Deutscher Antiisraelismus – ein Überblick

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Die Entwicklungen des Antiisraelismus in Deutschland sind im Verlauf der Jahre viel zu sehr vernachlässigt worden. Deutschland ist nicht wie andere Länder in Europa. Seine Nazi-Vergangenheit ist nicht nur bei marginalen Neonazi-Gruppen hängen geblieben. Einige Elemente eines Teils des Judenhasses der Bevölkerung sind in die Dämonisierung Israels mutiert. Die statistischen Informationen, um das zu beweisen, gibt seit mehr als einem Jahrzehnt.

In einer Meinungsumfrage wurden Deutsche 2004 gefragt, ob sie der Äußerung zustimmen, dass „Israel einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führt“. 68% Prozent der Deutschen stimmten zu. Die Frage wurde auch auf andere Weise gestellt: „Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern tut, unterscheidet sich im Prinzip nicht von dem, was die Nazis mit den Juden während des Dritten Reichs machten.“ 51% stimmten zu.[1] Die Zahlen zeigen, dass Antiisraelismus auch im Mainstream der deutschen Gesellschaft weit verbreitet ist.

Während des Zweiten Weltkriegs ermordeten die Deutschen in drei Vernichtungslagern etwa zwei Millionen Menschen, hauptsächlich Juden. Hätte Israel die Palästinenser auslöschen wollen, wie viele wären heute wohl noch übrig? In Wirklichkeit hat die Zahl der Palästinenser zugenommen.

Woher kommen diese hasserfüllten Meinungen zu Israel in Deutschland? Höchstwahrscheinlich spielt die Nazi-Vergangenheit dabei eine Rolle. Es gibt ein psychologisches Bedürfnis Israel ähnlicher Verbrechen zu beschuldigen wie die Generation der eigenen Vorfahren. Das hilft die historische Schuld zu mildern. Der in Deutschland geborene israelische Psychologe Nathan Durst sagte: „Wenn alle schuldig ist, ist niemand schuldig.“[2]

Die deutsche Wochenzeitschrift Stern interviewte im Dezember 2017 Juliane Wetzel vom Zentrum für Antisemitismus-Forschung an der technischen Universität in Berlin. Sie sagte: „Auch in der Mitte der deutschen Gesellschaft gibt es antisemitische Stimmen, die sich in der Form von Israelkritik präsentiert.“

„Wenn einmal zu einer Solidaritätsdemonstration gegen Antisemitismus aufgerufen wird, wie 2014 in Berlin, dann stehen da fast ausschließlich die Mitglieder jüdischer Gemeinden. Die Juden in Deutschland fühlen sich von Vertretern bestimmter Minderheiten bedroht, ja. Aber sie fühlen sich auch von der Mehrheit im Stich gelassen.“ Wetzel erwähnte eine Art zusammenfassende Typologie: „Die Fahnenverbrennung ist eine in muslimischen Gruppen auftretende Handlung. Auch Brandsätze auf Gebäude, Graffitis, verbale und tätliche Angriffe. Täter aus dem linken Spektrum üben meist verbale Gewalt. Die Schändung von Friedhöfen ist dagegen eine typisch rechtsextreme Tat.“[3]

Eine Studie für den hessischen Verfassungsschutz analysierte dortige Internetseiten in deutscher Sprache. Sie kam zu dem Schluss: „Antisemitische Straftaten werden grundsätzlich dem Bereich rechts motivierter Taten zugeordnet, solange keine anderen Informationen zum ideologischen Hintergrund der Täter vorliegen.“ Die Studie stellte fest, dass Antisemitismus unter Muslimen „eine quantitativ und qualitativ mindestens ebenso hohe Relevanz hat wie der traditionelle Antisemitismus der Rechten.“ Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) sagte: „Einer Zuwanderung von Antisemitismus müssen wir entgegenwirken.“[4]

Die deutsche „Willkommenspolitik“ für Flüchtlinge, die zum großen Teil aus dem Irak und Syrien kommen, hat zum Zustrom von Antiisraelis geführt, von denen viele auch Antisemiten sind. Die Hanns-Seidel-Stiftung, die der bayrischen CSU nahe steht, hat eine Studie unter Asylsuchenden im Bundesland Bayern durchgeführt. Sie stellte fest, dass mehr als die Hälfte der muslimischen Asylsuchenden der Meinung ist, dass Juden in der Welt „zu viel Einfluss“ haben.[5]

Eine gerade veröffentlichte Studie des American Jewish Committee zu syrischen und irakischen Flüchtlingen in Deutschland, die Günther Jikeli durchführte, stellte fest: „Antisemitische Muster und Stereotype waren bei allen Befragungen sehr weit verbreitet, selbst dort, wo die Befragten ihren ‚Respekt‘ für das Judentum oder die Bedeutung für die friedliche Koexistenz von Muslimen, Christen und Juden betonten.“ Die Studie stellt auch fest: „Fast alle arabischen Befragten befanden ein fundamental negatives Image Israels als natürlich und stellten Israels ‚Existenzrecht‘ ganz selbstverständlich infrage.“[6]

Es gibt heute in Deutschland zwei prominente Stimmen, die die Berufung eines „Antisemitismus-Beauftragten“ fordern. Das wird vom deutschen Innenminister Thomas de Maizière unterstützt. Eine solche Ernennung wäre ein Schritt vorwärts, würde aber bei Weitem nicht reichen. Die deutsche Regierung sollte eine eingehende Untersuchung dazu durchführen, wer zu den weit verbreiteten, kohlrabenschwarzen Ansichten zu Israel in Deutschland beiträgt. Psychologische Bedürfnisse eines Teils der Bevölkerung können das nur zu einem Teil erklären.

Das sollte es ermöglichen die Beiträge zur Dämonisierung Israels als Ergebnis der einseitigen Berichterstattung durch deutsche Medien zu identifizieren. Ebenso sollten die Politiker, die gegen Israel aufstacheln, analysiert werden. Einer davon ist der Sozialdemokratische Aussenminister  Sigmar Gabriel, der wiederholt fälschlich Israel als Apartheidstaat bezeichnete. Andre zu analysierende Aktivitäten sind die Förderer der diskriminierenden Boykott, De-Investitions- und Sanktionsbewegungen gegen Israel und antiisraelische Hassschürenden in den Kirchen.

Die deutsche Regierung hat das Thema des Antiisraelismus viel zu lange vernachlässigt. Daher ist es unwahrscheinlich, dass es ausreichend interne Kräfte geben wird, das zustande zu bringen. Es dürfte durchaus beträchtlicher Druck von außen nötig sein.

[1] Zusammenfassung zentraler Ergebnisse. Friederich-Ebert-Stiftung und University Bielefeld, 20. November 2014, S. 5.

[2] http://www.jcpa.org/phas/phas-durst.htm

[3] http://www.stern.de/panorama/antisemitismus–muslime-werden-mit-europaeischem-antisemitismus-aufgeladen-7796180.html

[4] http://www.fnp.de/nachrichten/politik/Verfassungsschutz-warnt-vor-zunehmender-Judenfeindlichkeit-von-Migranten-in-Deutschland;art673,2825139

[5] http://www.hss.de/download/publications/Argu-Kompakt_2017-8_Asylsuchende.pdf

[6] AJC Berlin Ramer Institute: Attitudes of refugees from Syria and Iraq towards integration, identity, Jews and the Shoah Research Report: December 14, 2017.

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