Wie die Europäische Wirklichkeit sich für Juden verändert hat

ManfredGerstenfeldManfred Gerstenfeld interviewt Cnaan Lipshiz (direkt vom Autor)

Während ich in den letzen Jahren als Journalist über Europa berichtete, habe ich fast überall im westlichen Teil des Kontinents einen Rückfall in alten Antisemitismus und Antiisraelismus erlebt. In solch einem kurzen Interview kann ich nur ein paar wenige Beispiele bringen, die das illustrieren.

Im Oktober 2012 schrieb ich über die Synagoge in Marseille, der zweitgrößten Stadt Frankreichs: „In einer Zeit, in der jüdische Einrichtungen überall in Frankreich aufgrund von Sicherheitsmaßnahmen militärischen Festungen ähneln, ist das Betreten der großen Synagoge, jüdischem Hauptzentrum dieser pittoresken Stadt an der Mittelmeerküste, so einfach wie das Öffnen einer Haustür.“

In Marseille ist das nicht länger so. Juden befestigen ihre Einrichtungen fast überall in Westeuropa und eine zunehmende Zahl von ihnen verbirgt ihre Identität. Im Januar 2015 wurden die jüdischen Schulen von Marseille, der Heimat der zweitgrößten jüdischen Gemeinde Frankreichs, unter dauerhaften Polizeischutz durch mit Maschinengewehren bewaffnete Beamte gestellt.

Cnaan Liphshiz ist seit 2012 der Europakorrespondent der Jewish Telegraph Agency. Vorher arbeitete er für Ha’aretz, Ma’ariv und die Jerusalem Post.

Eine jüdische Reaktion in Paris ist eher selten, bedeutet aber innerhalb des allgemeinem europäischen Kontextes wenig. 2013 verfolgten einige Mitglieder der Jewish Defense League (JDL) die Araber, die sie verdächtigten am Tag davor einen Anschlag verübt zu haben. Die JDL wurde auch aktiv, als während Israels Operation Fels in der Brandung im Sommer 2014 eine Synagoge in Paris angegriffen wurde. Sie befinden sich auf Kollisionskurs mit der jüdischen Gemeinde, die immer dagegen war das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen.

Im Pariser Vorort Sarcelles stand ich im Sommer 2014 mit Juden, die ihre Schul vor einem pogromartigen Pöbel beschützten, in einer Wolke Tränengas. Ein arabischer Mob von 200 Personen, bewaffnet mit Stangen und Steinen, versuchte die Synagoge anzugreifen. Sie setzten Mülleimer in Brand und brüllten: „Schlachtet die Juden!“ Eine Einheit der Polizei unterband ihre Attacke. Die etwa einhundert JDL-Unterstützer vor Ort, bewaffnet mit Baseballschlägern und Knüppeln, sangen die französische Nationalhymne Marseillaise, um die Polizei zu ehren. Die Araber waren nicht in der Lage an die Synagoge heranzukommen, die leicht beschädigt wurde. Im Verlauf des Sommers wurden neun französische Synagogen angegriffen.

Um diese Zeit berichtete ich aus Paris, dass ich während einer illegalen Demonstration hörte, wie ein junger schwarzer Mann mit Pariser Akzent einem Dutzend seiner Freunde laut verkündete: „Ok, Jungs. Lasst uns ein paar Juden jagen gehen.“ Einer seiner Freunde antwortete: „Lasst uns ihre Köpfe brechen“, worauf der Mann erwiderte: „Fangt sie schnell, tötet sie langsam.“

Einer der wenigen anderen Orte, an denen ich einige Mitglieder von Jüdischen Verteidigungskräfte fand, wenn auch unter anderen Umständen, war die ukrainische Hauptstadt Kiew. Eine kleine Gruppe Juden übte Selbstverteidigung für den Fall eines Häuserkampfs. Alle hatten eine Art Uniform mit ukrainischem oder israelischem Armee-Hintergrunde, aber ihr Können war eingerostet.

Mein eigenes Umfeld hat sich ebenfalls gewandelt. Meine Frau und ich lebten innerhalb einer kleinen, jüdischen Enklave in Schilderswijk, einem Viertel von Den Haag, das von einer Pforte beschützt ist. Das ist eines der problematischsten Viertel in den Niederlanden. Es gibt hohe Arbeitslosigkeit und im Sommer 2014 marschierte dort eine Reihe Muslime zur Unterstützung des Islamischen Staates. Die Probleme gehen weit über die Tatsache hinaus, dass meine Frau nicht einen Rock tragend in die Öffentlichkeit gehen konnte.

Liphshiz zitiert aus einem Interview, das er damals einer niederländischen Nachrichten gab. Ich sagte während des Interviews, dass ich, obwohl es peinlich ist das so zu sagen, mich in einigen Vierteln von Jerusalem, einschließlich denen mit palästinensischen Einwohnern, wohler fühle als in den Niederlanden. In Israel gibt es viel Akzeptanz für die Empfindlichkeiten von Minderheiten. In Europa werden Minderheiten diese Empfindlichkeiten oft übel genommen.

Er fügt an, dass er in Den Haag in einen Laden ging, um mein Telefon reparieren zu lassen. Als der türkische Inhaber hörte, dass ich Israeli war, sagte er: „Warten Sie einen Moment, ich werden meine Waffe holen.“ Er lachte etwas, um anzudeuten, dass er das nicht ernst meinte. Ich fragte ihn, was er gegen Israelis habe oder gegen Juden. Der Ladenbesitzer antwortete, er hasse Juden „einfach“. Im Sommer 2015, während des Ramadan, gab es viel Krawall, nachdem ein Mann aus Aruba von der niederländischen Polizei bei seiner Verhaftung erwürgt wurde. Der unglückliche Vorfall hatte nichts mit Juden zu tun, dennoch brüllten viele Demonstranten antisemitische Parolen.

Liphshiz schließt: Wenn ich in der Vergangenheit meinen Freunden gegenüber erwähnte, wo ich wohne, fügte ich immer hinzu, dass wir nie irgendwelche Probleme mit unseren Nachbarn hatten. Ich äußerte auch, dass ich nicht verberge Jude zu sein. Heutzutage stimmt das nicht mehr. Wir sind umgezogen, zum Teil wegen der rapiden Radikalisierung, die wir erlebten.

Mehr als 2.900 Palästinenser in Syrien getötet. He, die Juden bauen ein Haus!

Elder of Ziyon, 21. Juli 2015

Nach Angaben der Action Group of Palestinians aus Syrien wurden in diesem Konflikt bisher 2.910 Palästinenser getötet.

Hunderte starben unter Folter in syrischen Gefängnissen. Von vielen hat man nichts mehr gehört, seit sie entführt wurden. Dutzende des medizinischen Personals sind getötet worden.

Man wüsste davon nichts, läse man die Mainstream-Medien oder was die „Menschenrechts“-Organisationen berichten.

Aber wenn Israel einen einzigen Schritt eines vielschrittigen Verfahrens genehmigt, der eines Tages darin resultieren könnte, dass einem Juden gestattet wird ein Haus in seiner historischen Heimat zu bauen, sind die Medien und NGOs auf einmal sehr interessiert.

Was zeigt, dass die Welt nicht wirklich an den Palästinensern interessiert ist. Sie interessiert sich dafür Gründe zu finden, um die Juden herauszustellen.

Palästinenser werden nicht als Opfer behandelt – sie sind Munition.

BDS – die schlichte Wahrheit

DryBones, 19. Juni 2015 / heplev

DryBones2015-06-19Warum ist das richtig?

Ganz einfach, aber für die BDS-Antisemiten unbegreiflich: Zu ihre Standard-Parolen gehört

„From the river to the sea – Palestine will be free“.
(Vom Fluss bis zum Meer wird Palästina frei sein.)

Damit entlarven sich selbst als Unterstützer antisemitischen Völkermords.

Der Ablauf: Erst geben sie vor, nur für die Kennzeichnung von „in Siedlungen hergestellten“ Waren (und Dienstleistungen, kulturellen und wissenschaftlichen Institutionen zsw.) zu sein und fordern deren Boykottierung. Dann wollen sie ganz schnell nicht nur das, sondern ganz Israel boykottieren und fordern das von allen anderen ebenso.

Und schließlich wird skandiert: „From the river to the sea – Palestine will be free!“

Mit anderen Worten: Das „anerkannte Israel“ soll ebenfalls verschwinden. Die Forderung von Fatah und Hamas soll erfüllt, Israel beseitigt werden. Die Juden haben kein Recht auf nationale Selbstbestimmung.

Wenn allen anderen etwas zugestanden wird, den Juden aber nicht – was ist das anderes als Antisemitismus?

Wenn die Forderungen von Terroristen aus ganzem Herzen unterstützt werden, wenn ihre völkermörderischen Forderungen skandiert werden – was anderes wird dann unterstützt als ein judenreiner Naher Osten und der von den Terroristen angestrebter Völkermord an Juden? Die Hamas hat ausdrücklich die Vernichtung ALLER Juden in ihre Charta geschrieben – das steht gleich zwölfmal drin. Die Fatah lässt auch verkünden, dass Judenmord Muslimpflicht ist. Aber BDS-ler skandieren „Wir unterstützen die Intifada!“

Sie unterstützen antisemitischen Völkermord. Und sind erbost, wenn ihnen gesagt wird, dass sie antisemitisch sind? Sind sie so verblödet oder so verlogen?

Wenn sie „From the river to the sea…“ skandieren,

hat es nichts mit den Siedlungen zu tun. Sie wollen ganz Israel vernichtet sehen. Sie wollen den „Frieden“ des Friedhofs der ermordeten und von der Welt getigten Juden haben, die sich nicht in die Rolle des unterwürfigen Menschen zweiter Klasse und des vor den Antisemiten katzbuckelnden Untermenschen zu fügen bereit sind.

Was anderes ist es als nazihafter Antisemitismus?

Nichts anderes! Punkt.

Wo ist die Empörung wegen ermordeter Juden?

David Harris, The Algemeiner, 2. Juni 2015

Neulich hatte ich die Gelegenheit wieder einmal die großartige Rede des französischen Premierminister Manuel Valls an die Nationalversammlung in Paris an zu sehen, die er im Januar, direkt nach den tödlichen Angriffen in Paris hielt.

Seine leidenschaftlichen Ausführungen über den Anstieg des Antisemitismus und die Gefahr die dieser für Frankreich mit sich bringt, sollten regelmäßig angesehen werden. Ein Satz hat mich besonders bewegt. „Wir haben nicht genug Empörung gezeigt!“, verkündete der erste Mann Frankreichs.

Diese Aussage war an die politische Klasse Frankreichs und an das gesamte Publikum gerichtet. Aber aus meiner Erfahrung heraus könnte man diese Worte auch an einige Juden, vor allem in Amerika, richten. Natürlich sind sich die meisten der Entwicklung bewusst und besorgt. Doch gleichzeitig ist die jüdische Antwort auf die Gefahren wie immer ziemlich verzwickt.

Da sind die Juden, die versuchen, die Gefahr herunterzuspielen oder sie gleich ganz verleugnen. Andere überzeugen sich selbst, dass all das nicht gegen sie persönlich gerichtet ist; oder ihr spezifischer Platz im Leben sie vor all dem schützt, beziehungsweise sie glauben, als eine Variante des Stockholm-Syndroms, all das könnte irgendwie gerechtfertigt werden und es bräuchte, natürlich, nur eine Verhaltensänderung der (anderen) Juden. Andere hoffen, wenn sie nur der Welt erzählen, wie viel die Juden in den Wissenschaften, der Medizin, Kultur und Philanthropie für jeden tun, würden die Antisemiten ihre Gesinnung ändern. Andere lehnen die jüdische Ansicht ab, dass „alle Juden füreinander verantwortlich sind“ und so ist das, was in Paris oder Brüssel passiert absolut irrelevant für das Leben auf der anderen Seite des Ozeans oder sie beschwören das WdnI-Syndrom – „Wenn doch nur Israel“ anders handeln würde, dann wäre alles in Butter.

Es ist für uns, so glaube ich, allerhöchste Zeit mehr Empörung über einige Dinge die passieren zu zeigen.

Es ist inakzeptabel, dass die Juden in einigen europäischen Ländern sich darum sorgen, ob sie eine Zukunft dort haben, denn es ist nicht länger klar, ob die Regierungen, so sehr die das vielleicht möchten, sie schützen können.

Es ist inakzeptabel dass wir mörderische Angriffe auf Juden in Toulouse, Burgas, Paris, Brüssel und Kopenhagen, alle von Islamisten, erleben müssen.

Es ist inakzeptabel, dass Gläubige in der Pariser Synagoge Don Isaak Abravanel im letzten Sommer von einem tobenden Anti-Israel-Mob, der „Hitler hatte Recht“ und „Schlachtet die Juden“ grölte, umzingelt wurden und einige mutige jüdische Hilfskräfte und Polizisten sie daran hinderten, schwere Zerstörungen anzurichten.

Es ist inakzeptabel, dass sich jüdische Eltern in Frankreich, Belgien oder sonst wo fragen, ob sie es verantworten können, ihre Kinder in eine jüdische Schule zu schicken, welche eines Tages ins Fadenkreuz der Terroristen geraten könnte, ganz so wie die Ozar Ha Thora Schule in Toulouse.

Es ist inakzeptabel, dass, wie im letzten Jahr, die Synagoge der deutschen Stadt Wuppertal mit Brandbomben attackiert wird, derweil mit Keffiyehs vermummte Jugendliche in den Straßen von Berlin skandieren: „Jude, Jude, feiges Schwein! Komm heraus und kämpf allein“.

Es ist inakzeptabel, dass die Fans des holländischen Fußballvereins FC Utrecht „Hamas, Hamas – Juden ins Gas“ singen, um damit Fans eines anderen Fußballvereins, Ajax Amsterdam, welcher traditionell von der jüdischen Gemeinschaft unterstützt wird, zu beleidigen.

Es ist inakzeptabel, dass ein als Jude verkleideter Journalist in Malmö belästigt, verhöhnt und bedroht wird, während er durch die Straßen der drittgrößten Stadt Schwedens geht.

Es ist inakzeptabel, dass die offensichtliche Neo-Nazi Partei „Goldene Morgenröte“ im griechischen Parlament sitzt und jede nur denkbare Verschwörungstheorie gegen Juden verbreitet.

Es ist inakzeptabel, dass der Sprecher der fremdenfeindlichen Partei Jobbik im ungarischen Parlament dazu aufruft alle Juden zu registrieren, um damit in der Lage zu sein, festzustellen wer und wo jeder Jude ist.

Es ist inakzeptabel, dass die einzige jüdische Nation, Israel, das einzige Land ist welches das Ziel einer Vernichtung durch ein anderes Land, Iran, während Teheran dafür nicht nur durch die UN ungestraft davonkommt, sondern auch noch den 120 blockfreien Staaten vorsitzt.

Es ist inakzeptabel, dass Israel das einzige Land auf der Welt ist, dessen Existenzrecht täglich auf dem Prüfstand steht, während keine andere Nation Zielscheibe einer derartigen Delegitimierung ist.

Es ist inakzeptabel, dass Israel, die einzige liberale Demokratie im Nahen Osten, die einzige Nation auf der Erde ist, die von einer BDS-Bewegung angegriffen wird.

Es ist inakzeptabel, dass Israel, welches bei vielen Gelegenheiten versucht hat eine Zweistaaten-Lösung mit den Palästinensern zu finden, nur um jedes Mal zurückgewiesen zu werden, jetzt von vielen Regierungen, den Medien und der gelehrten Welt als „Haupthindernis“ für den Frieden dargestellt wird.

Es ist inakzeptabel, dass das Menschenrechtsgremium der UNO über 50% seiner landesspezifischen Resolutionen Israel widmet – eine Nation, die vom Recht regiert wird, das von forschenden Medien überwacht wird und das eine starke, lebendige Zivilgesellschaft hat – während andere Länder deren Menschenrechte haarsträubend und mehr sind, ungeschoren davonkommen.

Es ist inakzeptabel, dass das einzige Land, für das das Menschenrechtsgremium der UN eine eigene Agenda hat, nicht Syrien, Libyen, Sudan, Iran oder Nord-Korea ist, sondern Israel.

Es ist inakzeptabel, dass während des letzten Kriegs im Sommer, ausgelöst durch die Raketen aus dem von der Hamas kontrollierten Gazastreifen und der Ermordung der drei jungen Israelis, das gleiche Menschenrechtsgremium Israel mit einer Votierung von 29 zu 1 (Vereinigte Staaten) und 17 Enthaltungen kritisierte, während es ungeniert die Verantwortung der Hamas ignorierte.

Es ist inakzeptabel, dass fünf südamerikanische Länder, einschließlich Brasilien, Chile und Peru, ihre Botschafter im letzten Sommer abberiefen, wohingegen sich niemand daran erinnern kann, wann genau diese Länder eine solche diplomatische Aktivität irgendwo auf der Welt gezeigt hätten, trotz der Flut von Kriegen und Krisen.

Es ist inakzeptabel, dass die Präsidenten der Türkei und Venezuelas versuchten die örtlichen jüdischen Gemeinden dazu zu zwingen Israel zu verurteilen.

Es ist inakzeptabel, dass zwei UCLA-Studenten über Monate schikaniert und vor ein studentisches Gericht gezerrt wurden, weil sie Israel besucht hatten, womit sie sich für einige an der Teilnahme einer Abstimmung über BDS in der studentischen Verwaltung disqualifiziert hatten.

Es ist inakzeptabel, dass zwei Studenten an der UCLA und in Stanford darüber befragt wurden, ob die Tatsache, dass sie Juden sind, wesentlich dafür ist, dass sie sich um ein Amt auf dem Campus bewarben.

Und es ist absolut inakzeptabel, dass die Überlebenden des Holocausts, die sich nichts mehr wünschen, als dass die Welt von dem, was sie erleben mussten, etwas daraus gelernt habe, nun ihre restlichen Tage in der Angst verbringen müssen, dass die Juden wieder in Gefahr sind.

Wenn wir nicht empört sind, warum nicht?

Wenn wir jetzt nicht zur Tat schreiten, wie viel muss noch passieren?

Warum Antisemitismus Teil der europäischen Kultur ist

ManfredGerstenfeldManfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Antisemitismus ist nicht nur Teil der Geschichte Europas, sondern auch ein Bestandteil seiner Kultur. Die lang andauernde antisemitische Geschichte Europas ist mit Verleumdung, Diskriminierung, zweierlei Maß, Pogromen, Vertreibungen und anderer Verfolgung angefüllt. Sie erreichte ihren absoluten Tiefpunkt im Holocaust. Der Völkermord wurde nicht nur von Deutschen und Österreichern begangen, sondern auch von vielen Kollaborateuren in den besetzten Ländern, die nicht unbedingt alle für die Nazis waren.

Soweit es den Holocaust betrifft, gestanden fast alle besetzten Länder irgendwann die Wahrheit ein, dass sie versagt und in unterschiedlichem Grad mit den Nazis kollaboriert hatten. Die meisten entschuldigten sich.[1] Vor ein paar Wochen wurde Luxemburg zum neuesten Land, das dies tat.[2] Die große Ausnahme sind die Niederlande. Der derzeitige Premierminister Mark Rütte (Liberale Partei) gab vor kurzem zum zweiten Mal eine nichtssagende Antwort auf eine Anfrage im Parlament, um zu vermeiden das skandalöse Versagen der niederländischen Regierung der Kriegszeit zugeben zu müssen. Während des Exils in London zeigte sie kein Interesse an dem stattfindenden Massenmord – die Vernichtung von drei Vierteln der 140.000 niederländischen Juden durch die deutschen Besatzer.[3] Die jüdische Gemeinschaft war schon seit Jahrhunderten in den Niederlanden präsent gewesen.

Während es wenig Diskussion zur antisemitischen Geschichte Europas gibt, ist bezüglich des Antisemitismus als Bestandteil der europäischen Kultur eine detailliertere Erklärung nötig und wohl bezüglich seiner Juden ein dominierender Teil. Um jeglichem Missverständnis aus dem Weg zu gehen: Das heißt nicht, dass heute die meisten Europäer Antisemiten sind.

Der gerade verstorbene, führende Antisemitismus-Wissenschaftler Robert Wistrich hat viel zur Infrastruktur beigetragen, durch die verstanden und bewiesen wird, dass Antisemitismus ein integraler Bestandteil der europäischen Kultur ist.

Vor ein paar Jahren lud ich ihn ein, beim Jerusalem Center for Public Affairs über die Tradition des europäischen intellektuellen Antisemitismus zu sprechen. Wistrich erklärte, dass christliche Geistliche und viele führende christliche Theologen im Mittelalter und die Jahrtausende hindurch „Verachtung des jüdischen Volks lehrten“. Solche Credos beschränkten sich nicht auf die katholische Kirche. Zum protestantischen Reformator Martin Luther erklärte Wistrich: „Seine Angriffe auf Juden gehören zu den brutalsten in der Geschichte antisemitischer Diffamierung.“

Wistrich führte detailliert auf, wie intellektuelle Trends in Europa die Mutation des Antisemitismus jeweils beeinflussten. Er erklärte, wie die antisemitische jüdische Tradition sich während der Aufklärung fortsetzte und illustrierte das mit dem Hass, den Voltaire für das jüdische Volk hegte. Wistrich erwähnte auch die folgende Generation Antisemiten, so die idealistischen deutschen Philosophen des 18. und 19. Jahrhunderts, darunter Kant, Hegel, Schopenhauer und später Karl Marx.

Er führte an, dass mit seltenen Ausnahmen die französischen Sozialisten des frühen 19. Jahrhunderts die Grundlagen des Antisemitismus des späten 19. Jahrhunderts legten. Er merkte an, dass Edouard Drumonts antisemitisches Werk La France Juive (Das jüdische Frankreich) ein Bestseller seiner Zeit war. Es gab etwa einhundert Auflagen.

Wistrich fügte hinzu, dass ein großer Teil des Nationalsozialismus, des Faschismus und sogar einige Arten des Sozialismus – die wichtige antiintellektualistische Komponenten haben – ebenfalls intellektuelle Gründer hatten.[4] In seinem wichtigen Buch A Lethal Obsession (Eine tödliche Besessenheit) widmete Wistrich ein ansehnliches Kapitel dem, was er „die alt-neuen Judeophoben Britanniens“ nannte. Er erwähnte den weit verbreiteten Antisemitismus in den britischen Literaturklassikern über die Jahrhunderte. Er schrieb, dass im Vereinten Königreich „antisemitische Gefühle auch Teil des Diskurses des Mainstreams sind, die bei den akademischen, politischen und Medien-Eliten stetig wieder aufkommen“.[5]

Viele weitere Beispiele, dass Antisemitismus Teil der europäischen Zivilisation ist, sind in David Nirenbergs Buch „Anti-Judaism, the Western Tradition“ (Die westliche Tradition des Antijudaismus) zu finden.[6]

Eine Reihe führender europäischer Romanautoren waren extreme Antisemiten. Einer der berühmteren war der Franzose Louis-Ferdinand Céline, der nach dem Zweiten Weltkrieg wegen Kollaboration mit der Besatzungsmacht verurteilt wurde.[7] Es gibt zudem auf Gebäuden wie der Kathedrale Notre Dame in Paris alte antisemitische Skulpturen.[8] In der europäischen populären Kultur – z.B. in Zeichnungen und Karikaturen – findet man ebenfalls antisemitische Leitgedanken. Das Studentenaustauschprogramm der Europäischen Union ist nach dem fanatischen Antisemiten Erasmus benannt.[9] Die Universität von Rotterdam ebenfalls.

Es ist ein Fehler zu glauben, dass der Nationalsozialismus und seine boshafte „Kultur“ mit der Niederlage Deutschlands im Jahr 1945 endeten. Viele Nazis behilten ihre Ideen. Manche versuchten ihre Kinder mit der Nazi-Ideologie zu füllen. Nach dem Krieg gab es in Deutschland nicht genug unbefleckte Richter und Beamte, um die benötigten Regierungsposten zu besetzen. Zu den früheren Nazis, die hohe Posten im Nachkriegsdeutschland besetzten, gehörte der Christdemokrat Kurt Georg Kiesinger, der von 1966 bis 1969 Bundeskanzler war. Sogar viele der Ärzte, die jüdische Überlebende untersuchten, die aus gesundheitlichen Gründen Ansprüche stellten, hatten einen Nazi-Hintergrund.[10]

Wenn man fragt, wer der wichtigste Nachkriegsphilosoph Europas war, werden viele Martin Heidegger nennen. Seine vor kurzem veröffentlichten Notizbücher lassen keinen Zweifel aufkommen, dass seine Ideenwelt zutiefst antisemitisch war.[11]

Die Tatsache, dass eine beträchtliche Zahl heutige Europäer der Aussage zustimmen, dass „Israel einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führt“, ist ein wichtiges Beispiel des zeitgenössischen europäischen Antisemitismus. Diese Äußerung wurde von mehr als 40% der EU-Bürger im Alter über 16 Jahre für korrekt erachtet. Das passt perfekt in die antisemitische Kultur Europas.[12]

Der amerikanische Politikwissenschaftler Andrei Markovits fasst ein Schlüsselelement der gegenwärtigen europäischen Realität prägnant zusammen: „Europa hat eine ungelöste, wichtige Beziehung zu seiner Vergangenheit. Das ständige Analogisieren der Israelis mit den Nazis erfolgt aus dem europäischen Bauch heraus. Das ist natürlich eine doppelte Unverschämtheit. Damit entlasten sich die Europäer von ihrer eigenen Geschichte. Gleichzeitig gelingt es ihnen ihre früheren Opfer zu beschuldigen sich so zu verhalten wie die schlimmsten Täter der eigenen Seite.“[13]

Die Führungskräfte des Kontinents, auf dem der Nationalsozialismus geboren wurde und florieren durfte, widmen heute relativ wenig ihrer Mahnungen der naziartigen Politik und Äußerungen, die aus den diversen Terrororganisationen des Nahen Ostens kommen. Deren Werbung für den Völkermord ist kein Hiter-Nazismus, sondern ein Nazismus, der aus Teilen des Islam stammt.

Das nächste Mal, wenn Repräsentanten Europas Israel wegen seiner Politik kritisieren, sollte die israelische Antwort lauten, dass sie sich angesichts der Vergangenheit Europas besser auf den Islamo-Nazismsu konzentrieren sollten. Die Offiziellen der EU und ihrer Mitgliedsstaaten, die ständig und unverhältnismäßig Israel abmahnen, stehen auf unmoralischen Füßen.

[1] Manfred Gerstenfeld: The Abuse of Holocaust Memory: Distortions and Responses. Jerusalem, The Jerusalem Center for Public Affairs, 2009, S. 136-150.

[2] EJC welcomes Luxembourg apology for role in Holocaust. European Jewish Congress, 11. Juni 2015.

[3] Gerstenfeld: The Abuse of Holocaust Memory: Distortions and Responses, S. 141.

[4] Manfred Gerstenfeld interviewt Robert Wistrich: Intellectuals and anti-Semitism: a millenial tradition. Jewish Tribune, 13. August 2013.

[5] Robert S. Wistrich: A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to Global Jihad. New York (Radom House) 2010.

[6] David Nirenberg: Anti-Judaism: The Western Tradition. New York (W. W. Norton) 2014.

[7] Antoine Peillon: Céline, un antisémite exceptionnel. Une Histoire française. Lormon: Le Bord de l’eau, 2011.

[8] Toni L. Kamins: Notre-Dame de Paris to Prague, Europe’s anti-Semitism is literally carved in stone. JTA, 20. März 2015.

[9] Hans Jansen: Protest Van Erasmus Tegen Renaissance Van Hebreeuwse Literatuur. Heerenveen (Groen) 2010.

[10] Manfred Gerstenfeld, Interview mit Nathan Durst in: Europe’s Crumbling Myths, The Post-Holocaust Origins of Today’s Anti-Semitism. Jerusalem, Jerusalem Center for Public Affairds, Yad Vashem, WJC 2003, S. 128-136.

[11] Philip Oltermann: Heidegger’s ‘black notebooks’ reveal antisemitism at core of his philosophy. The Guardian, 13. März 2015.

[12] library.fes.de/pdf-files/do/07908-20110311.pdf

[13] Manfred Gerstenfeld, Interview mit Andre S. Markovits: European Anti-Americanism and Anti-Semitism: Similarities and Differences. Post-Holocaust and Anti-Semitism Nr. 16, Januar 2004.