Die Opfer als Opfer übertrumpfen

Rava Eleasari, tellinglies.org, April 2002 (Link fehlt)

Es begann alles damit, dass Arafat den Verhandlungstisch in Camp David praktisch umwarf. Worüber regte er sich auf? Meistens wird gesagt, er konnte es nicht übers Herz bringen eine Vereinbarung zu unterschreiben, die nicht das „Rückkehrrecht“ mit einschloss. Immerhin hatte er seinen Leuten über all die Jahre versprochen, dass sie ihre Häuser in Galiläa, Akkra und Jaffa eines Tages zurück bekommen würden.

Aber ich glaube, was er in Wirklichkeit nicht aufgeben konnte, war der palästinensische Opferstatus.

Dieser Opferstatus war intakt gewesen, solange die Palästinenser in Hütten in Flüchtlingslagern lebten, durch eine Besatzungsarmee regiert und mit ihrer Führung im Exil und auf der Flucht. Als aber Arafat die Oslo-Verträge unterschrieb, begann der Opferstatus der Palästinenser zu schwinden. Sie waren jetzt Friedenspartner, internationalen Lobes wert. Sie bekamen Autonomie, ein Parlament, Gewehre, um ihre eigene zivile Ordnung durchzusetzen. Geld floss aus Europa – und komfortable Mittelklasse-Wohnprojekte schossen in einem zuvor nicht gekannten Bauboom aus dem Boden. Zu der Zeit, als die zweite, die Al-Aqsa-Intifada, im Oktober 2000 ausbrach, hatten die Palästinenser eine der höchsten wirtschaftlichen Wachstumsraten der Welt, um die 10 Prozent.

Gleichzeitig war Arafats Popularität an einem Tiefpunkt angelangt. Sowie die Palästinenser ihr Image als Opfer ablegten und als selbstständige Bürger an einem bald bestehenden Staat interessiert wurden, griffen viele Arafat wegen der weit verbreiteten Korruption seiner Vertreter und dem Muskelprotz-Verhalten seiner Sicherheitskräfte an. Er stand auch zunehmender Opposition radikal-islamischer Fundamentalisten gegenüber.

Zu dem Zeitpunkt, als Arafat dann in Camp David saß, sah er sich vor zwei Alternativen gestellt: entweder einen Staat für sein Volk zu unterschreiben und sich selbst als veraltet zu erklären oder „einfach Nein zu sagen“ und den Opferstatus der Palästinenser wieder zu beleben – und damit sich selbst.

Wir wissen, was er wählte und was geschah. Interessant ist aber, wie zynisch, manipulativ und systematisch Arafat darin gewesen ist, die palästinensische Opferrolle aufzupolieren.

Zuerst schickte die Führung Kinder auf die Straßen, damit sie Steine auf israelische Soldaten warfen. Die daraus resultierenden Bilder von getöteten Jungen (und wer sind Opfer mit mehr Effekt als Kinder?) trugen viel dazu bei, die Sympathie für die palästinensische Sache zu schaffen. Das dauerte, bis die Menschen einige Monate später erkannten, dass die Kinder als Deckung für Gewehrschützen dienten (bei uns nimmt man das bis heute nicht zur Kenntnis!); sie begannen sich zu wundern (Ausnahme wieder: Deutschland/Europa), was für eine Art Menschen ihre neun- oder elf-jährigen Kinder für Straßenkämpfe opferten anstatt sie zu beschützen.

Diese Reaktion spornte die Palästinenser zu einem Wechsel der Taktik an. Jetzt wurde das Licht auf die sich vermehrenden israelischen Straßensperren gelenkt, die schwangere Frauen davon abhielten das Krankenhaus zu erreichen (und welche effektiveren Opfer gibt es als Kinder, die noch nicht einmal geboren worden sind?). Ganz egal, dass die Palästinenser selbst den Israelis die gerechtfertigten Gründe für die Straßensperren gegeben hatten, indem sie Krankenwagen zum Transport von Terroristen benutzten oder Autos für Explosionen präparierten. Die öffentliche Meinung ergriff diese neuen Tiefpunkte der palästinensischen Erniedrigung und Not und der Druck auf Israel erhöhte sich einmal mehr.

Aus Arafats Sicht war diese Opferrolle immer noch nicht stark genug. Die USA waren strikt gegen Terror und gegen Araber eingestellt, die Europäer begannen wegen des Nahen Ostens gelangweilt zu werden und die palästinensischen Führer sagten hinter geschlossenen Türen, dass Arafat die Dinge so richtig verpfuscht hätte.

Also ließ Arafat die bis dahin größte Gewaltwelle los – beinahe tägliche Selbstmord-Bomben – und hielt den Israelis solange die Köder hin, bis diese keine andere Wahl mehr hatten, als dagegen zu kämpfen, indem sie wieder in die gesamte Westbank eindrangen. Mehr noch: Er stellte sicher, dass palästinensische Kämpfer in den am dichtesten besiedelten Wohngebieten Schutz suchten und die Zivilisten als menschliche Schutzschilde benutzten und sie praktisch als Geiseln nahmen. Auf diese Weise konnte Arafat garantieren, dass – selbst angesichts der relativ langsamen und vorsichtigen Vorgehensweise in den Kämpfen – eine Höchstzahl an zivilen Todesfällen verursacht werden könnte oder, sollte das fehl schlagen, maximale Zerstörungen. Um das zu erreichen versahen die palästinensischen Guerillas Flüchtlingslager mit Sprengfallen, mit Dutzenden Bomben, die die israelische Armee dann sprengen musste, damit die Einwohner sie nicht bei ihrer Rückkehr auslösten; das verursachte weitere Dutzende zerstörte Häuser und Straßen.

In gewissem Sinn marschierte die israelische Armee genau in diese PR-Falle. Sie hätten sicher mehr Schaden verursachen können, hätten sie die palästinensischen Städte einfach aus der Luft bombardiert, statt bei der Suche nach Terroristen von Tür zu Tür zu gehen. Trotzdem gibt die Bilder von Leichen, platt gewalzten Autos, zerstörten Häusern und zerschlagener Kanalisation. „Gräuel“, sagen die Palästinenser, „Massaker“. Der auf Besuch befindliche portugiesische Schriftsteller Jose Saramago, Nobelpreis-Träger, schaute über das belagerte Ramallah und sprach das schicksalhafte Wort aus: „Auschwitz“.

Und damit kommen wir zur Sache: Dieses Wort bezeichnet Arafats Endziel. Er will offensichtlich nicht weniger als einen Holocaust seines Volkes, damit die Palästinenser genauso einen Staat verdient haben werden wie die Juden nach der Schoah. Damit die Palästinenser einen neuen und verbesserten Staat verdient haben werden, einen Staat, der viel besser ist als das, was ihnen bisher angeboten wurde. Wie sonst kann man dieses Verhalten erklären? Selbst jetzt, während die Israelis noch palästinensische Städte besetzt halten und weitere Gebäude einebnen, rufen Arafat und seine Gang immer noch zu Jihad und Selbstmordbomben auf. Arafat selbst will „ein Märtyrer, ein Märtyrer, ein Märtyrer“ sein -das nobelste, heldenhafteste Opfer – und für die unterdrückten palästinensischen Massen sterben. Tatsächlich ist sein Beliebtheitsgrad unter den Palästinensern und in der arabischen Welt wie noch nie vorher in die höchsten Höhen geschossen.

Das Problem in Arafats Denken besteht in Zweierlei:

Auf der rhetorischen Ebene erzielen die Vorwürfe des Nazismus nicht die Wucht, die sie haben sollten. Der Grund dafür: Palästinenser-Sprecher haben bereits den Wert der Sprache der Gräueltaten herab gesetzt. Sie haben den Begriff „Kriegsverbrechen“ bereits zu sehr für die Beschreibung der Erniedrigung hochgespielt, die die Palästinenser an den Kontrollposten erleben; „ethnische Säuberung“ zur Beschreibung der Verhaftung von Terror-Verdächtigen (von denen die meisten innerhalb von Stunden oder Tagen wieder frei gelassen wurden); und der Begriff des Völkermords zur Beschreibung einiger hundert toter Zivilisten, die meist tragisch ins Kreuzfeuer zwischen israelischen Soldaten und palästinensischen Milizen gerieten. Was der durchschlagende Hit „Auschwitz“ sein sollte, fällt auf ermattete Ohren.

Auf der historischen Ebene wichtiger: Die Palästinenser scheinen vergessen zu haben, mit wem sie es zu tun haben. Die Juden wissen selbst sehr gut, was ein Holocaust ist; sie haben nämlich am eigenen Leib die systematische und kaltblütige Ausrottung eines Volkes erlebt. Was den Opferstatus angeht, haben die Juden die imposanteste Visitenkarte der modernen Geschichte, auf der das Blut von sechs Millionen eingraviert ist, was ihnen die Schuld der Welt und deren Sympathie sichern sollte. Die Juden werden nicht für Angeber Platz machen, sie werden sich nicht als Opfer auf den zweiten Platz verdrängen lassen. Und nachdem sie ihren Sinn für Proporz auf die harte Tour gelernt haben, werden sie das letzte Volk auf der Erde sein, das einen neuen Holocaust an einem anderen Volk verüben wird.

So kann also Arafat weiter versuchen die Israelis zu ködern, er mag seine Bereitschaft zu sterben verkünden, er kann weiter sein Volk aufhetzen. Er kann versuchen, dem palästinensischen Volk den grausigsten, tragischsten und quälendsten Opferstatus zu verschaffen, den es jemals hatte und das auch erreichen. Aber er wird niemals den kalten Schauer der Endlösung erhalten, egal, wie viel die Palästinenser das so hinzudrehen versuchen. Die Welt wird sich nicht schuldig fühlen. Den Israelis werden sie nicht leid tun. Und die Palästinenser werden als Opfer vor allem einer Sache enden: der Fehlurteile und der Selbsttäuschung ihrer eigenen Führung.

Israel will jüdische Großmütter einsetzen, um palästinensische Häftlinge im Hungerstreik zwangszuernähren

The MidEast Beast, 28. April 2017

Mit einem weithin als grausam und ungewöhnliche Strafe verurteilten Schritt hat Israel angekündigt, dass es anfangen wird palästinensische Häftlinge im Hungerstreik zwangszuernähren, indem jüdische Großmütter sie dazu zu bringen zu essen, indem sie ihnen Schuldgefühle aufdrängen.

„Die Sicherheitshäftlinge sind daran interessiert einen Hungerstreik zu einer neuen Art der Selbstmordanschläge zu machen, mi dem sie den Staat Israel bedrohen“, sagte Gilad Erdan, Minister für öffentliche Sicherheit, dem MidEast Beast. „Wir haben keine andere Wahl als unsere eigene Form des Terrors zu entfesseln.“

Den Häftlingen in den Anfängen des Hungerstreiks wird schlicht gesagt werden, das sie „haben ihr Tscholent nicht angerührt“ und daran erinnert, dass es in Afrika sterbende Kinder gibt, die ein schönes Stück Rinderbrust lieben würden. Wird der Hungerstreik fortgesetzt, wird den Häftlingen gesagt, dass ihr Cousin nicht nur seine Matzeknödelsuppe aufisst, sondern um Nachschlag bittet. In der dritten Phase, die nur in den ernstesten Fällen angewandt wird, werden die Häftlinge dran erinnert, dass sie „Nanas[1] Kugel[2] vermissen werden, wenn ich erst einmal tot bin“.

Wie üblich erntete diese Strategie sofortige Verurteilung durch den UNO-Menschenrechtsrat. Vieel der üblichen Unterstützer Israels zögerten allerdings diese Politik zu verteidigen.

„Ich bin zwar kein typischer Fan der UNO, aber diesmal haben sie dort völlig recht“, erklärte Harvard-Professor und pro-Israel-Aktivist Alan Dershowitz. „Zwangsernährung, um jemanden am Leben zu erhalten und dazu jüdische Schuldgefühle zu verwenden, ist eindeutig ein Kriegsverbrechen.“

In der Versuchsphase lenkten alle Häftlinge schließlich ein und aßen, auch wenn mehrere später Angststörungen wie PTSC entwickelten und manche sich in extremen Fällen als Medizinstudenten immatrikulierten.

[1] Omas

[2] auch Kigl, ein Nudelauflauf der jüdisch-aschkenasischen Küche

Flug hoch über Jerusalem

The Real Jerusalem Streets, 28. April 2017

Oft muss man in Jerusalem in Israel
warten, um zu sehen, was als nächstes geschieht.

Jedes Jahr findet ein paar Tage vor den „Yoms“ eine „Generalprobe“
oder „Übungsdurchlauf“ der jährlichen Flugschau statt,
die am Yom Ha’atzmaut, dem Unabhängigkeitstag stattfindet.

Aber Anfang der Woche flog statt der normalerweise 4 kleinen Flugzeuge
ein einzelnes Flugzeuge über die Stadt und flog einen waghalsigen Tauch-Looping.
Es flog so schnell und hoch, dass ich kein gutes Foto davon machen konnte,

Dann gab es eines Tages die Formation aus vier Flugzeugen.

Ich machte ein kurzes Video; es war nicht einfach zu sehen,
aber man könnte mich im Lärm der Flugzeuge „Wow“ sagen hören.

Bei einem Übungsflug am Freitagmorgen
war klar, warum es mehr Probeflüge als normal gab.
Ich beschwere mich nicht, ich liebe sie allesamt.

Diesmal wusste ich genau, wohin ich mit der Kamera zielen musste
und entschied mich statt dem normalen Freitagsfoto das Video einzustellen.

Die ganze Show und die wahre Übung wird erst am Dienstag stattfinden,
aber hiermit wünsche ich allen

שבת שלום

Schabbat Schalom

Jerusalem bereitet sich auf die Zeit der Feiern vor

The Real Jerusalem Streets, 26, April 2017

Die Pessah- und Osterfeiern sind vorüber.
Allerdings ist die Feiertagszeit in Jerusalem in Israel
noch längst nicht vorbei.

Sobald das Pessah-Geschirr weggeräumt ist,
ist schon die Zeit der Gefühlsachterbahn an der Reihe, die „Yoms“:

Yom HaSchoah,
der Holocaust-Gedenktag,

Yom HaZikaron,
der Gedenktag für die gefallenen Soldaten und Terroropfer,
dem dann direkt der

Yom HaAtzmaut,
Israels Unabhängigkeitstag folgt.

Und dieses Jahr gibt es einen große 50 für den

Yom Yeruschalayim,
den Jerusalemtag.

Sobald die Feier der Freiheit endet,

versammelten sich internationale Gäste in Yad Vaschem
für die offizielle Eröffnungszeremonie für Yom HaSchoah,
um der 6.000.000 im Holocaust ermordeten Juden zu gedenken.
Jedes Jahr werden 6 Überlebende damit geehrt die Gedenkflamme zu entzünden.

Hier saßen die Geehrten für ein Foto vor der im Fernsehen übertragenen Feier,
jede/jeder mit der eigenen unglaublichen Geschichte.

Die Lichter am Platz des Warschauer Ghettos
dienten bei Sonnenuntergang als eindringlich schöner Hintergrund.

Ein einsamer IDF-Trompeter spielte den Zapfenstreich
und die Ehrengarde und alle Versammelten standen auf, als die israelische Flagge eingeholt wurde.

Sechs Überlebende entzündeten Flammen mit Hilfe entweder eines Kindes oder eines Enkelkindes,
mit einem der jungen Verwandten, die gerade in der IDF dienen.

Am nächsten Tag gibt es eine weitere Feier, die weniger gut bekannt ist.

Diese wurde in der Knesset gehalten.

Der Platz vor dem Eingang der Knesset ist von einem Landschaftsgärtner neu gestaltet worden.

Dort wehten die Flaggen den ganzen Tag über auf Halbmast.

Den Gästen wurden Anstecker mit israelischen Flaggen gegeben.

Wieder entzündeten sechs Überlebende Gedenkflammen.

Dieser Überlebende ist mehr als 100 Jahre alt.

Der Präsident und der Premierminister nahmen teil und sprachen
und die Oberrabbiner fügten traditionelle jüdische Gedenkgebete hinzu.

In der Fernsehübertragung der Feier sowie in einem
kurzen Video wurden die erschütternden Geschichten
der Überlebenden gezeigt.

Während der Feier leitete Knessetsprecher Yuli Edelstein
das Vorlesen der Namen derer ein, die nicht überlebten.
Der Premierminister, der Präsident, der Oberrichte des Obersten Gerichtshofs
und Knessetabgeordnete fügten der Liste derer, die ermordet wurden,
allesamt Namen von Familienmitgliedern hinzu.

„Für jeden gab es einen Namen.“

Aber vom nochmaligen Erzählen in der Dunkelheit der Chagall-Halle der Knesset

verlässt man diese, um den Blick auf die blühenden Rosen im Rosengarten zu werfen.
Neben den Blumen in voller Blüte
sind die Yoms eine Zeit blau-weißer israelischer Flaggen,
riesiger solcher, die an den Seiten von Gebäuden hängen,
winzigen, die an Autoscheiben flattern,

großen auf Schulen

und kleinen auf Tischen von Cafés.

Schilder für die Feiern des Yom haAtzmaut,
Israelis 69 Jahren Unabhängigkeit, sind aufgehängt,

aber zuerst wird es den Yom HaZikaron geben,
eine Zeit sich an die zu erinnern, die ihr Leben gaben

wozu die jährlichen Gedenkflammen gehören, die an Gebäuden gezeigt werden.

Jerusalemer und israelische Flaggen wehen über den Straßen von Jerusalem,

zusammen mit dieser neuen weißen Flagge,
die 50 Jahre Befreiung kennzeichnet.

Die Hotels sind ausgebucht
und man kann kaum Flüge bekommen,
weil zehntausende vorhaben an den Feiern des
Yom Yeruschalayim teilzunehmen.

Sie füllen die Straßen Jerusalems mit noch mehr Flaggen
und fröhlichen Tagen des Feierns.

Der Vorteil des Bösen gegenüber dem Gewissen

Warum der Westen Yassir Arafat endlos neue Chancen gibt

Norman Doidge, The Weekly Standard, 15. April 2002

Wie kommt es, dass die Bush-Administration, der es mit dem Widerstand gegen Terroristen und diejenigen, die ihnen Gastfreundschaft gewähren, todernst ist, Colin Powell letzte Woche erklären lassen konnte dass Arafat überhaupt kein Terrorist sei? Und das an demselben Tag, an dem herausgefunden wurde, dass der Altterrorist Yassir Arafat die Al-Aksa-Selbstmordbomber finanziert. Am 4. April forderte Präsident Bush Israel auf, seine Angriffe auf Arafats terroristische Infrastruktur einzustellen. Was kann in ihren Köpfen vorgehen? Meinen sie es nun Ernst oder nicht?

Tatsächlich ist es ihnen mit der Bekämpfung des Terrors Ernst. Sie befinden sich aber auch in einer psychologischen Klemme, die sie nicht verstehen. Arafat davon kommen zu lassen ist ein Verhaltensmuster, das derart oft wiederkehrt, dass es einfach nicht mehr nur als Fehler beschrieben werden kann. Es ist dasselbe Muster, das George Bush Senior veranlasst hat davor zurückzuschrecken Saddam Hussein fertig zu machen, als er ihn schon überwältigt hatte. Diese Woche hoffen Europa, die arabische Welt und die Bush-Administration darauf, dass sich eine diplomatische Initiative entwickelt, die sicher stellt, dass Israel denselben Fehler macht, den George Bush Senior im Irak machte; deshalb verboten sie Israel, Arafat und sein Regime zu zerschlagen.

Keiner überlebt so lange wie Yassir Arafat – vierzig Jahre als Terrorist -, wenn er nicht etwas über die Schwachstellen der westlichen Psychologie weiß. Der israelische Außenminister Abba Eban spöttelte einmal, dass die Palästinenser unter Arafats Führung „niemals die Gelegenheit auslassen eine Gelegenheit auszulassen“. Der Bemerkung ist das Alter nicht bekommen. Näher an der Wahrheit liegt, dass der Westen mysteriöserweise niemals eine Gelegenheit verpasst hat Arafat wiederzubeleben. Arafat konnte seinen Kampfgeist aufrecht erhalten, weil der versteht, wie die westliche Psyche in derartigen Situationen auf der Grenze zum Tod funktioniert. Das ist so, weil er als Terrorist ohne Gewissen Dinge erkennt, die diejenigen mit Gewissen nicht sehen können. Diese Einblicke haben Yassir Arafat am Leben erhalten.

Es wäre einfach, Arafats endlose neue Chancen einfach einer irre geführten politischen Linken zuzuschreiben, da die Linke es vorzieht, mit Arafat nicht als Kriminellem, sondern als Gleichberechtigtem umzugehen. Aber heute ist in Israel wie den USA die Rechte, nicht die Linke an der Macht. Außerdem waren, geschichtlich betrachtet, nicht alle, die Arafat wiederbelebten, Linksextreme oder ideologische Feinde Israels. Viele von ihnen haben gewusst, dass Arafat ein Lügner und Terrorist ist. Arafats psychologischer Zauber wird vor allem offenbar, wenn er ihn auf solche Leute anwendet.

Aber zuerst sollten wir den Fall klar stellen. Es gibt eine bemerkenswerte Liste ehrenwerter Bekämpfer des Terrorismus und der Tyrannei, die sich in der Situation wieder finden, dass sie ihre eigenen Prinzipien über Bord werfen, damit Arafat davon kommt, statt ihn der Gerechtigkeit zuzuführen. Ronald Reagan duldete keine Kompromisse mit dem „Reich des Bösen“ und bombardierte Muammar Gaddafis Haus und tötete ihn beinahe. Trotzdem übte Präsident Reagan in den 80-er Jahren Druck auf Menachem Begin aus, Arafat und seine Kämpfer entkommen zu lassen, als die israelische Armee sie in West-Beirut in die Ecke gedrängt hatte. Begin, der damit Karriere gemacht hatte, liberalen Demokratien zu widerstehen, die Israel schlechte Ratschläge gaben, gab nach. Nachdem er Arafat durch den größten Teil seines Erwachsenenlebens hindurch bekämpft hatte, entkriminalisierte und bewaffnete ihn Yitzak Rabin durch Oslo genau in dem Moment, als er am schwächsten war – frisch nach seiner Unterstützung des geschlagenen Saddam Hussein. Ehud Barak machte eine außergewöhnliche Karriere durch die Bekämpfung von Terroristen, bevor Arafat die Beendigung seiner Karriere verursachte. Der jetzige Präsident Bush übernahm das Amt und weigerte sich mit Arafat zu sprechen oder ihn wie ein normales Staatsoberhaupt zu behandeln. Bushs Haltung wurde gestärkt, als Palästinenser am 11. September in den Straßen feierten; und seine Eingeweide revoltierten im letzten Dezember angesichts der palästinensischen und Fatah-Selbstmordbomber in Israel.

Aber wenn solche Männer mit Arafat zu tun haben, gibt es gelegentlich eine Kehrtwendung. Bei Präsident Bush passierte das im März. Als Israel Truppen in das Nervenzentrum der Terroristen in Ramallah schickte, um weitere Anschläge auf Zivilisten zu verhindern – als es also letztlich genau das tat, was die USA in Afghanistan tun -, sagte Präsident Bush, die israelischen Aktionen seien „nicht hilfreich“. Wenn sie mit Arafat zu tun haben, werden selbst die Feinde des Terrors widersprüchlich und inkonsequent.

Der Urtyp des Befreiers Arafats ist ein politischer Führer, der ihn viele Male kritisiert hat, sich als ausdrücklich fähig zur Benutzung von tödlicher Gewalt in anderen Situationen erwiesen hat und – wie Reagan, Bush, Begin, Sharon, Rabin und Barak – andere kritisiert hat, dass sie Terroristen laufen ließen. Der typische Befreier in letzter Minute ist ein zögernder und bald reuiger Erlöser, der oft gegen Terror gekämpft hat. In der Regel ist er furchtbar beunruhigt davon, dass er Arafat laufen lässt, aber er fühlt sich durch eine stärkere Kraft in die Falle gelockt. Es passiert immer etwas, über das das Wissen, dass es gefährlich ist, solche Leute ungestraft davon kommen zu lassen, nicht in wirkungsvolles Handeln umgesetzt wird. Es ist, als würden diese Politiker einem Zauber erliegen.

Dieser „Zauber“ ist Teil der Dynamik, die aktiv ist, wenn das Böse, dem man entgegen tritt, unverschämt und unbarmherzig ist. Das passierte, als der erste Präsident Bush Saddam Hussein am Ende Golfkriegs davon kommen ließ. Dass Bush Saddam der Niederlage zu entkommen erlaubte, als er praktisch so gut wie erobert war, ist entscheidend. Derjenige, der sich dem schlechten Rat des Freilassens zu folgen entscheidet, handelt nicht aus einer Position der relativen Schwäche. Neville Chamberlain und die anderen, die Hitler in München (1938) entkommen ließen – einen weiteren Repräsentanten des unverschämt Bösen -, taten das, bevor der Führer seine Kriegsmaschine perfektioniert hatte. Es ist, als gäbe es ein ungeschriebenes psychologisches Gesetz, dass, wo das Böse sich so schamlos wie nur irgend möglich verhält – mit den barbarischsten Morden an Kindern und Zivilisten, den unglaublichsten Behauptungen und Lügen -, es irgendwie noch um fünf vor zwölf als Ausnahme für eine Begnadigung behandelt wird.

In jedem Fall der Geschichte gibt es natürlich ein politisches Gebot, das angeführt wird um zu rechtfertigen, dass die Niederlage den Händen des Sieges entrissen wird. In Arafats Fall stellte sich heraus, dass das politische Gebot jedes Mal auf einer falschen Kalkulation basierte. Im März war der US-Druck auf Israel, seinen Zugriff auf Arafat zu lockern, gerechtfertigt, um arabische Unterstützung für Washingtons Versuch zu sammeln, Saddam zu stürzen. Diese arabische Unterstützung kam nicht zustande, genauso wenig wie die Versprechungen von Oslo. Washingtons arabische „Freunde“ erklärten im Gegenteil auf dem Beiruter Gipfel, dass jeder Angriff auf den Irak ein Angriff auf sie alle sei. Darauf antwortete Außenminister Powell, Arafat, der sich mit der Ermordung des amerikanischen Botschafters und seines Vertreters in Khartoum brüstete, sei kein Terrorist.

Der Student der menschlichen Natur, der am besten die Bedeutung dieser bizarren Dynamik erkannt zu haben scheint, in der ein gewissenhafter Held sich als unfähig erweist, einen als bösartig erkannten Feind aus dem Weg zu räumen, war kein Geringerer als Shakespeare. The Bard war tatsächlich davon besessen, das Phänomen zu verstehen. Hamlet zögert, Claudius der Gerechtigkeit zuzuführen und bezahlte das mit seinem Leben und dem derer, die ihn liebten. Aber es ist „Richard III.“, aus dem man am meisten über Personen lernen kann, die das Böse sehen, aber im entscheidenden Moment zögern. Die Hauptfiguren sind sich voll bewusst, dass Richard unzweifelhaft bösartig ist; trotzdem lassen sie ihm seinen Willen. Richard ist die systematisch böseste in allen Stücken Shakespeares. „Ich kann lächeln und lächelnd morden“, sagt er und schwört, dass er alle Schurken der Welt übertreffen „und den mörderischen Machiavelli zurück auf die Schulbank schicken“ will.

Die wichtigste Erkenntnis, die Richard hat, lautet: Während das Gewissen uns erlaubt, die gewöhnlichen Verbrechen zu verstehen, macht es uns den außergewöhnlichsten gegenüber blind.

Der Gedanke, dass das Gewissen uns blind macht, uns weniger fähig macht, den unverschämtesten Formen des Bösen entgegen zu treten, ist sehr verstörend; denn das Bewusstsein ist das sine qua non der zivilen Gesellschaft. Das Gewissen soll die Kraft sein, die uns hilft, uns der Wirkung auf andere bewusst zu werden, wie auch unserer Motive ihnen gegenüber, besonders unserer niederen Motive. Im elisabethanischen Englisch ist „Gewissen“ ein zweideutiges Wort, das entweder die Kraft bezeichnet, die uns erlaubt Schuld zu empfinden, oder ein „Bewusstsein“ (wie in „Gewissen“). Wenn Hamlet sagt: „Das Gewissen mach uns alle zu Feiglingen“, dann meint er damit das Bewusstsein, das uns auf die Möglichkeit des Todes aufmerksam macht, uns feige macht.

Das Gewissen, das dazu gemacht ist, das Böse in uns aufzuspüren, kann aber auch unser Bewusstsein für das Böse verringern. Das passiert nach Freud, weil die Person mit einem Gewissen automatisch lernt seine destruktivsten Neigungen zu unterdrücken, um nicht nach ihnen zu handeln. Er beginnt z.B. den Nervenkitzel des Bösen zu ignorieren, den ein Sadist wie Richard III. empfindet, wenn er Gott spielt und Menschen nach eigenem Gutdünken tötet. Aber der Preis dafür, die zerstörerischsten eigenen Gefühle zu unterdrücken, ist eine Unfähigkeit, ohne bedeutende Anstrengungen diejenigen zu verstehen, die diesen Gefühlen freien Lauf lassen.

Dies ist in „Richard III.“ wieder und wieder zu sehen, besonders als Richard Lady Anne verführt, deren Ehemann er ermordet hat; und es ist wieder und wieder in unserem Umgang mit Terroristen zu sehen. Richard bringt Anne dazu ihr Schwert fallen zu lassen, als sie ihn töten will. Obwohl sie weiß, dass er böse ist, kann Anne nicht sehen, dass er kein Gewissen hat. Sie sagt ihm, er solle sich aufhängen für das, was er getan hat. Sie begreift gar nicht, was los ist. Er fühlt keine Schuld. Schließlich heiratet sie ihn und er ermordet sie.

Das Gewissen, wenn es gut funktioniert – automatisch und ohne das Eingreifen der Vernunft, so dass wir das Richtige tun ohne nachzudenken – ist nicht einfach rational. Es ist eine Kraft, schlichtweg ein Instrument, vor dem die gewissenhafte Person schuldig bis zum Beweis des Gegenteils ist. Als vorbeugendes Organ des Geistes blockiert das Gewissen erst und lässt das Denken erst später zu. Männer wie Arafat und Richard wissen das. Das ist der Grund, dass beide Männer ständig andere beschuldigen Verbrechen zu begehen – um sie zu paralysieren. Beide wissen, dass es keine Rolle spielt, ob die Anschuldigungen falsch sind oder nicht. Richard beschuldigt Anne schamlos, sie habe den Mord an ihrem Ehemann angestiftet, wie Arafat den Westen beschuldigt, den Terrorismus zu verursachen.

Es ist diese Kraft in der Psyche seiner Feinde, die die Person ohne Gewissen so effektiv als Fünfte Kolonne einsetzen kann. Da er selbst keine solche innere Stimme hat, die ihn immer hinterfragt, kann er sie bei anderen deutlich erkennen – weitaus besser als diejenigen, die ihr Knecht sind und jeden ihrer Vorwürfe ernst nehmen. Arafat wird ständig eine (weitere) neue Chance gegeben, weil das Gewissen des Westens tut, was ein Gewissen tut: es hinterfragt das Handeln des Westens. Deshalb spricht Arafat ständig mit dem Gewissen des Westens, besonders durch seine endlose Zuflucht zu „internationalem Recht“ und die Anrufung der „Menschenrechte“, eine unglaublich unverschämte Masche aus dem Mund eines Terroristen.

In der Demokratie ist das Gesetz wie ein staatsbürgerliches Gewissen. Und wie ein Gewissen ist es ein sehr grobes Instrument. Weil das Gesetz in der Demokratie vom Volk gemacht ist, hat es dessen Respekt. Demokratische Staatsbürger neigen zu der illusorischen Hoffnung, dass das Gesetzt auf internationale Angelegenheiten zwischen Regierungen erfolgreich angewendet werden kann, egal, ob es sich dabei um Demokratien oder Diktaturen handelt, ob sie stark oder schwach sind. Der Name dieser Hoffnung lautet „Völkerrecht“. Da aber das Gesetz in Diktaturen letztlich das Ergebnis der Laune eines einzelnen Menschen ist, lediglich das Ausdrucksmittel des vorherrschenden Willens der Macht, kann es diesen vorherrschenden Willen und die Macht nicht einschränken. Gewissenhaftigkeit verbindet sich in Diktaturen auf keinerlei Weise mit dem Gesetz. Internationale Abkommen mit Tyrannen sind bedeutungslos, aber die Erzielung solcher Abkommen ist genau das, was das (US-) Außenministerium unterstützt, indem es versucht Israel dazu zu bewegen sich mit Arafat an einen Tisch zu setzen.

„Was ist schon das Gesetz?“, fragte Saddam Hussein einmal. Dann beantwortete er seine eigene Frage: „Die beiden Zeilen über meiner Unterschrift.“

Wenn ein Terrorist wie Arafat oder bin Laden Bomben und Sprache gemeinsam benutzt, dann ist sein Ziel, die von ihm ins Visier genommene Gesellschaft zu schwächen, indem er sie nicht nur über Angst manipuliert, sondern auch über ihr Gewissen. Er versucht in jedem Einzelnen eine Fünfte Kolonne zu schaffen, die seinen Idealen mit Sympathie begegnet, sowie eine Fünfte Kolonne in der Gesellschaft, eine Anti-Selbstverteidigungs-Bewegung, die rechtschaffene Lobby, die die Regierung dazu veranlassen will die Tore zu öffnen, damit der Terrorist sein Ziel mit Leichtigkeit zerstören kann. Die Mechanismen aber, durch die Gesellschaften zusammenbrechen, müssen weitgehend unbewusst ablaufen. Schließlich können sich nur wenige Menschen im Spiegel betrachten, wenn sie von sich sagen: „Ich breche unter der Angst zusammen.“

Der Terrorist muss seine Opfer daher überzeugen, dass sie „das Richtige tun“, wenn sie unter der Angst zusammenbrechen. Um das zu tun, muss der Terrorist das Gewissen des Opfers rekrutieren oder übernehmen und verändern. Das geschieht stufenweise.

Terror funktioniert nicht einfach durch Morde: Er ist boshaft theatralisch. Terror will nicht nur seine unmittelbaren Opfer verstümmeln, sondern auch ein damit verbundenes Trauma beim „Publikum“ herbeiführen, um dieses gegen seinen Willen zu verändern. Die Kerntaktik des Terrorismus ist der Gebrauch wahlloser Gewalt im „Wohnzimmer“ der Bevölkerung. Sie flößt das Gefühl ein, dass man das Schlachtfeld niemals verlassen kann, weil das eigene Zuhause das Schlachtfeld ist. Das geniale am Terrorismus ist, dass er unregelmäßige, wahllose Gewalt einsetzt, um das Gefühl zu erzeugen, dass der Terror allgegenwärtig ist.

In den 70-er Jahren, als regelmäßig Flugzeuge und Menschen entführt wurden, tauchte ein bizarres Phänomen auf. Das Gewissen wurde ebenfalls entführt. Menschen, die vor einer geladenen Waffe stehen und um ihr Leben betteln mussten, deren nächster Atemzug von ihren Geiselnehmern abhing, beschrieben später ihre Geiselnehmer als gerechte Leute, von denen sie gut behandelt wurden. Ehemalige Geiseln hielten ihren eigenen Regierungen rechtschaffene Vorträge über die Notwendigkeit, die Forderungen der Terroristen zu unterstützen. Unaufhörlicher Terror ließ ein fast psychotisches Wunschdenken aufkommen, das die Terroristen zu guten Menschen umdefinierte, nein, sogar zu Erlösern.

Der betreffende psychologische Mechanismus wird „Identifikation mit dem Aggressor“ genannt und wurde erstmals von Anna Freud beschrieben. Wenn diese Identifikation geschieht, dann ist das so, als würde der Terrorist seine Ideale und seine Moralvorstellungen in das Gewissen des Opfers einpflanzen.

Das Musterbeispiel dafür spielte sich 1973 in Stockholm ab, als vier Schalterbeamte 131 Stunden lang in einem Banktresor mit vorgehaltener Waffe festgehalten wurden. Schon bald zeigten die Gefangenen mehr Angst vor der Polizei, die versuchte sie zu retten, als vor den Geiselnehmern. Ein Gefangener sagte in einem Telefonat mit dem schwedischen Premierminister Olaf Palme: „Die Räuber beschützen uns vor der Polizei.“ Nachdem die Schalterbeamten befreit wurden, äußerten sie keinen Hass gegen die Geiselnehmer und sagten sogar, sie seien ihnen emotional verpflichtet. Durch die 70-er Jahre hindurch wurde das Stockholm-Syndrom wieder und wieder demonstriert. Amerikaner, die von Terroristen im Libanon entführt wurden, kamen frei und priesen ausgerechnet die arabischen Terroristen, die ihre Mitgefangenen ermordeten. Patty Hearst, die in Kalifornien von der Symbionese Liberation Army gekidnappt wurde, machte das Gleiche.

Das Stockholm-Syndrom ist kein bewusster Versuch sich bei den Geiselnehmern lieb Kind zu machen, sondern eine automatische emotionale Reaktion, die bei vielen, wenn auch nicht allen Gefangenen zu finden ist. Mit der Hilfe des Fernsehens schafft der Terrorismus etwas, das man ein „Second-hand-Stockholm-Syndrom“ der Politik nennen könnte. Ziel ist es, die Bevölkerung, auf die man zielt, in ein Wunschdenken zurück fallen zu lassen, so dass sie sagt: „Wenn wir ihren Forderungen zuhören, dann werden sie vielleicht aufhören. Vielleicht liegt das Problem darin, wie wir die Krise handhaben. Vielleicht verlangen wir zu viel. Vielleicht kann man mit ihnen reden. Vielleicht sollten wir nicht weiter auf sie feuern und dem Frieden eine Chance geben.“ Die Staatsbürger werden zunehmend passiv und konfus und sind bereit zu beschwichtigen. Diese Konfusion wird immer dann deutlich, wenn Experten, die Terror verteidigen, davon reden, dass terroristische Gewalt nicht von den Tätern verursacht ist, sondern durch eine abstrakte „Spirale der Gewalt“; damit suggerieren sie eine moralische Gleichstellung zwischen dem Terroristen und seinen Opfern und blenden die Wirklichkeit des Barbarismus und der menschlichen Psychopathie aus. Wie viel angenehmer ist es doch, in einer Welt der Abstraktionen zu leben als der der Richards, Arafats, Saddams und bin Ladens.

Wie Richard ist der Terrorist unverschämt und unbarmherzig. Für Amerika ist Terror im eigenen Land neu und es muss die Rücksichtslosigkeit erst noch in Aktion erleben. Es sind Gesellschaften wie Israel, Ziel beständiger Terrorkampagnen, die für das Second-hand-Stockholm-Sydrom besonders anfällig sind.

Israel stand während der gesamten Oslo-Phase deutlich schlecht da. Das ist die Zeit, in der die israelische Linke die israelischen Schulbücher umschrieb, die meisten Bezüge zum Holocaust und seiner Rolle in der Gründung des Staates fallen ließ; die Bezüge zu den Angriffen der arabischen Armeen von 1948, 1967 und 1973; die Bezüge zum totalen Versagen der liberalen westlichen Demokratien wie Frankreich bei der Hilfe zur Rettung der Juden (was eine der Hauptrechtfertigungen des Zionismus wurde); und sie setzten den israelischen Jugendlichen, die bald darauf in der Armee dienen mussten, die palästinenserzentrierte Sichtweise der Ereignisse vor. Während Shimon Peres argumentierte, im „neuen Nahen Osten“ (einem Ort, wo es keinen Antisemitismus geben würde) würde es die Notwendigkeit eines jüdischen Staates nicht geben, akzeptierten israelische Intellektuelle wie der Romanautor David Grossman die Ansicht des Aggressors, dass die jüdische Selbstverteidigung bösartig sei:

„Von den Juden in Israel wird jetzt nicht nur verlangt, Territorium im geographischen Sinn aufzugeben. Wir müssen genauso eine Umgruppierung – oder sogar einen vollständigen Rückzug – von ganzen Regionen unserer Seele vornehmen… Langsam, über Jahre hinweg, werden wir entdecken, dass wir beginnen sie aufzugeben:… Macht als Wert aufgeben; die Armee als Selbstwert aufgeben;… aufgeben, dass es Hut ist, für sein Land zu sterben‘; das Our das Beste für die Luftwaffe‘ aufgeben,… und das �Mir nach‘ aufgeben [die Doktrin, dass kommandierende Offiziere ihre Truppen in gefährliche Situationen führen].“

Die wiederholte Botschaft dieser kurzen, beschwörenden Formel: Israel, gibt dein Schwert ab.

Terroristen können mit Hilfe der Sprache arbeiten, wie es Richard tat, bis er die Gewalt benutzen konnte – oder sie arbeiten nur mit Gewalt. Was Arafats Karriere im Terrorismus so bemerkenswert macht, ist, dass er, als er nur begrenzte Möglichkeit zum Einsatz von Gewalt hatte, die gleichen Mittel wie Richard nutzen konnte seine Feinde zu überzeugen ihn nicht durch die Mangel zu drehen.

Arafat war es möglich, sich und das palästinensische Volk als Opfer darzustellen, weil er – da ohne Gewissen – palästinensische Kinder geschickt dazu ermutigen konnte, sich als menschliche Schutzschilde für seine Scharfschützen aufzustellen. Einen solchen Feind zu bekämpfen verursachte Israel solche Gewissensbisse, dass viele Israelis das Gefühl hatten, sie könnten nicht mehr damit leben – obwohl sie wussten, dass Arafat sie manipulierte. Das war ein weiterer Grund, dass die Israelis den normalen Menschenverstand ignorierten und sich entschieden, der Oslo-Illusion nachzugeben, dass Arafat vertraut werden könnte.

Es ist interessant, dass die einzige Person, die schließlich Richard III. in Shakespeares Stück schlägt, Richmond ist, die einzige Schlüsselfigur, die niemals mit Richard spricht oder ihm Gehör schenkt und so nie in seinen Bann gerät. Mit Arafat zu sprechen, was nach allen Experten getan werden muss um Frieden in den Nahen Osten zu bringen, ist der genau falsche Weg, denn es gibt keinen Dialog mit einem Mann ohne Gewissen. Ein weiterer falscher Ansatz ist das Spiel der Entkriminalisierung Arafats. Indem es ablehnt, ihn für seine horrenden Verbrechen zu bestrafen, wie eine ernst zu nehmende Nation es tun würde, lässt Israel die Welt, die Araber und sich selbst glauben, dass seine Verbrechen vielleicht gerechtfertigt werden können und dass seine Versuche, ihn von weiteren kriminellen Taten abzuhalten, selbst schon kriminelle Exzesse sind. Israel wäre besser dran, wenn es der Welt schonungslos die Bilder von Arafats Opfern zeigen würde, einschließlich des amerikanischen Botschafters, den er ermordete.

Nicht alle Kriminellen sind gleich unverschämt. Arafat scheint die Macht zu haben, genau die Feinde zu neutralisieren, die ihn als den Bösesten ansehen – vielleicht deshalb, weil sie ihm dadurch, dass sie ihn praktisch als Inkarnation des Teufels betrachten, eine übernatürliche Unzerstörbarkeit zuschreiben. Solcher Aberglaube hat viele, die weitaus mächtiger als Arafat sind, zögern lassen, seine Karriere zu beenden. Er hat im Endeffekt seine eigene Unverschämtheit dazu benutzt, die Welt zu überzeugen, dass ihn der Gerechtigkeit zu überantworten eine Katastrophe sei, die mehr Arafats schafft, wenn man ihn zum Märtyrer macht (als ob es im Nahen Osten heute an Märtyrer mangelte).

Im Bann dieses Geistes ist Amerika nicht bereit Israel zu erlauben Arafats Terrorherrschaft ein Ende zu machen. Washington hat sich darauf zurückgezogen ihn mit einer Art primitiver Verhaltenstherapie anzugehen, die besagt, dass „wenn er dem Terror entsagt“ oder „wenn er den Terror kontrolliert“, dann werden wir mit ihm reden. Es ist als ob nur zählte, ihn dazu zu bringen, die richtigen Worte zu sagen – ohne Rücksicht auf seine Absichten, als müsse man keinen Unterschied machen zwischen seinem strategischen Ziel (der Zerstörung Israels) und der taktischen Bereitschaft zu verkünden, er sei gegen Terror.

Arafat hat entdeckt, wie auch Shakespeare es verstand, dass je unverschämter und rücksichtsloser man seine Brutalitäten betreibt, es desto wahrscheinlicher ist, dass man eine weitere Chance bekommt und sogar mächtige Menschen mit Gewissen findet, die auf einen zukommen und Vergessen und Vergeben anbieten und der Versöhnlichkeit einen schlechten Ruf verschaffen.

Norman Doidge schreibt für die National Post of Canada und ist Psychologe an der Columbia University und der University of Toronto.