Wo ist die Empörung wegen ermordeter Juden?

David Harris, The Algemeiner, 2. Juni 2015

Neulich hatte ich die Gelegenheit wieder einmal die großartige Rede des französischen Premierminister Manuel Valls an die Nationalversammlung in Paris an zu sehen, die er im Januar, direkt nach den tödlichen Angriffen in Paris hielt.

Seine leidenschaftlichen Ausführungen über den Anstieg des Antisemitismus und die Gefahr die dieser für Frankreich mit sich bringt, sollten regelmäßig angesehen werden. Ein Satz hat mich besonders bewegt. „Wir haben nicht genug Empörung gezeigt!“, verkündete der erste Mann Frankreichs.

Diese Aussage war an die politische Klasse Frankreichs und an das gesamte Publikum gerichtet. Aber aus meiner Erfahrung heraus könnte man diese Worte auch an einige Juden, vor allem in Amerika, richten. Natürlich sind sich die meisten der Entwicklung bewusst und besorgt. Doch gleichzeitig ist die jüdische Antwort auf die Gefahren wie immer ziemlich verzwickt.

Da sind die Juden, die versuchen, die Gefahr herunterzuspielen oder sie gleich ganz verleugnen. Andere überzeugen sich selbst, dass all das nicht gegen sie persönlich gerichtet ist; oder ihr spezifischer Platz im Leben sie vor all dem schützt, beziehungsweise sie glauben, als eine Variante des Stockholm-Syndroms, all das könnte irgendwie gerechtfertigt werden und es bräuchte, natürlich, nur eine Verhaltensänderung der (anderen) Juden. Andere hoffen, wenn sie nur der Welt erzählen, wie viel die Juden in den Wissenschaften, der Medizin, Kultur und Philanthropie für jeden tun, würden die Antisemiten ihre Gesinnung ändern. Andere lehnen die jüdische Ansicht ab, dass „alle Juden füreinander verantwortlich sind“ und so ist das, was in Paris oder Brüssel passiert absolut irrelevant für das Leben auf der anderen Seite des Ozeans oder sie beschwören das WdnI-Syndrom – „Wenn doch nur Israel“ anders handeln würde, dann wäre alles in Butter.

Es ist für uns, so glaube ich, allerhöchste Zeit mehr Empörung über einige Dinge die passieren zu zeigen.

Es ist inakzeptabel, dass die Juden in einigen europäischen Ländern sich darum sorgen, ob sie eine Zukunft dort haben, denn es ist nicht länger klar, ob die Regierungen, so sehr die das vielleicht möchten, sie schützen können.

Es ist inakzeptabel dass wir mörderische Angriffe auf Juden in Toulouse, Burgas, Paris, Brüssel und Kopenhagen, alle von Islamisten, erleben müssen.

Es ist inakzeptabel, dass Gläubige in der Pariser Synagoge Don Isaak Abravanel im letzten Sommer von einem tobenden Anti-Israel-Mob, der „Hitler hatte Recht“ und „Schlachtet die Juden“ grölte, umzingelt wurden und einige mutige jüdische Hilfskräfte und Polizisten sie daran hinderten, schwere Zerstörungen anzurichten.

Es ist inakzeptabel, dass sich jüdische Eltern in Frankreich, Belgien oder sonst wo fragen, ob sie es verantworten können, ihre Kinder in eine jüdische Schule zu schicken, welche eines Tages ins Fadenkreuz der Terroristen geraten könnte, ganz so wie die Ozar Ha Thora Schule in Toulouse.

Es ist inakzeptabel, dass, wie im letzten Jahr, die Synagoge der deutschen Stadt Wuppertal mit Brandbomben attackiert wird, derweil mit Keffiyehs vermummte Jugendliche in den Straßen von Berlin skandieren: „Jude, Jude, feiges Schwein! Komm heraus und kämpf allein“.

Es ist inakzeptabel, dass die Fans des holländischen Fußballvereins FC Utrecht „Hamas, Hamas – Juden ins Gas“ singen, um damit Fans eines anderen Fußballvereins, Ajax Amsterdam, welcher traditionell von der jüdischen Gemeinschaft unterstützt wird, zu beleidigen.

Es ist inakzeptabel, dass ein als Jude verkleideter Journalist in Malmö belästigt, verhöhnt und bedroht wird, während er durch die Straßen der drittgrößten Stadt Schwedens geht.

Es ist inakzeptabel, dass die offensichtliche Neo-Nazi Partei „Goldene Morgenröte“ im griechischen Parlament sitzt und jede nur denkbare Verschwörungstheorie gegen Juden verbreitet.

Es ist inakzeptabel, dass der Sprecher der fremdenfeindlichen Partei Jobbik im ungarischen Parlament dazu aufruft alle Juden zu registrieren, um damit in der Lage zu sein, festzustellen wer und wo jeder Jude ist.

Es ist inakzeptabel, dass die einzige jüdische Nation, Israel, das einzige Land ist welches das Ziel einer Vernichtung durch ein anderes Land, Iran, während Teheran dafür nicht nur durch die UN ungestraft davonkommt, sondern auch noch den 120 blockfreien Staaten vorsitzt.

Es ist inakzeptabel, dass Israel das einzige Land auf der Welt ist, dessen Existenzrecht täglich auf dem Prüfstand steht, während keine andere Nation Zielscheibe einer derartigen Delegitimierung ist.

Es ist inakzeptabel, dass Israel, die einzige liberale Demokratie im Nahen Osten, die einzige Nation auf der Erde ist, die von einer BDS-Bewegung angegriffen wird.

Es ist inakzeptabel, dass Israel, welches bei vielen Gelegenheiten versucht hat eine Zweistaaten-Lösung mit den Palästinensern zu finden, nur um jedes Mal zurückgewiesen zu werden, jetzt von vielen Regierungen, den Medien und der gelehrten Welt als „Haupthindernis“ für den Frieden dargestellt wird.

Es ist inakzeptabel, dass das Menschenrechtsgremium der UNO über 50% seiner landesspezifischen Resolutionen Israel widmet – eine Nation, die vom Recht regiert wird, das von forschenden Medien überwacht wird und das eine starke, lebendige Zivilgesellschaft hat – während andere Länder deren Menschenrechte haarsträubend und mehr sind, ungeschoren davonkommen.

Es ist inakzeptabel, dass das einzige Land, für das das Menschenrechtsgremium der UN eine eigene Agenda hat, nicht Syrien, Libyen, Sudan, Iran oder Nord-Korea ist, sondern Israel.

Es ist inakzeptabel, dass während des letzten Kriegs im Sommer, ausgelöst durch die Raketen aus dem von der Hamas kontrollierten Gazastreifen und der Ermordung der drei jungen Israelis, das gleiche Menschenrechtsgremium Israel mit einer Votierung von 29 zu 1 (Vereinigte Staaten) und 17 Enthaltungen kritisierte, während es ungeniert die Verantwortung der Hamas ignorierte.

Es ist inakzeptabel, dass fünf südamerikanische Länder, einschließlich Brasilien, Chile und Peru, ihre Botschafter im letzten Sommer abberiefen, wohingegen sich niemand daran erinnern kann, wann genau diese Länder eine solche diplomatische Aktivität irgendwo auf der Welt gezeigt hätten, trotz der Flut von Kriegen und Krisen.

Es ist inakzeptabel, dass die Präsidenten der Türkei und Venezuelas versuchten die örtlichen jüdischen Gemeinden dazu zu zwingen Israel zu verurteilen.

Es ist inakzeptabel, dass zwei UCLA-Studenten über Monate schikaniert und vor ein studentisches Gericht gezerrt wurden, weil sie Israel besucht hatten, womit sie sich für einige an der Teilnahme einer Abstimmung über BDS in der studentischen Verwaltung disqualifiziert hatten.

Es ist inakzeptabel, dass zwei Studenten an der UCLA und in Stanford darüber befragt wurden, ob die Tatsache, dass sie Juden sind, wesentlich dafür ist, dass sie sich um ein Amt auf dem Campus bewarben.

Und es ist absolut inakzeptabel, dass die Überlebenden des Holocausts, die sich nichts mehr wünschen, als dass die Welt von dem, was sie erleben mussten, etwas daraus gelernt habe, nun ihre restlichen Tage in der Angst verbringen müssen, dass die Juden wieder in Gefahr sind.

Wenn wir nicht empört sind, warum nicht?

Wenn wir jetzt nicht zur Tat schreiten, wie viel muss noch passieren?

Warum Antisemitismus Teil der europäischen Kultur ist

ManfredGerstenfeldManfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Antisemitismus ist nicht nur Teil der Geschichte Europas, sondern auch ein Bestandteil seiner Kultur. Die lang andauernde antisemitische Geschichte Europas ist mit Verleumdung, Diskriminierung, zweierlei Maß, Pogromen, Vertreibungen und anderer Verfolgung angefüllt. Sie erreichte ihren absoluten Tiefpunkt im Holocaust. Der Völkermord wurde nicht nur von Deutschen und Österreichern begangen, sondern auch von vielen Kollaborateuren in den besetzten Ländern, die nicht unbedingt alle für die Nazis waren.

Soweit es den Holocaust betrifft, gestanden fast alle besetzten Länder irgendwann die Wahrheit ein, dass sie versagt und in unterschiedlichem Grad mit den Nazis kollaboriert hatten. Die meisten entschuldigten sich.[1] Vor ein paar Wochen wurde Luxemburg zum neuesten Land, das dies tat.[2] Die große Ausnahme sind die Niederlande. Der derzeitige Premierminister Mark Rütte (Liberale Partei) gab vor kurzem zum zweiten Mal eine nichtssagende Antwort auf eine Anfrage im Parlament, um zu vermeiden das skandalöse Versagen der niederländischen Regierung der Kriegszeit zugeben zu müssen. Während des Exils in London zeigte sie kein Interesse an dem stattfindenden Massenmord – die Vernichtung von drei Vierteln der 140.000 niederländischen Juden durch die deutschen Besatzer.[3] Die jüdische Gemeinschaft war schon seit Jahrhunderten in den Niederlanden präsent gewesen.

Während es wenig Diskussion zur antisemitischen Geschichte Europas gibt, ist bezüglich des Antisemitismus als Bestandteil der europäischen Kultur eine detailliertere Erklärung nötig und wohl bezüglich seiner Juden ein dominierender Teil. Um jeglichem Missverständnis aus dem Weg zu gehen: Das heißt nicht, dass heute die meisten Europäer Antisemiten sind.

Der gerade verstorbene, führende Antisemitismus-Wissenschaftler Robert Wistrich hat viel zur Infrastruktur beigetragen, durch die verstanden und bewiesen wird, dass Antisemitismus ein integraler Bestandteil der europäischen Kultur ist.

Vor ein paar Jahren lud ich ihn ein, beim Jerusalem Center for Public Affairs über die Tradition des europäischen intellektuellen Antisemitismus zu sprechen. Wistrich erklärte, dass christliche Geistliche und viele führende christliche Theologen im Mittelalter und die Jahrtausende hindurch „Verachtung des jüdischen Volks lehrten“. Solche Credos beschränkten sich nicht auf die katholische Kirche. Zum protestantischen Reformator Martin Luther erklärte Wistrich: „Seine Angriffe auf Juden gehören zu den brutalsten in der Geschichte antisemitischer Diffamierung.“

Wistrich führte detailliert auf, wie intellektuelle Trends in Europa die Mutation des Antisemitismus jeweils beeinflussten. Er erklärte, wie die antisemitische jüdische Tradition sich während der Aufklärung fortsetzte und illustrierte das mit dem Hass, den Voltaire für das jüdische Volk hegte. Wistrich erwähnte auch die folgende Generation Antisemiten, so die idealistischen deutschen Philosophen des 18. und 19. Jahrhunderts, darunter Kant, Hegel, Schopenhauer und später Karl Marx.

Er führte an, dass mit seltenen Ausnahmen die französischen Sozialisten des frühen 19. Jahrhunderts die Grundlagen des Antisemitismus des späten 19. Jahrhunderts legten. Er merkte an, dass Edouard Drumonts antisemitisches Werk La France Juive (Das jüdische Frankreich) ein Bestseller seiner Zeit war. Es gab etwa einhundert Auflagen.

Wistrich fügte hinzu, dass ein großer Teil des Nationalsozialismus, des Faschismus und sogar einige Arten des Sozialismus – die wichtige antiintellektualistische Komponenten haben – ebenfalls intellektuelle Gründer hatten.[4] In seinem wichtigen Buch A Lethal Obsession (Eine tödliche Besessenheit) widmete Wistrich ein ansehnliches Kapitel dem, was er „die alt-neuen Judeophoben Britanniens“ nannte. Er erwähnte den weit verbreiteten Antisemitismus in den britischen Literaturklassikern über die Jahrhunderte. Er schrieb, dass im Vereinten Königreich „antisemitische Gefühle auch Teil des Diskurses des Mainstreams sind, die bei den akademischen, politischen und Medien-Eliten stetig wieder aufkommen“.[5]

Viele weitere Beispiele, dass Antisemitismus Teil der europäischen Zivilisation ist, sind in David Nirenbergs Buch „Anti-Judaism, the Western Tradition“ (Die westliche Tradition des Antijudaismus) zu finden.[6]

Eine Reihe führender europäischer Romanautoren waren extreme Antisemiten. Einer der berühmteren war der Franzose Louis-Ferdinand Céline, der nach dem Zweiten Weltkrieg wegen Kollaboration mit der Besatzungsmacht verurteilt wurde.[7] Es gibt zudem auf Gebäuden wie der Kathedrale Notre Dame in Paris alte antisemitische Skulpturen.[8] In der europäischen populären Kultur – z.B. in Zeichnungen und Karikaturen – findet man ebenfalls antisemitische Leitgedanken. Das Studentenaustauschprogramm der Europäischen Union ist nach dem fanatischen Antisemiten Erasmus benannt.[9] Die Universität von Rotterdam ebenfalls.

Es ist ein Fehler zu glauben, dass der Nationalsozialismus und seine boshafte „Kultur“ mit der Niederlage Deutschlands im Jahr 1945 endeten. Viele Nazis behilten ihre Ideen. Manche versuchten ihre Kinder mit der Nazi-Ideologie zu füllen. Nach dem Krieg gab es in Deutschland nicht genug unbefleckte Richter und Beamte, um die benötigten Regierungsposten zu besetzen. Zu den früheren Nazis, die hohe Posten im Nachkriegsdeutschland besetzten, gehörte der Christdemokrat Kurt Georg Kiesinger, der von 1966 bis 1969 Bundeskanzler war. Sogar viele der Ärzte, die jüdische Überlebende untersuchten, die aus gesundheitlichen Gründen Ansprüche stellten, hatten einen Nazi-Hintergrund.[10]

Wenn man fragt, wer der wichtigste Nachkriegsphilosoph Europas war, werden viele Martin Heidegger nennen. Seine vor kurzem veröffentlichten Notizbücher lassen keinen Zweifel aufkommen, dass seine Ideenwelt zutiefst antisemitisch war.[11]

Die Tatsache, dass eine beträchtliche Zahl heutige Europäer der Aussage zustimmen, dass „Israel einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führt“, ist ein wichtiges Beispiel des zeitgenössischen europäischen Antisemitismus. Diese Äußerung wurde von mehr als 40% der EU-Bürger im Alter über 16 Jahre für korrekt erachtet. Das passt perfekt in die antisemitische Kultur Europas.[12]

Der amerikanische Politikwissenschaftler Andrei Markovits fasst ein Schlüsselelement der gegenwärtigen europäischen Realität prägnant zusammen: „Europa hat eine ungelöste, wichtige Beziehung zu seiner Vergangenheit. Das ständige Analogisieren der Israelis mit den Nazis erfolgt aus dem europäischen Bauch heraus. Das ist natürlich eine doppelte Unverschämtheit. Damit entlasten sich die Europäer von ihrer eigenen Geschichte. Gleichzeitig gelingt es ihnen ihre früheren Opfer zu beschuldigen sich so zu verhalten wie die schlimmsten Täter der eigenen Seite.“[13]

Die Führungskräfte des Kontinents, auf dem der Nationalsozialismus geboren wurde und florieren durfte, widmen heute relativ wenig ihrer Mahnungen der naziartigen Politik und Äußerungen, die aus den diversen Terrororganisationen des Nahen Ostens kommen. Deren Werbung für den Völkermord ist kein Hiter-Nazismus, sondern ein Nazismus, der aus Teilen des Islam stammt.

Das nächste Mal, wenn Repräsentanten Europas Israel wegen seiner Politik kritisieren, sollte die israelische Antwort lauten, dass sie sich angesichts der Vergangenheit Europas besser auf den Islamo-Nazismsu konzentrieren sollten. Die Offiziellen der EU und ihrer Mitgliedsstaaten, die ständig und unverhältnismäßig Israel abmahnen, stehen auf unmoralischen Füßen.

[1] Manfred Gerstenfeld: The Abuse of Holocaust Memory: Distortions and Responses. Jerusalem, The Jerusalem Center for Public Affairs, 2009, S. 136-150.

[2] EJC welcomes Luxembourg apology for role in Holocaust. European Jewish Congress, 11. Juni 2015.

[3] Gerstenfeld: The Abuse of Holocaust Memory: Distortions and Responses, S. 141.

[4] Manfred Gerstenfeld interviewt Robert Wistrich: Intellectuals and anti-Semitism: a millenial tradition. Jewish Tribune, 13. August 2013.

[5] Robert S. Wistrich: A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to Global Jihad. New York (Radom House) 2010.

[6] David Nirenberg: Anti-Judaism: The Western Tradition. New York (W. W. Norton) 2014.

[7] Antoine Peillon: Céline, un antisémite exceptionnel. Une Histoire française. Lormon: Le Bord de l’eau, 2011.

[8] Toni L. Kamins: Notre-Dame de Paris to Prague, Europe’s anti-Semitism is literally carved in stone. JTA, 20. März 2015.

[9] Hans Jansen: Protest Van Erasmus Tegen Renaissance Van Hebreeuwse Literatuur. Heerenveen (Groen) 2010.

[10] Manfred Gerstenfeld, Interview mit Nathan Durst in: Europe’s Crumbling Myths, The Post-Holocaust Origins of Today’s Anti-Semitism. Jerusalem, Jerusalem Center for Public Affairds, Yad Vashem, WJC 2003, S. 128-136.

[11] Philip Oltermann: Heidegger’s ‘black notebooks’ reveal antisemitism at core of his philosophy. The Guardian, 13. März 2015.

[12] library.fes.de/pdf-files/do/07908-20110311.pdf

[13] Manfred Gerstenfeld, Interview mit Andre S. Markovits: European Anti-Americanism and Anti-Semitism: Similarities and Differences. Post-Holocaust and Anti-Semitism Nr. 16, Januar 2004.

Gedankenverlorenes Territorium: Rüge für den Louvre – Antisemitismus zu offensichtlich betrieben

PreOccupied Territory, 16. Juni 2015

Sira Anamwong / Shutterstock.com

Paris, 16. Juni – Die Regierung Frankreichs gab dem Management des Museums Louvre heute einen strengen Tadel und warnte es, dass die Zurschaustellung antijüdischen und antiisraelischen Vorurteils weit subtiler sein muss als die aktuelle Ablehnung eines Gruppenbesuchs israelischer Studenten durch die Institution.

Letzten Monat versuchte ein israelischer Professor der Universität Tel Aviv Zeit und Raum zu reservieren, um seine Kunststudenten in das Museum zu bringen; er wurde aber brüskiert, obwohl er dieselbe Reservierung auf denselben Reisen früher schon mehrfach machte. Der Professor nahm dann die Rolle eins Lehrenden aus Abu Dhabi an und hatte keinerlei Probleme zu diesen Daten zu reservieren. Das Management des Museums bestritt Fehlverhalten und machte für die Ablehnung technische Probleme mit dem Computersystem verantwortlich; allerdings drückte die Regierung, die das meiste Geld für die Finanzierung des Museums zur Verfügung stellt, ihren Unmut wegen der Leichtfertigkeit aus, mit der der Louvre es französischem Antisemitismus erlaubte an die Oberfläche zu dringen.

Kultusministerin Fleur Pellerin wies das Museum an sofort Maßnahmen zu treffen, um seine antijüdischen und antiisraelischen Tendenzen effektiver als legitime Motivlage zu verkaufen. „Im 21. Jahrhundert ist Zurschaustellung kruder Diskriminierung welcher Gruppe auch immer in unserer Gesellschaft nicht willkommen“, schrieb Ministerin Pellerin an Louvre-Direktor Jean-Luc Martinez. „Von daher muss die Ihrer Sorge anvertraute Institution aktive, sofortige und effektive Schritte unternehmen, um Judenhass in ein angenehmeres Gewand zu kleiden.“

Die jüngste Zunahme antisemitischer Angriffe und Verhaltens überall in Europa und besonders in Frankreich haben Paris mit einem unangenehmen sozialen Dilemma konfrontiert. Rechtsradikale Gruppen und linksradikale Aktivisten haben im Antisemitismus eine ungewöhnliche Gemeinsamkeit gefunden, was die französisch Mainstream-Gesellschaft betroffen macht, die sich ansonsten geschmackvollerer Dosierungen an Vorurteilen gegenüber Juden erfreut, direkte Erscheinungsformen davon aber grotesk findet.

Der Direktor des Louvre versprach eine gründliche Untersuchung der Politik und Verfahren, die zur Ablehnung der Gruppe der Universität Tel Aviv führten. „Im Namen des Louvre entschuldige ich mich für die von uns gezeigte eklatante Diskriminierung und verspreche, dass ich solche Manifestationen des Antisemitismus schwerer belegbar machen werde“, sagte er.

Teil des Prozesses diese Manifestationen zu verwischen beinhaltet ein auffälligeres Bestehen darauf, Gegnerschaft zu den Juden und Gegnerschaft zum Nationalstaat der Juden zu unterschieden. „Viele Aktivisten und Regime erwecken den Anschein nichts gegen Juden an sich zu haben, nur gegen Israel“, erklärte Martinez. „Doch wenn es um Manifestationen dieses Hasses geht, bemühen sich, wenn überhaupt, nur wenige darum sicherzustellen, dass die Unterscheidung konsequent eingehalten wird. Wir hätten die Ablehnung aufgrund politischen Protestes gegen israelische Politik verteidigen können, doch das würde schlicht die Frage aufwerfen, warum nie je auch nur eine einzige Ablehnung von Gruppen aus Ländern mit weit schrecklicheren Menschenrechts-Bilanzen ausgegeben wurde.“

„Zudem steht die offizielle Haltung der französischen Regierung, die offiziell den Louvre kontrolliert, BDS entgegen“, fügte Martinez hinzu. „Wenn wir bei eklatanteren Vorurteilen Nachsicht zeigen, müssen wir warten, bis die Juden keine Kontrolle über die Reg… – ich meine, bis diese Haltung sich ändert.“

Den jüdischen Staat delegitimieren

DryBones, 11. Juni 2015

Das Schockierende an Bernard Boutons Beitrag zu Irans antisemitischem Holocaust-Karikaturenwettbewerb, der Palästinenser als „Opfer eines Holocaust“ darstellt, besteht darin, dass wir von der Karikatur nicht schockiert sind. Wir sind aus dem einfachen Grund nicht schockiert, weil in den letzten Jahren von Karikaturen überflutet wurden, die bizarrerweise behaupten, dass die Juden die Täter eines Holocaust an den palästinensischen Arabern sind. „Bizarr“, weil es die unsäglichen Realitäten des wahren Holocaust verharmlost; öffentliche Buchverbrennungen, Zerstörung von Synagogen, Ausschluss aus Schulen, Boykott von Geschäften, das Zusammentreiben von Zivilisten, die öffentlich erniedrigt und in Viehwaggons in Todeslager abtransportiert wurden, Nummern auf die Arme tätowiert bekamen, als Häftlinge verhungerten, sterilisiert, gefoltert wurden, sich zu Tode arbeiten mussten, in Gaskammern getrieben wurden, Babys, die lebend in Öfen geworfen wurden, um Kugeln zu sparen usw. usw. usw… Nichts davon hat irgendeine Parallele im Umgang mit den palästinensischen Arabern. Wie kommt es dann, dass diese irrationalen Karikaturen, die Judenhass fördern und Gewalt und mörderische Angriffe von „wahren Gläubigen“ auf Juden entfachen, von Karikaturisten wie Bernard Bouton und so vielen anderen gezeichnet werden?

Eric Hoffer untersuchte im 20. Jahrhundert in seinem Buch „Die wahren Gläubigen“ die Mechanismen und Taktiken der Massenbewegungen, die versuchten seine Welt zu erobern und umzugestalten – Bewegungen wie der Nationalsozialismus, Faschismus, Kommunismus, Sozialismus, Anarchismus usw. Er kam zu dem faszinierenden und entlarvenden Schluss, dass „eine Massenbewegung ohne den Glauben an einen Gott aufkommen und sich verbreiten kann, aber niemals ohne den Glauben an einen Teufel“. Der Nationalsozialismus fand seinen „Teufel“ in „der Bedrohung“, die die Juden für die Welt darstellten. Der volle Name der Nazipartei war „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei“, aber wer erinnert sich, dass ihre Ideen und Ideale andere waren als Judenhass und rassische Überlegenheit? Ihre Identität und Überzeugungen wurden von ihrem wahnsinnigen Judenhass zerstört. Heute sind wir im 21. Jahrhundert Zeugen des Aufstiegs einer weiteren Massenbewegung, die anstrebt die Welt zu erobern und zu verändern. Sie wird Islamismus genannt. Und ihr „Teufel“ ist, wie der der Nazis, „die Bedrohung der Welt durch die Juden“. Die Identität des Islam und seine Überzeugungen sind vom wahnsinnigen Judenhass der Islamisten vernichtet worden. „Antisemitismus“ ist ein Synonym für Judenhass. Er ist ein Begriff, der 1879 von einem Deutschen namens Wilhelm Marr erfunden wurde.

Um Boutons Karikatur zu verstehen, muss man begreifen, dass Antisemitismus Verhaltens- und Kulturvirus ist, der die Gesellschaft infiziert. Wie in Virus, der einen Computer infiziert oder ein Virus, der einen Menschen infiziert, besteht der Hauptstoß dieses Virus den Wirt zu übernehmen, den er infiziert. Sein Ziel ist es sich auf jeden weiteren Wirt zu übertragen, mit dem er in Kontakt kommt. Boutons Karikatur ist, sehr einfach ausgedrückt, mit dem Virus des Judenhasses infiziert. Wie jemand, der einen Virus hat und die Krankheit durch Niesen verbreitet, kann der Karikaturist Bouton (und andere wie er) die Krankheit nicht kontrollieren, die ihn infiziert und zwingt andere zu infizieren. In den 1930-er Jahren stellten die Nazis eine begrenzte Zahl an Bildern viralen Antisemitismus zusammen. In einer Studie, die ich an der Yale University für die Initiative zum Interdisziplinären Studium des Antisemitismus und Rassismus (YIISA) erstellte und die von der Yale University Press veröffentlicht wurde, stellte ich fest, dass der von Nazis geschaffene Satz viraler Bilder, der in Karikaturen eingebettet wird, in zwei Stränge unterschieden werden kann; der eine Strang beantwortet die Frage, was die Juden sind (gehörnte Teufel, Spinnen, Schlangen, mit Fangzähnen bewehrte Vampire, Ratten usw.). Der zweite Strang beantwortete die Frage, was Juden tun (Babys töten, Blut trinken, die Medien kontrollieren, die Banken besitzen, die Welt beherrschen usw.). Diese beiden viralen Karikaturenstränge infizierten die Leser mit der Vorstellung, dass sie wahrscheinlich Opfer der mächtigen, dämonischen Juden sein würden.

Und wie die Nazis vor ihnen nutzten die Islamisten erfolgreich genau diese viralen Karikturenbilder, um ihre antijüdischen Verleumdungen und ihren Judenhass zu verbreiten.

Fotos von Konzentrationslagern zeigen jedoch, dass die Juden selbst nicht bedrohliche, schwache, bedauernswerte Opfer waren, die für andere keine glaubwürdige Bedrohung waren. Das stellte eine Herausforderung für die Verbreitung des Antisemitismus dar. Antisemiten begannen als Reaktion darauf zu bestreiten, dass der Holocaust jemals stattgefunden hatte. Holocaust-Leugnung ging jämmerlich daneben, doch es liegt in der Natur eines Virus, dass er resistente Stränge entwickelt. Und sie bildete ich ein dritter Strang heraus, der Holocaust-resistent ist. Seine viralen Bilder streiten die Nazi-Gräuel nicht ab und leugnen auch nicht die Schrecken des Holocaust. Dieser neue Strang nutzt Karikaturen, um das Konzept zu verbreiten, dass die Juden die Nazis sind und dass der Holocaust Wirklichkeit ist und von den Juden begangen wurde!!

Der Gebrauch dieses neuen Holocaust-Karikatur-Strangs ist ein Versuch eine potenzielle Basis von 1,57 Milliarden Muslimen (die mehr als 23% der Weltbevölkerung ausmacht) aufzustacheln eine winzige jüdische Bevölkerung von etwa 14 Millionen (weniger als 0,2 Prozent der Weltbevölkerung) anzugreifen und Nichtmuslime zu ermutigen diesen Judenhass als berechtigt zu akzeptieren, was uns dazu bringt den traurigen Fall des Bernard Bouton zu begutachten, eines französischen Karikaturisten und Präsident der Vereinigung der Karikaturisten-Organisationen (FECO). Weniger als sechs Monate nach den drei Tagen des Charlie Hebdo-Terrors in Frankreich, bei dem Juden in einem Pariser Supermarkt angegriffen und getötet wurden, weil sie Juden waren, erleben wir in einem Frankreich, das Juden gegenüber zunehmend feindselig wird, einen französischen Karikaturisten, der seine „Juden sind die Täter des Holocaust“-Karikatur als Beitrag für den zweiten iranischen „Holocaust-Karikturen-Wettbewerb“ offeriert.

Eine wahrlich traurige Angelegenheit, einen französischen Karikaturisten zu sehen, der mit den Feinden Frankreichs und der westlichen Zivilisation kollaboriert. Man hätte erwartet, dass der Präsident der Vereinigung der Karikaturisten-Organisationen für die Freilassung der iranischen Karikaturistin Atena Farghadani kämpft, gegen die von einem iranischen Gericht eine zwölfjährige Gefängnisstrafe verhängt wurde, weil sie auf ihrer Facebook-Seite eine Karikatur postete, die die sie nicht mochten. Man hätte erwartet, dass der Präsident der Vereinigung der Karikaturisten-Organisationen gegen den kometenhaften Aufstieg des Judenhasses in Frankreich kämpft. Man hätte vom Präsidenten der Vereinigung der Karikaturisten-Organisationen erwartet, dass er gegen die Boykottierung des jüdischen Staates, seiner Universitäten und seiner Produkte kämpft. Doch in Boutons Fall wären diese Erwartungen klar falsch gewesen. Er kann sich nicht selbst heilen und den antisemitischen Virus abstoßen, der seine Psyche und seine Arbeit infiziert hat. Kapitulation vor der Krankheit ist so viel einfacher als Mut, Selbsterkenntnis und Widerstand.

Die antiisraelische Hetze in den Niederlanden breitet sich weiter aus

ManfredGerstenfeldManfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Vor ein paar Wochen erhielt eine Geschichte zu den Niederlanden internationale Aufmerksamkeit: Die Holocaust- und Rentenzahlung einer sehr alten niederländischen Bürgerin wurde von den niederländischen Behörden stark reduziert, weil sie in Israel in den Bereich außerhalb der Grünen Linie gezogen war. Nach viel öffentlichem Protest und reichlich negativer Publicity schufen die niederländischen Behörden in ihrem besonderen Fall Abhilfe.[1] Die Diskriminierung bei den Renten derjenigen, die in den Gebieten leben, ist jedoch von der niederländischen Regierung bestätigt worden.[2]

Es überrascht nicht, dass jetzt der nächste Skandal in Sachen Niederlande/Israel entstanden ist. Ein Schul-Geschichtsbuch, das die Geschichte des israelischen Unabhängigkeitskriegs heftig verzerrt und gleichzeitig die lange Terror-Kampagne der Araber vor 1948 bagatellisiert,[3] wird als Teil des niederländischen Oberschul-Lehrplans genutzt. Menachem Begin wird als Terrorist bezeichnet, Arafat nicht.[4]

Nach einem reichlich verspäteten kritischen Editorial zum Thema der Rentenkürzung für die Holocaust-Überlebende in der Jerusalem Post[5] ließ der niederländische Botschafter Caspar Veldkamp seine Antwort in derselben Zeitung veröffentlichen.[6] Es muss herausgestellt werden, dass dieser Botschafter große Anstrengungen unternommen hat die Beziehungen zwischen den Niederlanden und Israel zu verbessern; dasselbe gilt für die übrigen Mitarbeiter der niederländischen Botschaft, die ich im Verlauf der Jahre getroffen habe. Die sehr positive Haltung der Botschaft ist jedoch alles andere als repräsentativ für die Niederlande.

Im Artikel des niederländischen Botschafters ab es allerdings eine Äußerung, die nicht unkommentiert bleiben sollte. Er schrieb, dass die Niederlande ein Land sind, das immer noch als einer der besten Freunde Israels betrachtet werden kann.

In diesem Kontext ist das Wort „Freund“ jedoch unangebracht. Außenminister Bert Koenders von der antiisraelischen Arbeitspartei ist einer von den achtzehn EU-Außenminister, die Produkte aus den Siedlungen als nicht israelischer Herkunft kennzeichnen wollten.[7] Es gibt zwölf EU-Außenminister, die diese Meinung nicht teilen. Koenders hat aber keine Schritte unternommen, um Produkte aus dem türkisch besetzten Nordzypern genauso zu kennzeichnen, obwohl Nordzypern besetztes Gebiet ist, die Westbank jedoch umstrittenes Gebiet ist.[8]

Koenders‘ Vorgänger Frans Timmermans, ebenfalls von der Arbeitspartei, gab 2013 während eines Vortrags in Tel Aviv zu, dass die EU in Bezug auf den israelische-palästinensischen Konflikt an Israel einen anderer Maßstab anlegt, weil sie es als ein europäisches Land betrachtet.[9] Diese Behauptung impliziert, dass man Palästinenser und Araber nicht wie Europäer betrachten kann. Zweierlei Maß ist ein Schlüsselcharakteristikum für antisemitisches Handeln.[10] Timmermans‘ Bemerkung erinnert an einen kolonialzeitlichen Rassisten, der nicht europäische Völker als unterlegen und als weniger verantwortlich für ihr Tun betrachtet. Timmermans‘ Behauptung stellt sich auch gegen die Prinzipien der Universalen Erklärung der Menschenrechte, die besagt, dass alle Menschen mit Vernunft und Gewissen ausgestattet sind. Das bedeutet, dass sie für ihr Tun verantwortlich sind.[11]

Wer immer einen Blick auf die Internetseite der niederländischen Arbeitspartei wirft, kann sehen, dass sie einerseits Israel angreift, andererseits aber zum Islamo-Nazismus der größten Palästinenserfraktion – der Hamas – schweigt, ebenso zu den vielen anderen von den Palästinensern begangenen kriminellen Taten. Auf diese Weise ist die Arbeitspartei ein indirekter Unterstützer des Islamo-Nazismus.[12]

In einem privaten Treffen mit einem weiteren niederländischen Botschafter, der Israel vor ein paar Wochen besuchte, sagte ich, dass die Niederlande staatlichen Antisemitismus verüben, indem sie wahllos eine Million muslimischen Einwanderern erlaubten ins Land zu kommen. Das geschah trotz der allgemein bekannten Tatsache, dass diese Muslime aus Ländern kommen, die weit antisemitischer sind als die Niederlande.

Die Zahl der in den Niederlanden während des Sommers 2014 berichteten antisemitischen Vorfälle lag in etwa so hoch wie die der gesamten Vorfälle der Jahre 2011 und 2012. Ester Voet, damals die Direktorin der niederländischen, pro-israelischen Organisation CIDI, schätzte, dass zwei Drittel dieser Verbrechen von nicht westlichen Immigranten oder ihren Nachkommen verübt wurden. Das war ein beschönigender Verweis auf muslimische Einwanderer, die rund 6% der Bevölkerung stellen.[13]

Gestattet ein Land massive und fast unkontrollierte Zuwanderung aus anderen Ländern, die in ihrer Bevölkerung weit mehr Antisemiten haben, dann wird es erleben, dass in der Folge der Antisemitismus im eigenen Land zunimmt. Diese einfache Überlegung war für den niederländischen Botschafter auf Besuch zu komplex, als dass er sie hätte akzeptieren können.

2011 stellte die Studie der Universität Bielefeld im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung den Bürgern von sieben EU-Staaten im Alter ab 16 Jahren die Frage, ob sie der Äußerung zustimmten, Israel würde einen Ausrottungskrieg gegen die Palästinenser führen.[14] Die Niederlande und Italien gingen mit etwa 38% Zustimmung leicht weniger antisemitisch daraus hervor als die übrigen Länder.

Wenn man ungerechtfertigt einem bestimmten Volk kriminelle Taten vorwirft, die es nicht begeht, bedeutet dies, dass man eine kriminelle Einstellung ihm gegenüber hat. Nach den Erkenntnissen der deutschen Studie kann man schließen, dass fünf Millionen Niederländer in diese Kategorie fallen. Statt zu erklären, die Niederlande seien Israel freundlich gesonnen, sollte man also eher sagen, dass die Niederlande zu den weniger feindlich Gesinnten in einem zunehmend kriminellen Europa gehören.

2010 veröffentlichte ich ein Buch in niederländischer Sprache; es trug den Titel Het Verval, Joden in een stuurloos Nederland (Der Niedergang: Juden in den führungslosen Niederlanden)[15]. Darin erklärte ich, dass man den moralischen Niedergang der Niederlande im Verlauf der letzten Jahrzehnte anhand der Analyse seiner Haltung gegenüber den Juden erkennen kann. Das Buch erhielt beträchtliche öffentliche Aufmerksamkeit und führte sogar zu einer Debatte über Antisemitismus im niederländischen Parlament.

Das war einem bestimmten Absatz des Buches geschuldet, in dem ich eine Äußerung des ehemaligen niederländischen Europakommissars Frits Bolkestein zitierte. Dieser hatte mir gesagt, Juden sollten erkennen, dass es für sie in den Niederlanden keine Zukunft mehr gibt und ihren Kindern zur Auswanderung in die USA oder Israel raten. Nach Bolkestein lag das an den Problemen, die er mit den nicht integrierten muslimischen Immigranten vorher sah.[16]

Femke Halsema, Chef einer weiteren antiisraelischen Partei der Niederlande, den Grünen Linken, sagte, Bolkestein habe „eine Meise“.[17] Wer auch immer heute mein Buch aus dem Jahr 2010 liest, weiß, dass Bolkestein recht hatte, was die zunehmend düstere Zukunft der Juden in den Niederlanden angeht.

Darüber hinaus ist die Haltung der Niederlande den Juden gegenüber die Haltung zu Israel ein weit wichtigerer Hinweis auf den moralischen Zerfall der niederländischen Gesellschaft. Die Entwicklung im Verlauf der letzten Jahre ist ein klarer Indikator dafür. Man muss kein Prophet sein, um vorhersagen zu können, dass sowohl das Umfeld für Juden als auch die antiisraelische Aufstachelung in den Niederlanden sich verschlimmern werden.

[1] Geen korting AOW holocaustverlevende.de Telegraaf, 27.Mai 2015.

[2] Mike Durand: Vraagtekens bij SGP en CU na beantwoording AOW-vragen. CIDI,29. Mai 2015.

[3] Ophef in Israël over Nederlands schoolbook. Reformatorisch Dagblad, 27. Mai 2015

[4] Elise Friedman: Schoolboekje onevenwichtig over Israel. CIDI, 27. Mai 2015.

[5] Herb Keinon: Netherlands to publish new policy on pension payments to citizens living in settlements. The Jerusalem Post, 11. Mai 2015.

[6] Caspar Veldkamp: The Dutch Care about Their Holocaust Survivors. The Jerusalem Post, 21. Mai 2015.

[7] Koenders zet etikettering weer op agenda. Telegraaf, 20. Novembe 2014.

[8] Eugene Kontorovich: How the EU directly funds settlements in occupied territory. The Jerusalem Post, 28. Dezember 2013.

[9] Herb Keinon: Dutch FM: Europe judges Israel by a different standard than other Middle East countries. The Jerusalem Post, 12. Dezember 2013.

[10] Manfred Gerstenfeld: Double Standards for Israel. Journal for the Study of Antisemitism, 7. Januar 2013.

[11] www.un.org/en/documents/udhr/, article 1.

[12] Manfred Gerstenfeld: de PvdA: Nederlands grootste wegkijkerspartij van genocideplannen. Dagelijkse Standaard, 19. November 2014.

[13] Naama Lansky: Sakana Berura Umijadit. Israel HaYom, 22. August 2014

[14] library.fes.de/pdf-files/do/07908-20110311.pdf.

[15] Manfred Gerstenfeld: Het Verval, Joden in een Stuurloos Nederland. Amsterdam (Van Praag) 2010, S. 164-173.

[16] Manfred Gerstenfeld: Het Verval, Joden in een Stuurloos Nederland. Amsterdam (Van Praag) 2010, S. 109

[17] Felle kritiek op joden-uitspraak Bolkestein. Trouw, 6. Dezember 2010.