Trondheims fortwährender Israel-Hass

ManfredGerstenfeldManfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Der Stadtrat von Trondheim hat einen Boykott aller israelischer Waren und Dienstleistungen beschlossen, die in Siedlungen in dem hergestellt werden, was sie die „besetzten Palästinensergebiete“ nennt.[1] Kein anderer Staat wird von Norwegens drittgrößter Stadt einem Boykott unterzogen. Solch zweierlei Maß ist nach Definition der Internationalen Holocaust-Gedenkallianz (IHRA) antisemitisch.[2] Norwegen war eines der 31 Länder im Vorstand der IHRA, die die Annahme dieser Definition im Mai 2016 bewilligten.

Viele Jahrhunderte klassischer antisemitischer Hetze in Europa haben zu einer Realität geführt, in der der langwierige Hass Teil der Kultur mehrerer Staaten wurde. Antiisraelismus hat eine viel kürzere Geschichte. In den vergangenen Jahrzehnten hat es mehrere signifikante Erscheinungsformen von Israelhass in Trondheim gegeben. Inzwischen könnte er auf dem Weg endemisch zu werden.

Eine historische Bilanz antiisraelischen Handelns seit mehr als zehn Jahren veranschaulicht dies. An der Norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie (NTNU) in Trondheim gehören alle Studenten der Studentenorganisation Studentsamskipaden i Trondheim (SITI an. Dieses Gremium sorgt für ihre soziale Sicherheit. Studenten an der Universität sind verpflichtet einen Semesterbeitrag zu zahlen, damit ihnen gestattet ist an Examen teilzunehmen; diese Gebühr schließt eine Zahlung an die SIT ein. Im April 2005 beschloss SIT einen Boykott Israels. Im Februar 2006 beendete SIT den Boykott, weil er nicht in ihre ethischen Richtlinien passt, die fordern, dass die Studenten ihre Entscheidungen eigenständig treffen.[3]

Ende 2005 beschloss die Region Sør Trøndelag, zu der Trondheim gehört, Israel zu boykottieren.[4] Die norwegische Regierung ließ sie daraufhin wissen, dass ein solcher Boykott gemäß dem Völkerrecht, norwegischem Recht und Vereinbarungen mit der EU und der Welthandelsorganisation (WTO) illegal ist.[5] Daraufhin beschloss die Region ihre Absicht aufzugeben. Sør Trøndelag war eine der ersten öffentlichen Instanzen in Europa, die einen solchen Boykott beschloss.[6] Obwohl die Region ohnehin kaum etwas von Israel kauft, wurde der Boykott als wichtiger Schritt bei der Formung der Haltung der Konsumenten betrachtet.

Im Frühjahr 2009 gab es einen Aufruf zum Boykott Israels von einer Gruppe Lehrender an der NTNU sowie von einem örtlichen College.[7] Der Rektor der Universität, Torbjørn Digernes, finanzierte eine Serie von 6 Vorlesungen zum Nahen Osten durch Antiisraelis. Zu den Dozenten aus dem Ausland gehörten die israelischen Extremisten Ilan Pappe und Moshe Zuckerman, dazu der amerikanische Wissenschaftler Stephen Walt. Drei weitere Vorlesungen wurden von norwegischen Antiisraelis gehalten. Die Hauptorganisatoren der Reihe hatten allesamt den Aufruf zu einem akademischen Boykott Israels unterschrieben.

Es gab viele Verurteilungen der NTNU.[8] An der Universität selbst organisierte ein Chemieprofessor eine Aktion gegen den Boykott. Jüdische Organisationen in der Welt sprachen sich gegen die NTNU aus. Die Anti-Defamation League schrieb an die Europäische Union und forderte, dass Israel boykottierende Universitäten vom Studentenaustauschprogramm Erasmus ausgeschlossen werden.

Das American Jewish Committee mobilisierte die Association of American Professors, um die NTNU zu verurteilen. Hauptakteur wurden die Scholars for Peace in the Middle East, die die Forderung der Boykottgegner in Trondheim unterstützten. Letztlich unterschrieben mehr als 3000 Universitätslehrende eine Petition, in der es hieß, wenn Israel boykottiert wird, dann würden sie nichts mehr mit der NTNU zu tun haben wollen. Darunter befanden sich 17 Nobelpreisträger, einschließlich der beiden einzigen lebenden Preisträger aus Norwegen.

Die vielleicht aggressivste Attacke gegen den Boykott kam von einer viel kleineren Quelle. Der international gelesene Blog Tundra Tabloids beschloss, dass der Umgang der NTNU mit Israel unter der Schirmherrschaft des Rektors entsprechend beantwortet werden sollte. Er veröffentlichte mehrere Bilder eines NTNU-Gebäudes auf das der Slogan „Hass-Campus“ eingeblendet wurde. Der Blog verspottete zudem Digernes. Er druckte eine Fotomontage von ihm zusammen mit dem damaligen iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, dem französischen Rechtsextremistenführer Jean-Marie Le Pen und Hamasführer Isma‘il Haniyeh. In der Bildbeschreibung hieß es, dass auch sie als Lehrende an die NTNU eingeladen würden.[9]

Nachdem der Boykottantrag der NTNU auch vom norwegischen Minister für höhere Bildung verurteilt worden war, lehnte der Vorstand der NTNU den Boykottplan einstimmig ab.

Ein weiterer Boykottaufruf in Trondheim kam vom damaligen lutherischen Bischof Trondheims, Tor Jørgensen.[10] Um die lange Geschichte des Antisemitismus der lutherischen Kirche nachzuzeichnen, muss man sich nur daran erinnern, dass Martin Luther das Verbrennen von Synagogen zu Ehren Gottes und der Christenheit empfahl. Der Hass auf Juden, den Luther vielen seiner Anhänger einflößte, half die Infrastruktur für den Holocaust zu legen.

2011 brachte die Wochenzeitung Morgenbladet die Geschichte eines norwegischen Studenten der NTNU, auf den eine Frau zukam, die eine Zigarette rauchte. Als sie hörte, dass er mütterlicherseits israelischer Abstammung ist, sagte sie, dass Israel und sein Volk alles repräsentieren, was in dieser Welt falsch läuft und dass sie für die Hamas ist. Nach einer hitzigen Diskussion schlug sie ihm ins Gesicht.[11]

Zugegebenermaßen sind die Probleme des klassischen Antisemitismus und Israelhasses Norwegens nicht auf Trondheim beschränkt. Als jüdische Gemeindemitglieder zum Grad des Antisemitismus in Norwegen befragt wurden, gaben zwei Drittel der Befragten eine Zunahme an. Die Hälfte der Befragten sagte, sie hätten persönlich Antisemitismus erlebt.[12]

Die aktuelle Mitte-Rechts-Regierung Norwegens versucht den strukturellen Hass auf Israel in Norwegen zu übertünchen. 2012 wurde eine Stichprobengruppe in einer Studie des Zentrums für Holocaust-Studien und religiöse Minderheiten in Norwegen gefragt: „Ist das, was Israel den Palästinensern antut, das Gleiche, was die Nazis den Juden antaten?“ Achtundreißig Prozent der befragten Norweger bejahten das.[13]

Sollte nach den Parlamentswahlen 2017 eine von der Arbeitspartei geführte Regierung zurückkehren, werden die Probleme sich nur verstärken. Die Arbeitspartei wird von Jonas Gahr Stoere geführt, der regelmäßig gegen Israel hetzt.[14] Er hat sogar einen Klappentext zur Empfehlung eines Buches zweier norwegischer Hamas-Unterstützer geschrieben, die behaupteten Israel sei in den Gazastreifen eingedrungen, um Frauen und Kinder zu töten.[15]

[1] http://www.thelocal.no/20161118/trondheim-approves-boycott-of-israeli-settlement-goods

[2] http://www.holocaustremembrance.com/sites/default/files/press_release_document_antisemitism.pdf

[3] Persönliche Kommunikation mit Yael Beck.

[4] “Oppvask i FrP etter Israel-boikott,” Adresseavisen, 15 December 2005.

[5] “Forsvarsministeren krevde Israel-boikott,” Dagsavisen, 11 January 2006.

[6] “Avblåser boikott av Israel,” Aftenposten, 17 January 2006.

[7] http://www.akademiskboikott.no/opprop-mainmenu-34/14-oppropet/54

[8] Manfred Gerstenfeld: Antisemittismen I Norge. Bergen (Norge Idag) 2010, S. 140-143

[9] http://tundratabloid.blogspot.com/2009/09/student-to-dean-torbjrn-digernes-at.html, 23 September 2009.

[10] https://ivarfjeld.com/2010/03/09/norwegian-bishop-considers-boycott-of-israel/

[11] www.morgenbladet.no/apps/pbcs.dll/article?AID=/20110114/ODEBATT/701149975/-1/LEDER

[12] Rolf Golombek, Irene Levie, and Julian Cramer, “Jødisk liv i Norge”( June 2012).

[13] “Antisemittisme i Norge? Den norske befolkningens holdninger til jøder og andre minoriteter,” HL-senteret, 20 May 2012, www.hlsenteret.no/publikasjoner/antisemittisme-i-norge.

[14] http://sicsa.huji.ac.il/pdf/ACTA37.pdf

[15] Erlend Skevik, “Regjeringen støttet Gaza-legene,” Verdens Gang,18 September 2009.

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Ein Gedanke zu “Trondheims fortwährender Israel-Hass

  1. Als Deutscher, zumal Berliner ( West ) mit ev. Glauben, in Kenntnis unserer desaströsen jüngeren Geschichte muss ich jedesmal tief durchatmen wenn ich diesen unbändigen, unmäßigen Hass gegen Israel durch Norwegens Politiker , Bürger, Unis etc. lese.

    Selbstverständlich ohne zu pauschalieren kann, will ich einfach nicht akzeptieren, daß ein so gebildetes, kultiviertes Volk, Bürger/innen, Nation , Institutionen wie Unis, Schulen, Parteien ein so einseitiges negatives Bild von Israel , auf der ander Seite ein so positives von Palästina und seinen Bürgern prägen und gleichzeitig publizieren.

    Manfred Gerstenfeld hat das richtige Rezept. Schonungslos in der Welt offenlegen wie es läuft im Staate Norwegen oder anderswo mit der Objektivität bzgl. Israel, Palästina und daraus erwartend hoffen, daß Vernunft sich Bahn bricht.

    Erzwigen kann man sie ja nicht die Vernunft, aber es ist zu hoffen.

    Ihr treuer Leser Bernd L Müller

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