Wie europäische Organisationen Schlüsseldaten zum Antisemitismus unterdrücken

Manfred Gerstenfeld interviewt Amy Elman (direkt vom Autor).

Seit dem Jahr 2000 hat in vielen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union die Zahl der antisemitischen Vorfälle beträchtlich zugenommen. Sie wurden von der zweiten palästinensischen Intifada, der antiisraelischen Hetze, der Welt-Antirassismuskonferenz 2001 in Durban und dem 9/11 angeheizt. Offizielle europäische Gremien gaben den Einfluss dieses „neuen“ Antisemitismus nur sehr zögernd zu; die Offenlegung der Urheber erfolgte nur langsam und oft verzerrt.

Das European Monitoring Center for Racism and Xenophobia (EUMC – Europäisches Beobachtungszentrum für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit) wurde offiziell 1997 durch einen europäischen Regulierungsrat eingerichtet. Seine Gründung fiel mit dem Jahr gegen Rassismus 1997 zusammen, eine Nebenerscheinung der Kommission zu Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (die Kahn-Kommission) von 1994/95. 2002 begann das EUMC eine Studie zu Antisemitismus. Wie damit umgegangen wurde, führte zu einem internationalen Skandal.

R. Amy Elman
R. Amy Elman

R. Amy Elman ist Weber-Professorin für Sozialwissenschaften am Kalamazoo College in Michigan. Ihr bald erscheinendes Buch The European Union, Anti-Semitism and the Politics of Denial (Die Europäische Union, Antisemitismus und die Politik des Leugnens) erkundet die Bemühungen der EU zur Bekämpfung von Antisemitismus und deren Folgen.1

Das EUMC forderte von seinen nationalen Fokus-Punkten (d.h. Kontakten) in allen der damals 15 EU-Mitgliedsstaaten, dass sie vom 15. Mai bis 15. Juni 2002 antisemitische Gewalt und Ansichten beobachten und darüber berichten sollten. Es fragte außerdem nach Beispielen der besten Praktiken zur Verhinderung und Reduzierung von Antisemitismus, die von den Staaten umgesetzt wurden. Nach der Sammlung all dieser Informationen beauftragte das EUMC das ZfA (Zentrum für Antisemitismusforschung) an der Technischen Universität in Berlin mit der Analyse der Ergebnisse.

Das ZfA schloss sein Dokument im Oktober 2003 ab. Es stellte fest, dass gewalttätige Angriffe gegen Juden oft aus virulentem Antizionismus aus dem gesamten politischen Spektrum entstehen. Zudem ermittelte es besonders junge Muslime arabischer Herkunft als die Haupttäter physischer Angriffe auf Juden und für die Schändung und Beschädigung von Synagogen. Viele waren selbst Opfer von Rassismus und sozialer Ausgrenzung.

Das EUMC veröffentlichte die Studie nicht, sondern bestand darauf, dass der in der ZfA-Untersuchung abgedeckte Zeitraum von einem Monat zu kurz war. Es behauptete außerdem, dass der Bericht niemals zur Veröffentlichung vorgesehen gewesen sei. Die Forscher des ZfA kommentierten, dass ihre Konzentration auf muslimische Täter von antisemitischen und antizionistischen Angriffen das EUMC irritierte. Sie erklärten, diese EU-Organisation hätte sie wiederholt aufgefordert ihre „polarisierenden“ Erkenntnisse abzuändern. Nachdem die Forscher diesen Revisionismus ablehnten, legte das EUMC ihren Bericht im November 2003 ad acta.

Das ZfA legten offen, dass das EUMC den Bericht unterdrückte, was zu einem Skandal führte, mit dem die EU-Organisation nach Angaben des Direktors des Zentrums ihre „größte Herausforderung“ gestellt bekam. Das ZfA litt ebenfalls, da das EUMC seine Forschungsarbeit – für die das EUMC selbst die Parameter erstellt hatte – als „methodisch unsolide“ charakterisierte.

Im November 2003 führte ein Artikel der Financial Times zur Unterdrückung des Berichts durch die EUMC zu einem öffentlichen Aufschrei. Mehrere europäische Parlamentarier forderten die sofortige Veröffentlichung des Dokuments. Im Dezember veröffentlichte der World Jewish Congress den Berichtsentwurf des ZfA im Internet und legte damit die Manipulation des EUMC offen.

Im April 2004 veröffentlichte das EUMC eine endgültige, umfangreichere Studie. Dieses Dokument wiederholte und erläuterte noch einmal die Hauptpunkte des ZfA-Berichts, allerdings so oft, das es schwierig wurde all die Unterschiede genau zu bestimmen. Dennoch war der klarste und wichtigste Unterschied, dass der Abschlussbericht des EUMC wenige bis keine allgemeinen Angaben dazu machte, wer die antisemitischen Taten beging.

Diese Zurückhaltung wurde besonders betont, wenn Antisemitismus Begehende nicht aus dem Bereich des Rechtsextremismus kamen. Der ZfA-Berichtsentwurf beinhaltete z.B. eine Schilderung aus Schweden von einer öffentlichen Versammlung von 100 Personen in Stockholm gegen Antisemitismus und antimuslimische Vorurteile. Nach Angaben des Entwurfs wurde die Versammlung von 100 bis 150 Demonstranten gestört, die „Tötet die Juden!“ und „Wir werden euch in die Luft jagen!“ brüllten. Der ZfA-Bericht besagte, dass viele der zumeist angriffslustigen Gegendemonstranten linksextreme Jugendliche waren. Der Abschlussbericht des EUMC löschte diese Beobachtung.

Durch das Löschen von Belegen der Rolle der extremen Linken beim Schüren von Antisemitismus konnte der Abschlussbericht der EUMC unterstellen, dass allein Gegnerschaft gegenüber der extremen Rechten eine ausreichende Antwort auf Antisemitismus ist. Das ZfA legte nahe, dass das nicht stimmt, denn einige der größten Bedrohungen von Juden kommt aus der Linken und deren sich vertiefende Bündnisse mit radikalen Islamisten und anderen extremen Antisemiten im gesamten politischen Spektrum.

Heutzutage scheint auch der Nachfolger des EUMC, die European Agency for Fundamental Rights (FRA – Europäische Agentur für Grundrechte) unwillig zu sein Antisemitismus zu identifizieren und die Täter klassifizieren. 2013 distanzierte sich die FRA von der Arbeitsdefinition für Antisemitismus ihres Vorgängers, Monate vor Veröffentlichung ihres eigenen Antisemitismus-Berichts. Zusätzlich fehlen verdächtigerweise in einem Merkblatt mit der Zusammenfassung der Methodik und der Schlüsselerkenntnisse des Berichts von 2013 („Die Erfahrung von Juden mit Diskriminierung und Hassverbrechen in Mitgliedsstaaten der Europäischen Union“) Daten, zu den erkannten Tätern.

Der Bericht bietet außerdem keine Differenzierung dieser Täter nach Staaten, wie er das für andere Daten wie die zu Opfern, ihrer Sorgen und Erfahrungen tut. Durch Zurückhaltung dieser Daten behindert das FRA Informationen zu den Täter von Antisemitismus, die helfen könnten Antisemitismus abzuschwächen. Dieses Verhalten entspricht dem wiederholten Verweis auf die „Wahrnehmungen und Erfahrungen des jüdischen Volks“ zu Antisemitismus und nicht Antisemitismus als Tatsache.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist der ehemalige Vorsitzende des Jerusalem Center for Public Affairs.

1 University of Nebraska Press, 2015

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