Erasmus, Fürst des Humanismus der Renaissance und Antisemit

Manfred Gerstenfeld interviewt Hans Jansen (direkt vom Autor)

Viele Gründungsväter der westlichen Kultur waren Antisemiten. Während der Renaissance wurde Erasmus von Rotterdam – er lebte von 1466 bis 1536 – als „Fürst des Humanismus“ angesehen. Obwohl ein sehr innovativer Denker, war Erasmus, wie viele seiner Zeitgenossen, Antisemit. Über sein Leben und Denken wurde viel geschrieben. Doch Akademiker, inklusive der berühmte niederländische Historiker Johan Huizinga, vermittelten nur selten den Antisemitismus des Erasmus. Das änderte sich erst Mitte der 1980-er Jahre.

Prof. Hans Jansen
Prof. Hans Jansen

Professor Hans Jansen ist Autor eines wichtigen und regelmäßig neu aufgelegten Werks in niederländischer Sprache mit dem Titel „Christliche Theologie nach Auschwitz“. Der Untertitel seines ersten Bandes lautet „Die Geschichte von 2000 Jahren kirchlichen Antisemitismus“. Der zweite der beiden Bände trägt den Untertitel „Die Wurzeln des Antisemitismus im Neuen Testament“. Der niederländische Protestant Jansen lehrte Geschichte an der Flämischen Freien Universität in Brüssel (1990 – 2000) und lehrt seit 2002 am Simon-Wiesenthal-Institut in derselben Stadt.

Erasmus beschrieb die Juden mehrmals als „Pest“. 1517 zum Beispiel schrieb er in einem Briefwechsel mit dem Hebraisten und Reformer Wolfgang Fabricius Capito aus Strasbourg: „Nichts ist gefährlicher für die Erziehung des Christen als die übelste Pest, das Judentum.“

Erasmus hat mehrere weitere Obsessionen zum Judentum. Im selben Brief nannte er Hebräisch „eine barbarische Sprache“, wie es der Kirchenvater Hieronimus schon gemacht hatte. 1516 schrieb er in Heronymus‘ veröffentlichten Werken, Häretiker würden den Pöbel gerne täuschen und ihm mit magischen Worten aus dem Talmud und der Kabbala Angst machen. Erasmus war ein leidenschaftlicher Gegner der hebräischen Literatur, die während der Renaissance neu aufgelegt und studiert wurde. Er hatte das Gefühl, die Wiedergeburt des Studiums des Hebräischen und seiner Literatur sei ein Signal für die Wiederbelebung des Judentums.

Erasmus gab einer tiefen Überzeugung Ausdruck, dass denen, die hebräische Literatur studierten, nicht getraut werden könne. Er kritisierte mittelalterliche Kommentare jüdischer Gelehrter zur hebräischen Bibel, die er nicht einmal lesen konnte. Als in Deutschland hebräische Literatur konfisziert und verbrannt wurde, bezog er allerdings keine Stellung. Er wollte die Freiheit der Forscher bewahren. Darüber hinaus hatte er offenbar Angst, dass die katholische Kirche auch einige seiner Bücher verbrennen könnte.

Erasmus hatte zudem eine hysterische Angst vor konvertierten Juden. Er sagte dem Papst, er habe 1517 eine Einladung des Kardinals Ximeres nach Spanien zu kommen abgelehnt. Er wollte keinen Fuß in das, wie er es nannte, „am stärksten judaisierte Land Europas“ setzen. Er hatte dem Kardinal gesagt, trotz seiner großen Bewunderung hätte er wichtige Gründe seine Einladung abzulehnen.

Erasmus war außerdem der Meinung, dass man extrem vorsichtig sein müsse Juden in der christlichen Gemeinde zu akzeptieren. Er betrachtete getaufte Juden als für das Überleben der Kirche und der Christen Europas sogar noch gefährlicher als nicht getaufte. Erasmus sah eine nicht zu überwindende Kluft zwischen Christentum und Judentum. Er fürchtete sogar, dass die Christenheit in Europa durch die Renaissance des Hebräischen und seiner Literatur komplett verschwinden würde.

Erasmus war extrem verärgert, dass der aufgeschlossene Papst Leo X. den berühmten Drucker hebräischer Bücher, Daniel van Bomberghen in Venedig, ermutigt hatte den Talmud zu veröffentlichen. Im Einklang mit der geläufigen Kirchentradition war Erasmus überzeugt, dass ie Kirche die Christen vor Kontakten mit Juden und vor den Gefahren ihrer Texte warnen müsse. Genauso wenig sollte sie tolerieren, dass Juden, Marranen und christliche Hebraisten infolge des aufkommenden Druckerberufs hebräische Schriften in großem Maße verbreiten.

Erasmus schrieb an Capito: „Ich erwäge, dass die Kirche dem Alten Testament nicht so viel Wert zumessen solle. Das Alte Testament behandelt nur die Schatten, mit denen die Menschen eine Zeit lang leben mussten. Das Alte Testament … ist heute fast wichtiger geworden als die Literatur des Christentums. Auf die eine oder andere Weise beschäftigen wir uns emsig damit uns vollständig von Christus zu distanzieren.“ Er sagte, er würde es vorziehen, wenn das gesamte Alte Testament ausgemerzt würde, statt den Frieden unter den Christen über Bücher der Juden zu zerstören.

„Wie kann man Erasmus‘ Hass auf die Juden erklären? Emile Vilemeur Telle sagt in seinem faszinierenden Buch über ihn, dies entstamme einer tiefgehenden Abneigung gegenüber der jüdischen Religion, die Erasmus in seinen exegetischen Werken auf karikaturistische Weise skizziert. Er hegte eine tiefe Verachtung für das Judentums und behauptete, dessen Anhänger glaubten Erlösung durch eine völlig ungeistliche Beachtung der Gesetze Moses, ihrer Riten, Symbole und Regeln zu erreichen. Das bestand aus seiner Sicht in der Erfüllung der Vorschriften zu Essen und denen, die Kleidung, Fasten, den Sabbat und die Feiertage betrafen. Erasmus‘ Kommentar zum Johannesevangelium stellt klar, dass er das Judentum als Anachronismus betrachtete, eine Prophetie, die ihre Erfüllung überlebte, die Verkörperung des Versagens, ein Fossil und so weiter.

In der Diskussion über Europas antisemitische Vergangenheit sind Erasmus‘ Ansichten wichtig. Die Ansichten dieses führenden Humanisten und Persönlichkeit der Renaissance illustriert einmal mehr, dass Antisemitismus sowohl Teil der europäischen Geschichte als auch seiner Kultur ist.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist der ehemalige Vorsitzende des Jerusalem Center of Public Affairs.

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