-al-Dura.“ Das Musik-Programm sieht wie folgt aus: „Ein anderer Spot zeigt einen palästinensischen Sänger: ‚Die Zeit für Spielzeuge ist vorbei‘, singt er schmalzig, und die Kamera zeigt Bilder von Kindern, denen die Puppen und Spielzeuge aus der Hand fallen. Stattdessen greifen sie zu Steinen und rennen auf israelische Armeeposten zu (…) der Sänger flüstert ermutigend: ‚Fürchte Dich nicht vor dem Tod, Märtyrertum ist süß.‘“ (Tagesspiegel, 21.8.2001) Die Konditionierung auf den Tod funktioniert: „Kinder spielen auf den Straßen ‚Märtyrer‘, Aufdrucke mit den Konterfeis der Attentäter zieren T-Shirts und Schlüsselanhänger.“ (Welt, 16.4.2002)

Dass diese „Flüchtlings“-Kinder obendrein in „Lagern“ leben, verdanken sie weniger den Israelis, sondern eben den arabischen Brudernationen, die jegliche Repatriierung der Flüchtlinge, ja sogar die in Aussicht dafür gestellten Finanzhilfen seit 1949 ablehnten und statt dessen die Araber, die das Staatsgebiet Israels verlassen hatten, in Grenznähe zusammenpferchten; eine Tradition, die Arafats Schergen mit deren Nachkommen bis zum heutigen Tage fortsetzen. Dass die entsprechenden Grenzregionen hauptsächlich Jordaniens nach dem Angriff desselben auf Israel nach internationalem Recht 1967 legitimerweise besetzt wurden, passt in das wahrhaft diabolische Konzept: Die arabische Liga und die palästinensische Führung haben mit voller Absicht Millionen von vorneherein verlorener Existenzen gezüchtet, die nur auf Antisemitismus gedrillt sind, lebende Bomben, die seit 1967 auch noch unter israelische Besatzung gekommen sind. Und das nicht nur in Gaza und im Westjordanland, sondern auch an der israelischen Nordgrenze; Syrien, das einst im Libanonkrieg Palästinenser zu Abertausenden massakrierte, lässt die Kinder derer, die den syrischen Flächenbombardements entgingen, heute einen stellvertretenden „Zermürbungskrieg“ gegen Israel führen: Syrische Truppen ziehen sich aus dem Grenzgebiet zu Libanon und Israel zurück, überlassen „zielsichere Raketen iranischer Produktion“ (Welt, 17.4.2002) der Hisbollah; diese schickt sowohl Bewohner der Flüchtlingslager auf never-come-back-Mordmissionen „gegen israelische Farmen, Dörfer und Grenzposten“ (Welt, 8.4.2002), während sie diese zugleich einem Dauerbombardement aus dem Libanon heraus unterzieht.

Dass Herr Annan Israel drängt, das Friedensangebot der arabischen Liga, wie sie es bei ihrer letzten Konferenz in Beirut verabschiedet hat, anzunehmen, wundert nicht; genauso wenig, dass die EU in dieselbe Kerbe schlug: Unter beifälligen Grinsen des Applaus umtosten Saddam Hussein, dessen Irak sich heute noch im offiziellen Kriegszustand mit Israel befindet (seit dem Invasionsversuch 1948), wurde dem ursprünglichen „Abdallah“-Plan, der eine äußerst „zweifelhafte Normalisierung“ gegenüber Israel in Aussicht stellte, nämlich noch das „Rückkehrrecht für alle Flüchtlinge“ beigefügt; eine monströse Forderung nach der Vernichtung Israels, die nicht einmal die UN der 60er Jahre dem Land zumuten wollten, die damals immerhin anerkannten, dass Israel entschädigungslos zwischen 600.000 und einer Million aus den Angreiferstaaten von 1948 geflohener Juden aufnahm.

Da können die Solanas, Pattens und Prodis heutzutage doch erheblich freier von der Leber weg sprechen. Nicht ganz so offenherzig wie Lamers oder Möllemann: Hört jener ausgerechnet durch Joschka Fischer „die Israelis sprechen“ (Tagesspiegel, 6.4.2002), so identifiziert dieser im typischen Wahrheitsdrang des Paranoikers gleich palästinensische Selbstmordattentäter mit deutschen Fallschirmspringern (taz, 4.4.2002). Aber aus den Zentralen der Macht klingt es nur wenig moderater. Ein Wut entbrannter Solana schnauft in die Fernsehkameras der ARD, dass es Israel „noch eidtun würde“, ihn nicht zu seinem Terrorzögling Arafat durchgelassen zu haben und droht gemeinsam mit Schröder mit „Bundeswehrsoldaten“ im „Rahmen eines UNO-Mandats“ (Zeit 16/2002). Kurz zuvor hatte die EU-Kommission entschieden, die Finanzhilfe für die Palästinensische Autonomiebehörde von 10 Millionen Euro monatlich weiterlaufen zu lassen, obwohl Israel am selben Tag Dokumente aus Arafats Hauptquartier vorlegte, die bewiesen, was ohnehin klar war: Dass diese Behörde die Spesen- und Sprengstoffrechnungen der Al-Aqsa-Märtyrer-Brigaden bezahlt, was wiederum nur auf dem keineswegs israelfreundlichen US-amerikanischen Fernsehsender CNN zu sehen war.

Und nicht nur Dokumente tauchten auf: Israel fand auf dem Gelände zwei „Lastwagenladungen von SAM-7-Luftabwehrraketen und 200 LAW Anti-Panzer-Raketen“, deren Besitz nach dem Oslo-Vertrag verboten und deren Existenz immer abgestritten wurde (Washington Post, 3.4.2002) .

In Europa debattiert man indessen munter – auf abwechselnd spanische, belgische oder dänische Initiative – immer weiter über einen EU-Boykott gegen Israel, dessen Abriegelung der Palästinensergebiete laut EU-Außenkommissar Chris Patten nach echt antisemitischer Verkehrungslogik Schuld sein soll an der dort herrschenden „Gewalt“ (Welt, 3.4.2002) – und nicht etwa umgekehrt. Nein, man sei keineswegs parteiisch, betont Romano Prodi, obwohl die EU der größte Sponsor eines Gebildes ist, das durch nichts als Terror gegeneinander, kanalisiert im antisemitischen Terror gegen Israel, zusammengehalten wird: 179 Millionen Euro pro Jahr zahlte die EU in den letzten sechs Jahren an die Palästinensische Autonomiebehörde (Welt, 4.4.2002). Nein, parteiisch ist man in Brüssel nicht. Prodi: „Wir unterscheiden nicht zwischen Palästinensern und Israelis. Alle Gewalttaten sind gleich abscheulich.“ (ebenda) Die Verhaftung von Terroristen und Mördern, die ohne jede Veranlassung Heckenschützen auf Autofahrer und lebende Bomben auf Einkaufszentren loslassen, ist dem Europäer diesen Mordtaten gleich; das Töten von Juden um einer „Heimat“ willen, die den Mörder so wenig interessiert, dass sie ihm nur den Schauplatz seines Todes abgibt, gilt Herrn Prodi gleich dem verzweifelten Versuch Israels, solches in Zukunft zu verhindern: Arafat würde als Mitglied der EU-Kommission allein durch seine Kleidung, aber nicht durch seine Statements auffallen.

Teil 4: Von Racak nach Jenin

Auch die EU ist eine Meisterin des abgekarteten Spiels, wie es die Palästinenser seit Oslo demonstrieren: Immer wieder profiliert sich ein weiser Friedensonkel – hier Arafat, dort Fischer – gegen die „Radikalen“, der doch nur erntet, was diese zu seinem Frommen gesät haben. Insistierte bereits Dänemark darauf, Sharon vor ein europäisches Tribunal zu bringen, so ist es auch der norwegische UN-Sondergesandte Roed-Larsen, der in Jenin die Auschwitzkarte spielte, von einem „Schrecken, der das Verständnis übersteigt“ (Welt, 19.4.2002) spricht und die palästinensische Propaganda von „Hunderten von Toten“ durch bewusst unklare Formulierungen stützte. Selbstverständlich weiß er, dass er lügt: Ein italienischer Journalist hatte wegen des nahezu fehlenden Verwesungsgeruchs bereits Tage vorher die Angaben der israelischen Armee von einigen „Dutzend“ getöteter Kämpfer gestützt (Welt, 15.4.2002), eine Schätzung, die von französischen Beobachtern – u.a. Bernard-Henri Levi, der im ehemaligen Jugoslawien nie um einen „Völkermord“ verlegen war – bestätigt wird: „Wahnsinnsworte wie Massaker sind hier unangebracht“ (Welt, 20.4.2002). Die meisten Gebäudezerstörungen gingen darauf zurück, dass die Häuser „von Bewaffneten in Sprengfallen“ für die Israelis verwandelt wurden. Diese Form des tatsächlichen totalen Krieges, den die palästinensischen Milizen gegen ihre eigenen Behausungen, gegen ihre eigenen Kinder praktizierten, kostete – ziemlich massakerunüblich – 23 israelische Soldaten das Leben. Selbstverständlich wissen das Roed-Larsen, die EU-Kommission, Kofi Annan; allein, nicht einmal die schweren antisemitischen Ausschreitungen in Dänemark rund um das Länderspiel gegen Israel am 17.4.2002, denen durch die Massaker-Lüge Vorschub geleistet wurde, vermochten die Damen und Herren in ihrem Treiben zu irritieren.

Gegen derlei Gräuelpropaganda kann Fischer sich immer wieder als moderater Gegner von Sanktionen gegen Israel profilieren, um dann mit „Friedens“-Vorschlägen wahrhaft kosovarischer Dimension herauszukommen, die die deutsche Mission, sich als antifaschistische Patronatsmacht gegen den jüdischen Staat aufzuspielen, komplettieren durch die Delegitimation Israels als Schurkenstaat, der unter UN-Kontrolle gehalten werden müsse – eines der wichtigsten Etappenziele des palästinensischen Kampfes zur Vertreibung der Juden durch Traumatisierung und Zermürbung wäre damit erreicht: „Internationale Schutztruppen als dritte Partei sind wünschenswert“, souffliert Nabil Schaath, Minister für internationale Zusammenarbeit, seinem Partner Fischer in Berlin (Tagesspiegel, 19.4.2002). Im Außenministerium wiederum scheut man sich nicht Folgendes zu Protokoll zu geben: „Da Israel und Palästina allein keinen Ausweg finden, soll sich als dritte Partei eine Art Kontaktgruppe“ unter Führung des UN-Generalsekretärs „nach dem Vorbild der Balkan-Befriedung einschalten“ (Tagesspiegel, 9.4.2002). Wahrhaft ist die antiisraelische, propalästinensische Kampagne ein Duplikat der langwierigen aber zäh verfolgten Jugoslawienhetze vergangener Jahre, dabei aber doch das verspätete Original jener Hetze. Was Jugoslawien bereits geschah, steht Israel bevor, wenn die USA es nicht verhindern: Erst die Dämonisierung des Versuchs sich des von den Europäern hochgepeppelten Ethno-Bandenterrors zu erwehren, wobei Jenin durchaus die dubiose, aber nützliche Rolle Racaks bekommen kann, dann der internationale Eingriff, der dem Opfer des Terrors die Möglichkeiten zur Gegenwehr aus der Hand nimmt, und dann die von der passiven Mandatsmacht (unter UN-Kontrolle und deutschem Däumchendrehen) stillschweigend geduldete ethnische Säuberung und Judenvertreibung aus dem abgetrennten Territorium bei gleichzeitiger, quasi-offizieller Hochrüstung des Terrorstaates: Dem erzwungenen Rückzug Israels „unter Feuer“ auf die heutzutage kaum mehr zu verteidigenden exakten Grenzen des Jahres 1967 stünde ein Palästinenser-Staat gegenüber, der dann auch offiziell schwere Waffen kaufen dürfte. Kein Nasser war Israel je so gefährlich wie Fischer, dessen Plan schon praktische Konturen zeigt: Zeitgleich zu einem neuerlichen Selbstmordattentat in Haifa, wird ein deutsches „Waffenembargo“ gegen Israel ruchbar (Financial Times, 9.4.2002), welches speziell Panzerersatzteile betrifft – eine gezielte Schwächung der Waffengattung, mit der Israel sich gegen den flexiblen Terror zur Wehr zu setzen gezwungen sieht; kurz darauf fordert das EU-Parlament die Aussetzung der Zollfreiheit, die israelische Importe in die EU genießen (Welt, 12.4.2002).

Wie befreit bricht es aus den Repräsentanten Europas und ihrer globalisierungskritischen Erfüllungsgehilfen hervor, genau in dem Maße, wie gerade die linksgerichteten Eliten Frankreichs und Italiens den Antisemitismus wiederentdeckten und Deutschland lieben lernten: Hoch im Kurs stehen Gemeinwohl, Sozialpartnerschaft und Heidegger. Sie alle – vom Philosophen Baudrillard bis zum Oppositionsführer Veltroni – haben das Ersatzobjekt Jugoslawien endlich eintauschen können gegen das historische Objekt ihrer Begierde: Israel steht an der ideologischen Stelle, an der einst das „Weltjudentum“ stand, und wird zugleich jener Singularität beraubt, durch die es, wie Jugoslawien in einem gewissen, abgeschwächten Sinne auch, an die letzte globalisierungskritische Krisenlösung, die nazistische Kombination aus europäischer Gemeinschaft und Judenvernichtung, erinnert.

Der unwürdige Stalinistengreis Fritz Teppich, den der Tagesspiegel allen Ernstes als Vertreter der „Berliner Juden“ anführt, vergleicht „Selbstmordattentäter mit jüdischen Kämpfern im Warschauer Getto“ (9.4.2002), während in Frankreich der 68er Slogan: „Wir sind alle deutsche Juden“ zeitgemäß zur Demo-Parole „Wir sind alle Palästinenser“ mutiert, die die Libération als Schlagzeile übernimmt (3.4.2002). Und tatsächlich eint genau diese Parole den „Front National“ mit den maghrebinischen Jung-Antisemiten, die Brüsseler Deregulierer mit den autoritär-völkischen Globalisierungsgegnern von „attac“, den Papst mit dem islamischen Freitagsprediger. Alle sind sie Palästinenser, viel mehr noch als sie vor Jahren sogenannte „Kosovaren“ waren. Und das nicht nur, weil sie in den Palästinensern ideale Bauchredner gefunden haben, die an der Holocaust-Gedenkstätte am Berliner Wittenbergplatz herumpöbeln und statt ihrer eine für von „Juden begangene Verbrechen“ fordern (SFB-Abendschau, 8.4.2002).

Die palästinensischen Mordbanden sprechen nicht nur aus tiefster deutscher Seele, sie sind so deutsch, wie es sich die Deutschen mitsamt ihrer offenen Verbündeten und heimlichen Bewunderer zuletzt im II.Weltkrieg zu sein gestatteten. Jagte schon die UCK einer Beute nach, die sich tatsächlich in Wegerechten und -zöllen eines modernen Raubrittertums erschöpfte und gerade weil dem so ist, es nicht unter „Groß-Albanien“ bewenden lassen kann, so ging es wenigstens noch um Beute, bestand sie auch nur im spärlichen Hab und Gut des Nachbarn. Der Kampf der Palästinenser aber ist nur noch und wahrhaft idealistisch – und damit dem von Europa propagierten „Gewissenskrieg“ (Habermas) so zutiefst ähnlich.

Palästinenser sind sie alle, weil sie sich wie Gangster aufführen, die sich um die Beute nicht kümmern; die sich aus Prinzip und nicht um des Erwerbsstrebens willen mehr in Gangs und Rackets zusammenrotten. Diese Zusammenrottung, wie sie das Westjordanland heute beherrscht, lebt buchstäblich allein von der Zugehörigkeit zur Volks-Bande, die von der EU und den christlichen Kirchen ausgehalten wird und die nur im Vernichtungswillen gegen das Abweichende oder abweichend Gemachte ihren Daseinsgrund hat – Handel und Warenverkehr mit dem benachbarten Israel werden bewußt unmöglich gemacht; zur Abschreckung wie zur „Kindererziehung“ schlachtet man obendrein ständig „Kollaborateure“ viehisch dahin, hunderte Male zuvor so wie in Hebron am 23.4.2002: „Der erste Körper hing verkehrt herum (…) war mit Draht an dem Strommast befestigt, sein rechtes Bein stand in einem obszönen Winkel ab. Der zweite Körper war unendlich viel schlimmer zugerichtet, eine Metzgerarbeit (…) der fast nackte Torso zerrissen von Stichwunden. Zehn oder zwölf Jahre alte Palästinenser stachen in die Wunden und jaulten dabei vor Freude. Sein Kopf war vom Rest des Körpers fast abgetrennt (…) das Gesicht immer noch verzerrt vor Entsetzen (…) ‚Das ist eine Lektion für alle. Jeder sollte dies hier sehen’“, bemerkte „ein beleibter Mann mittleren Alters mit einem großen braunen Bart“ (Welt, 24.4.2002).

Da nur die Bandenchefs, allen voran Arafat und seine Hofschranzen, tatsächlich von der europäischen Terrorrendite profitieren, schlägt die verständliche Unlust des Fußvolks, auf Gedeih und Verderb der Bande anzugehören, obwohl man sich davon nichts Nennenswertes mehr noch versprechen kann, in Todessehnsucht um, die die verhasste Außenwelt, Juden, Amerikaner, Verräter, unmoralisch Lebende etc. mit ins Verderben reißen will.

Teil 5: Morbidität und Psychose

Das macht das „Faszinosum“ Palästina aus, wie Jenninger auf den NS hin formulierte. Zusammengeschlossen ohnehin nur in paramilitärischen Verbänden, exerziert es ein Katastrophenmodell vor, welches auf das an seinem eigenen kapitalistischen Antikapitalismus erstickende Deutschland, aber nicht minder auf andere EU-Mitglieder so enorm anziehend wirkt.

(…) Die Opferung der Überflüssigen durch die Überdrüssigen, wie ihn die beiden deutschen Weltkriege leisteten, in denen zynische alte Männer die todeswütige Jugend ins Blutbad schickten, ist der Grund, warum gerade das offenkundig unendlich Destruktive am Kampf der Palästinenser so identifikationsfördernd wirkt. Gerade, weil sie keinen Staat Palästina wollen, sondern nur die Juden ins Meer treiben, weil sie keinen Alltag, sondern den permanenten Ausnahmezustand suchen, sind sie das perverse Lebenselixier der bösartigen alten Welt. Der stets schwärmerisch und ethisch auftretende Nihilismus, die Gleichgültigkeit gegen alles in diesem Leben Mögliche und Bestehende, der Kampf also um etwas, was einen längst nicht mehr interessiert, nenne es sich Palästina, Großalbanien oder Großdeutschland, die „idealistische“ Mischung aus Gangstertum und Millenarismus lässt die bösen Greise allenthalben vor Mordlust erschauern und die ihnen unterworfene Jugend, die wenigstens im Untergang einmal der Welt des Genusses, für die israelische Teenager in ihren Augen stehen, ihren Stempel aufdrücken wollen, nach Tod und Vernichtung lechzen: Das ist das seelische Holz, aus dem schon immer – insbesondere deutsche – Helden geschnitzt wurden, solche, die narzisstische Selbsterhöhung der profanen Selbsterhaltung vorziehen.

Aus dieser Allianz von Morbidität und Psychose zieht Arafats Bandenterritorium seinen inneren Zusammenhalt; darin aber auch verwirklicht es die kollektiven Visionen seiner internationalen Bewunderer. Visionen, wie sie das Film-Genre der post-apokalyptischen Science-Fiction a la Mad Max auf den Punkt bringt, in welchem Auto und Waffen bewehrte Desperados ohne Erklärung, woher Autos, Benzin, Waffen etc. kommen, mit dem Töten beschäftigt sind. Die zugleich Geängstigten wie Gelangweilten des zusammenbrechenden Etatismus sehnen sich nach dem Inferno des technisierten Naturzustandes – wie des Führers Ehefrau Suha al-Taweel Arafat, die sich zwar aus Gaza nach Paris zurückzog, aber „keine größere Ehre“ kennen würde, als einen Sohn „für Palästina zu opfern“ (Welt, 16.4.2002).

Was man Palästina nennt, ist mehr noch als das Kosovo ein solches Mad Max-Land. Nicht im Kino, sondern als Konsequenz des Osloer Abkommens spielt sich am 1. Juli 1994 an der Grenze zu Israel jenes Szenario ab, das der Augenzeuge Michael Kelly so beschreibt:

„Arafats Einmarsch in Gaza war eine Schaustellung brutaler Macht. Er kam aus dem Sinai in einer langen Karawane von Mercedessen und BMW, 70 oder 80 Wagen bis ans Dach vollgepackt mit Gunmen. Die Karawane donnerte die menschengefüllten Straßen herunter, während die übergewichtigen, Leder bejackten und Sonnenbrillen tragenden Schränke von Arafats Leibwache ununterbrochen schrien und aus den Kalaschnikows feuerten, um ihr geliebtes Volk aus dem Weg des von ihnen geliebten Führers zu räumen.“ (newsweek.com./opinions/a pretense of peace, 4.4.2002)

Bis zum heutigen Tage brachte der „geliebte Führer“ trotz immenser Subvention nicht einmal die Organisation einer Müllabfuhr zustande, von anderen spielend finanzierbaren Mindeststandards völlig abgesehen – solcherlei überlässt man den europäischen Verbündeten oder den vorzugsweise islamischen (aber auch christlichen) Institutionen mit ihrer typischen Kombination aus Almosen und Judenhaß.

Vier Dinge waren es, auf die der Arafat-Clan sich konzentrierte:
> Verhaftung und Hinrichtung potentieller Oppositioneller,
> die Etablierung pausenloser antisemitischer Hetze via Radio und TV,
> die Bewaffnung aller nur möglichen Milizen, Untermilizen und sonstigen Banden, und schließlich
> die Requirierung opulenter Villen mit Seeblick für die Führung.

Wen wundert es, dass 5 Jahre des sogenannten Oslo-Friedensprozesses mehr Israelis das Leben kosteten als die 15 Jahre vor der Übernahme der besetzten Gebiete durch den Friedensnobelpreisträger Arafat?

Neben der saudischen, iranischen und irakischen Unterstützung für „Märtyrerfamilien“ und Institutionen, die solche „Shahide“ produzieren, ist es in erster Linie die staatliche und halbstaatliche europäische Hilfe, die dafür sorgt, dass dieser Albtraum immer weitergeht. Der Alb aber ist deswegen so zwingend, weil er so unnötig ist. Israel bietet und bot einen Staat, Wirtschaftshilfe, ökonomische Beziehungen, der europäisch-islamische Antisemitismus bietet den Millionen verlorener Seelen nur Mord und Tod. Alles spricht dafür, dass diese weiterhin die zweite Option wählen. Das einzige Fünkchen Hoffnung besteht nur darin, dass Antisemitismus zwar mit gesellschaftlicher Naturnotwendigkeit entsteht, es dennoch aber keinen anthropologischen Zwang gibt Antisemit zu werden. Nur das denkbar unwahrscheinlich gute Ende für Israel verhieße auch ein gutes Ende für die auf ein „Sein zum Tode“ gezüchteten jungen Palästinenser; dann nämlich, wenn sie sich endlich weigerten, sich von den bösen Alten, von den Arafats, den Mullahs, vom Papst, von den Husseins und den europäischen Außenministern opfern zu lassen; wenn sie endlich die Herrschaft der Kindersoldatenrekrutierer und Sprengstoffgürtelverteiler brächen, wenn sie endlich darauf bestünden, keine Bestien mehr sein zu wollen. Bis dahin aber kann es nur eine Forderung geben: Solidarität mit den israelischen Streitkräften!

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Anmerkungen:
1) Adorno, T.W./ Horkheimer, M.: Dialektik der Aufklärung, Frankfurt 1989, 195
2) Vgl.: v.d. Osten-Sacken, T./ Uwer, T.: Der arabische Antisemitismus, in: Konkret-Texte 29: Hat Israel noch eine Chance?, Hamburg 2001. Aufschlussreiches findet sich bei MIDDLE EAST MEDIA RESEARCH INSTITUTE, das u.a. politische Texte aus dem Arabischen übersetzt, unter http://www.memri.de
3) Vgl.: Peretz, D.: Palestinians, Refugees and the Middle East Peace Process, Washington 1993

Wem tut es leid? – ein Szenario

Doron Rosenblum, Ha’aretz, 27. Juni 2002 (übersetzt aus dem Englischen von Daniela Marcus; urspr. veröffentlicht bei Nahost-Focus)

Ein typischer Frühlingstag in Paris und London. Kinder spielen im Park, alte Männer sitzen auf Bänken. Dann die Explosion. Der ganze Park flog durch die Kraft der riesigen Bombe, die der Attentäter zündete, in die Luft. Der Himmel schien sich zu verdunkeln und gleich danach wurden die Überlebenden von einem Platzregen an Blut, Schmutz, Kleidungsstücken und verbrannten Körperteilen überflutet…

An diesem Tag war das Wetter in London überraschend mild. Dicke Wolken hingen am Himmel über dem „National“ und über dem „Tate Modern“ auf der Südseite der Themse. Doch auf der anderen Seite des Flusses malte die Sonne, die sich auf einem blauen Zipfel des Himmels niedergelassen hatte, die Blätter der jungen Bäume und das Gras auf den Plätzen in einem saftigen Grün.

Vier ältere Herren saßen auf einer Holzbank am „Berkeley Square“. Aufgrund der angenehmen Wärme der Sonne hielten sie ihre Augen geschlossen. Doch ab und zu beobachteten sie die kleinen Kinder, die lebhaft in der Nähe ihrer Mütter spielten. Einer der Kleinen, der gerade laufen lernte, fasste nach dem Griff seines Kinderwagens. Eine grauhaarige alte Frau lächelte freundlich über diesen Anblick, als plötzlich ein Schatten auf sie fiel. Sie sah auf und erblickte einen jungen Mann, der etwas aus seinem Mantel zog und sie anlächelte, bevor alles dunkel wurde.

Die Explosion, die der Selbstmordattentäter ausgelöst hatte, war so mächtig, dass die gesamte Glasfassade des nebenstehenden Hauses zerbrach, Stück für Stück zu Boden fiel und einen weißen Sturm von Dokumenten auslöste, der über den rauchenden Ruinen niederging. Auch die Rettungsmannschaft erkannte den Platz kaum wieder. Doch wer konnte sich vorstellen, dass dies nur der Prolog gewesen war?

Als Dutzende von Ambulanzen Richtung Mayfair rasten, wurde die Stadt von einer gewaltigen Explosion aus der Richtung des „Covent Garden“ erschüttert. Ein blauer Kleintransporter, der in der „Strand“ in der Nähe des „Bush House“ geparkt hatte, explodierte um 15.00 Uhr, wodurch Dutzende von Passagieren eines Doppeldecker-Busses getötet und verletzt wurden und ein Erdbeben im Hauptquartier der BBC-Weltnachrichten ausgelöst wurde. Radiohörer rund um die Erde bekamen die donnernde Explosion während der Nachrichten live übertragen mit, gerade als der Sprecher vom „Kreislauf der Gewalt im Nahen Osten aufgrund des gestern Abend stattgefundenen Angriffs“ sprach, „bei dem 15 Israelis dem Anschein nach durch das getötet wurden, was Israel ‚Terror‘ nennt.“

Reporter von „Sky News“, die direkt aus Londons Straßen sendeten, konnten kaum Worte finden, um die Tiefen ihres Schocks und ihres Entsetzens über diesen sinnlosen Massenmord an Dutzenden von unschuldigen Zivilisten auszudrücken: „Es ist Mord! Nichts anderes als geisteskranker, sadistischer Nazimord!“ schrie ein Reporter heraus und hob dabei angewidert Nägel und Schrauben hoch, die der Terrorist in die Bombe gepackt hatte, um die Zahl der Opfer zu erhöhen. „Es war keine Nachtigall, die gestern am Berkeley Square gesungen hat“, klagte „The Independent“ am nächsten Tag mit einer Umschreibung des alten Liedes „Es war der Teufel selbst“.

Die berühmte „stiff upper lip“ der Engländer – die Art, Niederlagen und kritische Situationen mit Haltung hinzunehmen – blieb wenigstens noch bis zum nächsten Abend erhalten, als sich zwei Terroristen (oder „Militante“, wie sie vom französischen Fernsehen genannt wurden) innerhalb kurzer Zeit nacheinander in die Luft sprengten: einer inmitten einer Menschenmenge im Foyer des Theaters „Gielgud“, der andere in einem mit Gästen gefüllten chinesischen Restaurant im Stadtteil Soho. Dutzende von Menschen wurden bei diesen beiden Explosionen getötet. West End leerte sich im Nu und glich in dem flackernden gelben Licht einer Geisterstadt. Das Heulen der Ambulanzen und Rettungsfahrzeuge „verwandelte die Metropole in einen einzigen gewaltigen Schrei“, wie „The Guardian“ es am nächsten Tag formulierte. Die ganze Titelseite des „Mirror“ war mit dem Wort „M-A-S-S-A-K-E-R!“ ausgefüllt, während die „Sun“ „R-A-C-H-E!“ forderte.

Die Kameras von „Sky News“ übertrugen live von der „Downing Street“ und fingen zufällig ein peinliches Spektakel ein, das wiederholt gesendet wurde: Cherie Blair, die Frau des Premierministers, war mit zerzausten Haaren und einem zerknitterten Morgenrock durch die halb offene Tür zu sehen. Sie trommelte auf die Brust eines Leibwächters und schrie hysterisch: „Meine Kinder! Wo sind meine Kinder! Sagen Sie mir, dass es ihnen gut geht! Machen Sie etwas! Irgendetwas!! Warum hat nicht schon irgendjemand diese stinkenden Mörder zur Strecke gebracht!!“ Der Premierminister selbst erschien kurz danach, gelassen und gefasst wie üblich, doch auch ein bisschen blass. Er verkündete, dass er das Kabinett zu einer Dringlichkeitssitzung einberufen und die Armee in höchste Alarmbereitschaft versetzen würde.

Fünf islamische Organisationen und eine temporäre Gruppe, die sich „Skalpierer der Anglo-Sachsen“ nannte, übernahmen die Verantwortung für diese Anschläge und drohten, dass diese erst der Anfang gewesen seien. Regierungs- und Armeesprecher bestanden jedoch darauf, dass diejenigen, die direkt für diese Taten verantwortlich wären, Saddam Hussein, Osama bin Laden, eine fanatische Sekte aus Ost-Timor und drei Individuen mit „nahöstlichem Aussehen“ aus Earl’s Court seien. Noch am gleichen Abend führten Kommandokräfte eine Razzia in Earl’s Court durch, über das aufgrund eines besonderen Notbefehls eine strikte Ausgangssperre verhängt worden war. Hartgesottene Fallschirmjäger errichteten auf der Cromwell Road Straßensperren (die Bitte einer schwangeren indischen Frau, sie passieren zu lassen, wurde zurückgewiesen), durchsuchten ein Haus nach dem anderen und führten Massenverhaftungen durch.

Die Öffentlichkeit zeigte Verständnis für die unkonventionellen Maßnahmen: „Alle Gesetze der Zivilisation und die Magna Charta sind angesichts solcher mörderischen Bastarde, die fähig sind, unschuldige Theaterbesucher zu massakrieren, null und nichtig“, erklärte die Schauspielerin und Politikerin Glenda Jackson in einem improvisierten Interview an der U-Bahnhaltestelle Hampstead.

Die Londoner wagten sich nicht mehr aus dem Haus, ernährten sich von Pizzas, die durch den Pizzabringdienst geliefert wurden, und verbrachten ihre Zeit damit, Gewinn- und Reiseshows im Fernsehen zu sehen. Doch nach dem Selbstmordanschlag auf Schulkinder an der „Paddington Station“ und einer zweiten Explosion, die den Rettungskräften galt, war es mit der „stiff upper lip“ der Engländer vorbei und Gelassenheit und Gefasstheit machten der Aufregung und der Unbeherrschtheit den Weg frei.

In einer Sendung der BBC sagten ein Militär-Analyst und ein sachverständiger Sprecher, dass die „Royal Air Force“ bereit sei zu handeln und dass eine Operation gegen Ost-Timor und andere Inseln des Indonesischen Archipels in Betracht gezogen werde.

Warum ausgerechnet gegen dieses Gebiet? Ein Sprecher von Whitehall erklärte: „Zuständige Experten haben den definitiven Beweis dafür, dass die ideologische Unterstützung für diese Terroranschläge von Terroristen in Timor – oder jedenfalls in Asien – kommt.“ Er lehnte es ab, nähere Einzelheiten zu nennen. In dieser militanten Atmosphäre hielt es keiner für nötig zu fragen, worauf dieser Beweis basierte. Reporter wollten wissen, ob und wann ein Angriff auf das jemenitische Dorf stattfinden würde, in dem nach den Anschlägen Süßigkeiten verteilt worden waren und Bewohner auf den Hausdächern getanzt hatten. „Obwohl wir kein Interesse daran haben, in Asien einzudringen, haben wir keine andere Wahl als das zu tun, was getan werden muss“, sagte der Sprecher. „Dies ist eine Art rollender Operation gegen jeden, der uns in die Quere kommt.“

Frankreichs Präsident Jacques Chirac drückte den Familien der Opfer das Beileid seines Landes aus, protestierte jedoch energisch gegen den „Schlag“, den man in Earl’s Court „gegen die Bewegungsfreiheit und die freie Meinungsäußerung“ geführt hätte. Er warnte auch vor raschen militärischen Operationen, die nur zu einer Eskalation der Gewalt führten. Dennoch „griffen“ genau an dem Tag, an dem er sprach, britische Bomber in einer Anzahl von Dörfern oder Inseln (die Streitkräfte äußerten sich nur vage darüber und verwehrten Reportern die Einreise nach Ostasien) „Ziele an“. Ein mit Kindern vollgefülltes Waisenheim wurde aus Versehen getroffen, doch Außenminister Jack Straw wies die europäische Kritik zurück, indem er sagte: „Ich drücke mein Bedauern aus, doch was kann man tun? Wo gehobelt wird, fallen Späne.“

Straw reagierte wütend auf die Warnung, die vom schwedischen Außenminister über mögliche Kriegsverbrechen geäußert wurde: „Ich möchte diesen schöngeistigen Skandinaviern nahelegen, uns nicht zu predigen. Wir werden sehen, wie sich diese Wikinger benehmen, wenn ihr Uppsala bei tagtäglichen Terroranschlägen in die Luft fliegt.“

Die BBC-Sprecher verloren ein bisschen etwas von ihrer berühmten britischen Ruhe, besonders nach dem gewaltigen Anschlag bei „Shepherd’s Bush“, nicht weit entfernt von den Fernsehstudios. Tim Sebastian machte während seiner Talkshow „Hard Talk“ den französischen Botschafter zur Schnecke. Er konnte sich nur mit Mühe zurückhalten:

„Was sagen Sie da? Dass wir kein Recht zur Selbstverteidigung gegen diesen mörderischen Terror haben?“

„Was Sie ‚Terror‘ nennen“, verbesserte ihn der Botschafter.

Die Venen an den Schläfen des Interviewers schienen beinahe zu platzen: „Was meinen Sie damit ‚Was Sie ‚Terror‘ nennen‘? Was ist es denn sonst, wenn nicht Terror? Wie sollten wir es nennen? Kohlrabi? Karbunkel? Was schlagen Sie vor, wie wir das tagtägliche Massaker an unseren Leuten nennen sollen?“

„Angriffe“, erwiderte der Botschafter gelassen und zündete sich mit einem vergoldeten Feuerzeug eine „Gitane“ an. „Dem Anschein nach Angriffe von mutmaßlichen Militanten.“

Für einen Moment sah es so aus, als wollte Sebastian seinen Gast erwürgen.

„Ich möchte eines klarstellen“, fuhr der Botschafter fort. „Meine Regierung und ich bedauern den Kreislauf der Gewalt und den Schaden, der Zivilisten auf beiden Seiten zugefügt worden ist. Doch wenn Sie mir gestatten zu sagen: Ich selbst fühle Mitleid für diejenigen, die sich veranlasst sahen, die Selbstmordanschläge auszuüben. Wie sagte Voltaire? ‚Obwohl ich…‘“

„Sie können sich Voltaire sonst wohin stecken, Sie Frosch“, brach es aus dem altgedienten BBC-Korrespondenten heraus. Er stürzte sich auf des Botschafters Hals. Der Bildschirm wurde über dem Geräusch von schreienden und keuchenden Stimmen dunkel.

Die erste Explosion in Paris geschah zu einem Zeitpunkt und an einem Ort, an dem man es am wenigsten erwartet hatte: am Sonntagnachmittag neben einem Karussell im „Jardin du Luxembourg“, nicht weit entfernt vom Puppentheater. Der Platz war voll von Kindern und von Menschen, die Boule spielten. Die Spieler hatten ihre Jacken ausgezogen und aufgehängt. Sie krempelten ihre Ärmel hoch und rollten Eisenkugeln über den Boden. Eine bezaubernde junge Frau in eng anliegenden Jeans beugte sich vor und schickte ihre Kugel mit einer anmutigen Handbewegung langsam, jedoch akkurat, in Richtung der anderen. Doch gerade dann flog der ganze Park durch die Kraft der riesigen Bombe, die neben dem Karussell explodierte, in die Luft. Der Himmel schien sich zu verdunkeln und gleich danach wurden die Überlebenden von einem Platzregen an Blut, Schmutz, Kleidungsstücken und verbrannten Körperteilen überflutet.

Für einen Moment – um es genau zu sagen: für acht Sekunden – legte sich eine bizarre Stille über die Szene, die nur vom Flügelschlag der Tauben, die in einer großen Wolke davonflogen, und von den Alarmanlagen der Autos, die durch die Explosionswelle ausgelöst worden waren, unterbrochen wurde. Acht Sekunden gespenstische Stille – und dann die schrecklichen Schreie, das Stöhnen der Verwundeten und die endlosen Sirenen von Feuerwehr, Polizei und Ambulanzen, die den ruhigen Sonntagnachmittag bis zum Abend durchdrangen.

Ein intellektueller Pariser, der später am Tag an einer Fernsehdiskussion teilnahm, sprach von den „acht Sekunden katastrophaler Ruhe, die dem Sense schwingenden, erbarmungslosen Schnitter folgten. Der Meuchelmörder. Der Schlächter.“

Wer hätte sich vorstellen können, dass die „acht Sekunden der katastrophalen Ruhe“ eine beinahe tägliche Erscheinung in Paris und anderen französischen Städten werden würden? Eine Reihe von Explosionen und Warnungen über Selbstmordattentäter – islamische, solche aus dem Senegal, aus Timor, aus Algerien und offensichtlich auch Anarchisten, die sich in einem mörderischen Trancezustand befanden – verwandelte die Straßen der Städte in einen Sog von Explosionen, Horror, Sicherheitskontrollen, heulenden Sirenen, flackerndem Blaulicht und Straßensperren.

Die Anschläge wurden zu einer Art alptraumhafter Routine: die beiden Selbstmordattentäter in den Cafés „Flore“ und „Deux Magots“; der Bombenattentäter in dem Restaurant, das sich auf einem schwimmenden Boot befand; der Anschlag auf die Leute, die in einer Reihe vor dem Victor-Hugo-Haus am „Place des Vosges“ standen; die Frau, die sich im Kaufhaus „Samaritaine“ in die Luft jagte; die Autobombe an der „Sainte Chapelle“, die die wundervollen bunten Glasfenster zerstörte. Diese Glasfenster, die bisher jedes Auf und Ab der Geschichte überlebt hatten, waren nun durch einen Augenblick der Barbarei für immer verloren.

Wer kann sich an alle Anschläge erinnern? Wer kann alle Beerdigungen verfolgen?

Präsident Chiracs Gesicht während seiner Rede an die Nation sprach eine deutliche Sprache: „Dies ist ein Krieg für unsere Heimat. Mirabeaux sagte, dass Paris eine geheimnisvolle Sphinx ist. Heute ruft uns diese verwundete Sphinx zu: Rache! Rache! Rache!“

Am gleichen Abend schloss sich ein französischer Bomber den britischen Bombern an, die irgendwo in Asien eine Flächenbombardierung ausführten. Doch musste er wegen technischer Schwierigkeiten zum Stützpunkt zurückkehren. Ein Sprecher des Elysee-Palastes sagte, dass der Präsident und die Regierung den eventuellen Gebrauch von taktischen Nuklearwaffen nicht ausschließen: „Es ist ganz einfach. Entweder sie oder wir. Es sind entweder ein paar Dreckskerle in irgendeinem Wüstenstaat oder die Gänseleberpastete, der Beaujolais und die Pont Alexandre.“

Selbst der israelische TV-Journalist Emanuel Halperin wurde dabei gesehen, wie er die Stirn runzelte. Wegen unausgewogener und einseitiger Berichterstattung sandte die französische Regierung einen ärgerlichen Protest an das israelische Fernsehen.